Buch des Monats Februar 2014: Abbé Pierre РWirkungen eines Glaubenden

Rz-Abbé Pierre-MemoirenAbbé Pierre: Memoiren eines unbeugsamen Christen.
Aus dem Französischen von Luigi Clerici.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2013, 176 S., Abb. — ISBN 978-3-7022-3283-2 —
Franz√∂sischer Originaltitel: “M√©moire d’un croyant”. Paris: Fayard 1997

Der aus einer reichen Lyoner Familie stammende katholische Priester Abbé Pierre (eigentlich Henri Antoine Grouès (1912-2007) ist auch in Deutschland durch die Emmaus-Bewegung (http://de.wikipedia.org/wiki/Emmaus_%28Organisation%29) bekannt geworden.
Er gr√ľndete sie 1949.

Die Spannbreite der Arbeit reicht darum von der Bek√§mpfung der Obdachlosigkeit, √ľber die Einrichtung von Schulen in Afrika, die Durchsetzung der Rechte f√ľr Stra√üenkinder in Lateinamerika, Engagement f√ľr die Pal√§stinenser ‚Äď bis hin zum Kampf gegen den weltweiten Frauenhandel. Als politisch Engagierter geh√∂rte er von 1945 bis 1951 als Mitglied der Franz√∂sischen Nationalversammlung an. Er mahnte immer wieder die Verbesserung der sozialen Bedingungen an und setzte sich intensiv um eine Ausweitung des sozialen Wohnungsbaues ein.

Es ist ein Gl√ľcksfall, dass Abb√© Pierre auf Anraten seines Freundes Fr√©d√©ric Lenoir (geb. 1962), einem bekannten Religionswissenschaftler, seine Memoiren niederschrieb. Schon im Vorwort blickt er zum einen in Dankbarkeit zur√ľck, zum andern aber bittet er um Vergebung, weil er trotz seines ehrlichen Bem√ľhens, in Liebe und Wahrheit gleicherma√üen konsequent zu leben, doch Menschen verletzte. Dass er selbst oft auf das √úbelste angegriffen wurde, solle am ‚ÄěJ√ľngsten Tag‚Äú in die gegenseitige Vergebung einflie√üen. Als rastloser K√§mpfer f√ľr Gerechtigkeit und Liebe f√ľr die Ausgegrenzten bleibter weiterhin ein leuchtendes Beispiel daf√ľr, g√∂ttliche Liebe konsequent in menschlich-solidarische Tat umzusetzen.

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

Reinhard Kirste,

Rz-Abbé-Pierre-Memoiren, 31.01.14     Creative Commons-Lizenz


[1]¬† Vgl sein Buch aus dem Jahr 1999 (deutsch 2012): ‚ÄěWas ist das der Tod?‚Äú: http://buchvorstellungen.blogspot.de/2012/07/buch-des-monats-august-2012-wahres.html

Religionspädagogik als Autobiografie

Unter der Projektleitung von Rainer Lachmann (geb. 1940, Professor f√ľr Ev. Theologie, Religionsp√§dagogik und Religionsdidaktik an der Universit√§t Bamberg, seit 2005 emeritiert) und unter der Mitwirkung von Horst F. Rupp (geb. 1949, Professor f√ľr Ev. Theologie mit Schwerpunkt Religionsp√§dagogik an der Universit√§t W√ľrzburg) wurde √ľber Jahre hinweg an der Universit√§t Bamberg die (auto-)biografische Forschung in religionsp√§dagogischen Zusammenh√§ngen vorangetrieben. Durch diese Initiative konnten eine beachtliche Zahl von Religionsp√§dagog/innen gewonnen werden, die die Verkn√ľpfung ihrer eigenen Biografie mit der Religionsp√§dagogik und Didaktik beschrieben und entsprechende Schwerpunkte der eigenen Forschungsarbeit herausstellten. (Auto-)Biografieforschung er√∂ffnet durch die subjektive Sicht der Beteiligten erweiterte Verst√§ndniswege der religionsp√§dagogischen Konzepte sowohl evangelischer wie katholischer Autor/innen. Das Projekt wird unter leicht ver√§nderten Bedingungen weiter fortgesetzt. Seit 1989 sind inzwischen 4 B√§nde erschienen.¬†

