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Crane Glauben

Tim Crane: Die Bedeutung des Glaubens.
Religion aus der Sicht eines Atheisten.

Berlin: Suhrkamp 2019.
188 Seiten, gebunden – 20 €
ISBN 978-3-518-58739-3

 

Ein Atheist vermag der Religion einen Sinn abzugewinnen

Kurz: Dass Religion mehr ist als ein Überbleibsel ungebildeter Verächter der Wissenschaft, macht der amerikanische Philosoph einsichtig. Religion macht auch in der Moderne Sinn, auch wenn man selbst nicht religiös ist.

Ausführlich: Die alte Frage, ob sich Verstand und Religion ausschließen, dass man für Religion seinen Verstand opfern müsse,[1] trifft nur sehr am Rande das Problem. Die falsche Gegenüberstellung behaupteten im 19. Jahrhundert viele Intellektuelle, vor allem Vorkämp­fer der aufstrebenden Naturwissenschaften, um sich von religiöser Zensur zu emanzipieren.[2] Während die offizielle katholische Kirche im Ersten Vatikanischen Konzil 1870 das Unglaub­liche zum Kern der Religion erklärte, bemühten sich Protestanten, Religion in den Rahmen der naturwissenschaftlichen Welterklärung zu integrieren. Allerdings gab es auch Protestan­ten, die gegen die Moderne hinter Barrikaden krochen: die Fundamentalisten. Als wären wir noch im 19. Jahrhundert und als wären die Fundamentalisten ‚die‘ christliche Religion, treten die ‚neuen Atheisten‘ auf, besonders in England,[3] und behaupten lautstark: Da man erweisen könne, dass die Kosmologie der Religionen von den Naturwissenschaften widerlegt sei, sei Religion in der Moderne eine irrationale Weltsicht, die demzufolge verboten und bestraft gehörte.[4]

Dem widerspricht Crane. Wiewohl er sich als Atheisten versteht, würdigt Tim Crane die Bedeutung von Religion, auch in der Gegenwart. Glaube sei nicht eine Frage des Kognitiven. Sorgfältig in der Sprache schreitet TC[5] sein Thema ab. Mit William James‘ amerikanischem Klassiker Die Vielfalt der religiösen Erfahrung (1901) stimmt er überein, dass man keine Defini­tion von Religion geben könne, die ein über die Jahrhunderte und verschiedenen Kulturen einheitliches oder gemeinsames Wesen besitze, wohl aber macht er vier wesentliche Kompo­nenten aus. „Religion ist ein systematischer und praktischer Versuch, den Menschen unternehmen, um Sinn und Bedeutung in der Welt und ihren Platz in dieser zu finden, und zwar in Beziehung zu etwas Transzendentem.“ (17). Von eben diesem sog. Transzendenten scheidet TC den Atheismus ab: „Ich glaube, dass die uns umgebende Welt, die wir erfahren, zusammen mit der unsichtbaren Welt, die von Wissenschaftlern erforscht wird, alles ist, was es gibt.“ (28). „Ich werde mich im Folgenden auf diejenigen monotheistischen Religionen konzentrieren, von denen ich am meisten verstehe.“ (29). „Religion ohne Transzendenz ist keine Religion“ (32). „Der religiöse Impuls“, so erklärt TC im zweiten Kapitel, „beinhaltet die Auffassung, dass die Welt kein bedeutungsloser Ort ist“ (46f). Aber den wichtigsten Impuls hat er nicht herausgearbeitet: Der religiöse Impuls ist ein Impuls als Christ zu handeln und sich zu verhalten, nicht nur dem Leben Bedeutung zu geben. Und man kann den religiös empfundenen Sinn der Welt auch verfehlen. Wenn man meint (das ist etwas anderes als „glaubt“, wie TC sagt), Gutes zu tun, indem man überflüssige Kleider nach Afrika ‚spendet‘, macht man die Lebensgrundlage der einheimischen Textilhandwerker zunichte. Das Wort Sünde habe ich da nicht gesehen, in dem Sinne, dass man den Einklang mit der Sinnhaftig­keit auch verfehlen kann. Kapitel 3 arbeitet gut heraus den Punkt Glauben als Identifikation und zu einer Gemeinschaft sich zugehörig fühlen. „Zur genuin religiösen Praxis gehört zwangsläufig Mitgliedschaft oder Zugehörigkeit.“ (89f). Das spielt auf das an, was amerika­nische Religionssoziologen mit belonging bezeichnen.[6] Aber das müsste im Falle Deutsch­lands anders diskutiert werden.

