Frauen und Männer im Licht • Mit freundllicher Unterstützung der Artothek in rpi-virtuell

Christina Simon

geboren 1963 in Weißenfels, Studium der Mathematik und Kunsterziehung in Erfurt, der Religionspädagogik in Naumburg und Halle, seit 1987 Lehrtätigkeit am Goethegymnasium in Weißenfels, zugleich freie künstlerische Tätigkeit, vor allem mit mehrfarbigen und großformatigen Linolschnitten.

Thematisch kreisen ihre Arbeiten um biblische und mythologische Gestalten als auch die Natur, gestalterisch zeichnen sie sich durch ihre geschwungenen Linien und hohe Perfektion aus, welche das Dargestellte vertiefen und gleichzeitig mit der Gegenwart verbinden.

Viele Frauen und  Männer werden als Heilige verehrt. Als Vorbilder betrachtet zeigen sie uns die Höhen und Tiefen des christlichen Glaubensweges auf, laden sie zum Nachahmen ihrer guten Seiten ein, zum Durchhalten in den Prüfungen des Lebens, um letztlich das Leben in Fülle von Gott zu erhalten.

Erledigt! – Umkehr!

Zwischen hohen Wellen und Hochhäusern, zwischen dem Meer und einer Weltstadt liegt die große blaue Gestalt da. Mit dem langen Bart und der von Denkerfalten gezeichneten Stirn ist er ein älterer Mann. Er hält die Hand vor sein Gesicht, als wolle er nichts sehen. Er dreht der Stadt hinter sich so demonstrativ den Rücken zu, als wolle er von ihr nichts wissen.

Dabei heben ihn die Meereswogen, in denen sich sein Gesicht wiederholt spiegelt, förmlich zur Stadt hinauf – dorthin wo sie sich am schwärzesten gibt. Dahinter und daneben weitere Quartiere dieser den ganzen oberen Bildraum einnehmenden Stadt. Mit ihren dicht gedrängten und zum Himmel ragenden Bürotürmen vermittelt sie den Eindruck einer unermesslich großen Stadt, in der Karriere, Besitz und Kapital den ganzen Lebensraum einnehmen

Durch den ungewöhnlich roten Himmel kommt eine ungewöhnlich frohe Stimmung auf. Leuchten nicht einzelne Gebäude in der aufgehenden Sonne? Noch stehen die Hochhäuser hinter der blauen Gestalt im Schatten und machen den Eindruck von verbrannten, verkohlten Häusern, aus denen jegliches Leben gewichen ist. Aber dahinter kündigt sich etwas Neues an, das der dem Meer zugewandte Mann nicht wahrhaben will, das ihn zornig klagend bewegt.

Nach dem ersten Fluchtversucht vor der großen Aufgabe, mit der Gott ihn betraut hatte, fand er sich im Bauch eines großen Fisches wieder. In der Isolationshaft auf dem Meeresgrund lernte er aus der Tiefe seiner Seele wieder mit Gott zu reden und seine Aufgabe anzunehmen: Wieder an Land verkündete er den Menschen von Ninive die Androhung der Vernichtung, weil sie sich von Unrecht und Schlechtigkeit leiten ließen. Doch die Bewohner von Ninive hörten auf Jona und kehrten um: Sie riefen ein Fasten aus und hüllten sich in Bußgewänder, um zu zeigen, dass sie einen neuen Weg beschreiten wollten. Daraufhin führte Gott die Drohung nicht aus.

Mit der Figur des Jona aus einer norditalienischen Miniaturmalerei des 13. Jahrhundert führt uns die Künstlerin einen verzweifelten und klagenden Jona vor Augen. Eigentlich dürfte er stolz sein und sich über seinen Erfolg freuen. Stattdessen hadert er mit Gott, weil dieser ihn durch seine Barmherzigkeit unglaubwürdig erschienen ließ: das angekündigte Unheil blieb aus!

