Kirchliche Zeitgeschichte 1

Siegfried Hermle; Harry Oelke (Hrsg.):

Kirchliche Zeitgeschichte_evangelisch

Band 1: Protestantismus und Weimarer Republik (1918-1932).

(Christentum und Zeitgeschichte 5) Leipzig: EVA 2019.
ISBN 978-3-374-06262-1
261 Seiten. 20 €

Das Zwanzigste Jahrhundert in der deutschen Kirchengeschichte

Kurz: Die vierteilige Kirchliche Zeitgeschichte (nur Deutschlands) setzt ein mit der Weima­rer Republik. Zehn Autorinnen und Autoren bieten solide Darstellungen dessen, was erforscht ist, und charakterisieren sie als eine Zwischenepoche.

Ausführlich: Eine Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts der deutschen evangelischen Kirchen ist eine wichtige Aufgabe (ohne dass diese Einschränkung auf Deutschland eigens genannt, erst recht nicht reflektiert wird), die die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschi­ch­te sich vorgenommen hat. Sie soll vier Bände umfassen, beginnend mit dem Ende des Ersten Weltkriegs mit seinen grundstürzenden Herausforderungen durch das Ende der Staatskirche, die in der ‚Weimarer Republik‘ zu lösen waren, dann die Zeit des National­sozialismus, Band 3 soll den Jahren den Kirchen in den sich herausbildenden unter­schied­lichen Systemen „bis zum Mauerbau“ [1961] gelten, während Band 4 die Zeit der Bun­des­­republik beschreiben soll. Während die beiden ersten Bänden klar abgegrenzte Zeitab­schnit­te verwenden, sind die beiden letzteren Bände etwas überraschend in der Abgrenzung: „Nachkriegszeit“ bis 1961 in Band 3: Welche Wende brachte der Mauerbau in der Kirchenge­schichte? Das ist doch ein sehr spätes Datum und ein letzter betonierter Schritt der Trennung der beiden Staaten, kaum ein kirchengeschichtlicher Bruch. Die staatlich betriebene Durch­set­zung des Atheismus setzt deutlich früher ein; das Programm „Kirche im Sozialismus“ deut­­lich später. Dass Band 4 sich dann nur auf die BRD beziehen soll, ist eine Fehlentschei­dung. Die Bände sind gleich aufgebaut: Auf eine ‚Gesamtschau‘ folgt Protestantismus und Politik. Die gesellschaftlichen Herausforderungen, dann die kirchlichen Ordnungen und Strukturen. Protestantische Milieus und Gruppen. Die theologische Signatur der Epoche. Bildung und Kultur, Ökumene, Diakonie, Christen und Juden. Die Bände schließen ab mit einem Literaturverzeichnis und einem Personenregister. Diakonie würde ich den gesell­schaftlichen Herausforderungen zuordnen, Ökumene und das Verhältnis zu den Juden würden näher zueinander gehören als die Beziehung zu anderen Religionen bzw. Konfessi­onen. Mission (außer Judenmission) fehlt. Die Beziehung zum nicht-religiösen Spektrum, das in der Weimarer Republik erstmals in der Verfassung voll gewürdigt wurde mit der Gleich­stellung von Religion/Kirche und Weltanschauungsgruppen, ist nicht eigens thematisiert. Die Bände sind als Sammelbände von verschiedenen Autorinnen und Autoren, alle protes­tan­tische KirchengeschichtlerInnen, zusammengetragen, jeder Abschnitt verweist am Ende auf drei bis vier wichtige Grundlagenwerke. Fußnoten gibt es keine, stattdessen (seltener) ein Verweis in Klammern (was ich als störend im Textfluss wahrnehme). Die Anlage als Lehrbuch ist so erkennbar.

