24.01.2018: Coding für die Teilhabe am “Morgen“

Mit meinem Jahrgang 7 konnte  ich im Zuge der Einheit “Vorbilder und vorbildliches Handeln” mit Hilfe von Boris Crismancich und seinem Arbeitgeber “Erminas” sowie der Nordkirche im Religionsunterricht CODEN, d.h. etwas zu programmieren, mit dem meine Schüler Schwächeren den Alltag erleichtern wollten. Dafür programmierten sie mit Oberstufenschülern Calliopes und verfolgten mit vereinten Kräften ihr Ziel.

Der hier veröffentlichten Stundenbericht ist eigentlich eine Montage aus zwei Berichten, die aus zwei Perspektiven die Situation schildern: Einerseits kommt dabei Boris Crismancich, und seine Sichtweise der Stunde zur Geltung. Andererseits werde ich aus meiner didaktischen Perspektive die Projektstunden in der siebten Klasse reflektieren. Kenntlich gemacht werden die unterschiedlichen Sichtweisen durch eine farbliche Markierung (s.o.):


Ich fand es schön, wie unkompliziert die Abstimmung mit Friederike lief und wie viel Vertrauen sie mir in der Sache entgegen brachte.

In den Tagen – aber besonders in der Nacht vor dem großen Tag! – habe ich mir viele Gedanken gemacht; hatte auch mit meinen Kolleginnen überlegt, wie man die Themen am besten angehen könnte. Ich hatte 4 oder 5 verschiedene Ansätze im Kopf, hatte mich aber dann für einen entschieden.

Meine Aufgabe sah ich in fünf Punkten: Ich wollte

  1. einen freundschaftlichen und zugleich ernsthaften Draht zu den Jungen und Mädchen aufbauen, um die Basis für eine gute Zusammenarbeit zu legen;
  2. ein Verständnis für die immense Tragweite der Möglichkeiten vermitteln, die sich nun eröffnen, sowie die Einsicht, dass Algorithmen das Werkzeug sind, diese Möglichkeiten in seinen Dienst zu stellen;
  3. Jungs aber – vor allem! – auch den Mädchen Lust auf das Entdecken und Ausprobieren dieses neuen Feldes machen;
  4. deutlich machen, dass das, was die SchülerInnen entwickeln werden, ernst genommen werden kann und nicht bloßes Kinderspiel ist, da die Kinder anhand von Algorithmen die Möglichkeit haben, die Zukunft der Welt selbst zu beeinflussen;
  5. die Kinder die Wichtigkeit verstehen, am Problem anzusetzen, welches man hat und nicht vom Werkzeug selbst auszugehen.

Konkret bedeutet dies, dass wir das Setting, welches im Religionsunterricht hervorragend durch die Diakonie und ihre verschiedenen Einrichtungen veranschaulicht werden kann, daraufhin untersuchen, wo Hilfsbedürftigen Probleme haben, was ihnen helfen könnte, und welche Hilfen sich dann zur Lösung des Problems programmieren lassen.

In vielerlei Hinsicht, war der Mittwoch sehr chaotisch, so dass ich zugegebenermaßen etwas unter Zeitdruck stand, um alles wirklich angmessen im Vorfeld zu organisieren. Die Stunden im Vorfeld verflogen und die Pausen wurden von Vorbereitungen für die jeweils nächsten Stunden, Schüleranfragen und Organisation aufgefressen. Auch in der “großen Mittagspause”, die bei uns eine Stunde dauert, hatte ich viel zu tun und machte mir Sorgen, ob ich den Ansprüchen gerecht werden konnte. Die Schüler wollten in den stark verschmutzten Raum, in dem wir eigentlich Unterricht haben sollten und ihre Sachen rein- und rausbringen, Essen holen und weg bringen und am liebsten dort die Pause verbringen.

Der Morgen war sehr entspannt. Ich hatte frei, alles war gepackt und ich konnte entspannt los. In der Bahn gab es dann einen Notarzteinsatz. Da ich eine Bahn früher genommen hatte, hatte ich genug Puffer. Als dann aber 10 Minuten verstrichen waren, wurde ich unruhig. Als mir klar wurde, dass die Busverbindungen mich nicht mehr pünktlich bringen würden, wollte ich ein City Bike nehmen, da keins da war bin ich dann gelaufen und teilweise gejoggt, sodass ich zwar pünktlich, aber recht abgehetzt ankam.

