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Justin Apologien

Jörg Ulrich

Justin – Apologien

 

(Kommentar zu frühchristlichen Apologeten Band 4/5)

Freiburg im Breisgau: Herder 2019. 704 Seiten

ISBN: 978-3-451-29043-5

 

Wir sind die besseren Philosophen, keine Verbrecher!
Die Verteidigungsstrategie von Christen im zweiten Jahrhundert

 

Kurz: Iustinus schreibt eine Eingabe an den Kaiser, man dürfe Christen nicht hinrichten, da sie kein Verbrechen begangen haben. In seiner Schule vermittelt er die Argumente und die Rhetorik der Verteidigungsreden (Apologien). Er und seine Schüler werden aber 165 n.Chr. hingerichtet, nur weil sie sich als Christianer bekennen. – Umfassender Kommentar.

Ausführlich: Wie schon die beiden berühmtesten Apologien aus dem zweiten bzw. Anfangs des dritten Jahrhunderts geschrieben, dem eher freundschaftlichen Dialog Octavius des Minucius Felix[1] und dem scharfen Apologeticum des Tertullian[2] (zu denen schon umfang­reiche Kommentare in dieser Reihe erschienen sind), hat Jörg Ulrich[3] nun einen umfassenden gelehrten Kommentar veröffentlicht zu den beiden Apologien des Justin, die zwei Generatio­nen älter sind. Eine zweisprachige Ausgabe in den Fontes Christiani soll noch in diesem Jahr 2020 folgen. Der Verfasser wird auch Iustinus Martyr genannt, weil er laut seiner Biogra­phen später in seinem Leben bei einer Christenverfolgung den Märtyrertod gestorben sei.[4] JU nennt ihn „eine der zentralen Figuren des frühen Christentums“ (1). Neben der Ausein­andersetzung mit der Polemik der Hellenen gegen das Christentum stritt sich Iustin auch mit einem Juden Tryphon über die richtige Religion,[5] dazu eine Einladung an die Hellenen (Co­hortatio ad Graecos; Λόγος παραινέτικος πρὸς Ἕλληνας). Aus einer hellenisch-palästinensischen Familie stammend genoss Iustin ein langes Studium an den berühmtesten philosophischen Schulen, v.a. bei den Platonikern. In Rom eröffnete er dann eine solche Schule für Christen und lehrte dort über viele Jahre. Im Jahre 165 n.Chr. wurde Justin angezeigt (von seinem Konkurrenten Crescens?)[6] und in einem Verfahren, das er doch mit seiner Petition an den Kaiser aussetzen lassen wollte, zu Tode verurteilt und hingerichtet. Seine Schüler sammelten die sterblichen Überreste; sogleich begann ein Märtyrerkult.[7]

Zweck: Wolfram Kinzig nimmt aufgrund des genannten Adressaten (an Kaiser Antoninus Pius) an,[8] dass die christlichen Apologien („Verteidigungsreden“) anschließen an eine Petition an den Kaiser in Rom, in der sie auf ihre Lage aufmerksam machen wollten und ein Ende der Christenverfolgungen fordern:[9] Christen würden hingerichtet, nur weil sie das nomen Christianum bestätigen (Christianus/Christiana sum -ich bin eine Christianerin/ ein Christianer), ohne dass sie irgend ein Verbrechen verübt haben.[10] Die erste Apologie des Iustinus folgt zwar genau dem Fomular, ist aber viel zu lang für eine Petition (von denen mehrere erhalten sind), die Sprache ist nicht so unterwürfig und sogar kritisch gegenüber (stoischen) Positionen, die man beim Kaiser vermuten muss. Und es fehlt die Unterschrift und die öffentliche Auslage. Diese liegt aber vor als Schluss der zweiten Apologie. Der Lösung (s.u.), eben diesen Schluss als Ende der ersten Apologie anzufügen und sie so ‚abzurunden‘ als vollständiges Formular, schließt sich JU an. Das Formular wurde dann zum Nutzen der Schüler und späterer Verteidiger mit Argumenten aufgefüllt. Solche Schriften gibt es in der Antike öfter, etwa Ciceros Reden gegen Verres, von denen nur zwei im Prozess verwendet wurden, die weiteren drei bringen fiktiv weitere Vorwürfe gegen den Angeklagten vor; Philos legatio ad Gaium bereitete eine Delegation der Juden von Alexandria zum Kaiser von Rom vor, die dann nicht zustande kam. Lukian schreibt eine Anklagerede gegen den bereits toten Alexander, den falschen Orakelgeber.

