Gailus/Vollnhals – Artgemäßes Christentum der Tat

Manfred Gailus; Clemens Vollnhals (Hrsg.):
Für ein artgemäßes Christentum der Tat: Völkische Theologen im “Dritten Reich”. (Hannah-Arendt-Institut: Berichte und Studien 71)
Göttingen: V&R unipress 2016.

Oliver Arnhold; Hartmut Lenhard: Kirche ohne Juden. Christlicher Antisemitismus 1933 – 1945.
Themenheft für den evangelischen Religionsunterricht in der Oberstufe.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015 ISBN 978-3-525-77687-2

Völkische Theologen: Biographien von radikalen Verfechtern eines germanisch-deutschen und antisemitischen Christentums

 

Nach dem Band Täter und Komplizen,[1] der die Vorträge einer öffentlichen Vorle­sungsreihe am Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors als Buch präsentierte,[2] erweitert der vorliegende Band die Kenntnis des Verhaltens von Theo­logen in der NS-Zeit um weitere Biographien. Zur Tagung in Dresden am Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschung hatten die Herausgeber Wissenschaft­ler eingeladen, die sich schon mit den jeweiligen Biographien beschäftigt hatten. Es sind aber keine Kurzfassungen entstanden, sondern alle haben noch einmal Archiv­material gesucht und so aktuell Forschung betrieben. So hat Heinrich Assel den Briefwechsel von Emanuel Hirsch (vor allem mit Willy Stapel) durchgearbeitet, bevor die Familie das Verbot aussprach, er dürfe nicht daraus zitieren und die Briefe wieder wegschloss. Assel hat seine Arbeit so gestaltet, dass er nahe am Wortlaut nun die Briefe paraphrasiert. Damit ist die Tätigkeit dieses ebenso intellektuellen Vorden­kers einer Theologie des Nationalsozialismus wie des intriganten Organisators eines Netzwerks, um Lehrstühle mit Gesinnungsgenossen zu besetzen, noch deutlicher geworden.[3] Sein Gesprächspartner, mit dem er fast täglich Briefe wechselte, Willy Stapel, wird von Clemens Vollnhals, 97-118 vorgestellt. Stefan Dietzel berichtet von Reinhold Seeberg, der in Berlin wortmächtig für die theologische Begründung des NS warb.[4] Ebenso bietet Tanja Hetzer eine scharfe Analyse zu Paul Althaus, über den in den letzten Jahren viel geforscht wurde,[5]  als „Wegbereiter einer geistlichen Gleichschaltung“, 69-96. – Eine ‚Deutsche Kirche mit arteigener Frömmigkeit‘ organi­sierte Gerhard Meyer, über den  Hansjörg Buss berichtet, 119-134. Die Speerspitze der völkischen Theologie und ihre Durchsetzung in der Kirche wollten sein und kompromisslos trieben voran die Thüringer: die Kirchenbewegung Deutsche Christen.[6] Zum Landesbischof der Thüringer Kirche machten sie Martin Sasse, der vor allem die Vikare erpresste. Über sein Wirken Gerhard Lindemann, 151-170.  Ulrich Peter verfolgt die Karriere von Walther Schultz und Heinrich Schwartze auch über das Ende der NS-Zeit hinaus, 171-188. Den – unmöglichen – Versuch, das Christentum aus seinen jüdischen Wurzeln zu lösen, unternahm das Entjudungs­institut, das vor allem Johannes Leipoldt (zu ihm Dirk Schuster, 189-202), Walter Grundmann (Oliver Arnhold, 203-218) und Wolf Meyer-Erlach (André Postert 203-218) aufbauten. Weitere Biographien von weniger prominenten, aber nicht weniger tatkräftigen völkischen Theologen (Stephan Linck zu Ernst Szymanowski Biberstein aus Schleswig-Holstein, 239-260. Dagmar Pöpping ging der Karriere des Hermann Wolfgang Beyer zum Kriegspfarrer nach, 261-278. Isabella Bozsa zu Eugen Mattiat, der ohne Promotion und Habilitation zum Professor aufstieg, 279-298.  Manfred Gailus zu Pfarrer Walter Hoff und den Berliner DC, 299-317).