Nach der Umkehr der Bewohner ist es nun an Jona umzukehren. Es ist einfacher, den anderen Ratschläge zu geben, als sie selber zu beherzigen und in die Tat umzusetzen – geht es uns nicht oft auch so? Ganz im Blick auf die anderen vergessen wir dann auf uns zu schauen und merken nicht, dass wir durch unsere Gewohnheiten wie gelähmt sind und nicht einmal den kleinsten Schritt der Veränderung zulassen können. Fastenzeiten, Auszeiten, Zeiten des Zurücknehmens und des Besinnens sind dann notwendig, damit ein Wertewandel eine Neugestaltung des Lebens ermöglicht.

 

Erstveröffentlichung von Patrik Scherrer am 17.02.2007 bei www.bildimpuls.de

Gebet 1 aus dem Jona-Zyklus, 2005, Linolschnitt auf Papier, 70 x 100 cm,
Foto und Bildrechte: Christina Simon

Geben und verbinden

Wie im antiken Theater, so mutet sie an, diese Szene, in deren Mitte Elisabeth agiert. Eine Gasse aus Menschenleibern durchschreitend. Erst der zweite Blick lässt die Menschen als Bettler, Gebrechliche oder Behinderte erkennen. Dicht gedrängt erheben sie ihre Hände.

Der Gestus des Gebens und der des Nehmens bestimmen das Beziehungsgefüge. Elisabeth, die Almosen verteilt und die Bedürftigen, die empfangen. Nicht immer ist die Gestik eindeutig. Während die Bettler in den vorderen Reihen den direkten Kontakt zu Elisabeth haben und nehmen dürfen, müssen die bereits versorgten sich gegenseitig etwas geben – weitergeben. Der diametrale Gestus erfährt seine Steigerung in der Form der Gloriole und in der irdischen Abgehobenheit der Bettler, die geradezu wie in einem Schwebezustand verharren. Sie sind die Beschenkten und müssen sich Gott selbst zum Geschenk machen.

Betrachtet man davon ausgehend die Verortung der Akteure, dann erscheint es entgegen aller landläufigen Meinung widersprüchlich, dass gerade die Heilige auf dem Boden der irdischen Wirklichkeit steht und der Last des Lebens begegnet und die von Trübsal geplagten Elenden dem Himmel näher sind und keine Bodenhaftung besitzen. Hier entlarvt sich der Trugschluss.

Heilige sind nicht heilig, weil sie weit entfernt von alltäglichen Lebensmustern sind, nein, gerade weil sie wie Leuchtfeuer mitten im Morast des Lebens stehen und nachhaltig wirken. Elisabeth muss auf das Drängen der Elenden reagieren, ob sie will oder nicht! Sie hat sich entschieden, im Ordensgewand des Dritten Ordens der Töchter des heiligen Franziskus den steinigen Weg weiterzugehen, zu strahlen und sich mit und in der Welt zu vernetzen, so wie es das Weißliniengeflecht der Schnittlinien, die sich in der Figur der Heiligen zentrieren, im Bild widerspiegeln. Um ihre im Franziskanerbraun gehaltene Gestalt, die klar und ohne Überschneidung im Zentrum des Geschehens steht, ziehen sich verschiedene Kreise. Ihre Arme spannen eine Diagonale, die gebeugte Haltung den Bogen zu den Menschen, die weißen Linien ein Strahlenbündel und um sie herum entsteht sogar ein Leerraum.

Selbst sie steht auf einer mit Lorbeer verzierten goldenen Rahmenleiste, die wie ein Schmuckbord wirkt und das unerschöpfliche Tun Elisabeths als fließende Bewegung darstellt. Das Rahmenfragment deutet einerseits auf den Rahmen ihrer Möglichkeiten hin, in dem sich ihr Wirken entfalten konnte, zeigt aber auch die Grenze zwischen zwei Welten, in denen sich Elisabeth, wie alle Heiligen, die stets Grenzgänger waren und sein werden, bewegte.