Ich baute meinen Laptop auf und hinterlegte teure technische Leihgeräte, die ich in der Doppelstunde zuvor für das Projekt “Sterben, Tod und Jenseits” gebraucht hatte. Als ich hinter mir zuschloss, um die Geräte zu sichern, kam die Lehrerin und ließ alle Sechstklässler, die ich selbst nicht als Klasse unterrichte und daher nicht kannte, in den Raum stürmen…. Ich sorgte mich um die Geräte und machte mir gleichzeit Sorgen um die Nachrichten, die mich in der Zwischenzeit erreichten.

Im Nachhinein lief jedoch alles dann doch erstaunlich gut. Boris war pünktlich und wir richteten den Raum gemeinsam her.

Als ich ankam, gingen wir direkt zum Klassenraum. Ich war etwas verwundert, wie laut die Schüler draußen vor der Tür waren und wie wenig Respekt sie der ihnen unbekannten Lehrerin entgegen brachten, während Friederike und ich den Klassenraum vorbereiteten und die Kids rein wollten. Es schien, dass Friederike dazu gerade nicht den Kopf hatte; in Anbetracht des bevorstehenden Experimentes des neuen Unterrichts war das aber auch nicht verwunderlich.

Als die Schüler eintrafen, waren wir glücklicherweise fertig und alles war bereit.

Die Mädchen und Jungen haben sich räumlich klar getrennt hingesetzt. Das fand ich schräg, da ich das in verschiedenen Veranstaltungen mit Kindern verschiedener Altersgruppen nie so krass erlebt hatte.

Meine Erwartungshaltung war, dass die SchülerInnen klare Vorbilder haben würden. Ich hatte im Vorfeld mit Kids aus der 8. Und 9. Klasse vom Gymnasium Allermöhe gesprochen, und bei Jungen wie Mädchen waren Youtuber die Vorbilder. Darauf hatte ich mich intensiv vorbereitet und mir angeschaut, für welche Werte die YoutuberInnen stehen und welche Gesellschaftlichen Einstellungen die haben. Ich war dann sehr überrascht, dass unter den Mädchen eigentlich nur Schaupieler/Innen als Vorbilder genannt wurden und die Jungs keine wirklichen Vorbilder hatten. Etwas an der Welt zum Positiven verändern zu wollen – was bei sehr vielen Youtubern eine große Rolle spielt!- kam vorerst nicht vor. Das hat mich um meinen geplanten roten Faden gebracht.

Daraufhin bin ich zwischen den geplanten Themen gesprungen und bin sehr langatmig geworden. Ich wollte die obigen Punkte klar machen. Das ist mir nicht so schnell gelungen, wie ich das vor hatte. Im Nachhinein gesehen, waren es zu viele Punkte die ich mir vorgenommen hatte, zu vermitteln. Die Ideenfindung ist dann aus Zeitmangel total zu kurz gekommen. Hat aber in Anstätzen noch funktioniert.

Boris stellte sich vor und fing direkt an zu plaudern. Bei der Anmerkung, dass wir uns in der S-Bahn kennengelernt haben und eigentlich über Twitter alles für die Idee im Religionsunterricht zu programmieren geplant hatten, mussten viele Schüler lachen. Man merkte den Schülern allerdings an, dass das ganze Umfeld ungewohnt für sie war. Geduldig und diszipliniert hörten sie zu und folgten den Ausführungen. Allerdings  wurde schließlich an der Unruhe deutlich, dass wir inzwischen die 5./6. Stunde hatten. Das lockere Gespräch, welches sie mit Boris führten, schienen einige zu genießen, wenngleich andere leistungsorientiertere Mädels natürlich eher leise danach fragten, ob “wir heute auch noch etwas schaffen” oder nur reden. Die Erwartungshaltung war ja geschaffen und da war es natürlich, dass sie anfangen wollten.

Schließlich kamen wir allerdings nach dem Wert der Zeit, in der wir leben und die als Pionierzeit gilt, in der einfach viel ausprobiert werden kann, darauf zu sprechen, dass es erst einmal ein Problembewusstsein für Schwierigkeiten der Schwächeren unserer Gesellschaft geben muss.

Die Ideen, die dabei herausgekommen sind, waren erstaunlich pragmatisch und geeignet. Rollstühle die Treppen hochfahren können und Roboter, die Essen an Obdachlose verteilen wurden erwähnt. Sonst habe ich von Kids eher gehört, dass sie eine App für XY bauen wollen würden.

