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Bauer-Thessaloniki

cover-bauerFranz Alto Bauer: Eine Stadt und ihr Patron: Thessaloniki und der Heilige Demetrios.

Regensburg: Schnell + Steiner 2013.
[488 S. ISBN: 978-3-7954-2760-3 Gebunden 79 €]

Zusammenfassend: Ein Heiliger ohne Reliquien, eine niedergebrannte und wieder gebaute Kirche im nordgriechischen Saloniki. Franz Alto Bauer stellt alle Quellen und verstreuten Reste wieder an ihren Ort und es wird eine ganz große, wunderbar illustrierte Religionsgeschichte des griechischen Mittelaltes daraus.

Im Einzelnen: Franz Alto Bauer,[1] dank seiner bedeutenden Bücher einer der heraus­ragenden christlichen Archäologen, veröffentlicht ein neues Buch, diesmal über die in der Spätantike blühende Stadt Thessaloniki.[2] Hatte ich ein Buch erwartet, das die spätantike Stadt als Ganze in den Blick nimmt,[3] so trifft das nicht zu. Vielmehr kon­zentriert sich FAB auf die Kirche des Hl. Demetrios, eine Kirche, die 1917 bei einem Brand weitge­hend zerstört wurde, danach aber wieder aufgebaut wurde, nicht gerade original­getreu. Kann man über diese Kirche ein Buch zur spätantiken Kunst schreiben? Bauer kann und er hat ein ebenso ungewöhnliches wie Staunen erregen­des Buch geschaffen, das weit mehr als die Kunst bietet. Denn hier nimmt man als Leser teil, wie Spuren gelesen und zu einem Mosaikbild zusammengesetzt werden können.

Thessaloniki (oder Saloniki) ist eine besondere Stadt. Erst in hellenistischer Zeit, kurz nach dem Tod Alexanders des Großen, gegründet 316/15 (Zeittafel auf dem hinteren Vorsatz) dort, wo die großen Straßen des Balkans auf die Küste der Ägais treffen. In der letzten Christenverfolgung, be­vor Kaiser vor Konstantin das Christentum unter den Schutz des römischen Kaisers stellte, starb Deme­trios nach der Legende den Märtyrertod unter Galerius 293-311, der eben Thessaloniki zur Residenz ausbaute. Um 500 wurde die hier untersuchte Demetrios-Kirche gebaut. Die Stadt wurde mehrfach belagert und erobert, von den Slawen 614, von den Arabern 904, von den Normannen vor und während der Kreuz­züge, v.a. 1185, dann Teil des lateinischen Kreuzfahrer-Reiches. 1430 zogen die Osmanen in der Stadt ein. Besonders aber haben 450 Jahre lang die Stadt geprägt die aus Spanien vertriebenen Juden (Sefar­den), bis die deutsche Besatzung sie ermordete. Ein großartiges Buch hat dazu Mark Mazower geschrieben.[4]

Demetrios ist ein besonderer Heiliger. Als um 600 Kaiser Maurikios um ein Reliqui­en-Stück bat, antwortete der Bischof:[5]

„O Kaiser, die Kinder des gottgeliebten Thessaloniki pflegen nicht, wie es in anderen Regionen Brauch ist, die Körper der gemarterten Heiligen öffentlich auszustellen, so dass sie spürbar und fortwährend durch deren Anblick und Berührung die Frömmigkeit in ihren Seelen entfachen. Im Gegenteil, sie tragen den Glauben in ihren Herzen.“

Eine Ausflucht, um nichts hergeben zu müssen? Immerhin schicken sie ihm ein Stückchen Erde, wo er gelegen habe. Nein, es gab keine Reli­quien. Die Kirche ist zwar wie eine römische Märtyrerkirche mit einer Umgangskrypta ausgestattet, hat aber kein Grab. Und sie steht in der Mitte der Stadt, nicht außerhalb der Mauern, wo die Toten, also auch die Märtyrer bestattet werden mussten. – Später bringen dann doch Kreuzfahrer Reliquien nach Italien und diese wurden 1978 und 1980 zurück über­führt (13-26). Das Leben des Heiligen und seiner Konkurrenten ergibt einen zunächst zu rekonstruierenden Text (27-62). Dann wendet sich FAB der Kirche zu. Er findet die Spuren der alten Kirche (der zweiten um 620 nach einem Brand gebauten) und ihrer Ausstattung, vergisst aber über der Architektur (63-141) nicht, sie als Ver­ehr­ungs­ort wahrzunehmen (143-183). Statt der Reliquien ist der zentrale Bezugs­punkt das Ziborium[6] in der Mitte der Kirche. Das ist eine Überraschung: nicht der Altar, nicht das Grab darunter, nicht die Krypta, sondern auf das in der Mitte des Gemein­deraums aufgestellte Ziborium richtet sich die hauptsächliche Verehrung! (359; 369) Um es herum stehen die Engel, die Heiligen an den Wänden, zum Gottes­dienst Tag und Nacht (185-233), Besucher hinterlassen Graffiti (214). Kapitel vii be­schreibt, wie aus dem schutzlosen Märtyrer der Soldatenheilige wird: „des Heiligen neue Kleider“. In der Tat ist das ja ein unerhörter Vorgang, wie das Christentum den Krieg heiligt durch heilige Soldaten, der Hl. Georg etwa.[7] Demetrios wird zum General in der Zeit als Saloniki im 10./11. Jahrhundert ständig angegriffen wird (232-281). Für das nächste Kapitel hat FAB gesammelt, wo Salonikis Stadt-Heiliger sonst verehrt wird und wie das in Beziehung zur griechischen Stadt steht: Nachahmung, Konkurrenz, Diebstahl. Berühmte Beispiele für die Aneignung und Überführung (Translatio) von Heiligen im Mittelalter sind Markus nach Venedig, Hl. Nikolaus aus dem türkischen Myra ins italienische Bari, die Hl. Drei Könige nach Köln. Auf Deme­trios‘ Beistand zählen nicht nur der byzantinischen Kaiser Alexios, sondern auch die aufständischen Bulgaren. Seine Reliquien, nun echte Knochen, werden im Norman­nen­reich und sonst im Westen verehrt. Von besonderer Bedeutung sin die Reliquien­behälter im Halber­stadter Domschatz, im Kreml und auf dem Athos. Den Schluss bilden die zwei Kapitel über die Verehrung des Hl. Demetrios in spätbyzantinischer und osmanischer Zeit mit einer Prozession und einem neuen Zyklus von Fresken und der Umwandlung in eine Moschee.