 

Erstveröffentlichung von Patrik Scherrer am 14.04.2007 bei www.bildimpuls.de

Elisabeth verteilt Almosen, 2006
Farblinolschnitt (nach einem Vorbild aus dem Dachreliefs des Schreins [1236-49] der Elisabethenkirche zu Marburg) 67 x 50 cm
Foto und Bildrechte: Christina Simon

Kommunikationsproblem

Einsam steht die schwarze Gestalt da, von einem geheimnisvollen grauen Schatten hinterfangen und vor einem roten Bilderrahmen. In diesem leuchtet ein blitzartiges Licht mit Wortfragmenten auf. Horizontale gelbe und weiße Linien verbinden die Erscheinung durch den Rahmen hindurch zu einem Komplex von gestapelten Linien am rechten Bildrand.

Mit dem Lichteinbruch scheint vieles erschüttert worden zu sein. Da ist ein Bild, eine Vorstellung in Schieflage geraten, wie spiegelndes Glas in Brüche gegangen. Das einst Dargestellte ist zerstört, die Erkenntnis erschwert. So sind von den in die Bildmitte (!) geschriebenen Worten nur die Ersten und die Letzten deutlich lesbar: DAS IST DIE SPRACHE … … NICHTS … DAS … SIE … ALLE, … Den Wortteilen dazwischen fehlt die Kraft, einen Sinn zu vermitteln. Mit dem Hinweis auf die Sprache vermögen die vorhandenen Bruchstücke dennoch zu signalisieren, dass hier ein Kommunikationsproblem besteht: Die Aussage kann nicht verstanden werden.

Geheimnisvolle Erscheinung
Nicht nur einsam, sondern auch etwas traurig steht der Mann auf der einen Seite des Sprachproblems. Aus seinem gesenktem Kopf schauen runde, an Brillengläser erinnernde Augen nachdenklich, nach innen wie nach draußen alles Sichtbare durchdringend, in die Weite. Sein langes Gewand lässt in ihm eine Persönlichkeit aus der Antike oder noch früher sehen. Seine Erscheinung ist von waagrechten Linien gezeichnet und damit teilweise verdeckt. Obwohl alles an ihm sichtbar ist, kann er doch nicht richtig erfasst werden.

Der Mann bleibt geheimnisvoll. Um so mehr, als er vor einer rätselhaften Präsenz steht, die größer ist als er und überwiegend aus Linien besteht, die in Bewegung sind. Sie scheint den Mann von allen Seiten zu umfangen, ihn gewissermaßen zu halten und, aus den über seinen Schultern hereinfließenden Strömen zu schließen, gleichzeitig zu erfüllen und zu durchdringen. So wie die graue Präsenz hinter ihm steht, erscheint der Mann im Vordergrund, beauftragt, stellvertretend für den Unfassbaren eine Botschaft zu vermitteln.

Gestörte Wahrnehmung
Wer wohl sein Adressat ist? Die schwarze Farbe verbindet den Mann mit der rechten Bildhälfte, die zudem ähnliche waagrechte Linien aufweist. Wie Spinnweben hängen sie leicht und zerbrechlich im Dunkeln, sensibilisiert, jede Bewegung wahrzunehmen und alles, was sich bewegt, zur möglichen Nahrungsaufnahme aufzufangen. In ihren wellenartigen Bewegungen ist außerdem einem Kardiogramm gleich der Pulsschlag des Lebens spürbar: Ihre Vielzahl mag eine große Menschenmenge zu veranschaulichen. Genauso können in den Linien physikalische Wellen gesehen werden, mit denen eine Botschaft an einen Empfänger gesendet wird. Die unterschiedliche Ausführung der Linien macht auch hier das bereits angesprochene Kommunikationsproblem sichtbar: Nur wenigen Linien gelingt es, den Rahmen zu durchbrechen und mit dem Licht Verbindung aufzunehmen. Das ist allerdings noch keine Garantie, dass die erhellende Botschaft erfasst werden kann, denn die unverständlichen Wortfetzen bleiben.