Als wir für unser Metzler Lexikon Religion nach statistischen Daten für die Zugehörigkeit zu einer Religion in den USA suchten (das Ergebnis Band 2, 1999, 566), fand sich keine membership o.ä., sondern nur Eigenangaben der Religionsgemeinschaften über ihre adherers. In Deutschland dagegen entschied das Gericht, Gläubige seien diejenigen, die Kirchensteuer zahlen, und wiesen den Klagenden ab, einen katholische Professor für Kirchenrecht, der seinen Austritt aus der römisch-katholischen Kirche er­klärt hatte, aber sich weiter zu den katholischen Gläubigen rechnet und die Sakramente empfangen wollte.[7]

Kapitel 4 stellt sich dem Problem Religion und Gewalt (113-148). TC beginnt mit den aktu­ellen Gewalttaten des sich selbst so bezeichnenden „Islamischen Staats“, der mit Terror Soldaten rekrutiert. Die westliche Welt zeiht ‚den‘ Islam als Religion der Gewalt. Aber die meisten Muslime lehnen diese Gewalt ab und leiden darunter. So ist die Frage berechtigt, ob nicht andere Gründe mit oder gar überwiegend dazu beitragen. Leise tönt an, dass die amerikanische Invasion in den Irak ein Grund für die Entfesselung der Gewalt war. Die Interpretation der enormen Zunahme von Konflikten nach dem Ende des Kalten Krieges hatte Samuel Huntington 1993/1996 mit den zuvor zugedeckten, wieder erstarkenden Religionskulturen erklärt. Zweifellos spielt Religion als Unterscheidung und Identifikation eine bedeutende Rolle. Aber „Europas Angst vor der Religion“[8] führt zu viel auf Religion zurück, vor allem das Bild vom Islam als Religion aus dem Mittelalter.[9]

Das fünfte Kapitel handelt von der Bedeutung von Toleranz (149-176). Schade, dass TC sich weigert, die politische Garantie von Toleranz zu diskutieren![10] Er beschränkt sich auf die individuellen Aspekte, wieder mit trivialen Beispielen, die dem sonstigen Niveau dieses Buches nicht angemessen sind. Immerhin argumentiert TC gegen Toleranz als laissez faire: „alles geht!“, vielmehr versteht er sie als Aushalten von Gegensätzen und Respekt vor Widerspruch. Allerdings geht das gerade in den Echokammern und Filterblasen der ‚sozialen Medien‘ verloren. Nichts dazu. Das Buch ist ein klassischer Suhrkamp, fest gebunden, nur Text, der Umschlag ein wunderbares Gemälde von Rogier van der Weyden, aber nirgends ein Bezug zwischen Text und Bild.[11] Wenige Anmerkungen immerhin, um die Zitate zu belegen, ein Register. Das Buch liest sich leicht trotz seines anspruchsvollen Inhalts. Es gelingt TC zu zeigen, dass Religion etwas anderes ist als die Karikatur der neuen Atheis­ten. Und dass sie nicht im Aussterben begriffen ist. Freilich ist sie eine Form der Identität und Gemeinschaftsbildung mit positiver wie negativer Potenz. Wenn man etwa die Hindu-Identität des jetzigen Ministerpräsidenten von Indien beobachtet, dann ist der Gebrauch als Stimulus von Aggression erschreckend. Und hier wird die Frage, wie Toleranz erzeugt und garantiert werden kann, notwendigerweise eine politische – vor der TC zurückweicht.

Aber ein solches Buch ist für die deutsche Debatte nicht gerüstet. Dass TC in einem amerika­nischen liberalen katholischen Milieu aufgewachsen ist (90f), kann man überall merken. Vom Protestantismus in Europa ist er unberührt. Daher möchte ich Einwände entgegensetzen: (1) Als Rudolf Bultmann 1941 sein Programm einer Entmythologisierung vortrug, hatte das tiefe Folgen für den Protestantismus, nicht nur als Diskurs unter Theologen, sondern für „die Religion ganz gewöhnlicher Gläubiger.“[12] (Im Übrigen kann man für ein deutsches Publi­kum auch kaum unterstellen, es interessierte sich nicht für Ergebnisse der Wissenschaft [70]). Bultmanns berühmter Satz hat den Glauben der ganz gewöhnlichen evangelischen Gläubigen tief verändert:

“Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.”[13]

