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Crispin Kreuzzüge

David Crispin
„Ihr Gott kämpft jeden Tag für sie“.
Krieg, Gewalt und religiöse Vorstellungen in der Frühzeit der Kreuzzüge (1095-1187)

Paderborn: Ferdinand Schöningh 2019.
ISBN:978-3-506-79242-6

 

Die Kreuzfahrer als religiös fanatische Krieger?

Kurz: Das Buch will eine These beweisen, die Kreuzzüge seien grausamer geführt worden als andere Kriege des Mittelalters, weil der Papst sie religiös legitimert habe.

Ausführlich: Das Thema Kreuzzüge reizt zu neuen Dissertationen, auch im deutschssprachi­gen Raum. Galt die ganze Kraft von Hans Eberhard Mayer der Frage nach dem Aufbau von Verwaltung in den Kreuzfahrerstaaten, also früher Staatlichkeit, die effektiver sein musste als im alten Europa,[1] so hat sich das Interesse wieder mehr auf Wahrnehmung und Motivati­on der Akteure gerichtet.[2] Die hier zu besprechende Arbeit ist in Münster entstanden und die beiden starken, aber auch umstrittenen Thesen von Gerd Althoff und Arnold Angenendt bilden die Grundlage für die Untersuchung. Von Althoff nimmt David Crispin[3] auf, dass die Päpste der libertas ecclesiae, besonders Gregor VII., den heiligen Krieg der Kreuzzüge kon­struiert hätten und dass man den Schreibanlass der erzählenden Quellen herausarbeiten müsse.[4] Angenendts These übernimmt er ebenfalls: Die Heiden haben die heiligen Stätten der Christenheit verschmutzt (pollutio), die Christen müssen sie wieder reinigen (purgatio),[5]  um sie in den Status der Heiligkeit zurück zu versetzen.[6] Dies führt zu der These, dass die Kreuzzüge, allen voran der Erste Kreuzzug qualitativ eine neue und andere Form der Kriegsführung erzeugten als alle früheren Kriege im Mittelalter.

Das bedeutet für das Buch, dass DC die Kreuzzüge auf einen Aspekt verkürzt, Gewalt und Krieg,[7] und dies mit der These verbindet: Die Gewaltanwendung der Kreuzfahrer (und hier steht in weiten Teilen der Untersuchung nur der Erste Kreuzzug und das aus der Sicht seiner Historiographen im Mittelpunkt) war brutaler als je zuvor und danach und das erlaube, ja provoziere eine religiöse, päpstliche Rechtfertigung (Kapitel 1, 25-68).[8] Selbst Urban II., der in der Nachfolge Gregors VII.[9] hier als Verursacher der religiös entfesselten Gewalt als eines ‚Rache-Kriegs‘ personalisiert wird, benannte auch andere Ziele, und die Ursache der Kreuz­zugsbewegung ist nicht allein der Papst und die Predigt von Clermont. Die spanischen Kreuzzugsunternehmen passen nicht in diese These von den ‚heiligen Stätten‘ und Rache­krieg; Pilgerfahrt, Bußwallfahrt, Eschatologie, Migration der im Erbe benachteiligten jünge­ren Söhne usf.[10] sind ausgeklammert zugunsten der einen These.[11] Auch in der Interpretation der frühen Historiker müsste man zu differenzierten Ergebnissen kommen, anstatt die scharfe These überall bestätigt zu sehen.[12] Auf dem Kreuzzug war keineswegs der Papst und seine Predigt ständig präsent.[13]

Kapitel 2 widmet sich der Erfolgsgeschichte des Ersten Kreuzzugs: Das Zeugnis der Teil­nehmer (63-130), gefolgt von der Aufbereitung durch die Daheimgebliebenen (Kapitel 3, 131-162). Andere Quellen sind so gut wie nicht berücksichtigt. Also geht es um Historiographie: Wenn nun wieder die Rede ist von der ‚Vorlage‘, von den ‚Augenzeugen‘, von ‚Topoi‘, dann fällt er zurück hinter die zwei herausragenden Dissertationen, die zu validen Erkenntnissen der Historiographie gekommen sind.[14] DC hat sie nicht zur Kenntnis genommen; das ist ein Rückfall.[15]

Kapitel 4 widmet sich – knapp – der Wende von der Erfolgsgeschichte des Ersten zum Misserfolg des Zweiten Kreuzzugs (163-184). Hier interpretiert er vor allem die Bulle Papst Eugens III. Sie passt einigermaßen zu seiner These, während die Predigt von Bernhard von Clairvaux, Lehrer des Papstes und von diesem zur Kreuzzugswerbung beauftragt, andere Themen in der Vordergrund stellt (vor allem die Bußwallfahrt; das passt auch zu Eugens wiederholter Klage, dass der Fall des Kreuzfahrerstaates Edessa „durch unsere Sünden provoziert“ worden sei (peccatis nostris exigentibus). Das letzte Kapitel behandelt die Perspek­tive der Kreuzfahrerherrschaften (185-204), vor allem im Werk des Wilhelm von Tyrus, einmal mehr unter der Frage nach dessen ‚Toleranz‘.[16] DC sieht auch bei dessen Schilderung des Ersten Kreuzzugs das vorherrschende Thema in Verunreinigung und religiöser Gewalt.

