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Vita Benedicti

vollmann-ProfeGregor der Große: Vita Benedicti – Das Leben und die Wunder des verehrungswürdigen Abtes Benedikt.
Lateinisch/Deutsch.

Herausgegeben und übersetzt von Gisela Vollmann-Profe.

(Reclams Universal-Bibliothek 19314) Ditzingen: Reclam 2015

 

Wie ein klassischer Römer:
Benedikt und sein Mönchtum, beschrieben von Gregor dem Großen

Kurz: Im Auge des Tornados schreibt der Bischof von Rom, wie er sich ein Leben in der Ruhe wünscht, das Zeit hat für Gott.

Im Einzelnen: Gregor (etwa 540-604), genannt der Große, stammt aus einer wohlhabenden, adeligen Familie der Stadt Rom. Als er Bischof von Rom (in der Zeit weit entfernt von einem von der weltweiten Kirche anerkannten Papst) wurde, musste er der Stadt aus Katastrophen (Überschwemmungen, Hungersnot, Epidemien) heraushelfen, ein Staat existierte praktisch nicht mehr. Trotz und in dieser Stress-Situation schreibt Gregor seine Dialogi, Unterhaltungen mit einem wissbegierigen Diakon. Sein Anliegen ist es, nicht immer Christen aus Kleinasien oder Ägypten als Vorbilder vorgehalten zu bekommen, sondern auch sein Italien hat solche Heilige hervorgebracht. Dazu gehört ganz besonders Benedictus, der historisch etwas schleierhafte[1] Abt des 529 gegründeten Klosters auf dem Monte Cassino, für die er dann die berühmte Benediktinische Klosterregel (regula Benedicti) schrieb.[2]

Benedictus versteht Mönchtum ganz anders als die ‚Wüstenväter‘ in der Ägyptischen Wüste: Diese fliehen aus der Großstadt, verzichten auf alles, sind aber angewiesen auf Essen, das die Anhänger aus der Großstadt bringen. Dafür kämpfen sie gegen die Dämonen des Teufels. Das neue römische Mönchtum orientiert sich an der Lebensweise der vornehmen Römer. Sie gönnen sich in einem geräumigen Haus auf dem Lande Muße (otium) für Lesen, Gespräche mit Freunden, gutem Essen, kümmern sich um die villa, indem sie Anweisungen geben, was die Angestellten im Haus, im Garten, in der Sauna in Ordnung bringen sollen (wie Cicero auf seinem Tusculanum). Die villa wird in Zeiten der Unruhe (der sog. Völkerwanderung) zum Ort, der viel sicherer ist als die Stadt und der sich selbst versorgen kann, autark ist. Das otium wird nicht unterbrochen durch hektische Aktivitäten in der Stadt, vor allem vor Gericht, sondern ist Ruhe zum Gespräch mit Gott, doch wenn nötig, auch den Armen zu helfen durch ein Wunder. Im Ora et labora der Benediktiner ist das lobora arbeite! sehr klein geschrieben.[3] Wie Benedict das gelebt hat, dem widmet Gregor das zweite der vier Bücher der Dialoge.[4] Auch wenn Gisela Vollmann-Profe[5] für die Historizität des Benedictus das Argument anführt, viele andere genannte Namen seien Persönlichkeiten, die bekannt waren und die man nicht fiktiv einsetzen kann. Dennoch ist das die Biographie einer Idealgestalt und will nicht ‚Geschichte‘ sein.[6] Auch wenn sie Realität zu sein behauptet. Der Diakon sagt einmal c. xxxii 4: Dass alles genau so sei wie du behauptest, steht ganz klar fest, weil du die vorgetragenen Worte, mit Tatsachen nachweist. Sic cuncta esse ut asseris, constat patenter, quia verba quae proposueras rebus probas. Aber das ist Wahrheitsanspruch, keine historische Methode, kein ‚Positivismus‘. Die literarische Gestaltung ist voller Anspielungen auf die Bibel (s. S. 140, Anm. zu viii 8 und 9) und die lateinische Literatur, so dass Gregor mit einem belesenen Publikum rechnet. Die Sprache ist ein gutes klassisches Latein, weder gestelzt noch ‚vulgär‘.[7] Die Anmerkungen sind knapp, aber hilfreich.[8] Der Höhepunkt seiner Biographie ist die letzte Begegnung mit seiner Schwester Scholastica (c. xxxiiif). Höhepunkt, aber doch nicht das Höchste, was er sich wünschte. Er vergleicht sich mit Paulus, der in den dritten Himmel entführt wurde: eine der eindrücklichsten Erfahrungen, auf die die christliche Mystik immer wieder zurück kommt: Paulus wurde entführt (lat. der raptus, Substantiv zu rápere wegreißen, gewaltsam entführen), er ist ’außer sich‘ (Ekstase, griech. von ἐκίστημι aus sich heraustreten – im Unterschied zu enthusiastisch (θεὸς ἐν ἀνθρώπῳ), wenn „Gott in einen Menschen“ gefahren ist.[9] Da hörte Paulus eine Sprache, die, auf der Erde gesprochen, andere nur als Lallen wahrnehmen, die Sprache der Engel (2Kor 12,2-4). Mystiker können ihre Erfahrung nicht in Worte fassen. Was Gregor aber mit seiner Schwester wahrnimmt, ist etwas anders. Einmal im Jahr pflegte sich Benedictus mit ihr zu treffen, diesmal mag sie sich gar nicht trennen, Benedictus hatte aber die Regel selbst erlassen, dass ein Mönch die Nacht im Kloster verbringen muss.[10] Scholastica betet unter Tränen zu Gott, der Bruder möge sie nicht verlassen. Die Tränen werden zum Wolkenbruch,[11] Benedictus und seine Begleiter können nicht weggehen. Unwirsch tadelt er sie. Aber sie hatte ‚ihren‘ Gott gebeten, und da Gott die Liebe ist, hat er ihren Wunsch erfüllt, weil sie mehr Lieb besitzt. Am nächsten Tag sieht er, wie die Seele seiner Schwester als Taube in den Himmel fliegt. Durchdringt die Geheimnisse des Himmels: Die mystische Erfahrung des Aufstiegs und des Einswerdens mit Gott/Himmel. Das ist der neuplatonische Aufstieg in den Himmel, wie ihn Augustinus in Ostia 200 Jahre zuvor komponiert hat (Augustinus, confessiones 9). Auch dort steht das kurz vor dem Sterben des meist geliebten Menschen, bei Augustinus der Mutter Monnica. Die Einheit im Geist (mens una) wird auch körperlich Realität. Benedictus lebt zwar weiter, aber er lässt die tote Schwester in das Grab legen, das er für sich hat vorbereiten lassen. Ein Beispiel für die körperlich-reale Vorstellung des Geistigen bei Gregor (verba-rebus).[12] Vergleicht man diese Vorstellung mit der des Augustinus, so wird der Unterschied zu der hohen Theologie deutlich und der schon ‚mittelalterlichen‘ Wundergläubigkeit. Aber viele interessante Texte, die man dank der zweisprachigen Ausgabe im Zusammenhang in der Schule lesen kann.

