Buch des Monats Juli 2013: Reformer im Islam

Rz-Amirpur-Islam-neuKatajun Amirpur: Den Islam neu denken. 
Der Dschihad f√ľr Demokratie, Freiheit und Frauenrechte
Beck`sche Reihe: bsr 6075. M√ľnchen: C.H. Beck 2013. 256 S. Abb.
— ISBN 978-3-406-64445-0

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Die Autorin, inzwischen Professorin f√ľr Islamische Studien in der Akademie der Weltreligionen der Universit√§t Hamburg, hat sich schon l√§ngst einen Namen gemacht, nicht nur als Journalistin zum Thema Islam, sondern auch als kompetente Islamwissenschaftlerin. So nimmt man mit Spannung ihre neue Publikation zur Hand, weil schon der Titel ahnen l√§sst, dass es hier um ein dem Islam gem√§√ües und zugleich modernes Verst√§ndnis dieser oft diskreditierten Religion geht. Das Vorurteil eines nicht der Moderne f√§higen und unaufgekl√§rten Islams m√∂chte Katajun Amirpur nicht nur allgemein begegnen, sondern dies auch konkret an ReformerInnen des Islams nachweisen.

F√ľr ihre beeindruckende Vorstellung  islamischer Neudenker  hat die Autorin aus der gro√üen und allgemein wenig beachteten Vielzahl von Reformern die folgenden ausgew√§hlt: Nasr Hamid Abu Zaid, Fazlur Rahman, Amina Wadud, Asma Barlas, Abdolkarim Soroush und Mohammed Mojtahed Shabestari.

Bilanz
Die hier zusammen gestellte Auswahl progressiver islamischer Denkerinnen und Denker best√§tigt, dass es ‚Äěden Islam‚Äú nicht gibt, sondern auch innerislamisch intensiv um ein angemessenes heutiges Verst√§ndnis des Korans und islamischer Lebensgestaltung gerungen wird. Gerade angesichts der vielen Vorurteile gegen√ľber der geistigen Unbeweglichkeit des Islam ist dieses Buch eine notwendige Klarstellung. Auch weil es gut recherchiert und √ľbersichtlich zu lesen ist, w√§re zu w√ľnschen, dass diese hier vorgestellten Muslime einer breiten √Ėffentlichkeit bewusst werden.

Dieses Buch gibt damit wertvolle Impulse, die Reformgedanken muslimischer Theologen gesellschaftlich und praktisch umzusetzen.

Reinhard Kirste

 Rz-Amirpur-Islam-neu, 30.06.12   

Kompetenzentwicklung f√ľr interkulturelles und interreligi√∂ses Lernen

Rz-BernlochnerMax Bernlocher: Interkulturell-interreligiöse Kompetenz. Positionen und Perspektiven interreligiösen Lernens im Blick auf den Islam.
Beiträge zur Komparativen Theologie Band 13.
Paderborn: Schöningh 2013, 390 S., Personenregister
— ISBN¬† 978-3-506-77665-5 — (zugl. Diss. M√ľnchen 2012)

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

Der Autor Max Bernlochner ist Politikwissenschaftler und seit 2011 Leiter des Referats f√ľr interkulturelle Angelegenheiten im Ministerium f√ľr Integration des Landes Baden-W√ľrttemberg. Er ist in der katholischen Theologie beheimatet. Dar√ľber hinaus hat er sich seit vielen Jahren engagiert um den christlich-islamischen Dialog gek√ľmmert.

Dass der Autor angesichts der Problematik interkulturllen und interreligi√∂sen Lernens unter den gegenw√§rtigen gesellschaftlichen Bedingungen Deutschlands in einem recht un√ľbersichtlichen Feld unterwegs ist, h√§ngt bereits mit den schwierigen Grundbegriffen von Kultur und Religion zusammen, zumal interkulturelle und interreligi√∂se Begegnung immer ineinanderwirken. Gemeinsame ethische Orientierung als Basism√∂glichkeit in Christentum und Islam, √úbereinstimmungen von christlicher und islamischer Theologie im Sch√∂pfungsverst√§ndnis, Wirkebenen des barmherzigen Gottes, Verantwortlichkeit in der Gegenwart als Heilsvoraussetzung sind ihm darum wichtig.¬† So tauchen Grundrisse einer interreligi√∂sen Ethik auf, die gegenseitige St√§rken und Fehleinsch√§tzungen moralischer Art offenlegen und zu gemeinsamen Engagement herausfordern, besonders im Blick auf Hilfsbed√ľrftige und den Schutz der Umwelt.