  • ¬†Rainer Lachmann / Horst F. Rupp (Hg.), Lebensweg und religi√∂se Erziehung. Religionsp√§dagogik als Autobiographie. Band 1 und 2. Weinheim: Beltz 1989
  • ¬†Als Band 3: Dietrich Steinwede “So viel Gott str√∂mt √ľber. Streiflichter eines Lebens”.
    Mit einer Einstimmung bearbeitet und herausgegeben von Rainer Lachmann. Studien zur Theologie Bd. 20. W√ľrzburg: Mittelst√§dt 2000
Der hier vorzustellende 4. Band erweitert die religionspädagogischen Intentionen nun stärker unter dem Bildungsbegriff, aber auch im Blick auf mögliche Zielgruppen. 
Die Herausgeber, beide von der Universit√§t W√ľrzburg, schreiben darum in ihrer Hinf√ľhrung zu den einzelnen Autoren: ‚ÄěErkl√§rtes Ziel ‚Ķ ist es nun aufzuzeigen inwiefern (auto-)biografisches Lernen generell und das Lernen an (Auto-)Biographien in der Fluchtlinie einer als bildend zu charakterisierenden religionsp√§dagogischen Konzeption liegen‚Äú (S. 12). Neben einer knappen Auseinandersetzung mit bereits vorhandenen Bildungsans√§tzen sollen die narrativ gepr√§gten Darstellungen Leser/innen und Rezipient/innen ermutigen, im ‚Äěreligionsp√§dagogischen Lernen an und durch (auto-)biographische Erinnerungsdokumente‚Äú ‚Äěmehrperspektivische Zug√§nge zum religionsp√§dagogischen Leben im Feld zwischen Beruf und Leben und ‚Ķ unterschiedliche Wirklichkeiten wahrzunehmen ‚Ķ‚Äú (S. 33). Dies erm√∂glicht auch eine eigene Positionierung.
Es folgen nun 19 autobiografische Texte bekannter √ľberwiegend schon emeritierter Religionsp√§dagogen (es ist nur eine Frau dabei!), die jeweils auch als Herausforderung f√ľr das eigene Bildungsverst√§ndnis zu lesen sind und die grundlegende Frage nach der Religionsp√§dagogik als Kommunikationswissenschaft in unterschiedlicher Weise ansprechen.
Die alphabetisch nach den Personen geordneten Artikel sind mit einer Kurzbiografie einschließlich der beruflichen Stationen, Ehrungen, Publikationen usw. ergänzt. Eine Zuordnung der einzelnen Beiträge nach inhaltlichen Kriterien wäre vermutlich (wie schon in den andern Bänden) zu schwierig gewesen.
  • Der aus einem hessischen evangelischen Pfarrhaus stammende Gottfried Adam (bis 2006 an der Universit√§t Wien) spricht dar√ľber, wie die Lebensbedeutsamkeit des Evangeliums von der Menschenfreundlichkeit Gottes zu dolmetschen sei, und zwar an der Universit√§t, in der Gemeindep√§dagogik, an F√∂rderschulen, in der Kinderbibelforschung und im diakonisch-sozialen Lernen.¬†
  • ¬†Karl Foitzik (bis 2003 an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau) geht auf die Kommunikationsstrukturen des Evangeliums ‚Äěmitten in der Lebenswelt‚Äú ein. Die Gemeindep√§dagogik liegt ihm dabei durchg√§ngig am Herzen.¬†
  • Hans Grewel (ebenfalls Pfarrersohn, am Niederrhein und im Bergischen Land aufgewachsen, bis 2006 an der Universit√§t Dortmund) berichtet von seinen Zug√§ngen zur Religionsp√§dagogik im Horizont religionsp√§dagogischer Auf- und Umbr√ľche und seinem Interesse die Grundfragen des Glaubens und der Theologie wachzuhalten.
