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The fourth Lateran Council

Gert Melville; Johannes Helmrath (Hrsg.):
The fourth Lateran Council: Institutional reform and spiritual renewal.

352 Seiten und 2 Tafeln mit 3 farbigen Abbildungen

Affalterbach: Didymos 2017.
ISBN 978-3-939020-84-4
59 €

Die Anweisungen des Papstes, wie man mit religiösen Bewegungen umzugehen hat, indem man die einzig wahre Religion festlegt: das Konzil von 1215

Kurz: Der Papst lädt die Welt ein zu sich in den Lateran-Palast in Rom, um den Klerikern einen festen Rahmen zu geben, Wildwuchs zu beschneiden, Ketzer zu vernichten, das Heilige Land wieder zu erobern: Das Vierte Laterankonzil war das wichtigste Konzil des Mittelalters vor den Reformkonzilen des 15. Jahrhunderts.

Ausführlich: Das Vierte Laterankonzil ist eines der wichtigsten im Mittelalter. Konzile sind Zusammenkünfte aller Bischöfe, um Weichenstellungen für die Entwicklung der Kirche zu beraten und zu beschließen. So verstanden sich die Konzile des 15. Jahrhunderts (Im ‚Zeit­alter des Konziliarismus‘: die Konzile in Konstanz 1414-1418, in Basel 1431-1445 bzw. in Florenz/Ferrara). Der Bischof von Rom war demnach nur einer unter vielen Bischöfen. Luther berief sich, als er auf dem Reichstag angeklagt wurde, auf ein Konzil; über seine Reformation könne nur ein Konzil entscheiden. Das Konzil aber, das dann über ein Viertel­jahrhundert später über 18 Jahre verteilt endlich in Trient tagte (1545-1563), bestand nur aus dem katholischen Teil der Kirche. Im Reich waren mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 die Protestanten als zweite Konfession anerkannt. – Der emeritierte Präsident der Historischen päpstlichen Kommission, Walter Brandmüller, zeigt, wie intensiv das Tridenti­nische Konzil zurückgriff auf das Lateranum IV (11-14). – Verstanden sich die Konzile als das entscheidungsberech­tigte Gremium der Vollversammlung der Bischöfe, so gibt es noch eine andere Interpretation der Funktion von Konzilen: Der Papst lädt die Bischöfe ein, Ihnen seine Pläne mitzuteilen, damit sie in den Bistümern durchgesetzt werden.[1] So hatten sich die Reform-Päpste der libertas ecclesiae das vorgestellt, als absolute Monarchie, und sich dabei auf die angebliche Einsetzung des Petrus durch Jesus als ‚ersten Papst‘ berufen,[2] während in Mat­thäus 18 nicht nur Petrus einen Schlüssel, sondern alle Apostel einen Schlüssel bekom­men. Als Monarch der Kirche hatte sich v.a. Gregor VII. Mitte des 11. Jahrhunderts verstan­den, war damit aber gescheitert.[3] Urban II. hatte den Kreuzzug ausgerufen, war aber nicht Herr der Bewegung.[4] Die Laien wollten anderes und waren nicht als ‚Heer des Papstes‘ unterwegs. Am weitesten gelang es Innozenz III., die mittelalterliche Kirche wie ein Monarch zu führen. Das in seinem Palast, im Lateran, in Rom zusammengerufene Konzil, das Vierte Laterankonzil, erwies sich zusammen mit der Schlacht von Bouvines ein Jahr zuvor als der Höhepunkt der Papstmacht, Bonifaz VIII. hätte es ihm fast hundert Jahre später gerne gleich­gemacht, aber hatte wieder nicht die Kraft, das durchzusetzen.