Insgesamt gelingt es Bernlochner mit diesem umfassenden Ansatz religionsdidaktischer sowie schul- und ausbildungsorganisatorischer Konkretionen, ein (Schul-)Modell interkulturell-interreligi√∂ser Kompetenz zu entwickeln und dies religionsp√§dagogisch als zwingend einzufordern und mit Hilfe einer kooperativen F√§chergruppe f√ľr ein gemeinsames Lernen zu pr√§zisieren. Studierende, Lehrende und Sch√ľler beh√§lt er dabei gleicherma√üen religionsdialogisch im Blick und belegt dies immer wieder durch praktische Beispiele. Mit seinen Analysen und pr√§ziserenden Zielvorgaben er√∂ffnet er Wege, eine interreligi√∂se Religionsp√§dagogik weiter zu entwickeln.

Reinhard Kirste

Rz-Bernlocher, 21.04.2013   Creative Commons-Lizenz

 

Buch des Monats März 2013: Jesus im Koran

Rz-Bauschke-JesusMartin Bauschke: Der Sohn Marias. Jesus im Koran.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013, 200 S., Koranstellenregister
— ISBN 978-3-650-25190-9 —

Der Religionswissenschaftler Martin Bauschke, Leiter des Berliner B√ľros der Stiftung ‚ÄěWeltethos‚Äú, hatte bereits 2001 (B√∂hlau-Verlag) das Buch ‚ÄěJesus im Koran‚Äú herausgebracht. Was im ersten Augenblick wie eine Neuauflage erscheint, zeigt sich sehr schnell als ein wirklich neues Buch. Bauschke hat n√§mlich nicht nur die theologischen Debatten seit der Erstausgabe seines Buches eingearbeitet, sondern die gesamte Struktur systematisiert und st√§rker religionswissenschaftlich ausgerichtet. Dem Autor kommt zugute, dass er seit vielen Jahren dieses Thema nicht nur erforscht, sondern auch einem interessierten Leser- und H√∂rerkreis vermittelt. Dies mag auch die Ursache sein, dass sich dieses Buch nicht nur f√ľr Fachleute, sondern f√ľr jede/n Interessierte/n gut liest. Im Anhang gibt es noch einen Fragebogen und Vergleichstabellen f√ľr Koran und Neues Testament.

Der Autor gliedert sein Buch in 14 Kapitel mit 8 (optisch besonders herausgehobenen) Exkursen, die zum einen spezielle islamische Vorstellungen und zum anderen verst√§rkt heterodoxe christliche Anschauungen von Jesu Wirken, Leben, Sterben und Auferstehen zur Sprache bringen. Er f√ľhrt hier letztlich eine 1400j√§hrige, keineswegs unproblematische Dialoggeschichte fort, die mit dem Koran begonnen hat. 

Das Fazit formuliert Bauschke so: ‚ÄěDer Koran widerspricht jeder gleichsam ‚Äög√∂ttlichen‚Äė Christologie. Jesus ist … ein sterbliches Gesch√∂pf ‚Ķ Das Messiasbekenntnis des Korans stellt ‚Ķ eine theozentrische Re-Interpretation der Gestalt Jesu angesichts der vielf√§ltigen, auch noch zur Zeit Muhammads miteinander konkurrierenden christlichen Christologien dar.‚Äú (S. 160f.161). ‚ÄěMan kann das theozentrische Jesus-Zeugnis des Korans auch eine zeichenhafte Messianologie nennen‚Äú (S. 164). 

Diese grundlegende Arbeit ist auch als Basis f√ľr den christlich-islamischen Dialog wichtig, denn: ‚ÄěIm heutigen multikulturellen Kontext ist kein Christsein mehr m√∂glich ‚Äď es sei denn um den Preis fundamentalistischer Abschottung und Ignoranz ‚Äď an den mitten unter Christen lebenden Muslimen vorbei‚Äú (S. 165). So hat er hier die Basis f√ľr ein sachgerechtes Gespr√§ch √ľber Jesus zwischen Christen und Muslimen erheblich vertieft und auf breite religionswissenschaftliche und hermeneutische Grundlagen gestellt. Dies macht das Buch f√ľr Christen und Muslime gleicherma√üen wichtig und interreligi√∂s grundlegend. 

                                                                                                                                                     Reinhard Kirste

Buch des Monats Februar 2013: Islam ist Barmherzigkeit

Rz-Khorchide-islamMouhanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit.
Grundz√ľge einer modernen Religion.