Wie ist das Programm realisiert im ersten, bereits erschienenen Band Protestantismus und Weimarer Republik?[1] Die ‚Gesamtschau‘ bietet Harry Oelke (9-32). Das ist eine tief mit der Materie vertraute Vorstellung bedeutender sozialer Veränderungen und theologischer Deutungen, die das protestantische Milieu in der Weimarer Republik charakterisieren. Man wird das alles richtig und in Übereinstimmung mit den vorhandenen Forschungen finden. Und doch finde ich die Tendenz zu einseitig und kurzsichtig: „Die vor allem mit der libera­len Theologie verbundenen demokratieaffinen Kräfte waren zahlenmäßig vergleichs­weise gering und nahmen auch altersbedingt ab.“ (31) Das ist wohl mit Blick auf Martin Rade und die von ihm redigierte Christliche Welt gesagt (Lepp 41 sogar noch eingeschränkter auf die füh­ren­den Köpfe). Aber liberale Theologie als Bejahung der Demokratie zu werten trifft doch nur einen Teil der Bewegung.[2] Das Kapitel setzt wenig dem entgegen, das protestanti­sche Milieu als Einbahnstraße zum Nationalsozialismus zu verstehen: „Die Wei­ma­rer Jahre zwi­schen Kriegsende 1918 und Machtübernahme der Natio­nalsozialisten 1933 (werden) in einer genetischen Verschränkung mit den folgenden zwölf NS-Jahren gedeutet. Die Weima­rer Jahre bilden den historischen ebenso wie den kirchenhis­to­rischen Ermöglich­ungsgrund für den folgenden Abschnitt der NS-Jahre“ (10f). Kann man nicht andere, länger­fristige Per­spek­tiven zeichnen? Das machen andere Beiträge deutlich anders. Etwa: Die Trennung von Staat und Kirche 1919 traf die Landeskirchen mehr oder weniger gut vorbereitet, da sich eini­ge schon weitge­hend autonom verwalteten. Allerdings wurde die Eigenfinanzierung zum Problem.[3] In mehre­ren Landeskirchen wurde die Kirchensteuer neu eingeführt – und das in den Geld­nöten der Inflation. Kirchenmitgliedschaft kostete auf einmal Geld. Und eine vergleichende Perspektive hätte die deutsche Lösung neben die konvulsive Trennung von Staat in Frankreich, gerade einmal 14 Jahre zuvor daneben stellen sollen, von der Russischen Revolution zwei Jahre zuvor zu schweigen. Gut hebt Oelke (15) heraus, dass mit Dibe­lius‘ Jahrhundert der Kirche 1927 eine Alternative zur Staats­kirche skizziert wurde (Lepp 42 f zum folgenden Fahnenstreit, dass evangelische Kirchen statt der offiziellen Reichsfahne die Fahne Lila Kreuz auf weißem Grund beflaggten). Das andere ist, dass immer wieder das damalige Selbstverständnis wiederholt wird. Dem Ver­sailler Vertrag 1919 ging der andere Versailler Vertrag voraus, mit dem Preußen-Deutsch­land Frankreich 1871 riesige Reparationen aufge­zwungen hatte. Walter Rathenau konnte dank seiner inter­natio­nalen Beziehungen die Bedingungen der Reparationszah­lun­gen erheb­lich verbessern und der weltwirtschaftlichen Krise anpassen, trotzdem wurde der Mythos Ver­sailles weiter befeuert. Sodann ist nicht nur das Ende des Krieges und die Gewalt der Extre­men hervorzu­heben,[4] sondern die aufgeheiz­te Vereinnahmung Gottes als einen deut­schen Gott, der die Kanonen füttert, um mit über- und unmenschlicher Gewalt seinem Volk den Sieg zu sichern. Die Kriegs­­theologie ist für die religiöse Legitimation des Nationalsozi­alis­mus wohl die wichtig­ste Vorlage. (Daran schließt sich an, was Oelke S. 22 treffend als ‚Trans­zendenz‘ der völki­schen Interpretation des ‚Tau­sendjährigen Reiches‘ beschreibt. Deutlicher Lepp, 33).[5] Das soll heißen, dass man hundert Jahre später nicht nur die Selbst­einschätzung der Zeitgenossen wiederholen sollte, sondern man muss auch ihre Fehleinschät­zungen, Mythen­bildungen zurechtweisen (wie das etwa Hermle in seinem Beitrag tut).

Weiter ist zur Bewertung der deutschen Katholiken zu sagen: Nicht nur im protestanti­schen Bereich war die Verbindung von Herrschaft und Religion in den Landesherrschaften sehr eng. Erst ab Mitte des 19. Jahrhundert ändert sich das mit der Zentralisierung auf Rom hin im sog. Ultra­montanismus, weltweit.[6] Dem unterwarf sich der politische Katholizismus in Deutsch­land nicht. Das Konkordat von 1933 aber zerschlug im Konsens von Papstkirche und NS diese selbstbewusste Bewegung.[7]

