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Hadithe

Harald Motzki

 

Wie glaubwürdig sind Hadithe?
Die klassische islamische Hadith-Kritik im Lichte moderner Wissenschaft

Springer, Wiesbaden, 2014

ISBN 978-3-658-04378-0
14,99€

Rezension zum Thema „Hadithe“ unter besonderer Berücksichtigung des Islamischen Religionsunterrichts
Abdel-Hafiez Massud

 

Die Publikation von Harald Motzki weist eine mehrfache Bedeutung für den heutigen europäischen Islam-Diskurs auf und lässt sich in den islamischen Religionsunterricht in der Sekundarstufe gut integrieren.

Die Aussagekraft der Sunna, sei sie eine Aussage (Hadith), eine Handlung, ein bejahendes Stillschweigen zu einer Handlung, gewinnt heutzutage immer mehr an Bedeutung sowohl für den islamischen Religionsunterricht in Deutschland als auch für die Orientierung der Muslime in der Diaspora, darunter auch in Deutschland bzw. im deutschsprachigem Raum insgesamt. Nur durch die Sunna und nicht durch den Koran wissen die Muslime z. B. , wie sie beten, wie oft sie täglich beten, wie sie sich vor dem Gebet rituell waschen, wie viele Einheiten jedes Gebet hat, ob man Gebete zusammenlegt, unter welchen Umständen man das tut etc. Auch gewichtige Ereignisse mit dem Rang eines Wunders wie die Nacht- und Himmelfahrt des Propheten sind auch hier dokumentiert. Selbst in Seuchenkrisen greifen Muslime auf die Sunna zurück, die eine sozialverträgliche Isolation kranker Menschen im Sinne der heutigen Quarantäne zum Schutz der gesunden Menschen empfiehlt.  Im Bewusstsein der Muslime bilden Koran und Sunna daher eine normative Einheit und zugleich gemeinsam die Quelle religiöser Rechtleitung, religiöser Jurisprudenz und zugleich innerer religiöser Erbauung.

Der Stellenwert der Sunna wurde daher in den diversen Konzeptionen der Bildungs- und Lehrpläne für den Islamunterricht in Deutschland und in Österreich als eine Selbstverständlichkeit berücksichtigt. So werden Hadithe im Bildungs- und Lehrplan für die Sekundarstufe I als „die zweite Hauptquelle der Islamkunde“ bezeichnet (Sarikaya: 2020). Das Thema „Der Prophet“ wird in verschiedenen Bildungs- und Lehrplänen mehrerer Bundesländer fest verankert (Kiefer 2009), wobei die Hadithe des Propheten im Mittelpunkt stehen.  

Die Bedeutung der Arbeit von Motzki ist vor diesem Hintergrund zu verstehen. Eine Arbeit, die sich damit befasst, was eigentlich Hadith ist und ob jede Aussage als ein authentischer Hadith einzustufen ist, ist immer mehr als willkommen, zumal dieser Diskurs bereits vor mehr als 1000 Jahren im Islam selber auf Arabisch begonnen wurde und in den anderen Sprachen der islamischen Tradition anwendungsorientiert und um die Außenperspektive bereichert fortgeführt wird.   

Die Arbeit von Motzki ist im Springer Verlag in der Reihe „essentials“ erschienen und besteht aus fünf Kapiteln, die von einem reichhaltigen Literaturverzeichnis abgerundet werden. Nach einer Einleitung im ersten Kapitel, in der sich der Autor mit der Bedeutung der Hadithe des Propheten für die islamische Praxis befasst, geht es im zweiten Kapitel unter dem Titel „Hadithe als Quellen des Gesetzes“ um die rein juristische Anwendung der authentischen Aussagen des Propheten als einer Quelle für Normen und Rechtsauskünfte, die mitunter populär „Fatwas“ genannt werden. Hier liegt der Schwerpunkt des Autors auf den wörtlichen Aussagen des Propheten und klammert somit Handlungen sowie das aus, was der Prophet stillschweigend gebilligt haben soll. Diese authentischen Aussagen des Propheten liegen heute in 6 kanonischen Sammlungen vor, allen voran in der verifizierten umfassenden Form vor allem in den Hadith-Sammlungen von Imam Muḥammad ibn Ismāʿīl al-Buchārī (gest.870 n. Ch.).   