Freiburg u.a.: Herder 2012, 220 S. — ISBN 978-3451305726 —

Ausf√ľhrliche Rezension: hier

 

Der Autor, Professor f√ľr Islamische Religionsp√§dagogik und Leiter des Zentrums f√ľr Islamische Theologie an der Universit√§t M√ľnster, versucht mit diesem Buch, einen positiven Akzent in die oft von Vorurteilen und Verd√§chtigungen gepr√§gte Islam-Debatte zu bringen.
So  unterscheidet der Theologe sehr genau, was viele Muslime als Glaubenspraxis verinnerlicht haben und was der Koran wirklich intendiert.

Zum einen ist der Koran unter bestimmten zeitlichen Bedingungen entstanden, die man nicht einfach negieren kann. Zum Andern muss heute Auslegung den jeweiligen Kontext ber√ľcksichtigen. Zum Dritten muss nach dem hermeneutischen Leitmotiv f√ľr die Koran-Interpretation gefragt werden. Sorgsame Exegese belegt, dass dies offensichtlich die Barmherzigkeit ist. Positiv formuliert hei√üt das, dass der Islam eine Religion ist, die den Menschen nicht in ein enges Regel-Joch spannt, sondern ihn befreit, als vor und f√ľr Gott Verantwortlicher in dieser Welt zu leben.

Angesichts der immer noch g√§ngigen dogmatisch engen Auslegung des Korans wagt Khorchide den Durchbruch zu einer menschenfreundlichen Koran-Hermeneutik. Dies ist ein ermutigendes Hoffnungszeichen im oft polemisch belasteten christlich-islamischen Dialog. Dieses Buch empfiehlt sich darum nicht nur f√ľr alle am Dialog Interessierten, sondern auch gerade den Islamkritikern als nicht zu negierende Diskussionsbasis.

Vgl. das vom Autor herauagegebene islamische Religionsbuch f√ľr die Grundschule: Miteinander 1/2

Reinhard Kirste
Rz-Khorchide-Islam, 31.01.13

Creative Commons-Lizenz

 

Islam-Orientierung f√ľr Jugendliche und Erwachsene – ohne Vorurteile

Lamya Kaddor / Rabeya M√ľller (Illustrationen: Alexandra Klobouk):
Der Islam. F√ľr Kinder und Erwachsene.
M√ľnchen: C.H. Beck 2012. 175 S., Abb.,
Anhang mit Literaturhinweisen, Register und Verzeichnis der Koranstellen
— ISBN 978-3-406-64016-2 —

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Kurzrezension
Der Islam ist ein Dauerthema in Deutschland. Oft werden jedoch Halbwissen und Vorurteile zu einer polemischen Brisanz gemischt, der argumentativ schwer beizukommen ist. Die beiden Autorinnen bem√ľhen sich seit Jahren kompetent, dem ein unverstelltes, ehrliches Bild vom Islam entgegenzusetzen.

Die Autorinnen repr√§sentieren nicht den Islam, sondern ihre Sicht auf ihre Religion. Diese ist von einem dialogoffenen Glaubeb gepr√§gt. Sie belegen dies mit der aktualisierenden Interpretation vieler Koranzitate und scheuen auch nicht die bristanten Themen wieStellung der Frau im Islam, Ehrenmord, islamischer Fundamentalismus ehr Terrrorismus. So scheint ein Verst√§ndnis des Islam auf, der nicht die gro√üen Schlagzeilen bringt, aber daf√ľr dem interkulturellen Verst√§ndnis dient. Hinzu kommt, dass das Buch in einer leicht zug√§nglichen Sprache geschrieben ist. Allerdings d√ľrfte es vom Duktus und Stil her weniger f√ľr Kinder als vielmehr f√ľr Jugendliche und nat√ľrlich Erwachsene geeignet sein. Als Sachbuch h√§lt es zum einen wissenschaftlichen Kriterien stand und zum andern ist es eine Lekt√ľre, die nicht langweilt.¬†

Reinhard Kirste

¬†Rz-Kaddor-M√ľller-Islam, 14.09.12

Innerislamische Kontroversen um Koexistenz und Gewalt

Zusammenfassende Rezension   
Ausf√ľhrliche Besprechung:
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Tilman Seidensticker (Hg.): Zeitgenössische islamische Positionen zu Koexistenz und Gewalt.
Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2011; VIII, 184 S., Index der modernen muslimischen Denker
ISBN 978-3-447-06534-4

