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Alte Kirche und Mittelalter

Wolf-Dieter Hauschild
Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 1:

Alte Kirche und Mittelalter. 5., vollst√§ndig √ľberarbeitete Neuausgabe von Volker Henning Drecoll. – G√ľtersloh: G√ľtersloher Verlagshaus, 2016. [927 Seiten. ISBN 978-3-579-00560-7. 49,90 ‚ā¨]

 

Kirchengeschichte: Hauschilds Lehrbuch erneuert

Kurz: Ein bewährtes Lehrbuch aktualisiert, erweitert, und wieder mehr Begriffe.

Ausf√ľhrlich: Der M√ľnsteraner Kirchengeschichtler Wolf-Dieter Hauschild (1941-2010)[1] entwickelte ein Lehrbuch, 1995 erschien die erste Auflage. Bis dahin hatte man lange ein so umfassendes Lehrbuch gesucht, aber weiter das alte und bew√§hrte Kom¬≠pendium der Kirchengeschichte von Karl Heussi,[2] zuletzt 121960 bearbeitet, verwendet zur Examensvorbereitung, danach noch viele Nachdrucke 181991.[3] In seiner enzyklo¬≠p√§dischen Dichte und √úbersichtlichkeit wurde ‚Äöder Heussi‚Äė auch ohne den Zweck, sich aufs Examen vorzubereiten, als das protestantische Geschichtswerk gelesen. F√ľr die Dogmengeschichte blieb Adolf Harnacks Werk das erst umstrittene, dann kano¬≠ni¬≠sche Lehrbuch.[4] Neunzig Jahre nach dem Entwurf von Heussi war ein neues Lehr¬≠buch n√∂tig. Viele Fragestellungen und Akzente waren ver√§ndert oder neu hinzu gekommen. Hauschild entwarf ein Konzept, das vom wesentlich chro¬≠no¬≠logischen Vorgehen Heussis abwich. Aber die 600 Seiten geballte Information f√ľr das Examen zu lernen, forderte f√ľr die Examinanden ein enormes Ged√§chtnis, das dennoch kaum √ľber Namen, Daten, Begriffe, Buchtitel hinausging. WHD reduzierte die Begriffe und unterschied nun Grundwissen von Spezialwissen, das er in kleinerer Type drucken lie√ü. Er gab eine Einf√ľhrung zu jedem Paragraphen als eine Problem¬≠skizze, auf die dann der folgende Abschnitt die historischen L√∂sungen beschreibt. Die Einleitungen der zehn Paragraphen (von Band 1) enthalten eine chronologische Lerntafel und, das war WDH wichtig, die wichtigsten Quellen mit Hinweis auf deutsche Quellensamm¬≠lun¬≠gen und Handbuchliteratur. Einfache, nicht √ľberfrachtete schwarz-wei√üe Karten¬≠skizzen erleichtern den regionalen √úberblick. Was das Lehr¬≠buch aber ber√ľhmt mach¬≠te, sind die L√§ngsschnitte, in denen WDH ein Thema nicht nur f√ľr die Epoche behan¬≠delt, in der es erstmals angesprochen wird, sondern auch die Entwicklung in sp√§terer Zeit ins Auge nimmt. Beispielsweise decken die ersten vier Paragraphen alle die Chronologie ab von Christus bis Ende des vierten Jahrhun¬≠derts, bevor mit Augustin eine neue Epoche der Lehrentwicklung einsetzt. In L√§ngs¬≠schnitten bespricht WHD 1. Die Gotteslehre als Trinit√§tslehre, 2. die Entwicklung der Kirche als die christliche Vergemeinschaftungsform, 3. Das Verh√§ltnis zum r√∂mi¬≠schen Reich, 4. Der Zerfall der Kirchen-Einheit im christologischen Streit.

