Zu Gast in der Ulu Cami

Der Islam genießt derzeit nicht immer eine gute Presse und viele Gemeinden sind konfrontiert mit der Tatsache, dass ihnen -trotz aller dialogorientierten Bemühungen!- mit starker Skepsis begegnet wird.

Dementsprechend hielt ich es für erforderlich, vor dem Projekt, in dem wir Gotteshäuser mit Hilfe von Virtual Reality erschließen wollen, die Gemeinde der Ulu Cami in Altona erst einmal kennenzulernen, um sie einzuschätzen und in Bezug auf ihre Ausrichtung, ihre Ziele und Intentionen vorstellen zu können. Diese Vorgehensweise hat zudem den Vorteil, dass meine Schüler und ihre Eltern einen Einblick vermittelt bekommen, mit wem wir im zweiten Halbjahr der Jahrgangsstufe 7 zusammenarbeiten dürfen.

Grundlegend bei diesem Unterfangen ist folgende Einsicht: Nicht jede Moschee ist wie die andere! Diese Erkenntnis ist wichtig, wenn man ein muslimisches Gotteshaus besuchen möchte. Das die Moscheen und religiösen Gemeinschaften in Deutschland nicht wie ihre kirchlichen Pendants reformierter, evangelischer oder katholischer Prägung organisiert sind, ist nicht jedem bewusst, was zwei Gefahren in sich birgt, die nun vorweg genommen werden sollen.

Eine Gefahr besteht darin, dass es immer wieder traurigerweise zu Verallgemeinerungen und Vorurteilen gegenüber Muslimen in Altona und Umgebung kommt, die dringend der Aufklärung bedürfen und denen präventiv entgegen gewirkt werden soll. Die zweite Gefahr besteht darin, dass es leider Privatpersonen, ohne Kenntnis der Gemeinde schwer fällt,  einzuschätzen, welche Prägung eine Moschee aufweist und worauf sie bei einem Besuch achten sollten, um niemanden zu verletzen. Somit ist es wichtig für alle Beteiligten, die an einem Austausch interessiert sind, das Gespräch im Vorfeld zu suchen.

Diese Möglichkeit wurde mir und  meinem Religionskurs der Klassenstufe 7 von Herrn Pirildar in Aussicht gestellt, der mir am 08 November folgende, höchst erfreuliche Nachricht zukommen ließ:

Zuvor hatte ich Herrn Pirildar ungefähr ins Bild setzen dürfen, was ich für meinen Kurs geplant hatte. Und da ich im Zuge einer Zusammenarbeit auch der Moschee gerecht werden wollte, planten er – als mein Ansprechpartner!- und ich am 21.11.17 ein Treffen in der Moschee ein, bei dem wir uns kennenlernen und weitere Schritte der Projekt-Durchführung konkretisieren könnten. Im Vorfeld dieses Treffens versuchte ich mir klar zu werden, welche Aspekte für mich in der Kooperation mit der Ulu Cami von besonderer Relevanz wären.

Entsprechend meiner Intention stellte ich mithilfe der “Handreichungen der EKD für den interreligiösen Dialog mit muslimischen Gemeinden” einen Interview-Leitfaden zusammen (siehe Anhang), der mir helfen sollte,

  1. meinem Gesprächs- & Kooperationspartner gerecht zu werden und
  2. die bereits angemerkte Transparenz bezüglich der Ausrichtung, Ziele und Intentionen zu eruieren.

Diesen Leitfaden ließ ich meinem Gesprächspartner vorab zukommen. In dem nun folgenden Artikel skizziere ich die Ergebnisse und ziehe im Fazit Schlüsse aus dem Gespräch zur weiteren Vorgehensweise.


Das Charakteristische an Altona ist die Multikulturalität, die überall sichtbar wird. Als ich mich der Moschee im Herzen Altonas – genauer gesagt: dem schönen Ottensen!- näherte, wurde dies bereits am Eingang der Moschee (wie auf dem Foto erkennbar!) sehr deutlich. Herr Pirildar empfing mich direkt am Eingang und führte mich zu Beginn unseres Treffens durch die Räumlichkeiten des Gotteshauses. Geleitet durch die Räumlichkeiten, kamen wir – über Gestaltung und Interieur!- schnell zu einem fachlich fundiertem Austausch, der Einblicke in die Gemeinde offenbarte. Türkische Aushänge und Schriften waren an vielen Stellen sichtbar. Wie Herr Pirildar erläuterte, wurde die Moschee in den Zeiten der türkischen Gastarbeiter gegründet, die im Zuge des Anwerbeabkommens nach Deutschland kamen und hier den Freiraum fanden, ihre Religion den eigenen Vorstellungen entsprechend, ausleben und gestalten zu können.

In ihrer Ausrichtung ordnen sich die Mitglieder der Moschee den Sunniten zu, wobei sie der hanefitischen Rechtsschule, die im sunnitischen Islam vorherrschend  ist und der etwa die Hälfte der Sunniten folgen, angehören. Sie verstehen sich als Schüler des 1959 verstorbenen Sufimeisters (Mürschid) Süleyman Efendi (vgl. VIKZ).

