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Kreuzer: Einleitung in die Septuaginta

Einleitung in die Septuaginta von

Einleitung in die Septuaginta.
Herausgeber Siegfried Kreuzer.
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus [2016].

(Handbuch zur Septuaginta, hrsg. Martin Karrer; Wolfgang Kraus; Siegfried Kreuzer. Band/Volume 1) [Abkürzung LXX.H] – 718 Seiten

 

Die griechische Bibel der Juden in der Diaspora:
die Septuaginta

Nach intensiven Forschungen der letzten Jahre, in denen nach Göttingen[1] nun die Universität Wuppertal eine führende Rolle einnimmt, erscheint – nach einer deutschen Übersetzung (LXX.D)[2] und einem vorzüglichen kurzem Kommentar (LXX.E)[3] – ein Handbuch (LXX.H), vorbereitet durch Tagungen, in denen auch die Verbindung zur internationalen Septuaginta-Forschung gesucht und intensiviert wurde.

LXX „Siebzig“ in römischen Zahlen bezieht sich auf den Mythos der Göttlichkeit des griechischen Ersten Testaments,[4] das sich dadurch beweist, dass 72 Übersetzer je für sich die hebräische Bibel übersetzt hätten, und wunderbarer Weise zum gleichen Ergebnis kamen. Das erzählt der Aristeas-Brief.[5]

Er erste Band 1 (LXX.H 1) umfasst drei Teile: Zunächst (1) gibt der Herausgeber Siegfried Kreuzer auf 60 Seiten eine Übersicht über den zeitgeschichtlichen Hintergrund, die Entstehung, die verschiedenen Redaktionen und Überarbeitungen, einschließlich den christlichen und zur Überlieferung in der späteren Antike (29-88), der mit einem tabellarischen Überblick über die Textzeugen schließt. (2) In den folgenden Kapiteln werden die einzelnen Schriften des griechischen Ersten Testaments vorgestellt unter dem Gesichtspunkt Textüberlieferung, Ort und Zeit der Überlieferung, sprachliches, inhaltliches und theologisches Profil der Schrift in der griechischen Bearbeitung und die Nachwirkungen. (3) Ein Dritter Teil klärt das Verhältnis von LXX und Neuem Testament.

Die einzelnen Kapitel wurden knapper auch schon in den Einleitungen zur LXX.D und LXX.E behandelt, aber seither sind gewichtige neue Untersuchungen ins Blickfeld getreten, etwa zu den Prophetenbüchern die von Cécile Dogniez, Natalio Marcos, Philippe Hugo, Jan Joosten. Insbesondere ist die Septuagintaforschung dadurch vorangekommen, dass gleich in mehreren nationalen, aber international vernetzten Wissenschaftsprojekten Forschung an der Septuaginta unternommen wird. Das hat auch zur Veränderung der Teams geführt, die in dem Handbuch zusammenarbeiten. So werden von den 49 Kapiteln noch etwa ein Drittel von den gleichen Bearbeitern wie in LXX.E vorgestellt, doch sind einige der neuen Forschungen aus dem englischen, französischen und spanischen Projekt auf Deutsch zusammengefasst zu lesen.[6]

Das Interesse an der LXX ist aus verschiedenen Gründen so bedeutsam geworden.

  1. Die Überlieferung des Ersten Testamentes. Hintergrund ist die Entdeckung, Herausgabe, Analyse und Bewertung der Schriften von Qumran im Bezug auf die Überlieferung des Ersten Testaments. Im Jerusalemer Museum findet man in dem Gebäude, dessen Dach wie der Deckel eines Tongefäßes aussieht, in denen man die Qumranrollen fand, im unteren Stock die sehr schöne hebräische Handschrift, die zuerst den ganzen hebräischen Text bietet. Das ist die Arbeit der Masoreten, die viele mehrdeutigen Wörter im Text dadurch festlegten, dass sie die Vokale durch Punkte festlegten. Das war lange Zeit die Grundlage für den Text der Hebräischen Bibel. Im gleichen Museum, ein Stockwerk höher ist die Jesaja-Rolle ausgestellt, die in Qumran gefunden wurde, über tausend Jahre älter als der bis dahin bekannte hebräische Text. Etwa gleichzeitig oder teils sogar früher haben Juden der Diaspora-Gemeinden den hebräischen Text ins Griechische übersetzt. Die griechischen Wörter, der Satzbau versucht das sehr verschiedene Hebräische zum Teil nachzuahmen, teils einen guten griechischen Satz zu schaffen. Die LXX ist also ein sehr wichtiger, aber eben auch komplexer Zeuge für den Text („die Überlieferung“) des Ersten Testaments im Hellenismus. Das ist im Buch schon sehr detailliert für die einzelnen biblischen Bücher dargestellt. Es soll aber noch ein Band zur Textgeschichte folgen.
  2. Zweitens ist das neue Interesse an der LXX davon motiviert, dass die verschiedenen Lebenswelten der Juden in Palästina, in Mesopotamien (Bagdad), in Syrien (Antiochien), in Ägypten (Alexandria), in der griechischen Welt (Ephesos, Aphrodisias, Korinth), in den römischen Städten (Rom) unterschiedliche Fragen interessierten und neue Texte hinzufügten. Einige sind Teil des Kanons geworden. Dazu gehören vor allem Texte der „Weisheit“, kluge Lebensregeln. Das kann man etwa im Buch Jesus Sirach finden (Frank Überschaer 437-455). Besonders aber, wie kann man jüdische Identität bewahren in einer fremden Umgebung, in der globalisierten Welt des Hellenismus? Das Buch Daniel erzählt über seinen Helden, wie er das geschafft hat: während ein Teil auf Hebräisch geschrieben ist, sind andere Teile auf Aramäisch, andere Teile nur auf Griechisch und davon wieder zwei verschiedene, verschieden denkende Versionen (Marco Settembrini 635-659). Diese Fragestellung der LXX-Forschung ist noch nicht dort angekommen, wo heute über Migration, Diaspora, Globalisierung geforscht wird.[7] Dabei ist eine Besonder­heit auffällig: Die LXX ist ein Beispiel dafür, dass in der antiken Globalisierung im Hellenismus und im Römischen Reich keine Kreolsprache belegt (d.h. die Mischung von Sprachen durch Verwendung vieler Begriffe und Wörter einer anderen Sprache in eine gesprochene Sprache: Beispiel das Jiddische), sondern „the Roman World produces no evidence of Creole languages, but abundant evidence of bilingualism and code-switching, and at all social levels.“[8] Jede Kultur hat also ihren Beitrag gegeben und sich nicht auf niedrigem Niveau der Sprache der neuen Herren bedienen müssen, sondern durch das Können zweier Sprachen ihre Kompetenz vergrößert. Und man kann in verschiedenen Situationen von einer in die andere Sprache wechseln (code-switching).

