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Das Freiburger Münster und seine Juden

Nicht nur Feindschaft und Vorwürfe:
Bilder von Juden in einer mittelalterlichen Kirche

 

Michael Bachmann: Das Freiburger Münster und seine Juden. Historische, ikonographische und hermeneutische Beobachtungen.

Regensburg: Schnell + Steiner 2017. [224 Seiten, 90 Farb- und 29 s/w-Abbildungen, Hardcover, fadengeheftet. ISBN 978-3-7954-3262-1. – € 49,95

Kurz: Hier sind einmal alle Darstellungen von Jüdinnen und Juden in der einen Kirche, dem Freiburger Münster, interpretiert. Sie sind nicht alle feindlich und bösartig.

Ausführlich: Ein spannendes und sehr reichhaltiges Buch. Wie Juden in der mittelalterlichen Kunst dar­gestellt wurden, ist in vielen Büchern schon untersucht worden. Aber es sind entweder Überblicke[1] oder zu einzelnen Bildmotiven.[2] Der vorliegende Band untersucht sämtliche Darstellungen an einem Gebäude, dem Freiburger Münster.[3] (Wo sie sich jeweils am Gebäude befinden, ist sehr übersichtlich in den drei Plänen Grundriss, Aufriss, Portal auf S. 220-222 aufzufinden) Und es stellt sich heraus: Es gibt beides. Nicht nur die verunglimp­fen­den, feindlich eingestellten Judenbilder, sondern auch positive.[4] Das erklärt Michael Bach­mann[5] an dem Pauluspfeiler parallel zum Petruspfeiler (146-156). Unter diesem als Träger der Säule ist eine Äffin dargestellt mit zwei Kindern, das eine trinkt, das andere wendet sich ab. Die Äffin trägt einen Judenhut (148). Die Deutung ist ganz umstritten; Bachmanns „nicht unan­tastbare“ Lösung ist, dass das Heidentum an die Stelle des Judentums getreten ist, das nicht mehr an der Mutterbrust trinken will. Die Paulus-Säule trägt ein Mann mit einer Art Kapuze (Gugel), wie sie die Freiburger Juden tragen mussten (152). Wenn der vom Saulus zum Paulus bekehrte Apostel auf einem Juden steht, dann wohl in dem Sinne, dass er sein altes, jüdisches Leben unter sich gelassen hat (156).

Oder ein anderes Beispiel sind die Darstellungen der Geburtsszenen. Josef sitzt etwas mit der Situation fremdelnd, mit dem Judenhut, unbeteiligt vor sich hin starrend. Und die bei­den Ochs und Esel, die im Neuen Testament nicht genannt sind, aber aus einem Propheten­zitat hinein’kopiert‘ werden: Der Esel steht für die unreinen Tiere, metaphorisch für die anderen Völker. Der Ochs dagegen steht für die reinen, also für Israel. Der Esel erkennt sofort den Heiland der Welt, der Ochs verkennt ihn; im Bild schaut er oft weg.[6] Bachmann macht deutlich, dass man die Szene nicht scharf dualistisch komponiert sehen muss. – Ebenso sind die zwei Darstellungen der Ecclesia (Kirche) und Synagoga nicht einlinig: im einen Beispiel in der Vorhalle ist die Synagoga zwar mit verbundenen Augen dargestellt, die aber doch auch das Hoffen und Erwarten des Erlösers vertritt (122f). Dagegen ist scharf abwertend die Darstel­lung des gegnerischen Paars Synagoga-Ecclesia im Tucher-Fenster (138-140), kurz vor der Judenverbrennung von 1349.

Herausragend gut sind die Abbildungen (die wenigen älteren zeigen den enormen Quali­tätsunter­schied). Die Darstellung ist gerahmt von einem Zitat aus dem Leben eines Frei­burger Juden vor der Schoa und der Wendung der Einstellung der Christen zu Juden nach der Schoa (hier wieder Holo­caust genannt; gut erklärt 181) und der Verbrennung von Juden, als die Pest 1349 die Stadt Freiburg traf. Das war in der Zeit, als einige Statuen außen am Münster gerade in Auftrag gegeben wurden oder gerade erst angebracht waren. Ein Fenster, zehn oder zwanzig Jahre zuvor eingesetzt, zeigt die Verbrennung von Menschen in der Spätantike (Abb. 104). Schließlich überlegt Bachmann, wie man mit verunglimpfenden Bildern umgehen soll, wie etwa der ‚Judensau‘ an der Wittenberger Stadtkirche.

Alles ist gut dokumentiert, nicht nur (aber vor allem) bei den Bibelstellen, Vergleichsbilder hat Bachmann herangezogen, wie gesagt ist der Text exzellent bebildert. Die Interpretation, dass es auch viele Bilder von Jüdinnen und Juden gibt, die positiv und vorbildlich dargestellt sind, ist eine wichtige Erkenntnis. Und wird weiter zu diskutieren sein. Das Buch ist ein wertvoller Beitrag.

 

2.Mai 2018                                                                                     Christoph Auffarth

Religionswissenschaft

Universität Bremen

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[1] So Die Juden in der Kunst Europas. Ein historischer Bildatlas. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1996, den Heinz Schreckenberg zusammengestellt hat, ergänzend zu seinem dreibändigen Handbuch der Adversus-Iudaeos-Texte. Frankfurt am Main: Lang 1982, 1988, 1994 (mit Neuauflagen). Dem Überblick fehlt jede kunsthistorische Expertise. Ders.: Christliche Adversus-Judaeos-Bilder. Das Alte und Neue Testament im Spiegel der christlichen Kunst. Frankfurt am Main: Lang 1999.

[2] Eine sehr gute Sammlung und Erklärung Stefan Rohrbacher; Michael Schmidt: Judenbilder. Kultur­geschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Reinbek: Rowohlts Enzyklopädie 1991.

[3] Zum Freiburger Münster gibt es ein wunderbares Buch, das in mittelalterliche Kirchen einführt, weit über den lokalen Fall hinaus: Konrad Kunze: Himmel in Stein. Das Freiburger Münster. Vom Sinn mittel­alterlicher Kirchen.  Freiburg: Herder 1980. 142014. Die wissenschaftlichen Standardwerke sind für die Erklärung durchgehend zugrunde gelegt.

[4] Zu der Furcht vor den Juden als Motiv der Judenfeindschaft Peter Schäfer: Judaeophobia 1997. Deutsche Übersetzung ist auf dieser Seite rezensiert: Peter Schäfer: Judenhaß und Judenfurcht. Die Entstehung des Antisemitismus in der Antike. 2010, in: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2010/06/11/judenhas-und-judenfurcht-von-peter-schafer/ 30.3.2010  

[5] Prof. Dr. Michael Bachmann, geb. 1946; ist evangelischer Theologe und war als Professor für Neues Testament/Judaistik in Freiburg und Siegen tätig. Im Folgenden mit den Initialen abgekürzt MB. Er ist einer der führenden deutschen Theologen, die die Rede von den „Werken des Gesetzes“ nicht einfach als jüdische Fehlinterpretation gegen das evangelische „Allein aus Gnaden“ ausspielen (186).

[6] Zu dieser Interpretation s. Christoph Auffarth: ”Euch ist heute der Heiland geboren!” – Wie aus dem jüdischen ”Sohn Gottes” lateinisch Gottes Baby wurde. in: Der Altsprachliche Unterricht 41/6(1998), 50-64.

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