Christentum und Religionen elementar

Rainer Lachmann (Hg.)
Martin Rothgangel (Hg.)
Bernd Schröder (Hg.)
Christentum und Religionen elementar
Lebensweltlich – theologisch – didaktisch

Theologie für Lehrerinnen und Lehrer, Band 5
1. Auflage 2010
400 Seiten mit 4 Abb., kartoniert
29,90 € [D]
Vandenhoeck & Ruprecht
ISBN 978-3-525-61425-9

 

Den neuen, umfänglichen Band 5 aus der Reihe „Theologie für Lehrerinnen und Lehrer“ so zu besprechen, dass alle Beiträge und Artikel angemessen gewürdigt wären, hieße ein weiteres literarisches Werk mit vielen Seiten zu erstellen. Das ist hier nicht beabsichtigt.
Daher gehe ich zunächst auf die grundsätzliche Bedeutung dieses Sammelwerkes ein. Anschließend beziehe ich mich auf einige Beiträge, die mir im Hinblick auf die aktuelle religionspädagogische Situation und die gegenwärtige Forschungslage besonders bemerkenswert erscheinen.

Die Herausgeber Rainer Lachmann, Martin Rothgangel und Bernd Schröder stellen zu Recht die Notwendigkeit des Angebotes gebündelter Fachinformationen zu spezifischen theologischen und religionswissenschaftlichen Themenfeldern als überfällige Aufgabe der Lehreraus- und –fortbildung dar. Die immer komplexer werdende schulische Situation erfordert, dass Lehrkräfte sich breit und gründlich im sich wandelnden Themenfeld der Religionen informieren. Die Aufsätze dieses Buches beschäftigen sich neben der differenzierten Beschreibung religiöser Gruppierungen aus dem innerchristlichen Bereich (Evangelisch, Freikirchlich, Orthodoxie, Römisch-Katholisch) auch – mutig!- mit knappen, aber inhaltsreichen Ausführungen zu den so genannten „Weltreligionen“ (Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus). Hinzu kommen Fachartikel über Anthroposophie/Christengemeinschaft, Zeugen Jehovas, Scientology und Mormonen. Das macht durchaus Sinn, denn Lehrkräfte begegnen auch Kindern und Eltern aus diesen Bewegungen in der Schule. Des weiteren bietet das Buch Fachbeiträge zu aktuellen übergreifenden Gesichtspunkten an, wie „Patchwork-Religiosität“, „Kulturelle Transformationen von Religion“, „Zivilreligion“, „Fundamentalismus“, „Esoterik / Okkultismus“.

Die einführenden Hinweise der Herausgeber machen deutlich, dass es sich bei diesem Unterfangen um ein notwendiges, aber auch mit einigen Risiken behaftetes Unternehmen handelt. Rainer Lachmann verweist auf den Jahrzehnte langen Weg, der von der Didaktik der „Fremdreligionen“ zum Komplex des interreligiösen Lernens führt. Letzteres steckt jedoch noch in den Kinderschuhen, nicht zuletzt deshalb, weil das Festhalten an der Konfessionalität des Religionsunterrichts nicht genügend schulischen Erfahrungsraum in dieser Hinsicht bietet. [Formen des gemeinsamen Lernens im Fach Religion sollten stärker gefördert werden und auch in Ausbildungskonzepten entwickelt werden. Eine Anregung des Rezensenten für eine erweiterte Auflage in ein paar Jahren …].

Bernd Schröder und Martin Rothgangel weisen deutlich und weitsichtig darauf hin, dass das in Deutschland „verminte Gebiet“ zwischen Religionswissenschaft und Theologie konstruktiv so zu bearbeiten sei, dass dort künftig fruchtbarer Boden seine Wirkung zeigen könnte. Sie beweisen durch ihre Beiträge, dass Theologen mit Gewinn über das eigene Terrain hinausgehen können und auch religionswissenschaftliche Forschungsarbeit leisten können. Dennoch fällt auf, dass neben sechzehn theologisch verorteten Autoren nur ein Beitrag eines Religionswissenschaftlers (Andreas Grünschloß über Scientology) zu finden ist!
[Für die Zukunft sollte hier noch mehr Kooperation einkehren! Dazu wäre es auch hilfreich, wenn von Seiten der Religionswissenschaft(en) in Deutschland endlich einmal religionspädagogische Konzepte vorgelegt würden!]