Das Buch ist phantastisch ausgestattet mit Bildern, Rekonstruktionen, ausführlichen Quellentexten, schöner wissenschaftlicher Prosa, reichen Belegen in den Anmerkun­gen, Karten, Rekonstruktionszeichnungen, Bibliographie, Glossar, Register. Alles vom Feinsten.

Franz Alto Bauer, der Spezialist für spätantike und frühmittelalterliche Architektur, hat eine große Kulturgeschichte der Frömmigkeit für das Jahrtausend des griechi­schen Mittelalters eröffnet bis zur Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osma­nen. An der Figur des Hl. Demetrius, eines ganz spezifisch zu Thessaloniki gehören­den Stadtheiligen erschließt er plastisch diese wenig bekannte Epoche der Religions­geschichte. Große, lesenswerte Wissenschaft!

 

3. Mai 2014                                                                                                Christoph Auffarth

Religionswissenschaft

Universität Bremen

 

[1] Im Folgenden Abgekürzt mit den Initialen. Franz Alto Bauer ist Professor an der Ludwig-Maximili­an-Universität München.

[2] In letzter Zeit mehrfach Gegenstand von Monographien bzw. einer Tagung: Laura Salah Nasrallah: From Roman to early Christian Thessalonikē. Studies in religion and archaeology. Cambridge, MA: Harvard UP 2010. Cilliers Breytenbach (Hrsg.): Frühchristliches Thessaloniki. Tübingen: Mohr Siebeck 2007. Regina Börschel: Die Konstruktion einer christlichen Identität: Paulus und die Gemeinde von Thessalonich in ihrer hellenistisch-römischen Umwelt. Berlin: Philo 2001. Christoph vom Brocke: Thessaloniki – Stadt des Kassander und Gemeinde des Paulus: eine frühe christliche Gemeinde in ihrer heidnischen Umwelt. Tübingen: Mohr Siebeck 2001. Christopher Steimle: Religion im römischen Thessaloniki: Sakraltopographie, Kult und Gesellschaft 168 v. Chr. – 324 n. Chr. Tübingen: Mohr Siebeck 2008 hat die Dürftigkeit der archäologi­schen Befunde herausgearbeitet, die anderen als Fundament von großen Rekonstruktionen dienen.

[3] Das hat FAB in dem Buch getan Stadt, Platz und Denkmal in der Spätantike. Untersuchungen zur Ausstattung des öffentlichen Raums in den spätantiken Städten Rom, Konstantinopel und Ephesos. Mainz: von Zabern 1996; für Rom Das Bild der Stadt Rom im Frühmittelalter. Papststiftungen im Spiegel des Liber Pontificalis von Gregor dem Dritten bis zu Leo dem Dritten. Wiesbaden: Reichert 2004 und gemeinsam mit Norbert Zimmermann in dem knappen Band Epochenwandel? Kunst und Kultur zwischen Antike und Mittelalter. Mainz: von Zabern 2001.

[4] Mark Mazower: Salonica, city of ghosts. Christians, Muslims and Jews 1430-1950. London: Harper-Collins 2004.

[5] S. 144 f; der Text in deutscher Übersetzung, einzelne Begriffe in den Anmerkungen; Rekonstruktion, wie die Heiligenlegende gewachsen ist, 224 f; 249; lateinisch 319

[6] Ziborium ist ein ‚Sakramentshäuschen‘, in dem das cibum „Speise“, also Brot und Wein für das Abendmahl aufbewahrt werden.

[7] Dazu hat Carl Erdmann 1935 ein großartiges Buch geschrieben Die Entstehung des Kreuzzugsgedan­kens. Vgl. Christoph Auffarth: Heilsame Gewalt? Darstellung, Notwendigkeit und Kritik an Gewalt in den Kreuzzügen. In: Manuel Braun; Cornelia Herberichs (Hg.): Gewalt im Mittelalter. Realitäten – Imagi­nationen. München: Fink 2005, 251-272. Zu den Makkabäern als Ritterheilige zu Pferde Christoph Auf­farth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem und Fegefeuer in religionswissenschaftlicher Perspektive. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 144), Göttingen 2002, 123-150.

 

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