Der erste Band erscheint nun in f√ľnfter Auflage, die letzte Auflage von WDH ver¬≠antwortet 2011 hatte XVII, 716 Seiten (seit der zweiten Auflage; die erste Auflage umfasste XVII, 693 S.). Nach seinem Tod hat sein Sch√ľler Volker Henning Drecoll[5] ¬†das Buch √ľbernommen. Die fast 200 Seiten Umfang mehr zeigen an, dass das Buch erheblich √ľberarbeitet ist. Die Karten sind professioneller, aber weiterhin auf wenige Aussagen fokussiert. Wichtige Stichworte sind in Marginalien hervorgehoben. Die Unterschei¬≠dung von Grundwissen und Vertiefung sind √ľbernommen. Jetzt sind wieder weit mehr griechische/lateinische Begriffe in den Text gesetzt (mit Umschrift und deut¬≠scher √úbersetzung). Neben den chronologischen Tabellen sind neu die Fragen zur Lernkontrolle. Die Literatur nennt jetzt die grundlegenden Monographien (darunter auch englischsprachige), nicht mehr nur Lexikonartikel, dazu einen Lekt√ľretipp. VHD √ľbernimmt weitgehend die Besonderheiten der Konzeption des Lehrbuches, die Querschnitte, jetzt mit chrono¬≠logischen Verweisen. Die Darstellung spiegelt in beeindruckender Weise die Forschungsdebatten und neuen Perspektiven, etwa f√ľr Konstantin und seine Religion 259-274. Origenes gewidmet sind statt zwei jetzt f√ľnf Seiten; das entspricht und erkl√§rt inhaltsreich die Aufmerksamkeit, die Origenes in der Forschung genie√üt.[6] Andererseits: M√ľsste bei Markion nicht etwas zum Anti¬≠juda¬≠ismus (im 2. Jh. und bei Harnack 146-149) stehen? Die Bezeichnung der Ketzer /Katharer ist ein R√ľckgriff auf die antike Ausgrenzung von ‚ÄöH√§retikern‚Äė, schon ein Jahrhundert fr√ľher von den Bef√ľrwortern der Reform Gregors VII. eingef√ľhrt.[7] An Stelle der Dichotomie Ketzer/Orthodoxie sollte das Problem besser beschreibend als religi√∂se Bewegungen behandelt werden.[8] Da ich die Forschung zu den Kreuzz√ľgen (¬ß 9.8, S. 717-733) gut kenne, bespreche ich diesen Abschnitt noch etwas ausf√ľhrli¬≠cher: Die Eingrenzung auf die Orientkreuzz√ľge (‚Äědas Heilige Land zu befreien‚Äú 717) trifft die Bewegung nicht, auch bereits in ihren Anf√§ngen nicht; Spanien und Tunesien sind von Anfang an Ziel von Kreuzz√ľgen. Nicht nur die gerade islamisierten Seldschuken brachten den status quo durcheinander, sondern auch die gerade christianisierten Normannen. Die Frage der Gewalt ist von Anfang an umstrit¬≠ten.[9] Gut getroffen ist, welches B√ľndel von Ursachen es f√ľr Kreuzz√ľge gibt. Dass auch das Schisma eine Rolle spielt und somit die Kreuzz√ľge einen Vorteil f√ľr den franz√∂si¬≠schen Papst brachten, ist angedeutet. Vermieden ist die falsche Aussage von den Kriegen/Feld¬≠z√ľgen des Papstes. Die Bitte des byzantinischen Kaisers als akutem Anlass hat sich als eine F√§lschung erwiesen.[10] Die Darstellung ist an Ereignisges¬≠chichte orientiert, weniger an Kirchengeschichte, kaum an Religionsgeschichte.[11] ‚ÄěWirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Beweggr√ľnde kamen hinzu und f√ľhrten zu einer spezifischen Weltlichkeit des Christentums, wie sie im Bild der Kreuzritters beson¬≠ders kulminierte.‚Äú (717).[12] Das zeigen auch ‚Äď auch in den anderen Abschnitten ‚Äď die Literaturangaben. Methodisch w√§ren andere B√ľcher zu empfehlen, besonders das von Kristin Skottki.[13] Sie hat auch √ľberzeugend gezeigt, dass die Behauptung ‚ÄěIm Hinblick auf das Verh√§ltnis zwischen Christentum und Islam hinterlie√üen die Kreuzz√ľge im vorderen Orient das Bild eines grausamen und stark verweltlichten christlichen ‚ÄěAbendlandes‚Äú ‚Ķ‚Äú (729) eine ‚Äěinvention of tradition‚Äú darstellt:[14] Die angeblich ‚Äětief in das kulturelle Ged√§chtnis der Muslime ein(ge)grab(ene)‚Äú (721) Erinnerung beruht auf der Rezeption der aufkl√§rerischen Kirchenkritik europ√§ischer Autoren. Insgesamt w√§re mehr Religion und weniger Ereignisgeschichte w√ľnschens¬≠wert, ist aber auch kaum in der Forschung zu finden.[15]

