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Origenes: Aufforderung zum Martyrium (Band 22). Herausgegeben von Maria-Barbara Stritzky

Zwei Lesarten des Martyriums: Origenes Werke, Band 22

Origenes: Werke. Mit deutscher Übersetzung [OWD], Hrsg. von Alfons Fürst; Christoph Markschies.
OWD Band 22: Aufforderung zum Martyrium. Hrsg. von Maria‐Barbara von Stritzky.
Freiburg; Berlin 2010 [VI, 131 Seiten. Euro 59,95. ISBN 978‐3‐451‐32948‐7

Das Büchlein Aufforderung zum Martyrium ist innerhalb eines Jahres der dritte Band in der Ausgabe, die zweisprachig den ganzen Origenes leicht zugänglich macht. Er folgt den ersten, begeisternden Bänden mit den Jesaja-Homilien [Besprechung hier]und der Genesis. Maria-Barbara von Stritzky, emeritierte Professorin an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster, hat eine knappe, aber inhaltsreiche Einführung geschrieben, wenige, aber gewichtige Anmerkungen und eine Übersetzung dem Text beigegeben, der ganz der Ausgabe von Paul Koetschau in den GCS 1 folgt. [ref] Die Erstausgabe von Johann Rudolf Wettstein 1674, im niederländischen Nachdruck 1694 ist jetzt übrigens digitalisiert auf http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN600091139 [/ref] Der Text in einer gut lesbaren Griechisch-Type, Zeilenzähler, Nachweis der Bibelzitate oder –anspielungen. Nützlich wäre noch für die weiteren Bände, wenn die Paginierung der Originalausgabe eingefügt würde. Die Register führen auf die zitierten Bibelstellen; wo Origenes auf eigene Werke Bezug nimmt, etwas dürr das Register der Namen und Sachen. [ref] Beispielsweise hat O. die Metapher der „Erbauung“ (protr. mart. 11 =OWD 22, p. 44, 24; dort weist MBvS den Bezug auf 1 Kor 3,12 gut nach) mehrfach benutzt, sie kommt aber im Register nicht vor. [/ref]

In welcher Tradition Origenes’ Modell des Märtyrers zu anderen antiken Autoren steht, ist in der Einleitung angesprochen. Allerdings sollten auch die Unterschiede herausgearbeitet werden, v.a. zu Tertullian. [ref] Zuletzt Jan Willem van Henten: Martyrium II. Reallexikon für Antike und Christentum, Band 24, Lfg. 186/193 [2011], 300-. Eine Sammlung der Texte (mit Übersetzung) zum Thema von Theofried Baumeister (Bern 1991); seine Aufsätze zum Thema sind jetzt gesammelt: Martyrium, Hagiographie und Heiligenverehrung im christlichen Altertum, Freiburg: Herder 2009 – in der Bibliographie schon berücksichtigt. [/ref] Denn die Aufforderung zum Martyrium (Εἰς μαρτύριον προτρεπτικός) fordert keineswegs auf, den Tod zu suchen. Nach Eusebios’ unzuverlässigen Nachrichten (historia ecclesiastica 6, 39,5) habe O. das Martyrium gewünscht und in grausamer Weise in der Christenverfolgung unter Kaiser Decius dann erfahren. Die Werbeschrift für das Martyrium aber ist mindestens 15 Jahre früher, etwa 235 geschrieben. MBvS vermutet nichtsdestotrotz (S. 7 f) eine befürchtete Verfolgung. Die Bedeutung von μαρτυρέω usf. „bezeugen“ ist im NT noch ohne die Zuspitzung auf das Erleiden des Todes; sie bedeutet autoritative Zeugenschaft, Mitwisser des Evangeliums. Unter dem Einfluss griechischer Vorstellungen entwickelt sich erst bei den Makkabäern (vorchristlich also, etwa 165-163 v.Chr.) der stellvertretende gewaltsame Tod des Blutzeugen; Origenes erzählt dramatisch den Tod des alten Eleazar, der sieben Makkabäer-Brüder und den Tod ihrer Mutter, die das alles ansehen musste (exhort. mart. 22-27). [ref] Zitiert wird so: Orig. exhort. mart. und die Kapitelzahl, wer will kann noch angeben =OWD 22, p. 60-69 und die Zeile. Nicht die Zwischenüberschriften mit den römischen Ziffern. [/ref] Die Makkabäerbücher verweisen deutlich auf den griechischen Hintergrund, das vierte Makk. schlägt die Brücke zum stoischen Ideal. Im Polykarp-Martyrium (einer der frühen nicht-neutestamentlichen Schriften unter dem Namen der Apostolischen Väter) ist es christiani-siert. Erfreulicherweise hat die Autorin jeden Bezug zu der falschen Vorstellung eines „Selbstopfers“ vermieden. [ref] Das das keine antike Vorstellung ist, zeigt Hildegard Cancik-Lindemaier: Opferphantasien (1987); Tun und Geben (2000). Beides in: HCL: Von Atheismus bis Zensur. Würzburg: Königshausen&Neu-mann 2006, 193-229. Ferner Andreas Bendlin: Anstelle der anderen sterben: Zur Bedeutungsvielfalt eines Modells in der griechischen und römischen Religion. in: J. Christine Janowski, Bernd Janowski, Hermann P. Lichtenberger (Hrsg.): Stellvertretung: Theologische, philosophische und kulturelle Kontexte. Band 1: Interdisziplinäres Symposion Tübingen 2004. Neukirchener Verlag: Neukirchen 2006, 9-41. [/ref]

Origenes preist den gewaltsamen Tod keineswegs so, dass das das Ideal sei und die Märtyrer ausgezeichnete Christen, demgegenüber die anderen Christen zweiter Klasse wären. Martyrium kann man auch beweisen in der Ausübung der Sakramente, das Trinken des Kelches, den Jesus vor seinem Tod als Symbol seines Todes trank (interessant die militärische Metapher des Helden, der unmöglich seinen Tod habe umgehen wollen in dem Wort „… so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ protr. mart. 29: hier stirbt stoisch der Weise) und die Taufe in den Tod (protr. mart. 30 f). Zeugnis heißt dabei, sich nicht an den Opfern der Nichtchristen beteiligen. Mehrfach und ausführlich setzt sich O. mit dem Problem der Bilderverehrung auseinander. Damit gibt auch der normale Christ ohne Christenverfolgung Zeugnis gegen die Dämonen (protr. mart. 45 mit Anm. 90). Martyrium gibt es also auch im Verborgenen (protr. mart. 12 u.ö.).
Dieser dritte Band der OWD erreicht nicht ganz die herausragende Qualität der beiden ersten. Die Einleitung ist allzu kurz geraten. Die Übersetzung bleibt in der etwas künstlichen Übersetzungssprache oder setzt zu schnell einen modernen Begriff ein (wie das matthäische Reich der Himmel als „Himmelreich“; παράκλησις (42) mit „Trost“ ohne im Hintergrund den Parakleten „Rechtsanwalt“ des Joh. 15, 26). Aber das soll die solide und zuverlässige Leistung nicht schmälern. Eine weitere Schrift des Origenes ist hier zweisprachig erschlossen, die ein zentrales Thema des frühen Christentums erklärt: Martyrium heißt nicht nur den gewaltsamen Tod erleiden; auch im täglichen Gottesdienst kann man Zeugnis von Gott ablegen.

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29. 12. 2010
Christoph Auffarth,
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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