Das Wort ‚ÄěIslam‚Äú verbindet sich f√ľr viele mit ‚ÄěGewalt‚Äú. Sich auf den Islam berufende Terroristen rechtfertigen ihr Tun damit, dass sie behaupten, diese Gewaltt√§tigkeiten seien von der islamischen Tradition her gerechtfertigt. Allerdings richtet sich die Gewalt nicht nur gegen ‚ÄěUngl√§ubige‚Äú, sondern vielfach auch gegen Muslime selbst. Nun gibt es durchaus Gewalt bef√ľrwortende und Gewalt ablehnende Richtungen innerhalb der islamischen Welt. Der Jenaer Arabist und Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker hat nun mit einer Reihe von Fachleuten (√ľberwiegend der j√ľngeren Wissenschaftler-Generation) diese ‚ÄěIslamischen Kontroversen √ľber Berechtigung von Gewalt‚Äú genauer untersucht.

Zehn Jahre nach den Anschl√§gen vom 11. September in den USA und am Beginn des ‚Äěarabischen Fr√ľhlings‚Äú stellt sich die Frage nach der m√∂glichen Zwangsmentalit√§t einer Religion besonders intensiv. Es l√§sst sich ja kaum vorhersagen, welche Entwicklungen in der islamischen Welt insgesamt dominieren werden. Die dogmatisch auftretenden Fundamentalisten fordern eine R√ľckkehr zu den Regeln und Statuten der Urgemeinde, wohlgemerkt, wie sie diese verstehen. Die Konsequenz ist oft genug, dass sie ihr Verst√§ndnis auf konfliktreiche Art und gegen alles ‚ÄěWestliche‚Äú in die Gegenwart zu √ľbertragen versuchen. Andersdenkende werden als H√§retiker oder Ungl√§ubige diffamiert. Aber das ist nur die eine Seite, wenn man einmal genauer die innerislamischen Kontroversen betrachtet.
Es geht grunds√§tzlich um die Spannung zwischen Toleranz und Gewalt, zwischen Verteidigung von islamischen Errungenschaften und Kampfansage an die Ungl√§ubigen, die in den unterschiedlichen Auslegungen von djihadzum Ausdruck kommen, n√§mlich (Mariella Ourghi, Freiburg). Das Absolutheitsdenken scheint in diesem Zusammenhang eine wesentliche Positionsversch√§rfung mitzubringen: Monopolanspruch auf das Paradies (so Johanna Pink, Berlin). Dagegen stehen flexiblere und Dialog offene Haltungen wie die von Said Nursi (1876 [?]‚Äď1960, kurdischer Herkunft, T√ľrkei) und Mahmud Taha (1909 /1911‚Äď1985, Sudan), bis hin zur sog. Mardin-Intiative muslimischer Intellektueller von 2010. Die Djihad-Doktrin zwischen gewaltsamem Vorgehen gegen Ungl√§ubige und Verteidigung des (wahren) Glaubens braucht also eine dringende Neubesinnung, um den Terrorismus gegen sog. falsche Muslime und ‚Äěwestliche Ungl√§ubige‚Äú auszubremsen. Hermeneutischen Monopolanspr√ľchen bei der aktualisierenden Auslegung der Prophetentradition, der Hadithe, muss darum ein Riegel vorgeschoben werden. Selbst innerhalb des islamistischen Spektrums gibt es inzwischen eine wachsende Ablehnungsfront gegen extreme, sich auf den Koran und die Prophetentradition berufende Gewaltbereitschaft (Rotraud Wielandt, Bamberg). Die Frage bleibt allerdings, ob es eine neue Hermeneutik gegen islamistische Gewalt aus der derzeitigen religi√∂sen Gemengelage heraus geben wird. Die extreme Spannbreite der Djihad-Verst√§ndnisse zwischen r√ľckw√§rts gewandter Ver√§nderung und liberaler Reform hat bekannte Namen an den jeweiligen ‚ÄěEckpunkten‚Äú. Sie reichen von al-Maududi √ľber Sayyid Qutb bis zu Fazlur Rahman und Mahmoud Taha.
Dieser Sammelband gibt differenzierende Einf√ľhrungen in zeitgen√∂ssische Kontroversen zum Thema ‚ÄěGewalt‚Äú. Er ist f√ľr alle empfehlenswert, die als aufmerksame Zeitgenossen die innerislamisch-theologischen, islamistischen und gesellschaftspolitischen Bewegungen besser verstehen wollen. Da das Spektrum dieser Debatte noch wesentlich gr√∂√üer ist, als in dieser Zusammenstellung angezeigt werden konnte, w√§re sicher ein Fortsetzungsband sinnvoll.
Reinhard Kirste