Einige Schüler zeigten in der Brainstormingphase, welche in Kleingruppen durchgeführt wurde, tatsächlich ein gutes Gefühl dafür, wo Menschen durch eine Programmierung geholfen werden könnte:

So wies eine Gruppe beispielsweise darauf hin, dass Obdachlose ein Warnsystem für Kälte gebrauchen könnten, während eine andere Gruppe eine Kommunikationsmöglichkeit für Menschen im Blick hatten, die diesbezüglich stark eingeschränkt wären. Eine dritte Gruppe überlegte, wie sie Rollstuhlfahrern bei der Bewältigung von Treppen helfen könne. Eine vierte Gruppe war allerdings recht ratlos, weil sie nicht direkt ein Problem, welches der Lösung bedarf sehen konnten, während die fünfte Gruppe sich noch völlig im Bahn der technischen Möglichkeiten zu befinden schien und begeistert über Drohnen und deren Tragweiten schwadronierten.

Zur Entlastung der Gruppen schlage ich allerdings vor, zu Beginn der folgenden Stunde konkrete Gruppen aus der diakonischen Arbeit aufzuzeigen und Probleme sichtbar zu machen. Aus dieser Position heraus, können dann zielorientiert programmierbare Hilfen abgeleitet werden.

Ich glaube, ein richtiges Design Thinking wäre hier wirklich wertvoll.

Boris willigte erfreulicherweise ein, die Kinder darin zu unterstützen und auch eine Jugendliche von “Jugend hackt” war im Vorfeld scheinbar in die Planung involviert und bereit meine Klasse zu besuchen, damit wir eine wirklich enge Betreuung zur Ideenentwicklung gewährleisten können. Weiterhin haben sich zwei äußerst sympathische Oberstufenschüler unseres schulinternen Informatikkurses gemeldet, die Spaß am Programmieren haben und bereit wären -in einen ihnen möglichen Umfang!- das Projekt zu unterstützen.


Fazit:

Im Nachhinein bilde ich mir ein, dass sich etwas verändert hat. Zu meiner Schulzeit war klar, dass wir Kriege bekämpfen, die Umwelt retten und hungernden Menschen helfen wollten. Auch bei “Jugend hackt” gab es immer von ganz alleine vergleichbare Wünsche und Motive bei den Kindern. In der Klasse hatte ich das Gefühl, dass die Kinds ihre Welt eigentlich ganz gut finden, so wie sie ist. Eigentlich wäre das ein besserer Ansatz gewesen…
Wie findet ihr die Welt? Was würdet ihr gerne besser machen. Und dann das mächtige Werkzeug zeigen, mit dem das möglich wird. Wäre viel einfacher und zielführender gewesen im Nachhinein. Und mit weniger Geschwafel meinerseits ausgekommen 😊

Wichtig ist mir bei dem Unterfangen, Calliope Minis im Unterricht zu programmieren, dass das angestrebte Ergebnis im Vordergrund steht: Die hilfreiche Idee, die Schwachen zu helfen vermag!

Die Schüler müssen ein Problembewusstsein entwickeln. Dies ist nicht nur für zielgerichtes Programmieren wichtig; es ist noch viel wichtiger dafür, die Schüler in Zukunft zu befähigen, empathisch, pragmatisch und beherzt Probleme zu sehen und Lösungen zu entwickeln.

Die Grundvoraussetzung ist allerdings, soweit ich es gesehen habe, bei allen gegeben: Sie sind bereit, zu helfen und halten die Idee, Hilfen für Schwächere zu programmieren, für gut und angemessen. Für den Religionsunterricht und die Beschäftigung mit ausgewählten Arbeitsbereichen der Diakonischen Werke halte ich genau diese Haltung für unabdingbar.

Hierbei betonte Boris eingangs, dass er das Gefühl hätte, ich würde ihm im Zuge dieser Arbeit sehr vertrauen. Dies stimmt, ich halte ihn durch die Arbeit mit Jugendlichen bei “Jugend hackt” und sein Fachwissen aus dem Beruf für sehr geeignet für dieses Projekt und freue mich sehr, dass ich in ihm eine wirklich hilfreiche und zuverlässige Unterstützung in der Betreuung & Anleitung der Schüler beim Programmieren habe. Desweiteren hat er bereits im Zuge der Planung und auch im Umgang mit den Schülern gezeigt, dass er sie ernst nimmt und respektiert. Entsprechend bin ich gespannt, wie sich das Projekt weiter entwickelt und welche Ergebnisse dabei entstehen.

Ich denke, nach dieser Startphase wird es nun spannend, die Ideen der Kids in den Projekten so umgesetzt zu bekommen, dass die Kids mit ihren Ergebnissen zufrieden und stolz darauf sind. Hier wird es technisch gesehen noch sehr anspruchsvoll. Ich freue mich, dass zwei Schüler der Oberstufe hier helfen werden. Das wird es deutlich leichter machen. Ich freue mich aber auch schon sehr auf die Ergebnisse.

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