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Die Architektur der Normannen

Oliver Becker: Die Architektur der Normannen in Süditalien im 11. Jahrhundert: Kontinuität und Innovation als visuelle Strategien der Legitimation von Herrschaft.

(Studien zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit 17) Affalterbach: Didymos-Verlag [2018].

436 Seiten, 96 nicht gezählte Seiten mit Illustrationen, Karten, Pläne.
ISBN 978-3-939020-17-2.


Die wilden Männer werden Christen

 

Kurz: Das Buch macht die süditalienische Kirchenarchitektur aus jahrelanger Forschung zugänglich, Grundlagenarbeit und spannende Thesen.

Ausführlich: Nachdem die wilden ‚Männer aus dem Norden‘ als Wikinger Jahrhunderte lang die Menschen im Westen Europas in Angst und Schrecken gesetzt hatten, indem sie in jedem Frühjahr mit ihren Schiffen die Flüsse hinaufgefahren waren und alles plünderten, nicht zuletzt die unbewaffneten Klöster, ändert sich das nach der Jahrtausendwende: Vor allem in der Normandie, in Großbritannien (Schlacht von Hastings 1066) und in Süditalien/ Sizilien gründen sie nun Königreiche, nehmen das Christentum an, erobern mit dem Fähn­lein Petri, also im Namen des Papstes, das Land, das teils von Muslimen beherrscht war. Das gehört in die Vorgeschi­ch­te der Kreuzzüge, an denen sich die Normannen dann tatkräftig beteiligten (Bohemund von Tarent, Tancred, Robert Kurzhose).[1] Zur Gründung eines Reiches gehört der Bau von Burgen und in den Städten neuer Kirchen.[2] Dieser Architektur der gerade erst chris­ti­a­nisierten Normannen ist der Verfasser der Dissertation Oliver Becker seit vielen Jahren nachgegangen.[3] Dabei hat er so gut wie jede Kirchen besucht, fotografiert, vermessen, unter­sucht. Viele der Abbildungen im Tafelteil stammen von ihm. Er will aber kein ‚positivisti­sches‘ Inventar aller Kirchen vor­legen, was dann eine kurze, eher technische Beschreibung verlangt hätte. Viel­mehr wählt er vier bzw. fünf „Schlüsselbauten“ aus, an denen er je ein Problem diskutieren will und dabei ausführlich diese Kirche beschreiben kann (1. S. 84-130) den Dom von Salerno wegen der Spolienverwendung, d.h. in dem Bau sind viele ‚geklaute‘ Bauteile verarbeitet, die aus anderen Gebäuden stammen, mit Vorliebe aus antiken Bauten. (2. S. 131-183) Den Dom von Otranto wählt er als Typus einer Hallen­krypta aus, d.h. unter dem oberen Dom mit seinem berühmten Mosaik befindet sich eine große zweite Kirche. (3. S. 184-235) Am Dom von Tarent will er beschreiben, wie in der Forschung sich die Bewertungen änder­ten. Waren das alle (Erz-) Bischofskirchen, so wählt OB (4.) die Kirche von Reggio di Calabria (S. 236-270, ein durch zwei Erdbeben verlorenes Dokument, das sich aus alten Ansichten aber wieder rekonstruieren lässt. Gegen die bisheri­ge Forschung erweist sich der Grundriss nicht als beeinflusst von der berühmten Kloster­kirche von Cluny, sondern bildet einen eigenen Typus mit anderen normannischen Bauten, etwa dem Dom von Tarent. Weiter untersucht OB (5., S. 271-322) die Kirchen von Aversa und Capua als „Bau und Gegenbau“ wegen ihrer neuen Bauformen, also das typisch Andere an der normannischen Kirchenarchitektur, zu dem es keine Vorbilder gibt, aber Konkurrenz zu den Kirchen im nördlich anschließenden Campanien.

Die These, dass die Normannen „mit der schrittweisen Festigung der Herrschaft Kirchen als Monumentalarchitektur, mit der sie weniger ihre frommen Aspirationen als vielmehr ihre weltlichen Herrschaftsansprüche visuell propagieren wollen“ (10) spricht einen Gegensatz aus, den man im Mittelalter kaum auseinanderhalten kann. Kirchen oder Kapellen in Burgen stellen sowohl Prestigearchitektur dar, viel zu groß für den normalen Gottesdienst, als auch ein Zeichen, dass Gott den Reichtum und die Macht zu solcher Architektur gibt, und als Geschenk an Gott, dass er das auch künftig geben möge. Dies war gerade für Eroberer und neu getaufte Könige wichtig.

Die hervorragende Dokumentation in den Bildern und Grundrissen, der Beweis von späte­ren Planänderungen anhand von Baufugen, Rekonstruktion untergegangener Bauten, das riesige Literaturverzeichnis, die Fülle der detaillierten Fußnoten, die Beherrschung der lateinischen Inschriften und Passagen aus den Historikern, erschlossen durch einen Index der Personen und Orte, zeigen, dass hier eine jahre­lange, beharrliche Forschung einen meister­haften Abschluss gefunden hat.

 Bremen/Much, Juli 2019

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Den Zusammenhang hat schon Carl Erdmann herausgearbeitet: Die Entstehung des Kreuzzugs­gedankens. Stuttgart: Kohlhammer 1936. Die neueste Monographie zu den Normannen: Rudolf Simek: Die Geschichte der Normannen. Von Wikingerhäuptlingen zu Königen Siziliens. Ditzingen: Reclam 2018.

[2] Pointiert sagt Oliver Becker, sei es in den rund 70 Jahren der Landnahme zur „Liquidation des süditalienischen Frühmittelalters“ gekommen (14).

[3] Dissertation 2015 an der Freien Universität Berlin bei Prof. Christian Freigang. Bereits 2007 ist ein erster Aufsatz erschienen. Oliver Becker – im Folgenden mit den Initialen OB abgekürzt – hat immer wieder die Bauten aufgesucht, oft genug vergeblich, weil die Kirche ‚in restauro‘ jahrelang geschlos­sen war, was er witzig formuliert: die Kirche sei dem heiligen Restauro geweiht.

 

 

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