Das Buch, so nobel es der Verlag herausgebracht hat, ist mit seiner forcierten These kein Fortschritt in der Interpretation der Texte, vielmehr fällt es da hinter die zuletzt veröffent­lichten Kreuzzugsbücher von Skottki und Thomsen zurück, und für die Kreuzzugsbewe­gung ist die einseitige Betonung der Gewalt eine Einengung des endlich geweiteten Feldes.[17]

 

 Bremen/Much, Februar 2020                                                    
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Das Lebenswerk des 1932 geborenen Mediävisten hat er früh handbuchartig zusammengefasst Die Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart: Kohlhammer 1965 (zuletzt 102005), die Summe in der Edition der Urkunden (2010) und der Siegel (2014). In seinen Aufsatzsammlungen sind wichtige Untersuchungen zu exemplarischen Fällen gesammelt. Die bis dahin fast nur narrativ aufgestellte Kreuzzugsforschung hat durch seine Forschungen institutionengeschichtlich enorm gewonnen.

[2] In die Verschiedenheit und die Breite der Forschungsbereiche führt hervorragend ein Nikolas Jaspert: Die Kreuzzüge. Darmstadt: WBG 62013.

[3] Im Folgenden mit den Initialen abgekürzt DC.

[4] Gerd Althoff: „Selig sind, die Verfolgung ausüben“ Päpste und Gewalt im Hochmittelalter. Darmstadt: WBG 2013. Der Anlass zum Schreiben (causa scribendi).

[5] Arnold Angenendt: Pollutio. Die ‚kultische Reinheit‘ in Religion und Liturgie. Archiv für Liturgie­geschichte 52(2010), 52-93. Ders.: Die Reinigung Jerusalems, oder Die pollutio als Kreuzzugsmotivik. In: Frühmittelalterliche Studien 49(2015), 301-346. Die Methodik ist noch stark religionsphänomenologisch und ethnologisch geprägt im Unterschied zu einer historisch-kulturwissenschaftlichen Beschreibung der Religionswissenschaft, die ich in Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem und Fegefeuer in religionswissenschaftlicher Perspektive. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 144) Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2002 eingebracht habe (Das Buch fehlt bei Crispin, doch einige Aufsätze sind berücksichtigt mit wechselnder Schreibweise meines Namens).

[6] Eben die Essentialisierung von Heiligkeit (‚das Heilige zeigt sich‘ [Hierophanie bei Mircea Eliade], überwältigt den homo religiosus) ist der grundlegende Unterschied der Religionsphänomenologie und der Paradigmenwechsel zur Religionswissenschaft an deutschen Universitäten, vgl. Christoph Auffarth: Antike Konzepte von Heilig und Heiligkeit. Eine religionswissenschaftliche Perspektive. In: Peter Gemeinhardt; Katharina Heyden (Hrsg.): Communio Sanctorum: Heilige, Heiliges und Heiligkeit in spätantiken Religionskulturen. (RGVV 61) Berlin; New York 2012, 1-33.

[7] Die einleitende Diskussion ist sehr auf die Moderne bezogen (verliert [physische] Gewalt in der Gegenwart an Bedeutung?), ohne Bezug auf die Realien, die etwa Svenja Goltermann in einem umfassenden Buch bearbeitet hat. S. meine Rezension Eine Geschichte der Anerkennung von ‚Opfern‘ der Gewalt vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Svenja Goltermann: Opfer. Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne. Frankfurt am Main: S. Fischer 2017. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/08/10/opfer/ (10.8.2018).

[8] DC behauptet etwa S. 129 „Form und Dichte der betreffenden Schilderungen (seien) als außerge­wöhnlich wahrgenommen worden.“ Der (Militär-)Historiker David Bachrach stellt in seiner gerade erschienenen Rezension in der Francia 2019 DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2019.4.68299 (20.12.2019) heraus, wie wenig die französische und englische Forschung berücksichtigt ist. Aber das gilt auch für deutsche Forschung. – Eine Rez. von Crispin zu Bachrach: Warfare in Tenth-Century Germany. Woodbridge  2012. in: H-Soz-Kult, 24.04.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-19237>. Zuvor hatte Bachrach den einschlägigen Überblick geschrieben David S. Bachrach: Religion and the Conduct of War, c. 300–c. 1215. Woodbridge: Boydell&Brewer 2003.