In der Konsequenz hat das dazu geführt, dass bislang als essentiell geltende Aussagen nicht mehr gültig sind: Die Allmacht Gottes nach Auschwitz, Wunder als Durchbrechen der Naturgesetze,[14] die leibliche Auferstehung, auch Unglück und Krankheit sei Wille Gottes. Wissenschaft und Glaube gelten nicht als Widerspruch. Für manche erscheint der Protestan­tismus als säkularisierte Religion, eine Religion, die das Heilige verloren, aufgegeben hat. Und im Eintreten für Menschenrechte, Rettung von Flüchtlingen, gegen den Krieg (gut TC 91f) und Folter ist Christentum nicht mehr zu unterscheiden von westlicher Demokratie. Die laufende Debatte über Religion in der Moderne ist allerdings geprägt von katholischen Sehnsüchten nach Wiederverzauberung der Welt oder zumindest das Unterscheidbare, Widerspruch gegen die Protestantisierung des Katholizismus im Zweiten Vatikanischen Konzil.[15] Dass Glaube etwas anderes ist, als die rationalen Ergebnisse der Wissenschaft zu akzeptieren, das hat Tim Crane sehr gut herausgearbeitet. Aber welche Konsequenzen das für Religion im Zeitalter der Naturwissenschaften hat, hat er nicht verstanden.[16]

Das andere (2) ist das Verständnis von Transzendenz und von ‚Heilig‘.[17] Lange hat das Wort vom Himmelreich eine unheilvolle Rolle in der Welt gespielt: dass Gottes Ordnung nur nach dem Tod und jenseits dieser Welt erfüllt würde. Dann brauchte man sich um diese Welt nicht zu kümmern, keine Anstrengungen unternehmen, in dieser Welt für Gerechtigkeit zu streiten. Das hat sich – teilweise – geändert, Religion ändert sich. Eine andere Transzendenz gewinnt an Bedeutung: Verantwortung für die Welt, für die kommende Generation, für das Leben, für ein gutes Auskommen. Diese Einstellung liegt ‚jenseits‘ des politischen Tages­streits und jenseits des egoistischen westlichen Lebensstils liegt. Menschenrechte, Eintreten für die Entrechteten, Sorge für ein lebenswertes Leben in Afrika und Asien.

Bremen/Wellerscheid, Dezember 2019

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

 

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[1] Das Opfern des Verstandes, sacrificium intellectus, hat beispielsweise vor hundert Jahren Max Weber (1866-1920) abgelehnt und das Verschwinden von Religion vorausgesagt. Und hat nicht Recht behal­ten, s. Martin Riesebrodt: Die Wiederkehr der Religion. München: Beck 2000. Anselm von Canterbury (gestorben 1109) hat das Gegenteil gezeigt Fides quaerens intellectum (Glaube verlangt nach Verstand: Anselm, proslogion). Zum sacrificium intellectus s. Matthias Laarmann, Historisches Wörterbuch der Philo­sophie 8(1992), 1113-1117.

[2] Charles Darwin, hätte er Theologie bis zu Ende studiert, hätte eine Professur in Cambridge oder Oxford bekommen. So aber musste er als Privatgelehrter seine bahnbrechenden Studien unternehmen.

[3] Crane bezieht sich S. 7f auf diese englischen Naturwissenschaftler. Die neuen Atheisten touren mit einem Bus durch das Königreich und missionieren. Ein ähnliches Unternehmen in Deutschland hatte weit weniger Aufsehen, zumal es begleitet wurde durch einen Bus der Evangelikalen. Soziologische Daten zur Entkirchlichung in Großbritannien Steve Bruce: God is Dead. Secularization in the West. (Religion in the Modern World) Malden, Mass.: Blackwell 2008.

[4] Richard Dawkins ist der lauteste unter ihnen, sein The God delusion (2007; Der Gotteswahn 2007) ein Bestseller. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse haben sich als einseitig und von einem gewünschten Ergebnis her getrieben erwiesen. Die Behauptung, Gene seien egoistisch, übersieht, dass altruistische, sich gegenseitig helfende Gene in der Evolution sich besser durchgesetzt haben als egoistische [Etwa Robert M. Axelrod: The evolution of cooperation 1990. Übersetzt in menschliche Kultur: Religionen haben den Menschen in ihrer Entwicklung mehr genutzt als geschadet]. Ungeachtet der Kritik gab RD 2016 eine Jubiläumsausgabe seines 1976 erschienenen Buches The selfish Gene heraus. In Der blinde Uhrmacher (1986; dt. 1987) behauptete er, die Evolutionstheorie beweise, dass das Universum ohne Plan entstanden sei (RD meint, fundamentalistische Deutungen der ‚Schöpfung‘ seien ‚die‘ christliche Religion und Theologie). Gute Zusammenstellung von Gegenpositionen https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Dawkins#Gegenpositionenstellung (7.12.2019)