  • Engelbert Gro√ü (niederrheinisch-katholisch gepr√§gt und bis 2004 an der Universit√§t Eichst√§tt-Ingolstadt) sieht seine Aufgabe (als Lehrer an Schule und Hochschule), Mit-Vorbereitender einer ‚ÄěEine-Welt-Religionsp√§dagogik‚Äú zu sein.
  • ¬†Helmut Hanisch (schlesisches ‚ÄěFl√ľchtlingskind‚Äú, bis 2008 an der Universit√§t Leipzig) bringt seine deutschen Ost-West-Erfahrungen, besonders in die Mitgestaltung des Religionsunterrichts in Sachsen nach der Wende 1989 ein.¬†
  • ¬†Horst Heinemann (Kind der ‚Äěvaterlosen Generation‚Äú, bis 2006 an der Universit√§t Kassel) bedenkt im Kontext seines beruflichen Lebenslaufes die Bedeutung von Kinderbibeln.¬†
  • Georg Hilger (bis 2005 an der Universit√§t Regensburg), rheinisch-katholisch sozialisiert, nutzte die vielen Wege in die Religionsp√§dagogik, ihre Praxisf√§higkeit und schulische Reichweite, aber auch im Blick zum Aufbau einer Schulpastoral.¬†
  • Der aus einem evangelischen Pfarrhaus in Th√ľringen kommende Raimund Hoenen (bis 2004 an der Universit√§t Halle-Wittenberg) zeichnet in gewisser Weise den Weg der ‚ÄěChristenlehre‚Äú in der DDR bis hin zum Postulat √∂ffentlicher Schulen mit religi√∂ser Bildung nach.¬†
  • Religionsp√§dagogik in der Spannung zwischen s√§kularer Postmoderne und Relevanz der Religionsp√§dagogik und des Religionsunterrichts ist letztlich das Thema von Friedrich Johannsen (ev.-lutherischer Pastor, bis 2011 an der Universit√§t Hannover).
  • Gewisserma√üen Urgestein christlich gepr√§gter Religionsp√§dagogik spiegelt sich in Hans-Bernhard Kaufmann(zwischen Breslau, Kiel, Loccum und M√ľnster) ein spannendes Leben, beginnend mit Erfahrungen im Nationalsozialismus und einem pers√∂nlichen Weg in die Hoffnungskraft christlichen Glaubens im Kontext theologisch-didaktischer Fragestellungen.
  • Besonders die religionsp√§dagogische Entwicklung in M√ľnster nimmt Roland Kollmann (vom katholischen Volksschullehrer in Essen, √ľber die Universit√§t M√ľnster, dann bis 2000 an der Universit√§t Dortmund) autobiografisch auf.
  • Der vaterlos bei Marburg aufwachsende Rainer Lachmann und theologisch und p√§dagogisch von ‚ÄěMarburg‚Äú gepr√§gt, kommen doch vielf√§ltige Ortserfahrungen f√ľr den eigenen Glauben (didaktische und theologische!) zum Zuge.¬†
  • Und wieder ein Pfarrersohn: Johannes L√§hnemann aus Niedersachsen: Sein pers√∂nlicher Glaube, verbunden mit einem religionsdidaktisch-dialogischen Konzept, gewinnt an den Orten seines Wirkens (in Westfalen und dann an den Universit√§ten L√ľneburg und bis 2007 an der Universit√§t N√ľrnberg) interreligi√∂se Weite.¬†
  • Und noch ein Pfarrersohn, diesmal aus Hessen, J√ľrgen Lott (bis 2011 an der Universit√§t Bremen)- er geh√∂rt zu den F√∂rderern eines konfessionsunabh√§ngigen, an Kultur orientierten Religionsunterrichts im Sinne einer ‚Äělebensweltorientierten Religionsp√§dagogik‚Äú (S. 299).
  • In Reinhold Mokrosch (bis 2005 an der Universit√§t Osnabr√ľck) schwingt nicht nur eine aktualisierende Lutherrezeption mit, sondern ein theologischer Weg, der erst langsam, aber dann umso intensiver in eine sich interreligi√∂s weitende Religionsp√§dagogik im Sinne einer Friedensp√§dagogik und Werteentwicklung f√ľhrt.¬†