Um darauf hinzuweisen, dass diese Verständigungsschwierigkeiten ein zutiefst menschliches und damit überzeitliches Problem sind, hat die Künstlerin Christina Simon das Schrift- und Bildzitat in Anonymität gekleidet. Wer die beiden nicht aus einem anderen Zusammenhang kennt, vermag sie nicht zu identifizieren. Durch ihre kulturelle Differenz schaffen sie zudem einen gewaltigen zeitlichen Spannungsbogen. Beide sind gewissermaßen Propheten in ihrer Zeit, die um die beste Sprachform gerungen haben, um das herüberzubringen, was sie im Leben bewegt hat: Habakuk Ende des 6. Jh. v. Chr. in Jerusalem, der Lyriker und Übersetzer Paul Celan in der Mitte des 20. Jh. in Deutschland. Jeder stößt auf seine Weise auf Unverständnis.

Sensible Vorbilder
Als Vorbild für die Gestalt des Propheten Habakuk begeisterte die Künstlerin die gleichnamige Plastik von Donatello, die um 1423-25 entstanden ist und sich heute im Dommuseum in Florenz befindet. Geerdet, doch hochgewachsen und fest wie ein Säule steht Habakuk da. Dennoch erscheint er in seinem Wesen zart, zerbrechlich und verletzbar. Damit spiegelt er seine eigene Zerrissenheit: Auf der einen Seite spricht aus seinem Gebet ein starker, zuversichtlicher Glaube an Gott (Hab 3,2-19), auf der anderen Seite fühlt er sich mit seinen Fragen alleingelassen: „Wie lange, Herr, soll ich noch rufen und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht.“ (1,2) Doch Gott ist nicht fern und antwortet. Er gibt dem Propheten zu verstehen, dass er den im Glauben Treuen beisteht und vor dem sicheren Tod bewahrt (vgl. 2,4).

Im Bild steht die Gestalt des Habakuk sinnbildlich für den rechtschaffenen und gottesfürchtigen Menschen. In der grauen und sich in Bewegung befindenden Figur ist er von Gottes geheimnisvoller Gegenwart hinterfangen. Neben ihnen wird im grellen „Blitzlicht“ Habakuks Vision vom Kommen Gottes sichtbar: „Er leuchtet wie das Licht der Sonne, ein Kranz von Strahlen umgibt ihn, in ihnen verbirgt sich seine Macht.“ (3,4)

Christina Simon hat in den alles sprengenden Lichteinbruch hinein poetische Worte aus Paul Celans einzigem Prosatext “Gepräch im Gebirg” (1959) hineingeschrieben. Durch das Licht erhalten die Schriftzeichen Aufmerksamkeit. Sie wollen Brücken zwischen den Menschen bauen und bleiben doch fragmentarisch, weil der eine die Wahrheit nur facettenhaft vermitteln, der andere sie wegen seiner gestörten Wahrnehmung nicht verstehen kann.

Lichtblick
Ist das Bild demnach ein Bild der Hoffnungslosigkeit? – Nein, es offenbart einfach eine menschliche Schwäche … und lädt ein, sich wie Habakuk im Gebet an Gott zu wenden. Möge er uns doch mit seinem Licht erhellen und unsere Herzen öffnen, damit wir einerseits die Worte unserer Mitmenschen hören und verstehen, andererseits geistreich zu sprechen wissen.

 

Dieser Bild-Impuls wurde von Patrik Scherrer in der Ausgabe 1/2007 der Zeitschrift “das münster”, Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht und online am 02.06.2007 bei www.bildimpuls.de

Rückgespiegeltes Vorbild (Habakuk), 2003, Mehrfarbenlinoldruck auf Papier, 100 x 70 cm , Foto und Bildrechte: Christina Simon

Anna Selbdritt

In warmen Farben offenbart sich dem Betrachter dieses Fensters eine geistige Schau. Von goldgelbem, geradezu göttlichem Licht umgeben und durchdrungen, lebt das Glasfenster von dem großen, ruhig bewegten und fließenden Element, welches in seinem Inneren eine statische Personengruppe beherbergt.