Hier sind wichtige Forschungsarbeiten präsentiert zu Theologen-Karrieren, die ohne den Ausnahmezustand nicht möglich gewesen wären, den formal legalen, aber viel­fach erpresst, vielfach schweigend hingenommenen Zustand der Aussetzung von Verfahren, Kompetenz­erwerb, Prüfungskommissionen, Kontrolle. Gerade die Kirchen waren ja in der Theo­logenausbildung ein Modellfall für hohe Kontrolle und Bindung an die Tradition der Bibel und der Bekenntnisschriften. „Ein artgemäßes Christentum der Tat“ kann etwas davon erklären, wie einerseits Juden als Feinde und Reste des Judentums im germanisch-deutschen Christentum beseitigt werden müssten, also auch „die Brüder und Schwestern“, deren Eltern oder sie selbst durch die Taufe zu Christen sich ent­schieden hatten. Und andererseits der Stoß gegen das theologische Studium mit seinem hohen intellektuellen Anspruch und Qualitätskon­trolle, das jetzt diffamiert wurde, einem „Christen­tum der Tat“ im Wege zu stehen. Wie weit reichte dieser Traditionsbruch, wie konnte man nach dem ‚erweiterten Selbstmord‘ des National­sozialismus zum alten Verfahren zurückkehren, als sei nichts geschehen? Dazu gibt es in dem Band sehr gute Beispiele. Wie repräsentativ sie (vor allem Thüringer und Berliner Beispiele) für die protestantische Christenheit waren, und wie der Kirchen­kampf vor allem die Situation innerhalb der Kirche beschreibt, kaum aber als Kampf gegen die NS-Organisation und den NS-Staat sich positionierte, das müssen andere Beschreibungen als Rahmen ergänzen.[7] Dazu haben die Herausgeber selbst grundlegende historische Untersuchungen geleistet: Manfred Gailus mit seiner Sozialgeschichte der protestantischen Kirchen in Berlin,[8] den wenigen, die wirklich Widerspruch erhoben, denen er ein Gesicht und Biographie gibt: Elisabeth Schmitz[9] und Friedrich Weißler.[10] Clemens Volln­hals, der vor allem die Entnazifizierungsakten nicht nur einzelner, sondern in ihrer Gesamtheit erforscht hat.[11] Die Perspektive der Biographien ist wichtig, wenn sie – wie hier – in den sozi­alen und institutionellen Zusammenhang gestellt werden. Eine Religionsgeschichte der NS-Zeit bleibt noch zu erarbeiten, die die kirchliche, kultur­protes­tantische Religion, den in Ansätzen kulturkatholisch-deutschen Katholizismus und die völkischen Religionsgründungen im Zusammen­hang und Konflikt mit Kirchenkritik, aber eher selten Religionskritik des NS einor­d­nen.[12] Erst dann kann man den Schwer­punkt dieses Bandes auf die völkisch-prote­stantischen Theologen verstehen.
Das Themenheft als Schulbuch für eine Unterrichtseinheit zum Antisemitismus im protestantischen Deutschland fängt mit einem provokativen Bild den Blick ein: Der am Kreuz hingerichtete Gott der Christen trägt den Judenstern. Die Texte enthalten Stellungnahmen von Deutschen Christen, mehr von Bekennender Kirche und zwei von Marga Meusel, Katharina Staritz und Elisabeth Schmitz. Alle stark gekürzt, mit kurzer Einordnung, worauf sie reagieren und wie sie wirkten. Zeilenzähler. Für die Schuldbekenntnisse stehen Stuttgart 1945, erst Weißensee 1950 nimmt die Schuld gegenüber den Juden und Christen aus jüdischen Familien an, Rheinischer Synodal­beschluss 1980. Fünf Seiten Arbeitsanregungen.

19. Mai 2017                                                                Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,    Universität Bremen
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[1] Manfred Gailus (Hrsg.): Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933 – 1945. Göttingen: Wallstein 2015.

[2] Reinhard Rürup: Die „Topographie des Terrors“, in: R.R.: Der lange Schatten des NS. Göttingen: Wallstein 2014, 151-175.

