Ludi saeculares

Bärbel Schnegg

unter Mitarbeit von Wolfram Schneider-Lastin;
mit einem Beitrag zur Prosopographie von François Chausson:

Die Inschriften zu den Ludi saeculares. Acta Ludorum Saecularium.

Berlin: De Gruyter 2020.
ISBN 978-3-11-061331-5

 

Die Feier des Beginns der ‚Goldenen Zeit‘ Roms

 

Kurz: Zwei Inschriften sind hier ediert, deren Fragmente höchste Kompetenzen der Heraus­geberin verlangen. Lateinischer Text, Übersetzung, umfassende Kommentierung und Dis­kussion der historischen, topographischen, prosopographischen Kontexte erschließen diese für die römische Religionsgeschichte wichtigen Quellen und Rituale.

Ausführlich: Im Jahre 17 v.Chr. hat der römische Kaiser ein großes Fest inszenieren lassen, die ludi saeculares. In brutalen Schlachten hatten sich die ehemaligen Verbündeten Antonius und Octavian bekämpft, aus denen in der Schlacht von Actium 31 v.Chr. Octavian als Sieger hervorging. In einem blutigen Rache-Akt ließ der Sieger, Caesars Adoptivsohn, Mitglieder der rivalisierenden Familien aus der Elite Roms töten. Wäre Octavian bald danach gestorben, so wäre er als Kriegstreiber und Mörder in die Geschichte eingegangen. So aber folgten viele Jahre der Herrschaft des Augustus (der Senat ehrte Octavian mit diesem Ehrentitel), in denen er sein Image umkehren konnte zum Friedenskaiser, der den Tempel des Kriegsgottes schloss und einen Altar des Friedens baute.[1] Der nun Augustus genannte Militärdiktator kehrte formal zu den ‚alten römischen Werten‘ und Ordnungen zurück, die unter dem globalisierenden griechisch-ägyptischen Einfluss verloren gegangen schienen. Dazu gehörte auch das groß inszenierte Fest der ludi saeculares. Das Fest fand nur alle 110 Jahre statt. Dichter sorgten dafür, dass dies als die große Wende der Zeiten verstanden werden sollte. Horaz dichtete das carmen saeculare.[2] Vergil bewertete es in seinem Epos über die Anfänge Roms und ihren Gründer Aeneas folgendermaßen, indem er in die Zukunft blicken lässt: Augustus Caesar divi genus aurea condet saecula. „Augustus Caesar (Kaiser), aus dem Geschlecht des vergöttlichten (Caesar) wird goldene Zeitalter gründen“. Und ähnlich als welthistorische Wende begrüßte Vergil Die Geburt des Kindes in der vierten Ecloge (Die USA haben das in ihrem Dollarschein aufgenommen, jeden Tag in jeder AmerikanerIn Händen).[3] Augustus arbeitete mit allen Kräften und in allen Medien an dem Image des Friedenskaisers, etwa mit seinem Tatenbericht, der Anlage des Tempels in der Erweiterung des Forum Romanum durch ein Forum Augustum mit dem Mars Ultor („Rächer“)-Tempel,[4] seinem Wohnhaus als Anbau des Apollon-Tempels, ‚seines‘ Gottes.[5] Diese Inszenierung des Festes als Anbruch des Goldenen Zeitalters lässt etwas in den Hintergrund treten, was in den acta beschrieben ist: der genaue Ablauf der Spiele und ihre religiöse Bedeutung.

Die Autorin[6] hat 2002 als Band 4 im Archiv für Religionsgeschichte schon die Inschriften zu den Säkularspielen des Augustus ediert und kommentiert.[7] Diese Edition bildet in leicht über­arbeiteter Form den ersten Teil A der Monographie (1-286). Die Inschriften waren in die mittelalterliche Befestigungsmauer verbaut. Sie wurden 1890 entdeckt. Der Altmeister der Epigraphik, Theodor Mommsen, hat sie im Jahr darauf ediert, andere Teile hatte ein Samm­ler entdeckt, 1984 kam ein weiteres Stück hinzu. Diese Monographie gilt als Referenz für jede Behandlung der Inschrift und zur augusteischen Epoche.

Neu in der Monographie hinzugekommen sind als Teil B die Inschriften der Acta saecularia Severiana (287-486) aus dem Jahre 204 n.Chr.[8] Die Chance, diese Inschrift zu bearbeiten, ergab sich aus der Einrichtung des Inschriftenmuseums in den Diokletiansthermen in Rom (Gegen­über dem Hauptbahnhof Stazione Termini (Thermen). Da wurden die in Kisten verpackten Fragmente und Einzelteile der Inschrift ausgepackt, zusammengesetzt und schließlich fixiert, so dass im Museum jetzt beide Inschriften nebeneinander ausgestellt sind. Damit ergab sich die Chance, diese umfangreichere Inschrift in ähnlicher Weise zu bearbeiten.