Der Band stellt eine gro√üe Leistung dar. Die aktuelle Forschung ist durchwegs ein¬≠gearbeitet und damit ein ‚Äěvollst√§ndig √ľberarbeiteter‚Äú Text entstanden. Er erm√∂glicht einen tiefgehenden Einblick in die Kirchen- und Theologiegeschichte. Gro√üartig ist der lange Atem eines Einzelautors (statt in Lexikon-Artikeln je neue Perspektiven zu finden), der seine Perspektiven durchh√§lt. Hauschild hat das entworfen und ausgef√ľhrt, Drecoll hat das mit eigenen Akzenten und aus eigenen Forschungen neu gefasst. Eine gro√üe, lesenswerte und zum h√§ufigen Nachschlagen unverzichtbare Gesamtdarstellung.

 

Bremen, 21. März 2017                                                                   Christoph Auffarth

Religionswissenschaft

Bremen

[1] Im Folgenden abgek√ľrzt mit den Initialen WHD. Wie kaum ein anderer Kirchengeschichtler kannte er aus eigenen Forschungen Patristik, Reformation und NS-Zeit.

[2] Zur Person Karl Heussis (1877-1961), sp√§t 1924 zum Professor in Jena berufen: Peter Gemeinhardt: Karl Heussi, der Nationalsozialismus und das Jahr 1933, in: Zeitschrift f√ľr Theologie und Kirche 104 (2007), 287-319. Thomas Kaufmann: K.H., in RGG4 3(2000), 1718f.

[3] Erste Auflage T√ľbingen: Mohr 1909. (erste Lieferung 1907), xv, 620 Seiten. Die letzte von KH bearbeitete 12. Auflage umfasste XII, 570 S. 2004 in Korea auf Deutsch wiedergedruckt. Begleitet von einem Atlas zur Kirchengeschichte von K.H. und Hermann Mulert. ¬†66 Karten auf 12 Bl. T√ľbingen: Mohr 1906. Sowie Zeittafeln viii, 64 Seiten, 1917.

[4] Adolf Harnack [seit 1912 von Harnack]: Lehrbuch der Dogmengeschichte. 3 B√§nde, T√ľbingen: Mohr 1909. Nachdruck zuletzt Darmstadt: WBG 2015. Zuerst T√ľbingen: Mohr 1886-1890. Der Umfang schwoll von 1969 Seiten auf 2323 Seiten. Daneben ver√∂ffentlichte AH einen Grundri√ü mit 321 Seiten.

[5] Im Folgenden mit den Initialen abgek√ľrzt VHD. Drecoll ist Professor f√ľr √§ltere Kirchengeschichte an der Universit√§t T√ľbingen.

[6] Der Verweis auf die zweisprachige kommentierte Ausgabe von ŌÄőĶŌĀŠĹ∂ ŠľÄŌĀŌáŠŅ∂őĹ von G√∂rgemanns/Karpp sollte allerdings noch stehen bleiben.