[3] Seit 1998 erscheint eine umfassende Werkausgabe Hirschs geplant in 48 Bänden, hrsg. Hans Martin Müller. Darunter seine Studien, mit denen er Kierkegaard in Deutschland bekannt machte. Aber auch seine Bücher über das Wesen des Christentums, zum Alten Testament, alles soll wieder gedruckt werden: http://www.theologische-buchhandlung.de/emanuel-hirsch.htm (11.5.2017). Aber auch hier stockt das Erscheinen, weil die Familie den Nachlass nicht zugänglich macht. Hirschs Fragen wieder aufzunehmen fordert auf Notger Slenczka: Der Tod Gottes und das Leben des Menschen: Glaubensbe­kenntnis und Lebensvollzug. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003.

[4] Zum Vater und der Familie Seeberg im Täter-Band Thomas Kaufmann 2015,  216-243. Ausführlicher Evangelische Kirchenhistoriker im Dritten Reich, hrsg. von Harry Oehlke; T.K. Gütersloh: GVH 2002, 122-272. Und Friedrich Wilhelm Graf: E.S. in: Der heilige Zeitgeist. Tübingen: Mohr Siebeck 2011, 211-263.

[5] Zu zwei Monographien s. Auffarth: [Rez] André Fischer: Zwischen Zeugnis und Zeitgeist: Die politische Theologie von Paul Althaus in der Weimarer Republik. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2013/09/03/zwischen-zeugnis-und-zeitgeist/ (3.9.2013) – Gotthard Jasper: Paul Althaus 2013. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2013/11/03/jasper-paul-althaus-1888-1966/ (3.11.2013).

[6] In zwei Bänden hat Oliver Arnhold erst die Thüringer Deutschen Christen erforscht, um dann das Eisenacher ‚Entjudungsinstitut‘ von Walter Grundmann, 1939 auf der Wartburg gegründet als Vollen­dung der Reformation, erklären zu können. Dazu [Rez] “Entjudung” – Kirche im Abgrund. Von Oliver Arnhold http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2011/08/04/entjudung-kirche-im-abgrund-von-oliver-arnhold/ (4.8.2011).

 

[7] Den Begriff „Kirchenkampf“ als Institution des Widerstandes gegen den NS hat Joachim Mehl­hau­sen entfernt aus der großen, 36-bändigen Theologische Realenzyklopädie TRE 18 (1989) 599 und dafür das Stichwort „Nationalsozialismus und Kirchen“ TRE 24(194), 43-78 eingeführt. Ebenso verweist Religion in Geschichte und Gegenwart4 4(2001), 1206 auf RGG4 6(2003), 79-95 (Friedrich Wilhelm Graf u.a.). Zu Formen und Stufen des Widerstands/Kollaboration s. Olaf Blaschke mit der Rezension Auffarth: Ein Historiker revidiert die Apologie der katholischen Kirche über ihr Verhalten im Nationalsozialismus. Olaf Blaschke: Die Kirchen und der Nationalsozialismus 2014. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2014/11/19/die-kirchen-und-der-nationalsozialismus/ (19.11.2014).

[8] Manfred Gailus: Protestantismus und Nationalsozialismus: Studien zur nationalsozialistischen Durchdringung des protestantischen Sozialmilieus in Berlin. Köln: Böhlau 2001.

[9] Manfred Gailus: Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz. Göttingen: Van­den­­hoeck & Ruprecht, 2010. Gailus/Vollnhals (Hrsg.): Mit Herz und Verstand. Protestantische Frauen im Widerstand gegen die NS-Rassenpolitik. Göttingen: V & R Unipress, 2013.

[10] Manfred Gailus: Friedrich Weißler. Ein Jurist und bekennender Christ im Widerstand gegen Hitler. Göttin­gen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017.

[11] Beginnend mit Vollnhals: Evangelische Kirche und Entnazifizierung 1945–1949. Die Last der national­sozialistischen Vergangenheit. (Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 36), München: Oldenbourg 1989.

[12] Dem kommt nahe Manfred Gailus und Armin Nolzen (Hrsg.): Zerstrittene “Volksgemeinschaft”. Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011. Christoph Auffarth: Drittes Reich. In: Handbuch Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts im deutsch­sprachi­­gen Raum, hrsg. von Lucian Hölscher, Volkhard Krech. (Handbuch der Religionsgeschichte im deutschsprachigen Raum, hrsg. von Peter Dinzelbacher, Band 6/1) Paderborn: Schöningh 2015, 113-134; 435-449; Farbtafel I nach S. 320; Literaturverzeichnis 542-553.

 

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