Auch der Beitrag von Claudia Lepp: Protestantismus und Politik 33-55 und Die gesellschaftlichen Herausforderungen (56-73) hält sich immer wieder an die Bewertung der Zeitgenossen, auch wenn sie sie vielleicht in Anführungszeichen meint. Ein Satz wie „Die eher kirchenfer­ne evangelische Arbeiter und Arbeitneh­mer­schaft verhalf der SPD zu hohen Wahlergebnis­sen.“ (46) bedarf der Erklärung zum einen, warum trotz der evangelische Kirchen, die sich als bürgerlich verstanden und sich wenig um die Rechte der Arbeiter kümmerten, trotzdem so viele Arbeiter evangelisch waren und warum und wie sich die SPD, als atheistisch ge­schol­ten, für die Religion z.B. an den Schulen ein­setzte und so die ‚freundliche‘ (besser statt ‚hinkende‘) Trennung von Staat und Kirche erreich­te.[8] Dass die Dialektische Theologie dem Nationalsozialismus eine radikale theologi­sche Absage erteilte (52), vergisst Friedrich Gogar­ten. Der NSDAP und ihrer Verankerung des ‚positiven Christentums‘ im Parteiprogramm unterstellt Lepp nur strategische Absich­ten. Da bin ich gespannt auf den zweiten Band.

Die kirchlichen Ordnungen und Strukturen erklärt Karl-Heinz Fix (74-99) mit reichen Zah­len­belegen aus seinem Handbuch der Kirchenorganisation (2017). Gisa Bauer stellt Protestan­tische Milieus und Gruppen vor (100-123), führt dafür den wichtigen Milieu-Begriff ein und verfolgt Vereine, Bewegungen, Avantgarden. Reiner Anselm skizziert Die theologische Signa­tur der Epoche (124-147), begrenzt auf Universitätstheologie. Das geht nicht so lebensnah ins Milieu der Studierenden und der Lehrenden wie der aufschlussreiche Vergleich der Seebergs und der Harnacks von Thomas Kaufmann.[9] Antje Roggenkamp und Katharina Kunter disku­tieren Bildung und Kultur (148-172).

Das Kapitel Ökumene von Thomas Martin Schneider (173-195) bietet eine gute Aufzählung der Ereignisse. Es fehlen aber grundsätz­liche Vorbemerkungen: Die institutionalisierte ‚Öku­mene‘ war während der WR eine inner­protestantische Angelegenheit – im Gegensatz zum heutigen Sprachgebrauch. Erst kurz vor Schluss erwähnt der Autor, was der Papst unter Ökumene verstand: Rückkehr in die katho­lische Kirche. Dazu müsste auch Blaschkes These vom zweiten konfessionellen Zeitalter diskutiert werden. Weiter lese ich zwar vom Bern­euchner Bund, aber nicht von der Una sancta-Bewegung. Vor allem aber ist zu nennen die Entfremdung der nationalen Christen­tümer in Europa durch den Ersten Weltkrieg, die Nathanael Söderblom zu überwinden suchte. Die weltweite Ökumene ist nicht im Blick, die in der Welt­missionskonferenz Edinburgh 1910 noch unbekannt, in Tambaram 1938 mächtig auftrat. Mit dem Ersten Weltkrieg hatten die Europäer ihren Anspruch verwirkt, das Christentum universal zu repräsentieren. Mission und Globalisierung als Thema fehlen völlig. Vorzüglich erforscht sind Diakonie (Norbert Friedrich 196-214) und Christen und Juden Siegfried Hermle 215-237.

Kurz: Der Sammelband kann kein Lehrbuch ersetzen. Die Autorinnen und Autoren können die Bereiche kundig skizzieren, auf denen Forschungen vorhanden sind, und das ist ziemlich unterschiedlich. Diakonie etwa ist sehr gut erforscht, unter Gesellschaft ist viel zu Arbeiter­schaft geforscht, aber die Bauern und Handwerker fehlen weitgehend. Hermle kann zu „Chris­ten und Juden“ aus dem Vollen schöpfen. Karl-Heinz Fix hat die präzisen Zahlen für das Handbuch der Kirchenorganisation erforscht. Das Buch führt ein in die Forschung, nicht zu den Quellen. Als Lehrbuch wird man weiterhin von Hauschilds klugen Längs- und Quer­schnitten mehr profitieren (besonders wenn es die Neuauflage erleben wird).[10] Benjamin Ziemanns Biographie von Martin Niemöller[11] wirft viele Fragen auf auch für die Weimarer Republik, die hier nicht beant­wortet sind.

