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Markschies:Antike christliche Apokryphen

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Antike christliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. Hrsg. Christoph Mark­schies und Jens Schröter in Verbindung Andreas Heiser. 7. Auflage der von Edgar Hennecke begründeten und von Wilhelm Schneemelcher weitergeführten Samm­lung

Bd. 1: Evangelien und Verwandtes.

Zwei Teilbände Tübingen: Mohr Siebeck 2012. 1468 Seiten, fadengeheftete Bro­schur, 99 €; Leineneinband 249 €.

 

Der Eisberg, dessen Spitze das Neue Testament darstellt

Kurz: Die Texte des antiken Christentums, die nicht in den Kanon ‚Neues Testament‘ aufgenommen wurden, werden zunehmend in ihrer Bedeutung wahrgenommen für die Religionsgeschichte, die Suche nach neuen Formen und Literatur, die Metaphern und Sprache, für die Differenziertheit der Gemeinden. Die neue Auflage ist nicht nur das Handbuch auf dem Stand der intensiven Forschung, sondern die Texte sind jetzt noch umfassender gesammelt, die Nag-Hammadi Evangelien integriert, knapp kom­mentiert, der Anfang eines großen dreiteiligen Hand­buchs.

 

Ausführlich:  Das antike Christentum hat eine enorme Menge an Texten hervorge­bracht. In dem Handbuch Antike christliche Apokryphen in deutscher Übersetzung sind nur die ‚Heiligen Schriften‘ der Gemeinden gesammelt. Der erste, hier vorlie­gen­de Band enthält die Evangelien, ein zweiter Band wird die Apostelgeschichten umfassen, der dritte die Apokalypsen. War die erste Sammlung der Neutestament­li­chen Apokryphen durch Edgar Hennecke noch ein Band von knapp 600 Seiten[1]  wuchs der Umfang in der 3.-6. Auflage auf etwa das Doppelte.[2]  Vor allem durch den Jahr­hundertfund im ägyptischen Nag Hammadi ist die Menge der Texte erheblich ge­wachsen. Was seit der 5. Auflage meist nur in gekürzter Form auf­genommen wur­de, ist nach der Übersetzung durch die Fachleute der koptischen Texte[3] nun vollstän­dig zu finden. Und viele weitere Texte sind aufgenommen worden. Die Einleitung liefert die Begründung, warum die Herausgeber einen neuen Titel gewählt haben, abzukür­zen mit AcA.

Die Einleitung in das Handbuch stammt von Christoph Markschies. Auf 180 Seiten erläutert er den Neuansatz des bewährten Handbuchs. Mochte man bei dem alten Titel neutestamentliche Apokryphen noch die direkte Beziehung auf das ‚Buch‘ Neu­es Testament denken,[4] so ist der neue Titel offener. Es geht um drei Gattungen von Texten, die auch im Neuen Testament vertreten sind: Evangelien und Verwand­tes, Apostelgeschichten und Verwandtes, Apokalypsen und Verwandtes. Der neue Titel soll gegenüber dem Gedanken eines Corpus oder eines Anhangs zum Testa­ment-Buch nun die Unabgeschlossenheit und Vielfältigkeit hervorheben.

Markschies definiert: „»Apokryphen« sind jüdische und christliche Texte, die die Form kanonisch gewordener biblischer Schriften aufweisen oder Geschichten über Figuren kanonisch gewordener biblischer Schriften erzählen oder Worte solcher Figuren überliefern oder von einer biblischen Figur verfasst sein wollen. – Sie sind nicht kanonisch geworden, sollten dies aber teilweise auch gar nicht. Teilweise waren sie auch ein genuiner Ausdruck mehrheitskirchlichen religiösen Lebens und haben oft Theologie wie bildende Kunst tief beeinflusst“ (AcA 114).

An der Definition fällt auf, dass die lange gemeinsame Geschichte von jüdisch und christlich im Titel wegfällt.[5]  Das andere Problem sehe ich in „Kanon“ und „mehr­heits­kirchlich“. Dass der Kanon und Rechtgläubigkeit oft nur von einer Minderheit bestimmt und durch Zensur[6] durchgesetzt wurde, kommt erst spät zu einem Ab­schluss. Mehrheitskirchlich ist hier zwar erst einmal abgesetzt von apokryph = Minder­heit oder Ketzer, dem ist zuzustimmen.[7] Und insbesondere für die Rezepti­ons­geschichte sind die Apokryphen gerade als Motive für die Bilder und Ikono­graphie geradezu fundamental. Aber der Begriff setzt viel zu früh Eine Kirche vor­aus, wo noch lange von vielen Gemeinden, regionaler Vielfalt und keinem Abstim­mungsprozess die Rede sein kann.