Der Darstellung liegt ein aus dem 14. Jahrhundert stammendes Andachtsbild zu Grunde – Anna selbstdritt (Anna zu dritt) –, das die heilige Anna als Mutter Marias und Großmutter Jesu zeigt. Stets hält sie als Erwachsene das Jesuskind und eine kindlich dargestellte Maria in ihren Armen und bietet ihnen mütterlichen Schutz. Frontal und sitzend dargestellt, kommen bei ihr herrschaftlich bzw. „frauschaftlich“ gütige Fürsorge und Beständigkeit zum Ausdruck. Mutter bzw. Großmutter wird und bleibt man (bzw. frau) für alle Zeiten.

Den Jüngeren wird die Darstellung der Anna Selbdritt nicht mehr so bekannt sein. Meist trat sie als geschnitzte Skulptur oder als Andachtsbild mit einer neutralen Landschaft im Hintergrund in Erscheinung. Im Glasfenster von Christina Simon werden die drei Personen jedoch in einen Kontext gestellt, aus dem das göttliche Wirken stärker zur Geltung kommt. So sind die drei Personen in einem erdigen Braun dargestellt, während sie von gelb-weißem Licht umflutet werden, das seine höchste Konzentration in der weißen Aussparung oberhalb der drei Köpfe erreicht.

Breit und unerschütterlich nimmt die heilige Anna den Platz in der Mitte ein. Ihre Grundform bildet ein Dreieck. Auf ihren Knien sitzen rechts ein Mädchen – Maria –, links ein nackter Knabe – Jesus. Beide sind im Seitenprofil dargestellt, sich gegenübersitzend, einander anschauend und die Hände reichend. Dabei ist Maria nur minimal größer dargestellt. Das scheint von Bedeutung zu und zum Nachdenken anregen zu wollen, denn auf vielen alten Darstellungen ist der Größenunterschied zwischen Mutter und Kind dadurch ausgeglichen, dass der kleine Jesus auf Annas Schoß steht.

Die Künstlerin schreibt dazu: „Das Physiognomie und Gestik beschreibende Linienspiel innerhalb der Figuren verweist auf das familiäre Geflecht und gleichzeitig in seiner Dreiheit auf das zentrale Mysterium des Christentums, die Dreieinigkeit. Drei Generationen stehen auf unterschiedliche Art und Weise zueinander in Beziehung. Der Enkel im kindlichen Spiel mit seiner mädchenhaft wirkenden jungen Mutter, die wie eine Schwester erscheint. Die alte Großmutter mit ihrem wachen und behütenden Auge und ihrer Verantwortung den Kindern gegenüber. Familiäre Bindung wird durch das vom Himmel herabfließende Tuch, das die Figurengruppe umhüllt und diese wie in einer Gondel über die irdischen Zeiten hinaus trägt, in die geistliche Sphäre gehoben. Hier verweist das Tuch als ein Medium zwischen Himmel und Erde auf die Verbindung von Geist und Fleisch.“

Es ist, als würde sich der Himmel öffnen, um Geschenke in das (Welt)Bild einströmen zu lassen. Mit fließenden Bewegungen öffnet sich das Tuch nach den zopfartigen Windungen, um in seiner höhlenartigen Mitte ein Geheimnis freizugeben: die unveränderlich gültige Grundstruktur für gelingendes menschliches Zusammenleben: der Zusammenhalt zwischen den Generationen in Liebe und gegenseitigem Respekt.