[5] Das englische Original: The Meaning of Belief. Religion from an Atheist’s Point of View. Cambridge, MA: Harvard University Press 2017. Deutsch von Eva Gilmer. Der Autor ist Professor für Philosophie, lange in London (UC) und Cambridge, jetzt an der Central European University, die 2019 per Gesetz aus Budapest ausgewiesen wurde und nun ihren Sitz in Wien hat. Seine Homepage eröffnet viele aktuelle Texte von ihm: http://www.timcrane.com/ (7.12.2019).

[6] Beispielsweise Robert J. Barro: The Wealth of Religions: The Political Economy of Believing and Belonging. Princeton, NJ: Princeton University Press 2019. Und das überraschende englische Buch von Grace Davie: Religion in Britain since 1945: believing without belonging. Oxford: Blackwell 1994.

[7] Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschied am 19.9.2012 (Az.: BVerwG 6 C 7.12) gegen Hartmut Zapp. Die Bischöfe hatten eine päpstliche Entscheidung erreicht, dass die Sakramente denjenigen verweigert werden, die keine Kirchensteuer bezahlen.

[8] So zu Recht José Casanova, s. meine Rezension http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2010/02/20/jose-casanova-europas-angst-vor-der-religion-herausgegeben-von-rolf-schieder/ (20.2.2010).

[9] Vor allem der Syrer Bassam Tibi hat das Bild vom unaufgeklärten Islam eingeführt. Wichtig die Zurückweisung durch Thomas Bauer: Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient. München: Beck 2018.

[10] Für die Verfassung der Bundesrepublik hat gerade Horst Dreier ein wichtiges Buch dazu geschrie­ben: Staat ohne Gott: Religion in der säkularen Moderne. München: Beck 2018. Aber interessant wäre es zu diskutieren, warum in den USA trotz des ersten Verfassungszusatzes, der religiöse Neutralität vor­schreibt, die religiöse Wählerschaft so massiv die Politik beeinflusst. Dazu etwa Alexander Kenneth Nagel: Charitable choice – religiöse Institutionalisierung im öffentlichen Raum: Religion und Sozialpolitik in den USA. Hamburg: Lit 2006.

[11] Die Übersetzung ist gut lesbar. Ein Problem ist die leichtfertige Verwendung des Deutschen „Mysterien“ u.ä. für englische Begriffe wie secrecy etc. (etwa S. 77-80) „Auch die Wissenschaft hat ihre Mysterien.“

[12] TC „Es geht also nicht um die komplexen fachspezifischen Theoriegebäude der Theologen oder die Art und Weise, wie Theologen den Inhalt des gewöhnlichen Glaubens interpretieren.“ (70).

[13] Rudolf Bultmann, Neues Testament und Mythologie. 1941, 18.

[14] Dass Wunder Geschehnisse contra naturam (Aufhebung der Naturgesetze) seien, ist eine katholische Definition, etwa bei der Heiligsprechung, s. meine Rezension: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/05/13/wunder-der-apostel/(13.Mai 2019).

[15] Vgl. Martin Mosebach: Stefan Georges Religion. in: Wolfgang Braungart (Hrsg.): Stefan George und die Religion. Berlin: De Gruyter 2015, 241-253. Im Rahmen einer Rezension kann ich nicht die Debatte auch nur skizzieren. Ich nenne nur Alfred Lorenzer, Konzil der Buchhalter 1981, Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter 2009, Hans Joas, Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung 2017.

[16] Das ist diskutiert bei Kocku von Stuckrad: The scientification of religion: an historical study of discursive change, 1800 – 2000. Berlin: DeGruyter 2014. Grundlegender aber für das Verständnis der Religion in der Moderne ist das Konzept der Europäischen Religionsgeschichte, das Burkhard Gladigow 1995 skizziert hat, vgl. BG: Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft. Stuttgart: Kohlhammer 2005, .

[17] Das Französische sacré, das Émile Durkheim, Agnostiker aus einer jüdischen Rabbinerfamilie, 1912 anstelle von ‚Religion‘ wählt (und das TC übernimmt 103-112), mehr noch das deutsche Das Heilige, das Rudolf Otto 1917 als Weltformel für aller Religionen beschreibt, lässt fast alles weg, was Menschen unter Religion verstehen. Nur das überwältigende Gefühl des Numinosen in Schrecken und Faszinati­on lassen sie gelten.

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