Für Religionslehrkräfte bietet dieser Sammelband eine Reihe von neuen Themen und Aspekten, die in Büchern für die Aus- und Fortbildung bisher kaum zu finden sind. Dazu gehört der Beitrag von Walter Fleischer-Bisten über Freikirchen. Religionspädagogische Lehrwerke haben dieses Thema bislang kaum im Blick gehabt. „Das Unterrichtsmaterial zur Behandlung evangelischer Freikirchen im schulischen Unterricht oder in der Erwachsenenbildung ist leider mehr als knapp“ (Fleischer-Bisten). Freikirchliche Schüler sind häufig eine aktive Größe im Religionsunterricht. Der Autor weist zu Recht auf die Ambivalenzen hin: Einerseits bringen diese Schüler oft eine besondere Motivation für den Unterricht mit, die kreativ eingesetzt werden kann. Andererseits sind dort auch öfter fundamentalistische Auffassungen vorhanden, die offene Lernprozesse erschweren: „Nicht selten zeigen sich große Gräben!“ Für die Arbeit im RU wird empfohlen, a) sich mit den geschichtlichen Hintergründen der Entstehung von Freikirchen zu beschäftigen [ Ich denke hier z.B. an die landesherrliche und landeskirchliche Verfolgung der ersten Baptisten in Norddeutschland im 19. Jahrhundert !] b) die besonderen Merkmale und Glaubensgrundsätze der Bewegungen kennen zu lernen, c) konkret die Freikirchen der Methodisten, Baptisten, Adventisten und Pfingstler zu erforschen.
Die letztgenannte Bewegung erlebt seit mehreren Jahrzehnten weltweit einen enormen Aufschwung. Dieser ist auch in Deutschland zu spüren und hat mit kaum zu überschauenden Mischformen auch Teile der Jugend erreicht. Religion nimmt eben auch an der Globalisierung teil! Der starke Einfluss amerikanischer Fundamentalisten muss sicherlich kritisch beachtet werden. Evangelische Freikirchen führen heute weitgehend kein Mauseloch-Dasein mehr. Aufs Ganze gesehen kann man heutzutage die Freikirchen als bedeutsamen Teil eines pluralistischen Protestantismus ansehen. Dies wäre ein wichtiges Paradigma, um das von Fleischer-Bisten beschriebene „Unverhältnis“ zu den Landeskirchen zu verändern, und auch um die religionspädagogische Einbeziehung zu fördern.

Martin Tamcke widmet sich dem in der Religionspädagogik wenig bekannten Feld der orthodoxen Kirchen. Hier eröffnen sich auch im geschichtlich-politischen Kontext interessante Themen, die besonders im Unterricht der Oberstufe Verwendung finden können. In Deutschland gibt es zunehmend neue Berührungspunkte mit der Orthodoxie; durch Migration ist die Zahl der Orthodoxen schon weit über die Millionengrenze gestiegen. Menschen aus vielen Ländern bringen eine neue Vielfalt an unterschiedlichen christlichen Riten und Gebräuchen mit. Sie sind nicht selten auch geprägt von Erfahrungen der Bedrängnis und Verfolgung. Für den Religionsunterricht können Begegnungen bei Festen oder Kirchenneugründungen (bzw. -umwidmungen) hilfreiche Kontakte bieten. Tamcke weist zu Recht darauf hin, dass dieses Themenfeld bisher zu wenig in den Lehrplänen verankert sei. Für Schülerinnen und Schüler erschließen sich im Umgang mit ikonographischen und rituellen Elementen der orthodoxen Kirchen neue Dimensionen religiöser Erfahrung. Hier ist besonders an das spezifische Verständnis von „Liturgie“ zu denken.