Drittens ist die LXX das Heilige Buch für die meisten Gemeinden, die sich dem frühen Christentum anschlossen. Ihr fügten sie nun ihrerseits neue Schriften hinzu, die das Erste Testament ergänzten, nicht verdrängten. Abgrenzung ist im NT noch nicht zu erkennen, aber nicht sehr lange danach, etwa bei Justin, Mitte des 2. Jh.s. Das frühe Christentum und seine Schriften sind lebendiger Teil der ‚Anverwand­lung‘, in den verschiedenen Lebenswelten ihre Identität ‚aushandeln‘ und gleichzeitig Teil der neu daraus entstehenden globalen Kultur.

Die Einführung stürzt sich zu schnell in Details. Davon wird vieles zu wiederholen sein in den folgenden Bänden. Für eine Einführung wäre eine weitere Perspektive nötig gewesen in den o.g. drei Perspektiven. Aus der antiken hellenistischen Welt kann man einiges lernen auch für den Diskurs über heutige Flüchtlings-, Parallelwelt- und Globalisierungs-Fragen.

 

Bremen, 22. Mai 2016                                                                     Christoph Auffarth

Religionswissenschaft

Universität Bremen

 

[1] Reinhard G. Kratz; Bernhard Neuschäfer (Hrsg.): Die Göttinger Septuaginta. Ein editorisches Jahrhundertprojekt. Berlin: de Gruyter 2013.

[2] Septuaginta Deutsch. Hrsg. von Wolfgang Kraus; Martin Karrer. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 2008, meine Rezensionen http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2009/06/30/septuaginta-deutsch-herausgegeben-von-wolfgang-kraus-und-martin-karrer/ Abkürzung: LXX.D

[3] Septuaginta Deutsch: Erläuterungen und Kommentare zum griechischen Alten Testament. Hrsg. von Martin Karrer und Wolfgang Kraus. 2 Bände, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 2011. Abgekürzt LXX.E. Meine Rezension: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2009/06/30/septuaginta-deutsch-herausgegeben-von-wolfgang-kraus-und-martin-karrer/

[4] Den Begriff (etwa Erich Zengers) verwende ich hier, weil er nicht die ‚Übertrumpfung‘ Neues statt Altes Testament ausdrückt, aber Hebräische Bibel passt hier nicht, weil die LXX griechische Texte enthält, die über die HB hinausgeht.

[5] Das erzählt der Aristeas-Brief. Bei Reclam zweisprachig übersetzt von Kai Brodersen 2008. Meine Rezension http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2009/06/30/aristeas-der-konig-und-die-bibel-von-kai-brodersen/ (30.9.2009).

[6] Commentary on the Septuagint der Society of Biblical Literature (etwa Robert Hiebert). Fernández Marcos vertritt die spanische la Biblia griega. Dogniez gehört zum französischen Projekt La bible d’Alexandrie.

[7] Der Begriff der “Diaspora” wurde lange als Wort für Entfremdung, Leben unter Fremdherrschaft, sich Arrangieren Müssen verstanden. Das ist aber schon für das Wort selbst falsch, das nicht Zerstreuung und Zersplitterung bedeutet (bzw. erst später so gedeutet wurde), sondern Ausstreuen, Samen für neue Pflanzen. Einer der ersten, der das in der Religionswissenschaft herausgearbeitet hat, ist Martin Baumann: Alte Götter in neuer Heimat. Religionswissenschaftliche Analyse zu Diaspora am Beispiel von Hindus auf Trinidad. Marburg: diagonal 2003.

[8] Andrew Wallace-Hadrill: Rome‘s Cultural Revolution. Cambridge 2008, 21. Kathy Ehrensperger: Paul at the crossroads of Cultures. London 2013. Wolfgang Stegemann; Ekkehard Stegemann: “Implizite Hybridität” der Jesusbewegungen und mediterraner “Bikulturalismus” des Paulus, in: Richard Faber; Achim Lichtenberger (Hrsg.): Ein pluriverses Universum. München: Fink 2015, 413-437.

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