Motzki macht klar, dass die Hadithe erst nach dem Tode des Propheten gesammelt und schriftlich festgehalten wurde. Daher spielt die Authentizität jeder Aussage eine maßgebliche Rolle, zumal damals die uns heute bekannten technischen Möglichkeiten zur Aufnahme und Speicherungen von mündlichen Aussagen nicht vorhanden waren. Muslimische Wissenschaftler lösten dieses Problem mit Hilfe der mehrschichtigen komplexen Methode des sogenannten „isnād“. Der „isnād“ ist eine Aneinanderreihung von Namen von Überlieferern, die solche Aussage/n des Propheten bezeugt und weitergegeben haben sollen. Bei diesen Überlieferern, auch Tradenten genannt, handelt es sich um die Generation der Prophetengefährten und deren unmittelbarer Nachfolgegeneration. Die Überlieferung der Prophetengefährten gilt als besonders glaubwürdig, da es sich um „Augenzeugenberichte“ handelt und da die Integrität der Prophtengefährten außer Frage steht. Zu diesen Augenzeugen gehört der Prophtengefährte Abu Huraira (gest. 680 n. Ch.), der mindestens 3300 Hadithe überliefert haben soll. Ein Beispiel dieser Hadithe aus der al-Buchārī-Sammlung zum Thema „Schamgefühl“, das hier zur Veranschaulichung für nicht-muslimische Leser angeführt wird, lautet:

Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, dass der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Der Glaube besteht aus mehr als sechzig Abteilen, und die Schamhaftigkeit (Haya´) ist ein Teil des Glaubens.“

Sicherlich ist der Rang „Prophetengefährte“ auch eine ungewollt große Machtstellung. Daher hat der Prophet persönlich davor gewarnt, in seinem Namen Aussagen zu verbreiten, die von ihm nicht stammen. Daher ist die kritische und ausgewogene Rezeption der Hadithe ein Gebot der Vernunft und der Sorgfalt sowie ein Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Hadithen.  

Die Aneinanderreihung von Namen von Überlieferern wird jedem Hadith bzw. jeder Aussage des Propheten vorangestellt, um dem Gebot der Glaubwürdigkeit des jeweiligen Hadith zu genügen. Diese Aneinanderreihung beginnt mit dem Namen des Informanten des Autors und endet mit der Person, die direkt etwas über den Propheten berichtet. Damit ein Hadith als „authentisch“ gilt, musste er zwei Bedingungen erfüllen:

  • Die Überliefererkette muss un-unterbrochen sein und
  • Es müssen aus jeder Überliefergeneration mindestens 5 Überlieferer sein, welche die prophetische Herkunft des Hadith bezeugen und bestätigen.

Neben diesen Gruppen von authentischen Hadithen kam es mitunter vor, dass ein Hadith von nur einem Tradenten überliefert wurde. Da es bei solchen Hadithen keine vielfachen Bestätigungen wie üblich gab, galten hier besondere strenge Voraussetzungen, die dieser einzelne Überlieferer erfüllen muss, damit die von ihm weitergegebene Aussage des Propheten als solche akzeptiert werden kann. Folgende fünf Voraussetzungen musste dieser erfüllen:

  • Rechtgläubigkeit,
  • Alter beim Erhalt und der Weitergabe des betreffenden Hadith,
  • intellektuelle Fähigkeiten,
  • persönliche Integrität und
  • Genauigkeit bei der Weitergabe von Überlieferungen.

 

In dem dritten Kapitel „Die Hadithe in der klassischen islamischen Hadith-Kritik“ sichtet Motzki den innerislamischen kritischen Umgang mit der Frage der Authentizität und Glaubwürdigkeit der Hadithe. Auf diese erste Phase der Sammlung folgt die Phase der Verifizierung und der Kritik. Die zweite Phase bezieht sich auf den Zeitabschnitt zwischen dem neunten. und dem dreizehnten Jahrhundert bzw. zwischen dem dritten Und dem siebten Jahrhundert nach der islamischen Zeitrechnung (Hijra). Das ist auch die Zeit, in der die sogenannte „Hadith-Wissenschaft“ als Terminus eingeführt wurde. Eine herausragende Frucht dieser kritischen Phase ist nicht nur der „isnād“, die chronologische Weitergabe, sondern auch die weitergegebene Aussage selbst, der sogenannte (matn). Diese Aussage wird darauf geprüft, ob sie dem Propheten tatsächlich zugeschrieben werden kann, zumal wenn ein Hadith auffällig bzw. schwach erschien. Als Folge dieser weiterführenden kritischen Vorgehensweise gelangten die Hadith-Wissenschaftler in dieser Zeit zu drei Kategorien von Hadithen: glaubwürdig (ein Hadith 1. Grades), gut (ein Hadith 2. Grades) und schwach (ein Hadith 3. Grades). Ein glaubwürdiger Hadith muss dabei zwei Voraussetzungen erfüllen: er muss ununterbrochen überliefert worden sein und jeder Überlieferer in der Überliefererkette muss auch die persönliche Integrität und die Genauigkeit aufweisen. Diese Eigenschaften müssen in den Biographie-Sammlungen bereits festgehalten worden seien, die hier als Referenz dienen.

