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Briefwechsel Blumenberg Taubes

cover-blumenbergHans Blumenberg und Jacob Taubes: Briefwechsel 1961 – 1981 und weitere Materialien. Hrsg. von Herbert Kopp-Oberstebrink; Martin Treml. Berlin: Suhrkamp 2013 [349 S. – 978-3-518-58591-7 Gebunden. 39.95 €]

 

Streitgespräche unter Wissenschaften: Die Anfänge von Interdiszipli­narität und die Bedeutung von Religion für die Moderne

 

Jacob Taubes (1923-1987) war ein aufregender Mensch. Als er 1961 den Ruf als Ordinarius für „Wis­senschaft des Judentums“[1] und Hermeneutik an die Freien Universität in Berlin er­hielt (der 1966 dann endgültig realisiert wurde), war das eine kühne Entscheidung. Denn Taubes war ein Wissenschaftler, der ‚Gott und die Welt‘ kannte, aber geleistet hatte er noch sehr wenig. Die Dissertation des 23-Jähri­gen war ein beein­druckendes Buch:[2]  Taubes wurde mit der Dissertation Abendländische Eschatologie, Zürich 1947 promoviert;[3] in Zürich war sein Vater Rabbiner. Sein katholi­scher Freund Hans-Urs von Balthasar hatte allerdings zehn Jahre zuvor ein dreibändiges Werk geschrieben, das das Material schon verarbeitet und ana­lysiert hatte; Taubes übernahm unter einer durchaus originellen Fragestel­lung ganze Absätze.[4]  Dann 1951-53 war Taubes Assistent des großen deutschen Judaisten (Gerhard, nach seiner Ver­treibung aus Deutschland als) Gershom Scholem, der in Jerusalem als einer der Großen an der Hebrew University lehrte.[5] Wie auch sonst: Taubes verkrachte sich mit jedem. Mit seinen Frauen: die Ehe mit Susan, einer Ethno­lo­gin,[6] endete mit ihrem Selbstmord (1928-1969), eine schreckli­che Beziehung![7] Die zweite nicht wirklich besser; bitter der Kommentar von JT im Brief 44, S. 169, der dieser Liebe wegen nach Berlin gekommen war.[8] Es folgten Jahre der De­pression und Klinikaufenthalte. In der Berliner Universität war der Streit ohnehin die Regel. Die Chance für die Religionswis­sen­schaft mit Klaus Heinrich und Carsten Colpe und Jacob Taubes, mit der Islamwissenschaft und Indologie, grandios vergeben: eine Generation später gibt es in der Stadt der drei Univer­sitäten, bald auch einer katholischen Fakultät in der Haupt­stadt, keine Religionswissenschaft mehr! Der Versuch des Senators Peter Glotz in Ab­stim­mung mit dem Präsidenten  der FU, die Philosophie mit der Theologie und Religionswis­sen­schaft zu verbinden, hat mit Taubes Un­ter­schrift ein Wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Protokoll vehement abgelehnt (Doku­ment 14, S. 278-281) Glotz hatte eine Vision; die Ablehnung beharrt auf der angeblichen Säkularisierung der Philosophie aus der Religion. – Wie Peter Glotz das dann an der Universi­tät Erfurt im Max-Weber-Kolleg realisierte, erwähnt der Kommentar nicht.