Bernd Schröder führt – neben wichtigen religionsgeschichtlichen und theologischen Kernpunkten – in didaktische Zugänge zum Judentum ein. Dem Ansatz des Buches treu, plädiert er auch hier für den Perspektivenwechsel und eine auch religionswissenschaftliche Sichtweise. Lehrkräfte und Studierende können sieben vorgeschlagene Zugänge zum Thema erproben. Besonderer Wert wird hier auf den dialogischen Ansatz der persönlichen Begegnung gelegt. Schröder gelingt es, trotz des knappen Umfanges, das Themenfeld „Judentum“ aktuell und elementar zu skizzieren. Die reichhaltig und profund angegebene Literatur bietet gute Möglichkeiten der Vertiefung. Für Lehrkräfte wie auch für Studierende zeigen sich mannigfache Ansätze für die Weiterarbeit. Man spürt bei der Lektüre dieses Beitrages, dass beim „Judentum“ wie auch beim jüdisch-christlichen Dialog vieles in Bewegung ist. Das lässt hoffen, dass auch Religionspädagogen hier ihre Augen und Herzen offen halten. Auch für die künftige Gestaltung von Schulbüchern und thematischen Arbeitsheften bietet dieser Fachartikel eine sehr gute wissenschaftliche Basis.

Auch der Islam wird in einem kompakten Beitrag von Bernd Schröder religionswissenschaftlich, theologisch und religionspädagogisch entsprechend gewürdigt. Anders als in früheren Arbeitshilfen für Religionslehrkräfte, die mehr enzyklopädisch auf die „Lehren“ des Islam eingehen, wird hier ein stark lebensweltlich-dialogisch orientierter Zugang vorgestellt: „Aufs Ganze gesehen begegnet also >der Islam< Schülerinnen und Schülern in Deutschland keineswegs nur oder zuerst als Weltreligion, deren Geschichte und Grundideen es kennenzulernen gilt, sondern in Gestalt von Mitschülern, politischen Ereignissen, alltäglichen Beobachtungen, die es mit Hilfe von Kenntnissen des Islam zu interpretieren gilt“ (142). In der theologischen Auseinandersetzung sollten sowohl Brücken als auch Grenzen angemessen berücksichtigt werden; dies besonders angesichts der Tatsache, dass Christentum und Islam in ihrer Geschichte und in ihrem heutigen Selbstverständnis einen Wahrheitsanspruch vertreten, über den sich trefflich streiten lässt! Schröders Beitrag ist jedoch vorrangig dem Anliegen des Gesprächs und des (inter-)religiösen Lernens gewidmet. Lehrkräfte erhalten eine Fülle von Anregungen für diese Aufgabe. Man spürt, dass der Autor hier aus Begegnungen mit Muslimen, besonders auch mit muslimischen Religionspädagogen (und –pädagoginnen) wichtige Erfahrungen mitbringt. Der Prozess der fruchtbaren Begegnung ist schon gut vorangeschritten, sonst wäre der letzte Abschnitt wohl nicht mit „Christlich-islamische Geschwisterlichkeit“ überschrieben. Aus diesen Erfahrungen heraus empfiehlt Schröder den Lesern, „das ernsthafte Bemühen um Verständnis, die selbstkritische Prüfung und das Gespräch mit leibhaftigen Angehörigen des Islam“ (156). In den Anmerkungen findet man eine Fülle von Literaturhinweisen; [ ergänzend sei an dieser Stelle auf die neue Koran Übersetzung von Hartmut Bobzin (München 2010) hingewiesen, die durch ihre sprachliche Brillanz besonders hervorsticht!]