Bei weiterem Nachdenken kann man über die Darstellung der Anna selbdritt hinausgehend einen Bogen durch die Heilsgeschichte schlagen. Dann steht Anna sinnverwandt für das Prinzip des Lebens, für die Liebe, ja für Gott selbst. Dann kann die ikonenhafte Darstellung auch den Erschaffungsmythos der ersten Menschen mit dem schöpferischen Ursprung des neuen Adams und der neuen Eva verbinden – Ehrentitel, welche die mittelalterlichen Theologen für Jesus und Maria verwendeten. Und auch in diesem Zusammenhang wurde Anna angerufen als Hüterin und Fürsprecherin für Familie, Volk und Kirche.

 

Erstveröffentlichung von Patrik Scherrer am 14.08.2010 bei www.bildimpuls.de

 

St.-Anna-Fenster in der Kirche Pettstätt, 2009
Silbergelb und Schmelzfarben in Airbrush auf Floatglas, beidseitig bearbeitet, Sandstrahlung, 99 x 220 cm
Werkstatt: Glasmalerei Peters in Paderborn
Foto: Peter Lisker, 
Bildrechte: Christina Simon

Himmelstanz

Eine ungewöhnliche Begegnung in den Wolken: zwei Gestalten in wehenden Gewändern reichen sich die Hand. Die linke Gestalt scheint von der rechten nach oben gezogen, willkommen geheißen, zum Tanz aufgefordert zu werden. Und sie folgt dieser Einladung mit ganzem Herzen.

Wer sind diese beiden? Die Künstlerin Christina Simon hat sich in das mystische Leben der Mechthild von Magdeburg aus dem frühen 13. Jh. hineinversetzt und sich in ihre Schriften vertieft, um Erfahrungen daraus in einem Linolschnitt-Zyklus darzustellen.

Mechthilds Bestreben war es, so weit wie möglich unsere Diesseitigkeit zu übersteigen, um Gott nahe zu sein. Ihre sehnsüchtige Gottsuche, ihre drängende Gottesliebe zeigt die Künstlerin in dem feurigen Rot ihres Gewandes und ihrer Haut und ebenso, wie sie aus dunklem Grund aufschwebt in unbekannte Höhen des Lichts zu einer, von schräg oben entgegenkommenden Gestalt, die sie, sich ihr leicht entgegen neigend, beim linken Handgelenk fasst. Männlich? Weiblich? Göttlich – das Ziel ihrer Sehnsucht? Weisen ein Flügel am Rücken, eine Taube über ihrem Haupt, die Purpurfarbe an Gewand und Haut, die hellen Lichterscheinungen auf eine außerirdische Vision? In der Mitte ihrer Begegnung, bei der Berührung beider Hände ist der Hintergrund ganz weiß, ganz hell. – Ungestaltetes  Licht! – Da braucht es keine Worte mehr, keine Farbe, da ist alles gesagt. Ein intensiver Blickkontakt begleitet dieses Aufeinander-Zukommen und ein beinahe geometrisch zu bestimmendes Aufeinander-Bezogensein.

Kann denn Sprache die Begegnung von Gott und Mensch in Worte fassen? Kaum. Mechthild von Magdeburg fand das Bild vom Tanz, um mitzuteilen, welches Erlebnis ihr geschenkt worden war und Christina Simon greift es auf, um das darzustellen und festzuhalten. Tanz: gemeinsam sich mit dem ganzen Körper, seinem ganzen Selbst der Melodie, dem Rhythmus überlassen, das kann mehr ausdrücken und mehr verstehen, als viele Worte. Mechthild wurde das mystische Erlebnis des Einswerdens der Seele mit Gott geschenkt: „Ich tanze Herr, wenn du mich führst …“

 

Erstveröffentlichung von Patrik Scherrer am  25.04.2009 bei www.bildimpuls.de

Herr, ich tanze, wenn du mich führst, 2008
Farblinolschnitt aus dem Zyklus „GOTT grüsse Euch, Frau Minne“ – Mechthild von Magdeburg, 70 x 100 cm, Foto und Bildrechte: Christina Simon