Der Text stellt erst einmal ein Problem dar: Der Text ist nur in einer Handschrift überliefert (Codex Parisinus graecus 450 aus dem Jahre 1364), die zwar gut lesbar, aber sehr fehlerhaft die gesammelten Schriften des Iustinus enthält und die, die ihm zugeschrieben werden.[11] Drei Textausgaben in 15 Jahren kommen zu einigermaßen unterschiedlichen Ergebnissen. Miroslav Marcovich hat in seiner Ausgabe sehr viel ‚verbessert‘ gegenüber den Handschrif­ten so, als sei der Autor in Athen aufs Gymnasium gegangen, als noch ‚richtiges‘ Attisch gelehrt wurde.[12] Ganz eng an die Pariser Handschrift hält sich die Ausgabe von Charles Munier 1995/2006.[13] 2009 folgte dann wieder eine deutlich andere Ausgabe von Dennis Minns und Paul Parvis, die sehr viele Korrekturen an der Pariser Handschrift vornahm, aber nicht des vermeintlich besseren Griechisch wegen, sondern an den in der Handschrift immer wiederkehrenden Fehlern entlang.[14] Die größte Veränderung nahmen die englischen Herausgeber vor, indem sie das letzte Kapitel der zweiten Apologie an das Ende der ersten stellten. So erscheint die erste Apologie abgeschlossen und rund (abgesehen von einigen offensicht­lichen lacunae Löchern im Text), während die zweite jetzt eine Sammlung darstellt, die vielleicht später zu einer neuen Schrift zusammengefügt werden sollten. Jede Veränderung im Text ist begründet. Diese Ausgabe verwendet JU als Grundlage für seine Übersetzung (mit den Ausnahmen, die er S. 124f auflistet).

„Hellenisierung des Christentums” und Romanisierung des Christentums: Justinus versteht sich als Philosoph, trägt den Philosophenmantel, typisch für die ‚Zweite Sophistik’, und begegnet den anderen Philosophien auf Augenhöhe, mehr noch, er vertritt „die wahre Philo­sophie“. Die Christen seien die eigentlich staatstragenden Patrioten des Römischen Reiches und das Römische Reich ermöglicht dessen Ausbreitung, was ja schon in der Apostelge­schichte so gesehen wird (65). Adolf Harnack fand diesen Versuch, das Christentum mit Konzepten der hellenischen Kultur zu erklären als den Sündenfall des antiken Christen­tums.[15] JU macht deutlich, dass die Gegenüberstellung von zwei einander fremden Kulturen zu falschen Fragen und Lösungen kommt.