BS hat jeweils die Inschrift ediert und auf der gegenüberliegenden Seite übersetzt. Die Edition des fragmentarischen lateinischen Textes folgt den Regeln der Kunst: Die in lateini­schen Inschriften sehr häufigen Abkürzungen sind in runden Klammern aufgelöst, erhaltene Buchstaben in Großbuchstaben, in eckigen Klammern Ergänzungen der Lücken, wobei in einem Apparat unten auf der Seite die Vorschläge früherer Editionen aufgeführt sind. Wo Lücken nicht gefüllt werden konnten, steht die Zahl der Buchstaben, die dort Platz haben. Darauf folgt (2) Inhalt und Gliederung der Inschrift (A 38-40; B 338-341). Ein (3) Kommentar zur Textkonstitution (A 41-69; B 342-365) erklärt die Entscheidungen der Editorin über den hergestellten Text. Ein (4) Sachkommentar (A 70-165; B 366-395) erklärt die Vorgänge, die in den acta beschreiben sind. Dann geht die Gliederung der Teile A und B auseinander. Zur augusteischen Inschrift untersuche BS weiter (A 5) die Stellung der augusteischen zu frühe­ren Säkularfeiern. Denn eigentlich waren die 110 Jahre des vorigen saeculums schon in den vierziger Jahren abgelaufen, aber da tobte noch der Bürgerkrieg. Es folgen (A 6) Untersu­chungen zur Frage des Ursprungs, (A 7) die Topographie (200-216), dann (A 8) das Kollegium der Quindecimviri sacris faciundis (217-238).  Kapitel A 9 stellt die Münzen der Zeit zusammen. Die im Text einbezogenen Münzprägungen sind (diesmal) vorzüglich abgebildet im Anhang S. 515-527. A 10 erklärt den Orakelspruch aus den sibyllinischen Büchern, ebenfalls ein Rückgriff auf ‚uralte‘ römische Traditionen, (A 11) das carmen saeculare des Horaz (247-264), das in der Inschrift Zeile 147-149 genannt ist. Der Teil A schließt mit der Zusammenfassung (A 12) „Zwischen Tradition und Innovation“. Die Feier des Augustus stilisiert sich immer wieder als Anknüpfung an frühere Feiern, wieweit es sich da um invented tradition handelt,[9] ist mangels brauchbarer Informationen früherer Säkularfeiern nicht sicher zu erkennen, aber es passt in die Selbststilisierung des Augustus, dass er die ‚alten römischen Werte‘ wieder zur Geltung bringe. Dazu gehören besonders die im Jahr zuvor erlassenen Ehegesetze, die dauerhafte Ehen und Kinderreichtum festlegten. Die neue/alte Familienordnung wird auch in dem Fest hervorgehoben, indem hundertzehn verheiratete Mütter jeweils am Abend ein großes Opferfest darbringen und der Kinderchor ihre Nachkommenschaft repräsentiert.

Da die severische Inschrift zahlreiche Menschen nennt, hat der Epigraphiker François Chausson eine (B 5) Prosopographie der Personen erstellt (396-450). Auffällig sind die Namen der 110 Matronae, angeführt von der Gattin des Kaisers Iulia Domna. Abschließend bewertet BS die (B 6) Bedeutung der severischen Säkularspiele (451-486). Septimius Severus, der Kaiser, wusste schon als er im Jahre 193 n.Chr. das Amt antrat, dass die Säkularfeier anstand. Eigentlich hätte sie schon fünf Jahre nach seiner Thronbesteigung stattfinden sollen, aber da befand er sich, wie die ersten zehn Jahre seiner Regierungszeit, im Krieg außerhalb Roms und hatte gerade 29 Senatoren ermorden lassen. Aber seit 202 hielt er sich länger in Rom auf, achtete auf die Bauten, die er an prominenten Stellen hatte platzieren lassen. Und er plante für 204 die ludi saeculares, genau 220 Jahre nach denen des Augustus, also zwei Mal 110 Jahre. Die Spiele waren begleitet von Geschenken an die Bevölkerung. Sie zogen sich in einer langen Prozession vorbei an den neuen Prunkbauten vom Tiberufer im Norden zu einer neuen riesigen Bühne für Aufführungen, hinauf zum Kapitol, wo wieder die Kinder das Carmen saeculare rezitierten. Dann durch das Tal hinauf zum Palatin, wo erneut das Lied für Apollon und Diana vorgetragen wurde. Auf dem Weg passierte der Zug auch den im Vorjahr fertiggestellten Triumphbogen des Septimius Severus, der ihn als Kriegsherrn, und daneben der renovierte Vesta-Tempel, der ihn als Erneuer der Stadt auswies.