Im Unterschied zu dem gewaltigen Oeuvre von Hans Blumenberg (1920-1996) hat Jacob Taubes hat kaum eigene Arbeiten hinterlassen, am Ende noch die Paulusvorlesung,[9] die andere für ihn publizierten.[10] Aber er sprühte vor Ideen und scharfen Ein­würfen in Diskussionen. Er liebt das Streitgespräch und findet es nicht bei der „Begriffsge­schichte“,[11] sondern in der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“.[12] Beim Suhrkamp Verlag ist er ein gesuchter Berater, aber auch von Unseld immer wieder missachteter Kritiker.[13] Die die ‚alte‘, in Wirklichkeit die Umwertung im NS bewahren wollten im Verlag der Wissenschaft­lichen Buchgesellschaft, werden erfolgreich verjagt (Brief 20, S. 88; Dokument 6, 238-240). Das Format Streitgespräch will er auch in Berlin institutionalisieren (Brief 34a; wichtig dazu S. 195). Lange beschäftigt ihn „Saekularisierung“. Blumenberg hatte in großen Werken die These entwickelt, die Neuzeit sei nicht eine Kultur, die weiter in religi­ösen Denkformen denkt, dabei aber den zentralen Bezug zu Gott verloren habe, vielmehr habe die Neuzeit ihre eigene Legitimität.[14] Zu dem erhofften Hahnenkampf kommt es nicht, wohl aber verbreitet Gadamer giftige Thesen vor den Berliner Studierenden (Dokument 13, S. 266-277).  Bedeutsam für die Religionswissenschaft sind die drei Bände der Aufarbeitung mit den großen Theorien zu Religion und Politik, die JT anstößt. Sie beschäftigen sich immer wieder mit dem bedeu­tenden juristischen Intellektuellen Carl Schmitt. Nachdem Taubes es abgelehnt hatte, sich mit Schmitt auseinanderzusetzen, dem einstigen „Kronjuristen des NS“ und wegen seiner antijüdi­schen Haltung, wäscht Blumenberg ihm den Kopf (Brief 45 – dort auch klare Zurecht­weisung über seine Haltung zum einstigen Lehrer Gershom Scholem – JT re­agiert gar nicht beleidigt in Brief 46). JT nimmt vielmehr den Kontakt mit Schmitt auf.[15] JT diskutiert mit jungen Berliner Wissenschaftlern Schmitts Behauptung, alle politischen Theorien, Begrif­fe, Grundlagen, seien religiöser Natur: Autorität, Gnosis, Theokratie.[16] In einem Nachwort führt Herbert Kopp-Oberstebrink Affinitäten und Dissonanzen zwischen den Briefpartnern zusammen (295-336). Welche Bedeutung und Nachhaltigkeit allerdings Taubes‘ Interesse an Religion und theologischen Unterströmungen der Moderne für den Suhrkamp Verlag und die Wissenschaften hatte (329-336), mag man angesichts des Unverständnisses für Peter Glotz‘ Vorschlag eines Verbundes an der Freien Universität bezweifeln.

Es lohnt sich, diese intellektuelle Fernbeziehung, den Respekt zweier großer Anreger der Paradigmenwechsel zu lesen, ungeschminkt, untereinander aber respektvoll („ich muss zugeben, dass der Umgang mit Ihnen verdammt schwierig ist“, JT über Blumenberg S. 148) während andere teils respektlos und hemdsärmelig sich äußern. Ein wichtiges Dokument zum Aufbruch der Wissenschaft in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

 

 

27.12. 2013                                                                                            Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,

Universität Bremen


[1] Diese Bezeichnung knüpft an eine große Tradition an, die großartige Wissenschaft geleistet hat, aber nicht an staatlichen Universitäten. Dazu Görge K. Hasselhoff (Hrsg.): Die Entdeckung des Christentums in der Wissen­schaft des Judentums. Berlin: de Gruyter 2010. Kurt Wilhelm (Hrsg.): Wissenschaft des Judentums im deutschen Sprachbereich. Ein Querschnitt (= Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts. Bd. 16). 2 Bände. Tübingen: Mohr 1967.

[2] Richard Faber, Eveline Goodman-Thau, Thomas Macho (Hrsg.): Abendländische Eschatologie. Ad Jacob Taubes. Würzburg: Königshausen & Neumann 2001.

[3] Jacob Taubes: Abendländische Eschatologie. (Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie 3) Zürich: Francke 1947. Unverändert 2. Auflage Mit einem Anhang (Batterien 45) München: Matthes & Seitz 1991. Unverändert 3. Auflage mit einem Nachwort von Martin Treml, 2007; italienische Ausgabe 1997, ungarische 2004, kroatische 2009, französische 2009, englische 2009, spanische 2010.

[4] Hans Urs von Balthasar: Apokalypse der deutschen Seele. 3 Bände. Salzburg/Leipzig: Pustet 1937–1939.

[5] Der Preis des Messianismus. Briefe von Jacob Taubes an Gershom Scholem und andere Materialien. Herausge­geben von Elettra Stimilli. Würzburg: Königshausen & Neumann 2006.