[7] Auffarth, Die Ketzer 2005; ¬≥2016, 23. Damit ist ein Grund f√ľr einen ‚ÄöImport‚Äė aus dem griechisch-spra¬≠chi¬≠gen Bereich, aus dem Orient nicht mehr g√ľltig.

[8] Da­s unterscheidet mein Ketzer-Buch von beispielsweise Rottenwöhrer.

[9] Auffarth, Heilsame Gewalt? Darstellung, Notwendigkeit und Kritik an Gewalt in den Kreuzz√ľgen. In: Manuel Braun; Cornelia Herberichs (Hg.): Gewalt im Mittelalter. Realit√§ten – Imaginationen. M√ľn¬≠chen: Fink 2005, 251-272 (zum Streit zwischen Bernhard und Petrus Venerabilis um sakrale Legitima¬≠tion von Gewalt). Die Legitimation als ‚ÄěGerechter‚Äú Krieg ist √§lter, die Sakralisierung j√ľnger. Noch immer ist Carl Erdmanns Buch Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens, 1935 (nicht genannt) metho¬≠disch vorbildlich.¬†¬†

[10] Peter Schreiner: Der Brief des Alexios I. Komnenos an de Grafen Robert von Flandern und das Problem gefälschter Kaiserschreiben in den westlichen Quellen, in: Documenti medievali greci e latini. ed. Giuseppe de Gregorio; Otto Kresten. Spoleto 1998, 111-140.

[11] Eine Aussage wie die ‚ÄěWeltlichkeit‚Äú geht an den Erkenntnissen einer Europ√§ischen Religions¬≠geschichte vorbei, die solche Trennung s√§kular vs. Sakral/spirituell/fromm etc. gerade unterl√§sst. Dazu meine Beschrei¬≠bung der pr√§sentischen Eschatologie (nicht: Apokalyptik) der Kreuzfahrer Auffarth: Mittelalterliche Eschatologie. Diss. Groningen 1996. √ľberarbeitet als: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem und Fegefeuer in religionswissenschaftlicher Perspektive. (Ver√∂ffentlichungen des Max-Planck-Instituts f√ľr Geschichte 144), G√∂ttingen 2002.

[12] Das Bild des Makkab√§er-Ideals als Vorbild f√ľr Laien-Reiterk√§mpfer und M√§rtyrer Auffarth, Irdische Wege 2002, 123-150: eine neue Fr√∂mmigkeit der Ritter, nicht Weltlichkeit!

[13] Kristin Skottki: Christen, Muslime und der Erste Kreuzzug. Die Macht der Beschreibung in der mittelalter¬≠lichen und modernen Historiographie. M√ľnster: Waxmann 2015. Meine Rezension: Kulturkontakt ‚Äď Kulturkonstrukte: In den Chroniken gedeutete Erfahrung auf den Kreuzz√ľgen., in: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2016/09/17/christen-muslime-und-der-erste-kreuzzug/ (17. September 2016).

[14] Dieses wichtige Argument gegen ‚ÄěKontinuit√§t‚Äú und Jahrhunderte √ľberdauernde ‚ÄěErinnerung‚Äú haben Eric Hobsbawm u.a. f√ľr die Erfindung der britischen Monarchie nach Napoleon herausgestellt, so David Cannadine (dt. Berlin: Wagenbach 1994).

[15] Ans√§tze f√ľr eine andere, die Religion betonende Geschichtserz√§hlung sind vorhanden, etwa bei Peter Dinzelbacher (Mentalit√§tsgeschichte), Otto Gerhard Oexle (Memoria), Gerd Althoff (Rituale) Johannes Fried (Erinnerungsgeschichte), Karl Bertau (Schrift), Arnold Angenendt (Religiosit√§t) oder die Europ√§ische Religionsgeschichte (Auffarth).

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