RELIGIONSUNTERRICHT FÜR ALLE

Religionsunterricht steht in der Kritik. Besonders der konfessionell gebundene. So wird 1. an der Notwendigkeit und Relevanz des Religionsunterrichts gezweifelt und 2. an der Legitimation der Bindung an eine bestimmte Religionsgruppe ebenfalls. Beide Aspekte sollen in diesem Beitrag grundlegend für Hamburg untersucht werden.


Zu 1. Die Notwendigkeit & Relevanz des Religionsunterrichts für Hamburg

Vordergründig wird die Einschätzung einer schwindenden Notwendigkeit des Religionsunterrichts bekräftigt, glaubt man der Bild, die die Krise der evangelischen Kirche in Hamburg anhand aktueller Zahlen aufzeigt:  “Die Zahl der Austritte steigt, die evangelische Kirche hat nur noch 492 000 Mitglieder. Das sind 27,9 Prozent der Bevölkerung, vor zehn Jahren waren es noch 32,2 Prozent.”. Daher muss die Frage gestellt werden, ob die Erteilung von konfessionell-gebundenem Religionsunterricht überhaupt noch zeitgemäß und angemessen ist.

Vor der Beantwortung dieser Frage müssen drei grundlegende Prämissen für den Religionsunterricht in Hamburg festgehalten werden:

  1. Die Zahlen der evangelischen Kirche in Hamburg an sich sind zwar rückläufig, allerdings gilt das nicht für die Zahl der christlichen Gläubigen insgesamt. Dies konstatiert das Hamburger Abendblatt (“So gläubig ist Hamburg!“) und erläutert, dass sich mehr Christen durch Migration in Hamburg ansiedeln, als aus den großen Kirchen austreten. Die Zahl der Katholiken gilt zwar als gering, bleibt aber relativ stabil, so dass diese Richtung die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft darstellt. Auch die Zahl der Muslime wächst und hat damit entsprechendes Gewicht, dem Rechnung getragen werden soll.
  2. Hamburg weist neben den drei großen, bereits genannten Gemeinschaften ein breites Spektrum an circa 120 verschiedenen Glaubensgemeinschaften auf und wurde daher bereits 2001 als: “Hauptstadt der Religionen” bezeichnet. Es ist kaum anzunehmen, dass sich diese religiöse Vielfalt im Zuge von Migration und Landflucht aus traditionelleren und ländlicheren Gegenden verringert hat.
  3. Die Glaubensgemeinschaften haben sich -besonders im Zuge der weltweiten Migration!- in der Hansestadt angesiedelt. So vielfältig wie unsere Bürgerschaft, die bereits zu einem Drittel (630 000 Menschen) Migrationshintergrund aufweist, sind folglich auch die verschiedenen Ausprägungen der Religionen.

RELIGIONSUNTERRICHT FÜR ALLE ist aufgrund dargelegter drei Prämissen seit circa 25 Jahren als Konzept in Hamburg verankert. Der Religionsunterricht wurde in dieser Zeit größtenteils durch die evangelisch-lutherische Nordkirche verantwortet. Angesichts der Darlegungen für Hamburg wurden bereits am 12.11.1998 im “Gesprächskreis Interreligiöser Religionsunterricht in Hamburg” die Herausforderungen eines interreligiösen Dialogs als wichtig eingestuft. Seitdem wurden Verhandlungen mit den muslimischen Verbänden (DITIB-Landesverband Hamburg e.V., SCHURA – Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V. & VIKZ in HH) sowie der hiesigen Alevitischen Gemeinde geführt.

Der KONSENS war, dass sich 2012 alle Verhandlungsparteien in den ausgehandelten Verträgen, zu Demokratie & Geschlechtergerechtigkeit bekannten. Von besonderer Relevanz für die Fragestellung hier ist die Vereinbarungen zum Religionsunterricht, der seit der Unterzeichnung vom „Religionsunterricht für alle in (ausschließlich) evangelischer Verantwortung“ hin zu einem „Religionsunterricht für alle in Übereinstimmung mit den Grundsätzen mehrerer Religionsgemeinschaften“ weiterentwickelt werden sollte. Kurz gefasst geht es um die Erteilung von Religionsunterricht im Einklang von Demokratie und Religionsgemeinschaften.

Es herrscht Einigkeit darüber, dass Religionen und ihre organisierten Gemeinschaften Hamburg positiv – im Sinne eines friedlichen und demokratischen Miteinanders im Hinblick auf die große Anzahl Gläubiger, die sich in einer Vielzahl von Religionsgemeinschaften organisieren und von multikulturellen Einflüssen geprägt sind!- beeinflussen können. Den RELIGIONSUNTERRICHT FÜR ALLE braucht man hierbei – laut BSB!- vor allem in Bezug auf drei Aufgaben:

  1. Zur Vermittlung & Auseinandersetzung mit eigenen und fremden “religiös-kulturgeschichtlichen Traditionen” (ebd);
  2. Zur Stärkung Jugendlicher in Bezug auf ihre Fähigkeit zum “inter-religiösem Dialog” (ebd);
  3. Zur reflektierten Entfaltung “individueller Religiosität und/oder ethisch-moralischer Gesinnung” im Einklang von religiösen und demokratischen Werten (ebd).