Zeitlich ist „antik“ jetzt bis in die erste Begegnung mit dem ausgebildeten Islam ge­führt (als prominenter Vertreter ist Johannes Damaskenos gewählt). Das bekommt jetzt noch einen besonderen Sinn angesichts von Angelika Neuwirths Der Koran als spätantiker Text (2010) die den Koran als spätantiken Text vorstellt, der in Kenntnis jüdischer, christlicher Liturgie und Heiliger Schriften (Perikopen) sich mit diesen auseinandersetzt, „fortschreibt“ und dabei vielfach gerade mit nicht-kanonischen Texten intertextuell kommuniziert.[8] Hier wird die islamische Überlieferung [aus­schließlich] über den Propheten Isa = Jesus breit berücksichtigt (193-208).

Die Einleitung setzt umfassend und in allen Einzelheiten den Prozess der Kanonbil­dung auseinander. Vieles ist Lehrbuchwissen, aber so gründlich und genau belegt ist es eine umfassende Zusammenschau neuesten Standes und tiefreichender Fach­ge­schichte. Sicher ist die Engführung auf „Kanon“ eine plausible Wahl, aber andere Fragen kommen dadurch aus dem Blick: Ausgrenzungen und Zensur von gnosti­schen, frauenbetonenden, prophetischen Bewegungen und Gemeinden. Der ganze religionsgeschichtliche Kontext, die Texte zu Heiligen Schriften macht oder der Auf­wand, die Autorität, sie zu nicht dazu gehörigen Texten zu deklarieren. [9]

Der Textteil umfasst alle Texte, die mit Jesu Leben, Wirken, Tod und Auferstehung zu tun haben; da das mehr und anderes ist als nur „Evangelien“, haben die Heraus­geber „und Verwandtes“ hinzugesetzt.  Die Darstellung beginnt je mit der Angabe, in welchen Ausgaben der – hier nicht beigegebene Originaltext – zu finden ist. Sicher wäre ein Lesetext des Originals eine enorme Verbesserung, aber dann wäre die Samm­­lung eine Bibliothek und unbezahlbar.[10] Weiter sind Übersetzungen auch in an­dere Sprache angegeben und Forschungsliteratur. Dann wird der Text kurz einge­führt: Wie ist er überliefert und gewachsen, welches Text-Genus. Wer (oft ein fiktiver Autor; wer steht dahinter) hat an wen in dieser Form etwas mitgeteilt?  Die Datie­rung und Ort des Textes. Welche theologische Aussage macht der Text. Manchmal etwas zur Wirkung, u.a. in der Ikonographie. Es folgt die Übersetzung (teils durch überleitende Kom­men­tare zu einem anderen Text weitergeführt, die in der gleichen Schrifttype gesetzt sind. Man könnte sie beispielsweise einrücken). Für den Unter­richt wäre ein Zeilen­zähler wünschenswert.

Der Großaufbau A. Außerkanonische Jesus-Überlieferung. 181- Darunter sind be­mer­kenswert Legenden von Jesu Wirken und Leiden, wie die Pilatus-Überlieferung, dann kunstgeschichtlich wichtig die Abgarlegende, weiter das Nikodemusevan­ge­lium und Jesu Verwandtschaft, darunter die Überlieferung zu Maria (mit dem Trans­itus Mariae und der Geschichte von Joseph dem Zimmer­mann, zwei bisher nur be­rich­tete Textfolgen).

B. Außerkanonische Evangelien 343-, wiederum unterteilt in Fragmente auf Papyri u.ä. (u.a. die eindeu­ti­ge Stellungnahme zum Ur-Markus, den Morton Smith gefun­den haben will: 390-99). Nachrichten über die Existenz von Evangelien; dann solche, die i.W. Aussprüche Jesu sammeln, im Unterschied von erzählenden Evangelien, dann denen, die Jesus dialogisch im Gespräch mit seinen Schülern zeigen.

Die am schwierigsten einzuord­nenden gnostischen Texte von einem überirdischen, kosmi­schen Christus nennt CM Evangelienmeditationen. Da finden sich das Thomas-Evangelium 483-522, das Judas-Evangelium 1220-1234, die neuesten Erkenntnisse zu Markions Evangelium (466-470) und ähnliche Versu­che. Die Bartholomäus-Tradition (mit der tiefen Weisheit des Nathanael identifiziert, einem Israeliten ohne Fehl und Tadel, mit dem der Jesus des Johannes-Evangelium ein tiefschürfendes, spekulatives Gespräch u.a. über die Wiedergeburt führt und ihm zusagt: „Ihr werdet den Himmel sehen und die Engel aus dem Himmel herauf- und herabfahren über dem Menschen­sohn: Joh 1, 51) geht bis weit ins Mittelalter, sie wird hier teils sechsspaltig dargebo­ten 696-885. Es lohnt auch nicht nur gezielt nach einem Text zu suchen, sondern man kann man eine Menge Entdeckungen machen und ist – ob Anfänger oder Spezialist – bestens über die Kontexte informiert.

Die Edition macht das alte Handbuch noch weit umfangreicher, aber auch verläss­licher als Grundlage und Ausgangspunkt für jede Beschäftigung mit der christlichen Literatur, die mit dem Anspruch auftrat, Heilige Schrift zu sein – für die enorme Pluralität von Gemeinden, die sich alle auf einen Christus beziehen, wie er verschie­dener nicht gesehen werden konnte. Welche Kraftanstrengung, Gewaltanwendung es bedeutete, daraus das Christentum zu bilden, und auf wessen Kosten, das lässt diese Sammlung ersehen und erarbeiten.