 

Bremen/Wellerscheid, 1. März 2021                                    Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Zu den vorausgegangenen thematischen Bänden die Sammelrezension von Hans Otte im Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte (2019[2021]), 370-375.

[2] Steigmann-Gall: The Holy Third Reich behauptet sogar, die Deutschen Christen seien vor allem aus der liberalen Theologie hervorgegangen. Das geht sicher zu weit, wie die Kritik nachgewiesen hat, etwa Doris L. Bergen: Nazism and Christianity. In: Journal of contemporary history 42 (2007), 25-34. Aber ‚demokratieaffin‘ waren auch bei den Liberalen nur wenige, vgl. Lepp 46f.

[3] Zur wachsenden Autonomie der Kirchen im 19. Jh. grundlegend Hans-Michael Kuhlmann: Bürgerlichkeit und Religion. Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der evangelischen Pfarrer in Baden 1860-1914. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001, 53-115. Zum Thema Kirchensteuer und Finanzierung weist Oelke darauf hin, dass die Kirchen vom Staat auf Dauer eine Zuweisung aus dem Staatshaushalt erhielten. Fix nennt S. 95 Zahlen.

[4] Die Möglichkeit einer ganz anderen Organisation der Herrschaft in Räterepubliken, nicht nach dem Modell der Bolschewisten 1917 als Parteidiktatur, wurde durch die rechte Gewalt der ‚Freischärler‘ zerschlagen.

[5] So habe ich von der ‚Nationalen Eschatologie‘ gesprochen – in Auseinandersetzung mit den Konzept der ‚Politischen Religion‘ (Hans Maier), die in der fehlenden Transzendenz das Gegenteil zu Religion im Nationalsozialismus erkennen will. Christoph Auffarth: Drittes Reich. In: 20. Jahrhundert. Hrsg. von Lucian Hölscher, Volkhard Krech. (Handbuch der Religionsgeschichte im deutschsprachigen Raum, Band 6/1) Paderborn: Schöningh 2015, 113-134; 435-449.

[6] Glänzend ist dieser innerkirchliche Bruch mit der Tradition beschrieben bei Hubert Wolf: Der Unfehl­bare. München: Beck 2019. Zum Ultramontanismus als ‚Weltreligion‘ die Kapitel in Olaf Blaschke Francisco Javier Ramón Solans (Hrsg): Weltreligion im Umbruch: transnationale Perspektiven auf das Christentum in der Globalisierung. (Religion und Moderne 12) Frankfurt am Main; New York: Campus 2019. Dazu meine Rezension: Das Christentum als Weltreligion in der Globalgeschichte und seine Transformation in der Globalisierung. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2020/05/25/weltreligion-im-umbruch/ (25.5.2020).

[7] Dazu dann in der Rezension zum zweiten Band. Einen wohlbegründeten Widerspruch zum sorg­fältig eingehegten katholischen Forschungskonsens legte Klaus Unterberger 2014 ein.

[8] In seiner Habilitationsschrift hat Thomas Auwärter eine gute Zusammenarbeit des SPD-Partei­sekre­tärs Friedrich Ebert (also des späteren Reichspräsidenten) und des liberalen Pfarrers Albert Kalthoff in Bremen beschrieben beim Aufbau von Arbeiterbildungsvereinen: Die Wiederentdeckung der Religion und die Humanisierung des Christentums. Zeit, Leben, Werk und Religiosität Albert Kalthoffs. Bremen 2020, 355-381 [noch nicht veröffentlicht].

[9] Thomas Kaufmann in: Hartmut Lehmann; Manfred Gailus (Hrsg.): NationalprotestantischeMen­tali­täten: Konturen, Entwicklungslinien und Umbrüche eines Weltbildes. (VMPIG 215) Göttingen: Vanden­hoeck &Ruprecht 2005, 165-222. Das universitäre Milieu fehlt ebenso wie das der Pfarrhäuser, Pfarr­synoden.

[10] Der zweite Band ist zuletzt 1999 aufgelegt. Zur Neuauflage des ersten Bandes vgl. Auffarth: Kirchengeschichte: Hauschilds Lehrbuch erneuert. Wolf-Dieter Hauschild: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 1: Alte Kirche und Mittelalter. 5., vollständig überarbeitete Neuausgabe von Volker Henning Drecoll. – Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2016. In: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2017/04/06/alte-kirche-und-mittelalter/ (6.4.2017).

[11] Christoph Auffarth [Rezension] Benjamin Ziemann: Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition. München: DVA 2019. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/11/18/martin-niemoeller/ (18.11.2019).

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