[9] Der Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios Komnenos nach der Schlacht von Mantzikert 1071 in Form eines Briefes an den Papst (Hagenmeyer, Epistulae 1901, 129-136) ist nicht original: Skottki, Christen, Muslime 2015, 241 Anm.1073 mit der Literatur (Schreiner 1998).

[10] Das ist angesprochen in Christoph Auffarth: Nonnen auf den Kreuzzügen: ein drittes Geschlecht? In: Das Mittelalter. Zeitschrift des deutschen Mediävistenverbandes Band 21, Themenheft 1: Kreuzzüge und Gender, hrsg. von Ingrid Baumgärtner und Melanie Panse. Berlin: de Gruyter 2016, 159-176.

[11] Die Frage, ob Pilgerfahrt oder Heiliger Krieg das wichtigere Motiv war, ist kurz diskutiert S. 44 mit A. 100. Dass Fulcher nicht Jerusalem als Ziel nennt, sei darin begründet, dass er bei der Eroberung Jerusalems nicht als Augenzeuge dabei war, ja dass er, als Angehöriger des niederen Klerus, nicht in der Lage war, eine Predigt angemessen wiederzugeben (53f). Da ist sie wieder, die Frage nach der authentischen Version der Predigt, von der sich die Historiographie verabschiedet hatte.

[12] Etwa Albert von Aachens Beschreibung der Belagerung von Arsuf, dazu mein Aufsatz Hat Gott allen Menschen Rechte gegeben, oder nur den Seinen? – Rhetorik der Kreuzzüge. In: Holt Meyer; Dirk Uffelmann (Hrsg.): Religion und Rhetorik. (Religionswissenschaft heute, Band 4) Stuttgart 2007, 257-271.

[13] Der Rezensent hat herausgearbeitet, wie die Makkabäer zum Ideal der Kreuzfahrer werden – gegen die Predigt der Papsttreuen, etwa noch bei Bernhard von Clairvaux: Laienkrieger zu Pferde. Auffarth: Die Makkabäer als Modell für die Kreuzfahrer. Usurpationen und Brüche in der Tradition eines jüdischen Heiligenideals. Ein religionswissenschaftlicher Versuch zur ”Kreuzzugseschatologie” [2]. in: Tradition und Translation. Zum Problem der interkulturellen Übersetzbarkeit religiöser Phänomene. FS für Carsten Colpe zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Christoph Elsas [u.a.]. Berlin; New York: De Gruyter 1994, 362-390. – Gegen die Kreuzzüge als „Kriege des Papstes“ argumentiert die neue Dissertation von Tim Weitzel: Kreuzzug als charismatische Bewegung. Päpste, Priester und Propheten. (Mittelalter-Forschungen 62) Ostfildern: Thorbecke 2019.

[14] Zu Kristin Skottki und Christiane Thompson jeweils mit meinen Rezensionen: Kulturkontakt – Kulturkonstrukte: In den Chroniken gedeutete Erfahrung auf den Kreuzzügen. [Rezension zu] Kristin Skottki: Christen, Muslime und der Erste Kreuzzug. Die Macht der Beschreibung in der mittelalterlichen und modernen Historiographie. Münster: Waxmann 2015, in: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2016/09/17/christen-muslime-und-der-erste-kreuzzug/ (17.9.2016) – Ohne Vorurteile ins Land der Muslime – in der Kreuzfahrerzeit Christiane M. Thomsen: Burchards Bericht über den Orient. Reiseerfahrungen eines staufischen Gesandten im Reich Saladins 1175/ 1176. Berlin: DeGruyter 2018. In: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/08/03/burchard-ueber-den-orient/ (3.8.2018).

[15] Auch die Literaturangaben sind nicht ordentlich, etwa wenn das Register der Briefe Gregors VII. eingeordnet sind unter ‚Register‘. Der Name Peter Burschel (nicht Buschel) S. 237. Das Buch ist ordentlich Korrektur gelesen. Die lateinischen Texte sind sorgfältig geprüft. Mir fiel nur auf Anm. 114 libellum muss es heißen statt labellum.

[16] Diese Frage wäre vergleichend mit dem Bericht des Burchard von Straßburg zu diskutieren, den Christine Thomsen umfassend erschlossen hat. Christoph Schwinges hat die These von der Toleranz bei Wilhelm von Tyrus zuerst 1977 monographisch behandelt. Skepsis in Patschowskys Zusammen­fassung S. 391-402 zum Band Toleranz im Mittelalter, hrsg. Alexander Patschowsky; Harald Zimmer­mann. (VuF 45) Sigmaringen: Thorbecke 1998.

[17] Das beklagte auch Martin Kintzinger: Curia und curiositas. Kulturkontakt am Hof im europäischen Mittelalter. in: Gaube u.a., Konfrontation der Kulturen? Saladin und die Kreuzfahrer. Mainz: von Zabern 2005, 20-33.

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