 

26.2. 2016                                                                                            Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,

Universität Bremen

[1] Der große Mediävist Johannes Fried hat angezweifelt, dass Benedict eine historische Persönlichkeit sei, vielmehr stehe hinter dem ‚Gesegneten‘ niemand anderes als eine fiktive Autobiographie Gregors selbst: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik. München: Beck 2004, 393.

[2] Die Regel ist in c. xxxvi genannt. Die Benediktus-Regel in der Übersetzung der Salzburger Äbtekonferenz [1992] ist 2009 auch bei Reclam Lateinisch-Deutsch erschienen (RUB 18600) – Kommentar dazu von Michaela Puzicha 2002, ²2015. Eine Sammlung von Aufsätzen des großen französischen Benediktiner-Abtes Adalbert de Vogüe, der die maßgebliche lateinisch-französische Ausgabe herausgegeben hat: Unter Regel und Abt : Schriften zu Benedikt von Nursia und seinen Quellen. Beuron: Beuroner Kunstverlag 2010.

[3] Labor ist für einen klassischen (also Oberschicht-) Römer unzumutbare Anstrengung, dafür hat man Sklaven. Die Benediktus-Regel verlangt etwas Arbeit, aber nicht die schwere Handarbeit. Vgl. Hans Kloft, Arbeit (Antike), in: Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte. Stuttgart: Kröner 1993, ²2008.

[4] Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum. Die beste Ausgabe ist die lateinisch-französische Ausgabe von Adalbert de Vogüé (ed.): Grégoire le Grand: Dialogues. Band 1: Introduction, bibliographie et cartes. Band 2: livre 1-3. Band 3: Livre 4, Index. (Sources chrétiennes 251; 260; 265) Paris: Cerf 1978; 1979; 1980.

[5] Gisela Vollmann-Profe ist im Folgenden mit ihren Initialen GVP abgekürzt. Ihren verstorbenen Ehemann, Benedikt Konrad Vollmann, der ursprünglich mitarbeiten wollte, ehrt sie im Nachwort.

[6] Joachim Wollasch, der das genannte Argument zur Historizität vorgebracht hat, macht das zur Alternative: Benedikt von Nursia: Person der Geschichte oder fiktive Idealgestalt? In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 118(2007), 7-30.

[7] ‚Klassisch‘ ist das Latein der Oberschicht (classis), wie es etwa Cicero und Seneca schreiben. Vulgär nennt man das Latein, das in der Spätantike des Gregor schon einige Veränderungen, Vereinfachungen in der Grammatik (etwa den aci oder das participium coniunctum kaum noch zu verwenden), wie sie im Mittellatein und den entstehenden romanischen Sprachen dann üblich werden.

[8] Sie beruhen auf dem umfangreichen Kommentar von Michaela Puzicha: Kommentar zur „Vita Benedicti“: Gregor der Große, das zweite Buch der Dialoge – Leben und Wunder des ehrwürdigen Abtes Benedikt. St. Ottilien: EOS 2012.

[9] Kurt Ruh hat das in seiner Geschichte der abendländischen Mystik, Band 1, München 1990 dargestellt.

[10] Vollmann in der Anm. iii 3, allerdings gilt die Regel Benedikts gerade nicht als „streng“, etwa im Unterschied zu den Wüstenvätern und den Zisterziensern. Dazu Auffarth, Wüste und Paradies: Zur Wüstenvätertradition bei den Zisterziensern. In: Sönke Lorenz; Barbara Scholkmann (Hrsg.): Von Citeaux nach Bebenhausen. Tübingen 2000, 41-60. Sie ist im Sinne des geborenen Römers Gregor eher „zivil“.

[11] Ein exzellentes Beispiel für die Wirkung des Mikrokosmos eines Menschen auf den Makrokosmos der Welt, hier nicht als ‚Sympathie-Magie‘, sondern durch Gottes Macht bewirkt.

[12] Aus dem vierten Buch über das Jenseits und die Existenz der Toten nach dem Tode entsprechende Beispiele bei Christoph Auffarth: Gregors des Großen Dialogi – Rezeption antiker Jenseitsvisionen und Präfiguration der Visionen des Mittelalters. In: Ilinca Tanaseanu-Döbler (Hrsg.): Reading the way to the Netherworld. (BERG 3) Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2016, 447-475.

 

 

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