Die Schrift 1 apol. enthält nach der Anrede und Anliegen den apologetischen Teil (4-12), es sei dem römischen Rechtsverständnis nicht angemessen, Menschen nur aufgrund des Namens Christianer zum Tode zu verurteilen, ohne dass sie ein Verbrechen begangen haben. Im protreptischen Teil, d.h. der Einladung, sich den Christen anzuschließen (13-67), führt Justinus den ‚vernünftigen‘ Glauben der Christen an. Schon lange sei der vorbereitet in der Schule des Moses; die Philosophie seines Schülers Platon sei die schwächere Fortsetzung, aber dem Christentum nahe verwandt dank der gemeinsamen Grundlage der Lehren des Moses, der die älteste Weisheit in Ägypten gelernt habe. In der Logoslehre stimmten Christentum und Platonismus überein (89-92),[16] aber in seiner Dämonologie distanziert sich Justinus wieder von den hellenischen Ritualen (92-95). Die Rituale der Christen (61-67), Taufe, Eucharistie, sonntäglicher Gottesdienst, seien absolut harmlos, nicht wie Verschwörungstheoretiker unterstellen Sexorgien und Kindermord. Ein Spitze findet die Verteidigung in der Drohung mit dem Endgericht (95-98). Die erste Apologie endet (nach der neuen Rekonstruktion) mit der peroratio und der Dokumentation von Unterschrift und öffentlicher Auslage. Die zweite Apologie sammelt Abschnitte, die dem rhetorischen Unterricht gedient haben dürften. Im Kommentar übersetzt JU immer einen Abschnitt (in Arial gesetzt), während der Kommentar in einer Seriphenschrift deutlich unterschieden folgt. Häufig sind erfreulicherweise griechische Wörter zitiert und genau erklärt (auch ein Register wichtiger griechischer Wörter).

Die Übersetzung von προσφώνησις mit „Einrede“ überzeugt nicht. Antrag wäre besser. Die Verbindung von ἔντευξις und βιβλίδιον als teminus technicus für libellus ist überzeugend. Überhaupt stören in den Übersetzungen veraltete Begriffe wie ‚Lustknabe‘ statt (homosexueller) Geliebter (für Antinous 1 apol 29,4), Gefallsucht, u.v.m.[17] Nicht auf dem neuesten Stand sind manche Erkenntnisse zur zeitgenössischen Religion: Zu Mithras (511 f) muss man jetzt Richard Gordon, RAC 24(2012), 964-1009 benutzen. Zur angeblichen Arkandisziplin der Mysterien Christoph Auffarth, Mysterien. RAC 25(2013), 432f; 436-441.

Für diese wichtige frühe Schrift liegt nun endlich ein umfassender Kommentar vor, der für die beiden bekannteren Minucius Felix‘ Octavius und Tertullians Apologeticum wichtige Vor­bilder nachweist. Mit Jörg Ulrich hat ein großer Kenner der Apologetik des 2. Jahrhunderts und bewandert in der zeitgenössischen Philosophie (weniger in der Religion) einen überzeu­genden Kommentar vollendet. So haben wir das Standardwerk zu dem nicht ganz einfach zu verstehenden Werk in Händen.

 Bremen/Much, März 2020

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Rez des Autors: Streit unter Freunden über die Wahrheit und die Religion – als das Christentum sich entwickelte. Christoph Schubert: Minucius Felix, Octavius. 2014, http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2016/03/21/schubert-minucius-felix-octavius/ (21.3.2016).

[2] Gerechtigkeit für alle im Römischen Reich, auch für Christen: Tertullians Apologeticum kommentiert. Tobias Georges: Tertullians »Apologeticum«, 2011 http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2011/08/05/398/  (5. August 2011).

[3] Der Autor ist seit 2002 Professor für Kirchengeschichte an der Universität Halle-Wittenberg sowie Honorarprofessor an der Universität Aarhus/Dänemark. Das Vorwort hat er auch in Dänisch geschrieben, weil seine Beschäftigung mit dem Justin dort begann. Seine Homepage https://www.theologie.uni-halle.de/kg/ulrich/#anchor2992632 (28.2.2020).

[4] Neben dem eigenen Abschnitt zur Biographie (JU 18-30) hebt dieser auch den Lexikonartikel hervor Stefan Heid: Iustinus Martyr I. Reallexikon für Antike und Christentum 19(2000), 801-847.

[5] Το γίου ουστίνου πρς Τρύφωνα ουδαον Διάλογος. Die beste Edition des dial. Philippe Bobichon. Fribourg/ CH 2003.

[6] Goulet-Cazé 2017. Marie-Odile Goulet-Cazé: Kynismus und Christentum in der Antike. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2016, 198-201. [Paris: Vrin 2014].