Im Folgenden möchte ich noch auf zwei weitere Aufsätze dieses Buches eingehen. Roland Biewald stellt aus aktueller Sicht die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas vor. Im Unterschied zu früheren religionspädagogischen Wahrnehmungen, welche die ZJ in aller Regel als die typische Sekte im Unterricht behandelten, ist aus verschiedenen Gründen eine sorgfältige Differenzierung angebracht. Zwar sind die Gemeinschaften der Zeugen Jehovas aus eigener Motivation immer noch weitgehend abgeschottet von vielen gesellschaftlichen Bereichen, dennoch zeigen sich auch Veränderungen. Die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts wird mit Hochdruck vorangetrieben und wird das öffentliche Bild beeinflussen. Die mediale Wirksamkeit hat über das Internet neue Wege gefunden. Gleichzeitig ist die Kritik von Aussteigern ungebrochen stark. Biewald erläutert theologische Besonderheiten der ZJ und stellt die missionarisch-gesellschaftlichen und schulbezogenen Haltungen und Aktivitäten in ihrer Ambivalenz dar. Für den Unterricht in der Sekundarstufe I und II werden exemplarisch Stundenprofile vorgestellt (229-233). [Was mich verwundert: diese Entwürfe lassen die ZJ ausdrücklich nur medial im Unterricht vorkommen. Reicht das wirklich aus? Wie ernst ist es denn dem Autor bei den Zeugen Jehovas mit dem dialogischen Ansatz? Aus eigener Schulerfahrung weiß ich, wie wichtig die direkte Einbeziehung von Vertretern der ZJ in den Unterricht ist. Die Jugendlichen aus meinen zehnten Klassen haben interessiert und kompetent das Gespräch mit einem älteren Herren gesucht, der auch noch als Zeitzeuge von den Verfolgungen in der Nazizeit berichten konnte. Ich möchte Lehrkräften und Studierenden Mut machen, nach vorheriger Information möglichst vorurteilsfrei das Gespräch mit den Zeugen Jehovas zu suchen. Dann lassen sich auch manche Teilnahmeprobleme an schulischen Aktivitäten einfacher lösen!]

Martin Rothgangel stellt den Fundamentalismus zunächst als ein viele Religionen betreffendes Querschnittsthema dar, bezieht sich dann vorwiegend auf die christlichen Quellen und Erscheinungsformen dieser Denkrichtung. Hier liegt ja auch der ideengeschichtliche Ursprung. Angesichts der Verbreitung fundamentalistischer Bibelauslegung und Welterklärung ist es, wie Rothgangel treffend feststellt, sehr verwunderlich, dass Religionspädagogen dieses Phänomen noch kaum systematisch wahrgenommen oder bearbeitet haben. Dabei ist es ja nicht nur die Auferstehung des Kreationismus, die zur Thematisierung des Fundamentalismus Anlass gibt, sondern vor allem die Fragen der Toleranz und des Umgangs mit religiöser Pluralität. Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass der Begriff inzwischen sehr problematisch geworden ist, zumal er meist mit einer Abwertung des Andersdenkenden verbunden wird. Rothgangel empfiehlt Lehrkräften, mit hoher Sensibilität an das Thema heran zu gehen und dabei die eigene Haltung zu wichtigen Fragen der Glaubensdeutung selbstkritisch zu bedenken. Ein wichtiges Ziel für den Unterricht ist die Stärkung der eigenen Reflexions- und Urteilsfähigkeit bei Jugendlichen. Rothgangel verknüpft das Thema sinnvoller Weise mit den Kompetenzbezügen, wie sie von der Comenius-Instituts-Arbeitsgruppe konzipert wurden. Damit erfährt die Beschäftigung mit dem Fundamentalismus eine breitere religionsdidaktische Orientierung, und es können weitere Themenfelder erschlossen werden.

Den Herausgebern ist mit diesem Band ein großer Wurf gelungen. Bekanntes wird auf den Prüfstein gestellt und Neues wird fundiert vorgestellt. Damit ist der religionspädagogischen Forschung ein großer Dienst erwiesen, der sich bestimmt auch für die Schulpraxis förderlich auswirken wird.

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Dr. Manfred Spieß
Universität Bremen
Religionswissenschaft/Religionspädagogik
25.08.2010

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