[6] In der gleichen Institution, die hinter dem zu besprechenden Buch steht, wird auch das Werk von Susan Taubes herausgegeben. Susan Taubes: Die Korrespondenz mit Jacob Taubes 1950–1951. Herausgegeben und kommen­tiert von Christina Pareigis. Paderborn: Fink 2011.

[7] Susan Taubes lebte mit JT in Ehe seit 1949, zwei Kinder, seit 1961 getrennt lebend, 1967 geschieden, JT heiratet neu (unten Anm. 8), ST tötet sich selbst. Sie beschrieb das in: Divorcing. New York 1969, [Scheiden tut weh. München 1995; Scheiden. München 1997]. Zu den zwei Kindern S. 78.

[8] Margherita von Brentano, Professorin an der FU in Berlin, war mit Taubes verheiratet 1967 bis 1975 (S. 38).

[9] Taubes identifizierte sich oft mit Paulus; vgl. 131; 283. Die berühmte Anekdote, dass ein Apotheker ihm sein Medikament überreicht mit dem falsch entzifferten Namen: „Bitte sehr, Herr Paulus!“ und JT anwortet: „Woher wissen Sie das?“, bei Christoph Schulte: Woher wissen Sie das? Die Paulusdeutung von Jacob Taubes. In: Chris­tian Strecker; Joachim Valentin (Hrsg.): Paulus unter den Philosophen. Stuttgart: Kohlhammer 2013, 120-131.

[10] Gesammelt in dem schmalen Bändchen Vom Kult zur Kultur. Bausteine zu einer Kritik der historischen Ver­nunft. Gesammelte Aufsätze zur Religions- und Geistesgeschichte. Herausgegeben von Aleida Assmann und Jan Assmann. München: Fink 1996. ²2007. Die beiden Assmanns schufen auch die Herausforderung zu einer Vor­lesung in Heidelberg Die politische Theologie des Paulus. Vorträge, gehalten an der Forschungsstätte der Evan­gelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, 23. – 27. Februar 1987. München: Fink 1993. ²1995. 3., ver­bes­ser­te Auflage 2003 (amerikanische Ausgabe: Stanford 2004).

[11] Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hatte dazu eine „Senatskommission“ eingerichtet  (Gadamer und Blu­menberg). Zu Begriffsgeschichte ausführlicher Christoph Auffarth in Jan Bremmer u.a. (eds.): Words 2014, i.Dr.

[12] Die Gruppe traf sich unregelmäßig und diskutierte große Themen der Ästhetik, Geschichtsphilosophie, unter provokativen Querverbindungen über die Fächergrenzen hinweg mit hohen theoretischen Ansprüchen. Die 17 Treffen sind dokumentiert unter http://de.wikipedia.org/wiki/Poetik_und_Hermeneutik. Aus der informellen Gruppe korrespondiert JT neben Blumenberg v.a. mit Hans Robert Jauss, Manfred Fuhrmann.

[13] Siegfried Unseld, der ebenso geniale wie gefürchtete Leiter des Verlages, der für den kritischen Aufbruch der Kultur in der Bundesrepublik („die Achtundsechziger“) die Stichworte, Theorien und Öffnung zu Diskussionen in anderen intellektuellen Kulturen durch Übersetzungen den Kraftstoff lieferte. Die Wendung des Verlages zur Wissenschaft aber beruht zum guten Teil auf Taubes Eintritt als Berater, s. S. 320f.

[14] Hans Blumenberg: Die kopernikanische Wende. 1965 (edition suhrkamp 138). Die Legitimität der Neuzeit. 1966; Neuausgabe 1996. Überarbeitung in vier Taschenbuchbänden. Der Prozess der theoretischen Neugierde. 1973. Die Genesis der kopernikanischen Welt. 1975; Neuausgabe 1981, alle bei Suhrkamp, Frankfurt am Main.

[15] Briefwechsel Carl Schmitt – Jacob Taubes. Herausgegeben von Thorsten Palzhoff und Martin Treml.  Mün­chen: Fink 2012.

[16] Religionstheorie und Politische Theologie. 3 Bände. München: Fink. 1. Der Fürst dieser Welt. Carl Schmitt und die Folgen. 1983. – 2 Gnosis und Politik. 1984. – 3 Theokratie. 1987. Die Herausgeberschaft lag weitgehend bei Norbert Bolz.

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