Die Sammlung ist hervorragend erschlossen durch aufwändig erarbeitete Indices auf über hundert Seiten, auch die Namen zur modernen Forschungsliteratur finden sich.

Der gewaltige Doppelband gehört in die ‚Hausapotheke‘ jeder Studentin und jedes Studen­ten der Religionswissenschaft wie der Theologie. Die vom Verlag dankens­werter Weise wesentlich preiswerter angebotene broschierte Ausgabe hält dank Fa­denhef­tung auch intensivste Benutzung aus. Und dazu ist das Buch da.

Christoph Auffarth,
Prof. für Religionswissenschaft
(Geschichte und Theologien des Christentums)

Universität Bremen, 24. Mai 2013


[1] Neutestamentliche Apokryphen in Verbindung mit Fachgelehrten in deutscher Übersetzung und mit Einleitungen herausgegeben von EH. Tübingen. Mohr 1904. XII/28/558 S. Dazu ein Kom­men­tarband Handbuch zu den Neutestamentlichen Apokryphen. In Verbindung mit Fachgelehrten hrsg. von Edgar Hennecke. Tübingen: Mohr 1904. XVI, 604 S.

[2] 3. völlig neubearb. Aufl. 1959 und  1964: x, 1038 S.  Diese Neubearbeitung wurde vielfach wieder aufgelegt, so in 5. Auflage von Wilhelm Schneemelcher in 2 Bänden 1987-1989,  xviii, 1142 S. Hennecke starb 1951; Schneemelcher (1914-2003).

[3] Nag Hammadi deutsch. Hrsg. von Hans-Martin Schenke u.a. 2001-2003; als Studienausgabe ²2010; die Ausgabe ist auf dieser Seite besprochen. Allein dieser Textbestand umfasst in der Ausgabe 569 Seiten. Die Spezialisten hatten in den NtApo5 schon Textausschnitte präsentiert.

[4] So ausdrücklich bei Walter Bauer: Das Leben Jesu im Zeitalter der neutestamentlichen Apokryphen. Tübingen: Mohr 1909, 1 „die Periode, welche unmittelbar hinter der Abfassung unserer kanonischen Evangelien beginnt und mit Origenes abschließt.“

[5] Dazu meine Rez. auf dieser Seite zu Peter Schäfer, Geburten und Geschwister: Peter Schäfer: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums 2010 und Daniel Boyarin, Antike Juden und Christen streiten in Hörweite: Daniel Boyarins Borderlines auf deutsch:  Abgrenzungen. Die Aufspaltung des Judäo-Christentums 2009.

[6] Die komplementäre [einander ergänzende] Struktur von Kanon und Zensur haben Burkhard Gladigow, Hubert Cancik u.a. in Aleida Assmann; Jan Assmann (Hrsg.): Kanon und Zensur. (Beiträge zur Archäologie der literarischen Kommunikation 2) München: Fink 1987  herausgearbeitet.

[7]Ausführlich begründet bei Christoph Markschies: Kaiserzeitliche christliche Theologie und ihre Institu­tionen. Prolegomena zu einer Geschichte der antiken christlichen Theologie. Tübingen: Mohr Siebeck 2007.

[8] Angelika Neuwirth: Der Koran als Text der Spätantike 2010, bes. 561-671 sie nennt die intertextuelle Bezugnahme ‚Prätext‘; dazu Rez. Auffarth: Der Koran – als historisch-spätantiker Text gelesen und erklärt: Angelika Neuwirth: 2010.

[9] Markschies selbst macht deutlich (Radical Diversity, in. Reflections on the early Christian history of religion  = Erwägungen zur frühchristlichen Religionsgeschichte. ed. Cilliers Breytenbach; Jörg Frey. (An­cient Judaism and early Christianity 81) Leiden: Brill 2013, 206 f, dass die Gnosis nicht eine Alternative zum ‚Alten‘, sondern eine Ergänzung sei; so ergänzen auch die Henochbücher oder die Apokalypse des Johannes schreibt das Ezechielbuch fort und aktualisiert es für die Gegenwart der Christenver­folgungen. – Das unterschiedet sich von Breytenbaches Skizze „Zu einer Geschichte des Urchristen­tums“ (ibidem, 1-28), hier 23, dass der Kanon die theologische Norm des Urchristentums sei.

[10] Das ist in der spanischen (-griechisch/lateinischen) Ausgabe von Aurelio De Santos Otero erreicht (BAC 148. 11956, 132006, ca. 800 S.) – ohne andere Sprachen wie koptisch, syrisch etc. Die teils in alten und schwierig zu beschaffenden Ausgaben der Original-Texte werden – nach Tischendorfs Evangelia apocrypha ²1876 endlich durch bessere Ausga­ben einheitlichen Standards ersetzt, u.a. Neutestamentliche Apokryphen. Berlin (im Rahmen der GCS) und Corpus Christianorum Series Apocryphorum (CCSA) seit 1983 19 Bände.

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