Bei der Kategorie der Hadith 2. Grades, die als akzeptabel gelten, reichte es den Wissenschaftlern des Hadith, dass über die Person des Überlieferers hinsichtlich der Integrität der Person und / oder hinsichtlich seiner Genauigkeit bei der Weitergabe der Hadithe nichts Nachteiliges bekannt war. Hadithe, die den Kriterien der ersten und der zweiten Kategorie nicht genügten, gelten seit dieser Zeit bis heute als schwach. Diese Hadithe wurden hinsichtlich der Überlieferkette als auch hinsichtlich des Inhalts selber auf die Richtigkeit geprüft. Die Integrität und die Genauigkeit der Person des Überlieferers wurden mit Hilfe bestimmter Kriterien ermittelt, die die damaligen Hadith-Wissenschaftler in die Lage versetzte, die von der jeweiligen Person überlieferten Aussagen des Propheten guten Gewissens als authentisch zu akzeptieren.

Ohne besondere Begründung greift Motzki auf nur ein Werk aus der islamischen Tradition dieser Phase zurück und gewährt nicht den Einblick in den ganzen damaligen Gesamtdiskurs. Es handelt sich dabei um das arabischsprachige Werk des damaligen Irakers Ibn as-Salāh aš-Šahrazūrī. Hier erhält Motzki Antwort auf die Frage, wie die Hadith-Wissenschaftler des siebten Jahrhunderts Auskunft darüber erhielten, welche Überlieferer ausreichende Integrität gehabt haben sollen. Motzki hält demnach fest, es gebe Hadith-Sammlungen, die mit dem Profil dieser Überlieferer begleitet worden waren; zudem konnte die Genauigkeit der Überlieferer durch den Vergleich unterschiedlicher Überlieferung des einen und desselben Hadith ermittelt werden. Die wohl wichtigste Feststellung in diesem Kapitel ist die Erwähnung des Konsenses in der islamischen Theologie, in der islamischen Religionspädagogik und in der kritischen Islamwissenschaft selber, nämlich, dass die Hadith-Sammlungen von al-Buhārī und Muslim als die glaubwürdigsten Bücher nach dem Koran gelten. Hadithe, die in den beiden Sammlungen gleichzeitig vorkommen, haben demzufolge den höchsten Grad an Glaubwürdigkeit.  Die nächst-niedrigere Stufe an Glaubwürdigkeit haben Hadithe, die in nur einer der beiden Sammlungen vorkommen. Daher genießen beide Sammlungen im Bewusstsein der Muslime den Status eines „sicheren Wissens“. Somit zeichnete sich diese Methode der innerislamischen Hadith-Forschung durch die Ausrichtung auf rationale kritische Kriterien einerseits und auf den Konsens der Hadith-Wissenschaftler andererseits aus. Dieser Konsens war dann nötig, wenn Quellen zur Beurteilung der Integrität eines Tradenten herangezogen werden mussten.

Kapitel vier „Die klassische islamische Hadith-Kritik im Licht der westlichen Islamwissenschaft“ befasst sich der Autor mit der Perspektive der westlichen Islamwissenschaft auf die bisherige innerislamische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Verifizierung der Hadithe. Motzki führt hier als Beispiele dieser westlichen Islamwissenschaftler Ignaz Goldziher (1850–1921) und Joseph Schacht (1902–1969) an. Die westliche Islamwissenschaft vollzog eine Art radikale Wende in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Hadithen. Diese radikale Wende beginnt damit, den beiden Hadith-Sammlungen von al-Buhārī und Muslim jede Glaubwürdigkeit mit der Begründung abzusprechen, dass die innerislamische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Hadithen weitgehend auf der Oberfläche verharrte und sich nicht mit dem Inhalt der Hadithe selber  ausreichend befasste. Die westliche Islamwissenschaft sah sich daher veranlasst, eigene Kriterien für die Wahrhaftigkeit und für die Glaubwürdigkeit der Hadithe festzulegen, bei denen der Inhalt und nicht die Überlieferungskette in den Mittelpunkt gestellt wird. Damit ging einher, dass die Bedeutung der Hadithe aus der westlichen Perspektive relativiert wurde.

