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Opfer

Svenja Goltermann: Opfer. Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne.

Frankfurt am Main 2017: S. Fischer 2017.
333 S. € 23,00
ISBN 978-3-10-397225-2

 

Eine Geschichte der Anerkennung von ‚Opfern‘ der Gewalt
vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

 

Kurz: Eine Untersuchung zum Kampf um Anerkennung von ‚Opfer‘ von Kriegen und Gewalt, von der Witwenrente bis zur posttraumatischen Belastungsstörung. Die religiöse Seite fehlt.

AusfĂŒhrlich: Unter dem Begriff des ‚Opfers‘ wurde und wird seit der Französischen Revolu­tion diskutiert, welche FĂŒrsorgepflicht Staaten und die Staatengemeinschaft, die sich auf ein Kriegsvölkerrecht einigt, fĂŒr Menschen verpflichtet sind, die von Gewalt betroffen sind. Nicht die Toten, die man mit DenkmĂ€lern, Friedhöfen, postumen Orden ehrt oder den Opfern der Schoa (Holocaust) mit BĂŒchern ihrer Namen oder Stolpersteinen.[1] Sondern die Überlebenden, die Zeit ihres Lebens jetzt mit einer BeeintrĂ€chtigung leben mĂŒssen. Sind es nur die Soldaten in Uniform? Die Witwen und Waisen? Die im Bombenkrieg ausgebombten Zivilisten? Die Familien der bei den Massakern im Jugoslawienkrieg Getöteten? Seit wann gibt es die Anerkennung einer nicht-körperlichen BeeintrĂ€chtigung, etwa der Posttrauma­tischen Belastungsstörung? Aber ist das Opfer immer unschuldig?[2] Auf der Grundlage von prĂ€zisen internationalen Forsch­un­gen gibt Svenja Goldermann, Professo­rin fĂŒr Geschichte der Neuzeit an der UniversitĂ€t ZĂŒrich, eine Geschichte dieser Fragen in einem gut argu­mentierten roten Faden.[3] Viel Information mit vielen Daten und Zahlen, alle in den Endnoten belegt, aber auch immer wieder gut erzĂ€hlte Beispiele.

In vier Kapiteln baut SG die Fragestellung auf. Sie beginnt damit, dass der Krieg seine Form völlig verĂ€nderte, als die Wehrpflicht jedes BĂŒrgers der Französischen Nation eingefĂŒhrt wurde. Bei den in den Zeiten davor angeheuerten Söldnerheeren hatten die Könige und Grafen dem HeerfĂŒhrer eine Summe fĂŒr den Feldzug gegeben. Im BĂŒrgerheer dagegen begann nun das „Erfassen, Dokumentieren, Identifizieren 1800-1914“ (27-80). Kataloge der Menschen, die zum MilitĂ€rdienst verpflichtet wurden, die getötet und – viel hĂ€ufiger der Fall – an Krankheiten, Auszehrung starben und die vermisst wurden. Erst galt FĂŒrsorgepflicht nur fĂŒr die in der Schlacht Gefallenen, dann die Kriegsversehrten, dann deren Angehörige. Das zweite Kapitel beschreibt eine gegenlĂ€ufige Tendenz, „Die Zivilisierung des Krieges 1864-1977 – durch völkerrechtliche Bestrebungen“ (81-136). Die Schlacht von Solferino 1859 brachte einen Helden hervor. Mit der Schweizer Fahne, Zeichen der NeutralitĂ€t, allerdings die Farben genau umgekehrt schuf Henry Dunant mit dem Roten Kreuz einen Namen fĂŒr Samariter, selbstlos fĂŒr die Verwundeten gleich welcher Nation sich einsetzender sorgender Menschen. Auch in der Haager Kriegsrechtsordnung ging es aber noch nur um die regulĂ€ren Soldaten. Andere, nicht von Staaten Beauftragte wurden als Banditen, Guerillas, Partisanen geĂ€chtet; fĂŒr den Tod eines Soldaten ‚aus dem Hinterhalt‘ ist es Recht zehn Zivilisten zu töten. ‚Die neuen Kriege‘, der ‚totale Krieg‘ haben diese alte Definition von Schlachtfeld, KriegserklĂ€rung, Kriegsrecht durcheinander gebracht.[4] – Im Kapitel 3 „GeschĂ€digte Körper und der Kampf um Anerkennung 1914-1945“ (137-170) beschreibt SG die Forschungen der Me­di­ziner und Ballistiker, wie ein Geschoss oder eine Bombe möglichst glatte Wunden erzeugt, um die Getroffenen wegen der schwierigen Wunderversorgung spĂ€ter noch sterben zu sehen, eine andere Humanisierung des Krieges. Ausnahme fĂŒr die Verwendung der sog. Dum-Dum-Geschosse waren allerdings die Kriege in den Kolonien, da die ‚Wilden‘ sich von sauberen DurchschĂŒssen nicht von ihrer Kriegswut abhalten ließen. Und man mĂŒsste jetzt hinzufĂŒgen, wie in Syrien genau die inhumansten Waffen gegen das eigene Volk eingesetzt werden von einem Diktator, der Medizin studiert hat. Das vierte Kapitel „Trauma und Moral“ (171-234) beschĂ€ftigt sich mit der Viktimologie (wie wird ein Mensch zum Opfer?), wo zunĂ€chst in der Kriminologie dem Opfer grundsĂ€tzlich eine eigene Schuld zugeschrieben wurde. Erst allmĂ€hlich setzten sich dann Opferrechte durch. In der Aufarbeitung der Schoa setzt sich dann der Begriff des Traumas durch. Auch nach der Beendigung der Deportati­onen bleibt die Angst. Aber kann diese Definition noch fĂŒr eine klare Abgrenzung fĂŒr die Anerkennung von Opfern herhalten? Die Fragestellung von Flucht, Trauma, Anerkennung hat Friederike Repnik in einer großartigen Felduntersuchung und religionswissenschaft­licher Begriffsbildung fĂŒr Kolumbien erforscht.[5]