Zu 2. Die Bindung der Lehrkraft an eine bestimmte Religionsgruppe

Die Bindung der Lehrkraft an eine bestimmte Glaubensgemeinschaft, von der der Auftrag erteilt wird, Religionsunterricht für alle zu unterrichten, ist umstritten. Sie macht allerdings in doppelter Hinsicht Sinn:

  1. Sinnhaftigkeit in Bezug auf die Glaubensgemeinschaft: Religiöse Vielfalt, die Einflüsse aus aller Welt aufgreift, muss nicht zwingend an demokratischen Werten ausgerichtet sein und weist teilweise radikale Auswüchse auf. Beispiele hierfür finden sich mannigfaltig; sei es in Form von homophoben Stimmen aus den Religionen oder der Verfolgung religiös Andersdenkender. Kindern und Jugendlichen muss aufgezeigt werden, welche Argumente aus der Religion selbst diesen demokratie- und menschenfeindlichen Auswüchsen entgegen gesetzt werden können. Die Religionsgemeinschaften, die in Hamburg den Religionsunterricht verantworten, haben sich genau auf diese Aufgabe vertraglich verpflichtet und sie
    • vermitteln den Religionslehrern während der religiösen Sozialisation und Ausbildung auf die Lehrtätigkeit genau diese Werte;
    • überprüfen – gemeinsam mit den staatlichen Instanzen (Universitäten, Studienseminaren und Schulen) – die Einhaltung der vertraglich festgehaltenen Vereinbarungen und
    • unterstützen als Ansprechpartner die Religionslehrkräfte bei Problemen, die im Zuge der Lehrtätigkeit auftreten.
  2. Sinnhaftigkeit in Bezug auf die unterrichtende Lehrkraft: Die Vermittlung soll ja eben nicht auf eine rein “neutrale” und “objektive” Wissensvermittlung beschränkt sein, sondern es ist erwünscht, den Dialog mit kompetenten Vertretern der Religionen selbst authentisch und im Sinne der beiden Institutionen Staat und Glaubensgemeinschaft in der Schule zu üben und durchzuführen. Die Konfessionalität einer Lehrkraft erhöht folglich die Erwartung an die Ausführung der Lehrtätigkeit
    1. im Einklang von Religion und Berufsethos, welche durch den Diensteid auf die demokratische Verfassung und die Beauftragung der Religionsgemeinschaft verbindlich sind;
    2. in aller Authentizität und Beispielhaftigkeit  – ebenfalls  laut BSB!-  dadurch, dass sie sich gerade nicht ausschließlich auf eine “objektive” und “neutrale” Haltung zurückzieht und zwei Aspekte zum Tragen kommen:
      1. Die transparente Einbringung der eigenen kulturellen und religiösen Position in das Gespräch, aus der heraus Gemeinsamkeiten aufgezeigt,  Gegensätze aufgegriffen und problematisiert werden können.
      2. Die Vermittlung religiös anerkannter Glaubenspositionen im Zeichen von Toleranz und Verständigung, die geeignet sind, die Gefahr der Instrumentalisierung religiöser Inhalte für menschenverachtende und radikale Tendenzen durch Splittergruppen und Hassprediger zu reduzieren.

Ein solcher Umgang vermag Kindern und Jugendlichen Orientierung zu geben und als Beispiel für einen Weg des reflektierten Umgangs mit Glauben zu gelten.


Fazit:

Eingangs wies ich darauf hin, dass besonders der konfessionell gebundene Religionsunterricht in der Kritik stünde. Anhand der Darlegungen für die multikulturelle sowie multireligiöse Hansestadt Hamburg versuchte ich, die  Notwendigkeit und Relevanz des Religionsunterrichts im Sinne der Bemühung unseres Stadtstaates zur Stärkung der Bürgerschaft und ein friedliches Miteinander der Gruppen in ihr aufzuzeigen. Hierbei ist die Weiterentwicklung des konfessionellen Religionsunterrichts in der Verantwortung der großen Religionsgemeinschaften, die sich auf demokratische Grundwerte verpflichtet haben, hervorgehoben worden. Die Frage steht im Raum, ob der Hamburger Weg als Modell für die Bundesrepublik fungieren könnte.

Im Sinne der Legitimation der Bindung an eine bestimmte Religionsgruppe wurde anderen Gruppen (wie Angehörigen von kleineren Religionsgemeinschaften oder Atheisten) nicht generell abgesprochen, die Kompetenz zu haben, einen Religionsunterricht angemessen durchzuführen. Dennoch sollte die Wichtigkeit der konfessionellen Bindung der Lehrkraft und ihre damit einhergehende Legitimation und transparente Orientierung verdeutlicht werden.

In diesem Licht ist es eine sehr erfolgsversprechendes und von einer breiten religiösen Basis innerhalb der Hamburger Bürgerschaft getragenes Bekenntnis zum Dialog in unserer Hansestadt, wenn das Hamburger Abendblatt titelt: Muslime unterrichten christliche Religion.

7 thoughts on “RELIGIONSUNTERRICHT FÜR ALLE

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.