Im November 1215 hatte Papst Innozenz III. im 17. Jahr seines Papstamtes die Bischöfe zusammengerufen ‚zu sich nach Hause‘, weil es viel zu regeln gab. Der Papst verkündete die Regeln in drei Wochen, die Bischöfe hatten sie durchzusetzen. Seit dem dritten Laterankonzil 1187 waren entscheidende Dinge geschehen: Der dritte Kreuzzug war gescheitert, Jerusalem war wieder eine islamische Stadt; der vierte Kreuzzug 1204 sollte die Heilige Stadt zurück­erobern, die Venezianer wussten aber die Schiffe umzuleiten und so eroberten sie Konstan­tinopel: ein Kreuzzug gegen die Christen im Osten, nicht gegen ‚Heiden‘. Der Papst setzte den griechischen Patriarchen ab, einen westlichen Patriarchen ein, um die Christen zu bekehren zum lateinischen Christentum: die Perversion des Kreuzzugsgedankens! Und sie ging noch weiter: Kreuzzüge wurden nun ausgerufen gegen andere Christen, so gegen die regionale Kirche in Südfrankreich, die sich als die Reinen (Katharer) verstanden, den Römern aber als Ketzer galten. Im Namen des Papstes durfte gemordet, geraubt, enteignet, die rechtmäßige Herrschaft abgesetzt werden.[5] 16 Jahre s­päter wurde die Inquisition ein­gesetzt. Die selbstbewusste Kirche Südfrankreichs wider­setzte sich dem Anspruch des Papstes, als absoluter Herrscher der Kirche aufzutreten. Die Katharer waren eine Ausprä­gung der vita apostolica-Bewegung, die überall im 12. Jh. neue Formen des christlichen Lebens hatte aufsprießen lassen. Auch diese neuen Gruppen galt es zu regulieren. Innozenz hatte die Fäden gezogen für die Nachfolge der Könige in England, Frankreich, Deutschland in der Schlacht von Bouvines 1214. Ein halbes Jahr nach dem Konzil starb der 55-Jährige.

Zu den Teilnehmern (zusammengefasst S. 38), der Frage, ob die Bezeichnung ‚ökumenisch‘ (also die ganze Welt umfassend) berechtigt sei (25), und den Ablauf der Entscheidungen (nur über das Credo und die Verurteilung von Joachims und Amalrics Schriften gibt es eine Akklamation, sonst wurde alle vom Papst formulierten canones[6] vorgelesen, nicht diskutiert) gibt Johannes Helmrath präzise Auskunft: The Fourth Lateran Council. Its Fundamentals, Its Procedure in Comparative Perspective (17-40). Kenneth Pennington: The Fourth Lateran Council. Its Legislation, and the Development of Legal Procedure (41-50) beschreibt, wie das Konzil das Kirchenrecht prägte durch eine scharfe Scheidung von Klerikern und Laien.

Auf dem Konzil[7] musste (1) der Katholische Glaube präzise formuliert werden gegen die Griechen von Konstantinopel und die Franzosen in der Languedoc.[8] Schon gleich zu Beginn seines Pontifikats hatte Innozenz als Ziel ausgegeben ad extirpandas hereses universas „die sich überall verbreitenden Ketzereien auszurotten“ (61).[9] Werner Maleczek: Firmiter credimus – Die erste dogmatische Konstitution des IV. Lateranum. Bemerkungen zu Genese und Inhalt 57-78 weist auf die außergewöhnliche Neufassung des Glaubensbekenntnisses hin. Wichtig auch die Transsubstantiationslehre (72-75) – Thomas Prügl: The Fourth Lateran Council – A Turning Point in Medieval Ecclesiology? (79-98) bejaht die Frage: “the model introduced by Innocent III at the Fourth Lateran council […] included that the pope can make infallible dogmatic decisions also without cooperation of a council.” (97). – Josep-Ignasi Saranyana: II male. Un dibattito con ripercussioni metafisiche, nel Lateranense IV (99-109) diskutiert den Satz des Glaubensbekenntnisses in c. 1, dass „der Teufel und die Dämonen ursprünglich von Gott gut geschaffen wurden, sich aber von alleine zum bösen entwickelten. Der Mensch sündigte durch Einflüsterung des Teufels“. – Stefan Burkhardt: Ut sit unum ovile et unus pastor. The Fourth Lateran Council and the Variety of Eastern Christianity (111-122) diskutiert den Leitsatz una religio in varietate rituum, “ein und dieselbe Religion trotz unterschiedlicher Liturgien”. Wie bekommt man nach der Eroberung Konstantinopels die griechischen Priester dazu, der lateinischen Dogmatik und dem Patriarchen zu gehorchen?