Die Ulu Cami in Altona ist Mitglied in der VIKZ, dem Verband der Islamischen Kulturzentren. Die VIKZ – und somit auch die Moschee in Altona!- zeichnet sich durch ein breites Angebot der Kinder- und Jugendarbeit aus, in dem sie Kindern eine religionsspezifische, muslimische Wertehaltung und Grundtechniken im Umgang mit dem Koran vermitteln. Neben der religiösen Bildung kümmert sich die Moschee allerdings ebenfalls um die Betreuung der Jugendlichen in ihrer Freizeitgestaltung und bei Bedarf ebenfalls um die Aufarbeitung schulischer Schwierigkeiten. In diesem Sinne umfasst das Angebot der Moschee Nachhilfe in den Kernfächern Mathematik und Englisch sowie eine pädagogische Freizeitbetreuung durch einen in Teilzeit angestellten Pädagogen.

Ein Interesse der VIKZ ist es, vom Staat anerkannt zu werden, was immer wieder heftig diskutiert wird. Um ihre Interessen auf Bundesebene adäquat zu vertreten war die VIKZ Gründungsmitglied der sogenannten KRM (Koordinationsrat der Muslime in Deutschland). In dieser Organisation sind alle großen muslimischen Dachverbände vereint. Sie fungiert als Ansprechpartner auf Bundesebene, die die Verbände und Vereine lose bündelt. In Hamburg sind die Gemeinden des VIKZ als Religionsgemeinschaft anerkannt und wurden somit auch in die Entwicklungen des Religionsunterrichts einbezogen, welches auch in Absprache mit den großen, muslimischen Gemeinschaften SCHURA, DITIB und VIKZ für Hamburg erarbeitet und vertraglich festgehalten. Ganz im Sinne dieser Verträge bemühen sich auch Vertreter der Ulu Camii in Altona um die Weiterentwicklung des Religionsunterrichts in Hamburg und arbeiteten an der Umsetzung der entsprechenden Verträge mit. Angestrebt ist, dass auch Muslime, die das zweite Staatsexamen haben, Religion in Hamburg unterrichten dürfen.

Dennoch darf im Hinblick auf diese Bemühungen nicht aus den Augen verloren werden, dass die Moschee einem eingetragenen Verein angehört, der seine finanziellen Mittel aus Spenden und Beiträgen der Mitglieder bezieht. Aus diesen Mitteln finanziert sich die Ulu Cami und sagt mit Stolz, dass sie in der Lage ist, sich komplett selbst zu finanzieren. Die Moschee selbst gehört zum Eigentum der Gemeinde und wurde bereits früh in der Geschichte der Moschee erworben.

Das die finanziellen Mittel nicht unbegrenzt sind, liegt auf der Hand und daher sind viele Mitglieder der Gemeinde in ehrenamtlichen Einsatz tätig. Es ist dabei wichtig, zu wissen, dass die Moscheen in vielen Positionen Laien eingesetzt haben. Der Verein achtet jedoch darauf, dass diese aktiven Mitglieder intern fort- und weitergebildet werden, damit sie im Sinne des Verbandes und der dahinterstehenden religiösen Lehren ihre Aufgabe gut ausfüllen können. Hierbei hat sich die Ulu Cami in Bahrenfeld (richtig: Ottensen) entsprechend der VIKZ-Richtlinien dazu verpflichtet “in allen Belangen transparent zu handeln und sich an das islamische Glaubensbekenntnis und die Arbeitsprinzipien des Verbandes als auch an die freiheitlich-demokratische Grundordnung Deutschlands zu halten.”(Flyer der VIKZ).

Da die Moscheen -wie bereits erwähnt!- nicht wie die Kirchen organisiert sind, war die Frage nach den Mitgliederzahlen für mich persönlich besonders interessant. Herr Pirildar verwies auf das große Einzugsgebiet der Moschee von Osdorf bis zur Schanze und gab an, dass die Gebetskalender, die im Auftrag der Gemeinde angeschafft wurden, derzeit an 8000 – 10000 Haushalte verteilt werden.

Den Wurzeln der Gemeinde entsprechend, sind die meisten der Beziehenden türkisch-stämmig und -sprachig. Die Predigten erfolgen auf Türkisch. Die Freitagspredigten erfolgen allerdings auf türkisch und auf deutsch. Der Katechismus der Gemeinde (“Der kleine Ilmihal”) wird allerdings nicht nur in türkischer Sprache angeboten. Er ist in der Gemeinde in sieben verschiedenen Sprachen erhältlich.

Entsprechend ihres Leitsatzes “Gute Nachbarschaft – bessere Gesellschaft“, nimmt die Ulu Cami am Tag der offenen Moschee teil. Darüber hinaus bietet sie aber auch Grundschulklassen und Klassen sowie Kursen der Ober- und Mittelstufe Führungen an und gibt über das Landesinstitut Hamburg an, dass sie ihre Tore jeglichen interessierten Lerngruppen bereitwillig öffnet. Desweiteren organisierte die Gemeinde jüngst ein Freundschafts- und Straßenfest, bei welchem sie Einblicke in ihr Gemeindeleben gewährte.

Auf die abschließende Frage hin, welche Inhalte Herr Pirildar bei einem Besuch unserer Schüler thematisieren würde, machte er deutlich, dass er gerne Verständnis in Bezug auf die Glaubensinhalte – wie die fünf Säulen des Islam – mit den Schülern besprechen würde. Auch betonte er die Bereitschaft, zu Wunschthemen der Schüler Auskunft zu geben. Diesbezüglich verwies er jedoch darauf, dass eine Vorankündigung sinnvoll wäre, um angemessen speziellen theologischen Fragen begegnen zu können. Es ist, so waren wir uns einig, sinnvoll bestimmte Themen und Fragen im Vorfeld mit einem Imam zu klären, um keine Fehlinformationen nach Außen zu transportieren.

2 thoughts on “Zu Gast in der Ulu Cami”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.