Ein Kriegsversehrter schrieb in einer Zeitschrift 1933 an gleichfalls Betroffene: „UrsprĂŒnglich war es doch so, dass wir im Kriege unsere schweren Soldaten-Opfer brachten fĂŒr das Volk. Ein Bein, eine Hand, ein Auge oder unsere Gesundheit. Wir haben geopfert fĂŒr das Vater­land. Wir selber haben es getan. Nachher sagte man anderes: Wir seien arme, bedauerns­werte Opfer des Krieges geworden. Wir waren nicht mehr die Opferer, sondern das Opfer.“ Das zitiert SG (167). Darin steckt die Religionsgeschichte der religiösen Deutung des Opfers im Christentums (also nach dem Ende des Opferrituals, nicht die Deutung der Bibel!), die auch fĂŒr die Geschichtswissenschaft von grundlegender Bedeutung ist. Es geht dabei nicht um die entbehrliche Vorgeschichte, sondern als Religionswissenschaftler erwartet man, dass die Tradition, die Metapher, die religiöse Seite des Opfers fĂŒr die Opfer eine starke Motiva­tion bildet fĂŒr ihre Bereitschaft, im Dienste einer höheren Macht (Gott, das Volk, die Nation, der FĂŒhrer) ihr Leben zu riskieren. Hintergrund ist die christliche (Um-)Deutung des Todes Jesu am Kreuz von der grauenvollen Hinrich­tung zum erlösenden und stellvertre­tenden Opfer, die Ambivalenz von aktivem und passivem Opfer.[6]

Mag das auch eine LĂŒcke bleiben, dieses gut argumentierte und weltweite Forschung lesbar zusammenfassende Buch öffnet die Augen fĂŒr eine wichtige Diskussion in unserer an Gewalt nicht Ă€rmer gewordenen Welt mit (vermeintlichen) Lösungen, die in einer globali­sier­ten Welt stĂ€ndig weiter entwickelt werden mĂŒssen angesichts widerstreitender Normen, wandelnder Gewaltlegitimation und perfider Praktiken.

  1. Juli 2018 Christoph Auffarth

Religionswissenschaft

UniversitÀt Bremen

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[1] Um fĂŒr die Ermordung von 6 Millionen Juden eine Sprache zu finden, die nicht in eine „Gott ist tot“ Verzweiflung fĂŒhren mĂŒsse, schlug Eli Wiesel vor, einen biblischen Begriff des Opfers zu wĂ€hlen: Holokaust. Anders als andere Opfer, von denen die Menschen ein Festmahl bekommen, werden da die Lebewesen „ganz verbrannt“ werden und der Rauch steigt auf zu Gott. Aus den Schornsteinen von Auschwitz direkt zu Gott. Nach heftiger Diskussion (sind die SS-Leute dann Priester? etc.) einigte sich die jĂŒdische Gemeinschaft auf den Begriff Shoa „Katastrophe“, jetzt aber mit dem bestimmten Artikel (ha-shoa) auf die Katastrophe schlechthin. Zum Kontext s. Christoph Auffarth: Christliche Fest­kultur und kulturelle IdentitĂ€t im Wandel: Der Judensonntag. In: Benedikt Kranemann; Thomas Sternberg (Hrsg): Christliches Fest und kulturelle IdentitĂ€t Europas. MĂŒnster: Aschendorff 2012, 30-47.

[2] Wie sich TĂ€ter zu Opfern stilisieren, haben Ulrike Jureit und Christian Schneider fĂŒr die NS-Zeit untersucht: GefĂŒhlte Opfer: Illusionen der VergangenheitsbewĂ€ltigung. Stuttgart: Klett-Cotta 2010.

[3] Svenja Goldermann ist Professorin an der UniversitĂ€t ZĂŒrich fĂŒr Geschichte der Neuzeit. Das Buch schließt an an ihr frĂŒheres Buch Die Gesellschaft der Überlebenden. Ihren Namen kĂŒrze ich mit den Initialen SG ab.

[4] Herfried MĂŒnkler: Die neuen Kriege. Reinbek: Rowohlt 2002. 52015. Engl. Oxford: Polity 2005.

[5] Friederike Repnik: Gewalt, Trauma und Religion in Kolumbien. Perspektiven von Konfliktopfern und vertriebenen Menschen. (Studien zu Friedensethik 62) Baden-Baden: Nomos 2018.

[6] Dazu eine Skizze Christoph Auffarth: Religion nach dem Opfer: Stolperstein der EuropÀischen Religionsgeschichte. In: Berliner Theologische Zeitschrift 2016 [Themenheft: Opfer], 39-54.

 

 

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