  • Reiner Preul (Universit√§ten T√ľbingen und Marburg, bis 2005 an der Universit√§t Kiel) geh√∂rt zu denjenigen Lehrern der Praktischen Theologie, die sich f√ľr eine ‚Äěbildungstheoretisch fundierte Religionsp√§dagogik‚Äú stark machen.
  • Die den Religionsunterricht in Niedersachsen theoretisch wie praktisch mitpr√§gende Lehrerin Anna-Katharina Szagun (1992‚Äď2005 Universit√§t Rostock), auch aus einem Pfarrhaus stammend, erz√§hlt ihre ‚Äěvielf√§ltig gebrochene‚Äú Biografie (S. 342), darin die entscheidende Begegnung mit Dorothee S√∂lle (S. 342) und Aufbr√ľche hin zu p√§dagogischen Konzepten, die mit dem √ľbenden Vollzug unmittelbar zusammengespannt werden.¬†
  • Auch Wolfram Wei√üe (Leiter der Akademie der Weltreligionen, Hamburg) kann auf Lehrererfahrungen zur√ľckgreifen. Sie bestimmen den schon lange in der Hansestadt Lebenden wesentlich unter den Gesichtspunkten den Multikulturalit√§t und der interreligi√∂sen Erziehung. So √∂ffnet sich f√ľr ihn der Horizont zu einem internationalen und dialogoffenen Christentum, im Sinne einer friedensengagierten √Ėkumene der Religionen.¬†
  • Zum Schluss beschreibt Rainer Winkel, der Gr√ľndungsrektor der Freien Schule Essen und der faktisch gescheiterten Reformschule, der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck, seine durch diese Ereignisse gepr√§gte p√§dagogisch-religi√∂se Entwicklung. In seiner Lebensbeschreibung schwingt trotz mancher R√ľckschl√§ge ein kindliches, aber keineswegs einfallsloses Gottesvertrauen mit. Es ist ein Vertrauen, das durch die Aufkl√§rung ging und die Hoffnung zum Lebensprinzip macht.
Bilanz: Mit diesem 4. Band liegt nicht nur ein spannendes Mosaik engagierter katholischer und evangelischer Religionsp√§dagogen vor. Vielmehr zeigt gerade die Vielfalt der auch unterschiedlich geschriebenen Lebenseindr√ľcke die innovative und reformerische Kraft f√ľr eine dialogoffene Religionsp√§dagogik und -didaktik, die aus der reflexiven Bearbeitung des eigenen Lebensweges erwachsen kann. Das ist sicher nicht nur f√ľr die Autoren aufschlussreich, die diese biografischen Skizzen geschrieben haben, sondern auch f√ľr jene, die aus dieser Lekt√ľre Anregungen und Orientierungshilfen f√ľr eigenes Unterrichten in Kirchengemeinde, Schule und Hochschule gewinnen wollen. Religionsp√§dagogische Konzepte leben offensichtlich nicht nur von der systematisch-didaktischen Kraft ihrer Autoren, sondern auch von der Reflexion des eigenen Lebensweges.
                                                                                                                                                                                          
Auf der INTR¬įA-Rezensionsseite ‚ÄěEin-Sichten‚Äú wurde bereits besprochen: ¬†

Horst F. Rupp / Klaas Huizing (Hg.): Religion im Plural.   
Forum zur P√§dagogik und Didaktik der Religion Bd. 3. W√ľrzburg: K√∂nigshausen & Neumann 2011 ¬†¬†¬†

Reinhard Kirste
Rz-Rupp-Relpäd, 27.05.2012