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Das Christentum in Hitlers Weltanschauung

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Friedrich Tomberg: Das Christentum in Hitlers Weltanschauung.
München: Fink 2012. [206 S.]

 

 

 

 

 


Kurz:
Ein seltsames Buch. Der These kann ich zustimmen, aber die Quellen für die angeblichen Aussagen Hitlers sind nicht geprüft, die historischen Zusammenhänge fehlen, wissenschaftliche Literatur nicht zur Kenntnis genommen, von Religions­wissenschaft gar nicht zu reden.

Ausführlich: Auch wer die Biographie von Friedrich Tomberg nicht kennt,[1] stutzt schnell. „Mit meiner einem speziellen Thema gewidmeten Untersuchung ziehe ich gleichzeitig in möglichster Kürze das Resümee von bis in die Mitte der 1980er Jahre zurückreichende Untersuchungen zur Politik und Weltanschauung Adolf Hitlers. Mir fiel damals innerhalb eines [DDR-] Forschungsprojekts die Aufgabe zu, mich mit der Ideologie des Nationalsozialismus zu befassen.“ (15) Ein Achtzigjähriger veröf­fent­­licht in Kurzform Forschungen, die 25 Jahre zurückliegen. „Diese an sich schon vor­lie­gende empirische Unterbauung bleibt vielmehr im Detail einer späteren Publi­ka­ti­on vorbehalten. Es ist ohnehin keine eigene empirische Forschung beabsichtigt, wie sie das Geschäft der Geschichtswissenschaft ist, sondern eher, allerdings auf mög­lichst empirischer Basis, der Versuch eines in Philosophie oder Literaturwissen­schaft üblichen Verfahrens der Interpretation. […] Erweist sich die Analyse als plausi­bel, so kommt es der Geschichtswissenschaft dann natürlich zu, die Übereinstim­mun­gen mit der Realität zu überprüfen Vorliegende Quellen werden deshalb nicht nur auf­grund ihrer erwiesenen Authentizität herangezogen, sondern auch, wenn sie Ver­ständnismöglichkeiten bieten, zu denen sonst nicht zu gelangen ist.“ (17) Hier wird die Erkenntnismöglichkeit von hinten aufgezogen. Denn einige der vorliegen­den Quellen sind erwiesener Maßen nicht authentisch, das gilt besonders für Rausch­nings Gesprä­che mit Hitler (1940),[2] aber auch andere von FT verwendeten Quellen sind noto­risch schlecht ediert und unzuverlässig. Das heißt nicht ‚Interpreta­tion‘ (die bean­sprucht der Philosoph hier; aber welches ist denn seine besondere Kompetenz?), sondern erst einmal die Grundlage muss hergestellt werden. Und der merkwürdige Nachsatz: „Quellen werde herangezogen, wenn sie Verständnismöglichkeiten bieten, zu denen sonst nicht zu gelangen ist“: Welches sind die sonstigen Möglichkeiten, wenn nicht Quellen? Eine Quellenkritik ist die Grundlage, wie sie etwa Horst Jungin­ger knapp und präzise gegeben hat.[3] Eine Auseinandersetzung mit der Forschung findet nicht statt.

In der Einleitung (19-30 sowie zwei Exkursen 183-193) skizziert FT das Hitlerbild der Deutschen Bundesrepublik (die weit differenziertere Analyse von Norbert Frei, Ver­gangenheitspolitik [1996; NA 2010] ist nicht beachtet). Kapitel 2 behauptet Hitlers Opti­on gegen das Christentum aus europäischer Ideologie (31-50), besonders aufgrund von Rauschnings Gespräche, die jetzt auf einmal „angebliche Gespräche“ heißen. Kapitel 2 verlegt die Verbindung von europäischer Ideologie und Antiklerikalismus in Hitlers österreichische Sozialisation (51-74). Was mit Europäischer Ideologie (bes­ser Europa-Ideologie) gemeint ist, entwickelt FT in Kapitel 3 Politische Konzeption einer Weltherrschaft zur Rettung der europäischen Menschheit (75-84). Das geschi­cht­­lich gewordenen Christentum in Gestalt der Kirchen kann die Erneuerung nicht vorantreiben (Kapitel 4, 95-112), deshalb ruft Hitler in die Nachfolge Christi zur Erzwingung einer nationalsozialistischen Utopie (Kapitel 5, 113-148). Zu Recht fügt FT dann ein Kapitel ein, in dem die Widersprüche zu diesem christlichen Programm deutlich werden. Im letzten Kapitel aber verstrickt sich FT in eigene Widersprüche, Gegenwartskritik, die auch sonst in dem Buch stören. Also kein historisches Buch, eine Durcharbeitung der Aussagen Hitlers zum Thema Christentum, ohne die Forschung zur Kenntnis zu nehmen.

Die These ist wichtig und beschreibt richtig ein zentrales Stück von Hitlers Politik: Hitler hielt das Christentum für einen Kern des Abendlandes, das zu retten und für andere Völker maßgeblich zur Herrschaft zu bringen seine göttliche Aufgabe sei („Vorsehung“). Dabei müssten Liberalismus, Kommunismus, Kapitalismus und hinter all dem das Judentum vernichtet werden. Dieses Christentum ist allerdings nicht das Christentum der Kirchen, sondern die Jüngerschaft zu Christus als „Bewe­gung“. Deshalb ist sein Christentum zugleich radikal antiklerikal. – Dafür findet man bei FT eine Reihe guter Zitate – ohne dass deren Quellenwert geklärt ist. Es fehlt ganz die Kenntnis der zeitgenössischen Religionskultur vor und nach dem Ersten Weltkrieg, es fehlt die Forschung. Wer eine Darstellung auf der Grundlage dieser Kenntnis und der umfangreichen Forschung sucht, findet sie in Manfred Gailus (Hrsg.): Zerstrittene „Volks­gemeinschaft“. Glaube, Konfession und Religion im National­sozialismus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011.

Februar 2013                                                                                     Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen


[1] Einige Hinweise auf den 1932 geborenen Philosophen, Prof. an der Universität Jena 1979-1987, dann fünf Jahre an der Akademie der DDR mit dem gleich zu nennenden Projekt  betraut, auf der eigenen Homepage und im Wikipedia-Artikel. Im Folgenden kürze ich seinen Namen mit den Initialen FT ab.

[2] Nach der ersten Euphorie über diese Quelle erwies sie sich als Fiktion. Wenn Bernd Lemke ihr nun wieder Quellenwert zuschreibt, indem er sie mit den acht Jahre später gesammelten „Tischge­sprä­chen“ von Henry Picker vergleicht, dann muss man das für jede einzelne Aussage nachprüfen. Bernd Lemke: Rezension zu: Rauschning, Hermann: Gespräche mit Hitler. Mit einer Einführung von Marcus Pyka. Zürich 2005, in: H-Soz-u-Kult, 02.08.2006, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-081 .

[3] Horst Junginger: Der Führer als „höllischer Messias“, in: humanismus aktuell, H. 19, hrsg. von der Humanistischen Akademie, Berlin 2006, 83-94.

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