Motzki kritisiert als Islamwissenschaftler, dass die Verabsolutierung der beiden Hadith-Sammlungen von al-Buhārī und Muslim jedem weiteren modernen Wissenschaftler die Gelegenheit entziehe, eigene Zugänge zu den Hadithen zu haben und die Hadithe neu bzw. historisch-kritisch zu erforschen. Zudem laufe jeder Abweichler von dem innerislamischen Konsens Gefahr, als Häretiker abgestempelt zu werden. Immerhin sei der Konsens seiner Bedeutung nach eine Meinung der Mehrheit und nicht die der absoluten Mehrheit. Auch hier eckt Motzki kritisch an und fragt, wie ein solcher Konsens zustande gekommen sei, der als Garant für die Wahrhaftigkeit solcher Aussagen gelten könnte, welche dem Propheten zugeschrieben wurden. Der „Konsens“ ist in der arabischsprachigen islamischen Literatur ein oft diskutiertes Thema. Zuweilen wird zeitlich offen von der Übereinstimmung der ganzen „Ummah“, d. h. der ganzen Gemeinschaft des Islams, gesprochen, zum anderen wird  hervorgehoben, dass ein Konsens in Bezug auf die Hadithe mit der Korankonvergenz arbeite, d. h. es wird jeder Hadith als glaubwürdig eingestuft, wenn er nicht in irgendeinem Widerspruch zum Koran steht. Die wohlmeinende Kritik an der Sammlung von al-Buhārī und Muslim, vor allem in Bezug auf tatsächliche Lückenlosigkeit der Überlieferung, ist eigentlich nicht auf die heutige westliche Islamwissenschaft beschränkt, sondern auch in der arabischsprachigen islamischen Theologien in den Kernländern des Islams selbst. Motzki kritisiert zudem, dass die Glaubwürdigkeit der Überlieferung durch die Prophetengefährten derart pauschal verabsolutiert wird, dass eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit diesen Figuren erschwert wird. Im Grund waren die etwa 1000 Prophetengefährten Menschen mit Schwächen, die auch manches haben vergessen können. Ihnen steht daher, vor allem für Islamwissenschaftler wie Motzki, die prophetische Unfehlbarkeit nicht zu. Gleichzeitig ist die erbrachte Verifizierungsarbeit jedes einzelnen Hadith nicht zu unterschätzen.

Trotzdem empfiehlt Motzki die Benutzung der Hadithe der beiden kanonischen Sammlungen von al-Buhārī und Muslim, die heute keine Alternative haben, wobei man mit den Hadithen kritisch umgehen sollte.  

Zu den offenen Fragen der Hadith-Forschung gehören heute vor allem, wie man Hadithe versteht, in ihrer Historizität richtig einordnet und adäquat auf den heutigen Kontext überträgt, welcher die Pluralität, die Diversität und die Demokratie berücksichtigt. So ist die Rekontextualisierung der Hadithe in der heutigen Fatwa-Praxis, in Freitagspredigten, in digitalen Predigten bislang fast unerforscht.

Ebenfalls offen ist der wissenschaftliche Diskurs über den didaktischen Umgang mit Hadithen im schulischen Religionsunterricht und in der religiösen Erziehung. Die Forschung befindet sich hier noch in ihren Anfängen. Das Buch von Motzki könnte hier zu einem wohlmeinend-kritischen Umgang mit den Hadithen beitragen und den Jugendlichen dabei helfen, authentische von verfälschten Hadithen zu unterscheiden. Hadithe bieten Jugendlichen die Möglichkeit, dem guten Vorbild des Propheten nachzueifern, wenn es darum geht zu zeigen, wie sich die Religion im Kontext des Pluralismus praktizieren lässt. Das erfordert eine sorgsame und weitsichtige Auswahl der Hadithe, die situtaionsangemessen sind und deren Thematik mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen wirklich korrelieren.

Literatur:

Kiefer, Michael (2009): Islamische Quellen in staatlichen Lehrplänen für den Islamunterricht: Auswahlkriterien, Präsentation und Kontext. In: Mohr, Irka-Christin / Kiefer, Michael (Hg.): Islamunterricht – Islamischer Religionsunterricht – Islamkunde Viele Titel – ein Fach?. Bielefeld, 37-58

Sarikaya, Yasar/ Elif Gömleksiz (2020) „Hadith und Hadithdidaktik“. In: Islam-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Hrsg. v. I. Schröter. Cornelsen, 164-193.

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PD Dr. Abdel-Hafiez Massud, „Islamische Religionslehre/ Religionspädagogik“, PH Karlsruhe, PH Weingarten: www.massud.de  E-Mail: theologie.massud@gmail.com

 

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