[7] Die Gerichtsverhandlung vor dem Stadtpräfekten Rusticus und der Tod sind in den Acta Martyrum Iustini (nachträglich) notiert. Die drei Versionen zweisprachig in Hans Reinhard Seeliger; Wolfgang Wischmeyer (ed.): Märtyrerliteratur. (TU 172) Berlin: De Gruyter 2015 (=2018), 103-127.

[8] Der vollständige Titel lautet; πολογία πρώτη πέρ Χριστιανών προς ντωνίνον τοΕσεβή.

[9] Wolfram Kinzig: Der „Sitz im Leben“ der Apologie in der Alten Kirche. Zeitschrift für Kirchenge­schichte 100(1989), 291-317.

[10] Die neueste Debatte im Kontext von Otto Zwierleins Büchern und dem Aufsatz von B Shaw, The Myth of the Neronian Persecution. Journal of Roman Studies 105(2015), 73-100 bezüglich der Neronischen Christenverfolgung hat JU nicht aufgenommen. Diese ist gut dokumentiert bei Birgit van der Lans; Jan Bremmer: Tacitus and the persecution of the Christians. An invention of tradition? In: Eirene. Studia Graeca et Latina 53(2017), 299-330. Dort 317-322 auch zu Christiani als Fremd- und als Eigenbezeichnung, die Lukas in der Apostelgeschichte (11,26. um 90 n.Ch.) zuerst in Antiochien aufgekommen weiß. Ungenau JU 65.

[11] JU denkt (3) an ein scriptorium in Mistra in der letzten Hochzeit des Hellenismus vor der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen.

[12] Iustini Martyris Apologiae pro Christianis. Edited by Miroslav Marcovich. (Patristische Texte und Studien 38) Berlin: De Gruyter 1994. Die 128 Seiten griechischer Text – durchschnittlich etwa die Hälfte der Seite füllend, sind durch zwei Apparate erschlossen, einmal der Apparat, wo Sätze auf Texte der Bibel oder gleichzeitige christliche Autoren verweisen, der andere mit den ‚Verbesserungen’ des Herausgebers gegenüber den Handschriften, also dem sog. kritischen Apparat. Ein Index der wichtigsten Wörter im Text und der zitierten Stellen der Bibel erschließt die Edition systematisch. Zur Arbeitsweise von Marcovich JU 8f. Marcovich’s „text may be better Greek than Justin’s“, Minns/ Parvis 18.

[13] Zuerst Freiburg/CH 1995. Am leichtesten zu greifen als Ausgabe in den sources Chrétiennes 507, Paris 2006 mit frz. Übersetzung. Dazu die große Ausgabe mit umfangreichem Kommentar aufgrund jahrelanger Beschäftigung mit dem Werk des Iustin, Paris 2006.

[14] Dennis Minns; Paul Parvis: ed. with an Introduction, Translation, and Commentary (Oxford Early Christian Texts). Oxford: OUP 2009.

[15] Die Auseinandersetzung mit Alfred Loisy wird jetzt durch den Briefwechsel Loisy mit Franz Cumont noch schärfer beleuchtet. Zu Christoph Markschies‘ Buch zu dem Thema s. meine Rezension Wie das Christentum zu einer europäischen Religion wurde: die Hellenisierung. Christoph Markschies: Hellenisierung des Christentums 2012. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2013/09/16/christoph-markschies-hellenisierung-des-christentums/ (16.9.2013).

[16] Logos ist eine zentrale Metapher in der Theologie des Johannes, der im Prolog das Schöpfungswort mit dem Jesus von Nazareth gleichsetzt: „Im Anfang war das Wort und das Wort wurde Mensch …“ Joh 1,1. Bei Platon ist der Logos der wichtigste und göttliche Teil der menschlichen Seele.

[17] Fehler sind selten. Franz Bömer wird zu Böhmer (657), Cicero pro Sestio (nicht Sestium, 656) und andere Kleinigkeiten.

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