(2) Dann war ein Streitpunkt das Verhältnis der normalen Christen zu den Geistlichen, eigentlich vor allem um die Weltgeistlichen gegenüber den Perfekten, wie man die Mönche anerkennend nannte. Ja, weiter noch: Urban II. hatte zum Kreuzzug Laien aufgerufen: Nicht ich, sondern Christus ruft euch auf: Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach! Also alle Christen sind Jünger bzw. Apostel Christi! Die vita apostolica-Bewegungen des 12. Jahrhunderts nivellierten den Unterscheid von Klerikern und Laien. Julia Barrow: Clergy and the IV Lateran (125-136) begrenzt sich ausschließlich auf den Klerus und die Fragen von Ausbildung, Zölibat und das priesterliche Leben. – Die Eheschließung als Sakrament, nach dem Skandal um Philipp August II.[10] spielt keine Rolle in der Behand­lung von c. 50f bei David L. D‘Avray: Lateran IV and Marriage. What Lateran IV did not do about Marriage? (137 142) – Die Einführung der Einzelbeichte (Ohrenbeichte) mindestens einmal im Jahr (c. 21) behandelt im Zusammenhang mit c. 60/62) Catherine Vincent: La pas­torale de la pénitence du IVe concile du Latran: Relecture des canons 21, 60 et 62 (143-162), die besonders auch auf die symbolische Darstellung eingeht. – Nicole Bériou: Lateran IV and Preaching (163-174) begrenzt ihr Thema weitgehend auf ‚Predigten auf dem Konzil‘ und Innozenz als Prediger. Die anderen Fragen wie Laienpredigten, Predigen für den Kreuzzug bleiben unbehandelt.[11] – John Sabapathy: Some Difficulties in Forming Persecuting Societies before Lateran IV Canon 8. Robert of Courson thinks about Communities & Inquisitions (175-200). Das ist eine sehr sorgfältige Diskussion ausgehend von dem Begriff der Formation of persecuting Societies, den Robert I Moore konzipiert hat (Zur Kritik 178, A. 16): im Gefolge des Vierten Laterankonzils sei aus der Pluralität die Verfolgung von religiösen Bewegungen geworden, die sich nicht dem Gehorsam gegenüber dem Papst fügen, als Prozedur die Inquisition, die allerdings erst ab 1231 auf Laien angewendet wurde (Feuchter, s.u.).

(3) Wie mit Andersgläubigen umzugehen sei, diktierte der Papst dem Konzil: Der Spezialist zu Joachim von Fiore schreibt über die Verdammung des Trinitätsbüchleins auf dem Konzil, c.2, 13 Jahre nach dessen Tod: Gian Luca Potestà: La condanna del libellus trinitario di Gioacchino da Fiore: oggetto, ragioni, esiti (203-224).[12] – Zum Kreuzzug gegen die Katharer Jörg Feuchter: The Albigensian Crusade, the Dominicans and the Antiheretical Dispositions of the Council (225-242) erklärt, dass man die großen Probleme und Ungerechtigkeiten des Albigenser-Kreuzzugs auf dem Konzil nicht entschied, also das Unrecht akzeptierte. – Das Zusammenleben mit Juden wurde durch das Tragen des gelben Aufnähers grell distanziert, dazu Joseph Goering: Lateran Council IV and the cura Judaeorum (243-254) zu c. 67-70 mit einem Ausblick auf die Verbrennung des Talmud in Paris 1240. Nikolas Jaspert: Crusade, Reconquest and the Muslims: The Islamic World at the Fourth Lateran Council (255-274) konstatiert anhand des umsichtig vorgestellten Materials, dass nicht nur die islamische Welt differenziert war, sondern auch die Sicht des Papstes; vorrangig aber war ihm die Freilas­sung von Muslimen gefangener Kreuzfahrer.

Das Verbot, neue Orden zu gründen oder vorhandene neu bestätigen (approbieren) zu lassen, war das Thema (5) des c. 13 des Konzils. Die Franziskaner hatte ihre liebe Mühe damit, den Dominikanern gelang es relativ einfach. Gert Melville: regulam et institutionem accipiat de religionibus approbatis. Kritische Bemerkungen zur Begrifflichkeit im Kanon 13 des 4. Laterankonzils.(275-288). Der canon war zu strikt formuliert, als dass er praktisch umge­setzt werden konnte, wie auch die folgenden Aufsätze zeigen: Maria Pia Alberzoni: II concilio dopo il concilio. Gli interventi normativi nella vita religiosa fino al pontificato di Gregorio IX (289-318). – Pierantonio Piatti: Cronaca di un «sisma». Le religiones novae al vaglio del II Con­cilio di Lione 1274 (319-347). Der Namensindex 348-352 hat etwas Probleme mit den Namens­formen in den 3 deutschen, einem französischen, 5 italienischen und 12 englischen Beiträgen, hat das aber sehr sorgfältig gelöst.

Der Band ist keine Monographie, dafür eine ziemlich umfassende Sammlung von zentralen Aspekten, die das Konzil betreffen, vorgestellt von Spezialisten des jeweiligen Themas, die mit allem Können die Forschung (in meist umfangreichen Fußnoten – erfreulicherweise Fuß­noten!) aufgreifen und weiter führen. Die Beiträge sind zumeist durchaus kritisch, also nicht nur das Kirchenmodell eines Papstes bejahend, der als vicarius Christi den Bischöfen Anweisungen gibt. Ein hervorragendes Handbuch, das zu Recht auch den Verleger des Kleinverlages rühmt!