Die severischen ludi saeculares waren eine ideale Gelegenheit, die der Kaiser nutzte, um sich in die Tradition des ersten Kaisers zu stellen, zugleich in die Dynastie der Severer, deren Kaiser sich Pius nannten, der Fromme. Die Inschriften zeigen deutlich den Bezug, wobei die spätere etwa doppelt so lang ist wie die des Augustus. Während dieser eher die Ausführung der Rituale dokumentiert, ist die Severische mehr ein Verlaufsprotokoll und nennt zahlreiche Namen der Beteiligten, immer unter der Anleitung der kaiserlichen Familie, der Kaiser mit seinen beiden Söhnen führt alle Opfer aus, seine Frau leitet die sellisternia, die Götterbewir­tung nach den Opfern, die die matronae ausführen.

So liegt mit der neuen Edition eine überaus sorgfältige Edition der Texte, Erläuterung der Textkonstitution gegenüber der früheren Forschung, der Kommentierung der Einzelheiten, Diskussion der historischen Kontexte, der Topographie, der beteiligten Menschen, der Priesterkollegien, der Tradition der ludi und ihres Mythos. So liegt nun die Vollendung einer Arbeit vor, die mit herausragenden Kompetenzen (nicht nur epigraphischen) die beiden religionsgeschichtlich wichtigen Quellen umfassend erschließt. Grundlage für jede weitere Arbeit an der Religionsgeschichte des römischen Reiches.[10]

 

 

Bremen/Wellerscheid, Juni 2021                                       Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Der Friedensaltar Ara pacis, 13 v.Chr. wurde auf dem linken Tiberufer errichtet im Kontext des schon lange vor seinem Tod errichteten Mausoleums und des Horologiums, dessen Zeiger am Geburtstag des Kaisers genau auf den Altar zeigen sollte. Mussolini ließ den Altar ein Jahr vor dem Zweiten Weltkrieg, als er Albanien und Griechenland überfiel, wieder herrichten und öffentlich ausstellen.

[2] Augustus forderte Horaz Q. Horatius Flaccus auf, ein carmen saeculare zu komponieren, das dann während des Festes aufgeführt wurde von 27 Mädchen und 27 Jungen. Eine deutsche Übersetzung etwa in der Reclam-Ausgabe von Bernhard Kytzler, zuletzt 2018. Horaz erwähnt Verse 18-20 die Ehegesetze des Augustus vom Jahr zuvor. Das saeculum dauere elf Jahrzehnte (21f). Der frühere Krieger soll nun sanft gegenüber dem am Boden liegenden Feind sich verhalten (51f).

[3] Vergil, Aeneis 6, 792. Aeneas muss in die Unterwelt hinabsteigen, um Informationen zu bekommen und erfährt zugleich die ganze Zukunft der Römischen Reiches, das aus seiner Flucht aus dem zer­störten Troja hervorgehen wird. – Eduard Norden: Die Geburt des Kindes. Geschichte einer religiösen Idee. Studien der Bibliothek Warburg 3) Leipzig 1924. ND 1931.

[4] Zwei vorzüglich bebilderte Bücher stellen dies dar: Paul Zanker: Augustus und die Macht der Bilder. München: Beck 1987, ²1990. Wolf-Dieter Heilmeyer; Eugenio La Rocca; Hanz Günter Martin (Hrsg.): Kaiser Augustus und die verlorene Republik. [Ausstellungskatalog Berlin] Mainz: von Zabern 1988.

[5] Joachim Ganzert; Valentin Kockel: Augustusforum und Mars-Ultor-Tempel. In: Heilmeyer [u.a.], Kaiser Augustus 1988, 149-199. Horaz‘ Gedicht spricht Apollo und Diana an, also Apollons Schwester Artemis.

[6] Assoziierte Forscherin an der Universität Bern, Center for Global Studies.

[7] Bärbel Schnegg-Köhler: Die augusteischen Säkularspiele. München: Leipzig: Saur 2002. 289 Seiten. Inhaltsverzeichnis Archiv für Religionsgeschichte Band 4 Heft 1 (degruyter.com) (5.5.2021). Dissertation an der Universität LMU München. Rezension Severin Koster, in: Gymnasium (2004). Alison Coley in Journal of Roman Studies 93(2003), 399-400.

[8] Dazu die Arbeit von Jussi Rantala: The “Ludi Saeculares” of Septimius Severus. The Ideologies of a New Roman Empire. London/New York: Routledge, 2017 (Diss. Tampere/Finnland). Rezensiert von Domenic Schäfer in: Plekos 20(2018), 105-115.

[9] Viele Inszenierungen uralter Traditionen erweisen sich als Neuerung nur scheinbar alter Herkunft. Am Beispiel der englischen Monarchie haben das herausgestellt Eric Hobsbawm und Terence Ranger: The Invention of Tradition. Cambridge University Press, Cambridge 1992.

[10] Ergänzend sei auf die Arbeit von Burkhard Gladigow hingewiesen, der die Bedeutung der Zeit­ordnung in der römischen Religionsgeschichte systematisch skizziert: Aetas, aevum und saeclorum ordo. Zur Struktur zeitlicher Ordnungssysteme. In: David Hellholm (Hrsg.): Apocalypticism in the Mediterranean World and the Near East. Tübingen: Mohr Siebeck 1983, 225-272.

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