Bremen/Wellerscheid, November 2020                                            Christoph Auffarth,

Religionswissenschaft
Universität Bremen

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[1] Den Höhepunkt dieser Interpretation erreichte das Erste Vatikanische Konzil 1870 mit der selbst zugesprochenen Unfehlbarkeit des Papstes, hier Pius‘ IX. Scharfzüngig, aber genau belegt und erklärt von Hubert Wolf: Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. Biogra­phie. München: Beck 2020, 257-304. Positiv bewertet das jedoch John Sabapaty, dieser Band S. 176.

[2] Matthäus 16,18f „Du bist Petrus und auf diesen Fels (griechisch petra „Fels“) werde ich meine Kirche bauen. Ich werde Dir die Schlüssel der Herrschaft der Himmel geben. …“ – Matthäus 18,18 ist das aber allen Jüngern/Aposteln aufgetragen.

[3] Der dictatus papae von 1059 formuliert scharf den Anspruch, er wurde aber nie veröffentlicht und war weit von der Realität entfernt. Der Text Erich Caspar (Hrsg.): Das Register Gregors VII. (Monumenta Germaniae Historica. Epistolae 4, Epistolae selectae 2, 1) Berlin: Weidmann 1920, II,55a, Bd 2, S. 201–208.

[4] Christoph Auffarth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Göttingen 2002, 123-150. Ders.: Nonnen auf den Kreuzzügen: ein drittes Geschlecht? In: Das Mittelalter. Zeitschrift des deutschen Mediävistenverban­des Band 21, Themenheft 1: Kreuzzüge und Gender, hrsg. von Ingrid Baumgärtner und Melanie Panse. Berlin: de Gruyter 2016, 159-176. Tim Weitzel: Kreuzzug als charismatische Bewegung. Päpste, Priester und Propheten 1095-1149. (Mittealterforschungen 62) Ostfildern: Thorbecke 2019.

[5] Christoph Auffarth: Die Ketzer. Katharer, Waldenser, religiöse Bewegungen. München: Beck ³2016.

[6] Die Beschlüsse eines Konzils werden canones Regeln (Singular canon), auch caput Kapitel genannt und mit c. abgekürzt.

[7] Die Beschlüsse des Konzils sind (lateinisch) zu finden Constitutiones Concilii quarti lateranensis – Costituzioni del quarto Concilio lateranense. Herausgegeben von M. Albertazzi.  La Finestra editrice, Lavis 2016. Antonio García y García (ed.): Constitutiones Concilii quarti Lateranensis una cum com­mentariis glossatorum. Città des Vaticano 1981. Im Internet die ältere Ausgabe ohne Übersetzung und Kommentar http://www.internetsv.info/Archive/CLateranense4.pdf  (31. 10 2020). Kleine Auswahl lateinisch und deutsch in: Enchridion symbolarum, definitionum et declarationum de rebus fidei et morum. Hrsg. von Heinrich Denzinger; Peter Hünermann. Freiburg: Herder 371991, § 800-820.

[8] Frankreich war eigentlich nur der mittlere Landesteil, Franzien, mit dem König von Paris, der gerade seine Herrschaft nach Osten ausdehnte. Der Süden und Westen sprach eine andere Sprache, die langue d’Oc und hatte eine andere Kultur. Der Kreuzzug gegen die Katharer hatte zum Ziel, dem König von Paris, Philipp II. August, das Land der mächtigen Grafen von Toulouse zu unterwerfen.

[9] Register der Briefe Innozenz‘ III. I 81 (ed. Otmar Hageneder. Graz: Böhlau 1964).

[10]  In einem Klassiker der französischen Geschichtsschreibung hat den Fall hat anschaulich beschrieben Georges Duby: Le chévalier, la femme et le prêtre. Le mariage dans la France mediéval. Paris: Hachette 1981 (Ritter, Frau und Priester. Frankfurt am Main 1985).

[11] Dazu die umfangreiche Wiener Dissertation Alexander Marx: Die Predigt des Dritten Kreuzzugs. 2019.

[12] Zur Wirkung der Theologie des Joachim s. Christoph Auffarth: Ein Paradigmenwechsel in der Europäischen Religionsgeschichte: Joachim von Fiores Drittes Reich. Mit drei Teilen (1) zu Joachim von Fiore und der Edition seiner Werke, (2) Rez. Nelly Ficzel, Der Papst als Antichrist 2019 und (3) der Rezeption des ‚Dritten Reiches‘ in der Wissenschaft der NS-Zeit. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/09/30/der-papst-als-antichrist/ (30. September 2019).

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