Jesus und Mohammed – Bibel und Koran – Vergleiche


Joachim Gnilka: Wer waren Jesus und Muhammad?
Ihr Leben im Vergleich.
Freiburg u.a.: Herder 2011, 330 S., mehrere Register
ISBN 978-3-451-34118-2

Der bekannte M√ľnchner Neutestamentler Joachim Gnilka hat im Rahmen seiner bibelwissenschaftlichen Forschungen mehrfach schon den Blick √ľber den eigenen Bereich hinaus getan. Das Buch ‚ÄěBibel und Koran‚Äú hat inzwischen die 7. Auflage seit 2004 erreicht (Rezension, s.u.). Sein neuestes Buch besch√§ftigt sich vergleichend mit den beiden monotheistischen ‚ÄěReligionsstiftern‚Äú. Jesus und Mohammed (Muhammad). √Ąhnlichkeiten und Differenzen werden sorgsam aufgelistet und kommentiert. Dabei ber√ľcksichtigt der Autor auch die j√ľngsten Entwicklungen in der Mohammed-Forschung mit all ihren Aufgeregtheiten. Die Idee dieser Art des Vergleichs kam dem Forscher aus dem antiken Vorbild der Parallelbiografie, f√ľr die Plutarch in besonderer Weise steht.
Exegetisch h√§lt sich Gnilka im Blick auf die Jesus-Forschung an die Orientierungsmarken, die die neutestamentliche Forschung seit Albert Schweitzer und Rudolf Bultmann gesetzt hat. Ernst K√§semann h√§tte hier vielleicht noch mit einbezogen werden k√∂nnen. Es gilt n√§mlich, die historische Person Jesus aus den Evangelien ‚Äěherauszusch√§len‚Äú.
Auch ein literarkritischer Unterschied zu der historischen Glaubw√ľrdigkeit der Evangelien sei in Hinsicht auf den Koran benannt: Er enth√§lt faktisch kein historisch nutzbar zu machendes Material √ľber Mohammed. Die sp√§teren Traditionen √ľber den Propheten sind nat√ľrlich legendarisch √ľberwuchert. Dies f√ľhrt Gnilka dazu, nicht im Nebel historischer Vermutungen herumzusuchen, sondern eine sorgsame Abw√§gung der verschiedenen Positionen f√ľr eine kompetente Hinf√ľhrung zur Geschichte Jesu und Mohammeds aufzubauen.
In klarer Aufgliederung wird einleitend die nicht sehr √ľppige Quellenlage analysiert, die bei Jesus etwas besser, aber f√ľr Mohammed nicht viele pr√§zise historische Anhalte liefert. Eine erste differenzierende Typik der beiden ‚ÄěReligionsstifter‚Äú bildet den Abschluss der Einleitung.
In Kapitel 1 werden in Abschnitt I die Positionen in der Jesus-Forschung dargestellt und kurz auf das Wesentliche ihrer Forschungsergebnisse und bewertenden Aussagen zugeschnitten: Albert Schweitzer, Rudolf Bultmann, John Dominic Crossan und Rainer Riesner. Dann folgen Einschätzungen stärker wirkungsgeschichtlicher Art bei so unterschiedlichen Theologen wie Joseph Ratzinger, Romano Guardini, Gerd Theißen, Annette Merz, Hubert Frankemölle, James D.G. Dunn und Wolfgang Stegemann.
Vergleichbar verf√§hrt Gnilka im Abschnitt II zur Mohammed-Forschung. Er stellt wesentliche Positionen exemplarisch dar: Die sorgsame Differenzierung bei Hartmut Bobzin zwischen Historie und Legende, der klassische Anschub zur Mohammed-Forschung von Tor Andrae, die Herausarbeitung des Konflikts mit den Juden bei Marco Sch√∂ller und Gregor Schoelers Versuch, historischen Boden zu gewinnen. Dagegen steht bei Hans Jansen wegen der legendarischen Biografie von Ibn Ishaq die Historizit√§t Mohammeds in Frage. In diese historisch-biografischen Zur√ľckweisungen mit sp√§teren Verklammerungen stimmt Martin Lings mit Mohammed als Romanfigur versch√§rfend ein. Patricia Crone konstruiert den Islam als politisch motivierte Religion aufgrund der wirtschaftspolitischen Zusammenh√§nge in Mekka, Edouard-Marie Gallez baut eine judenchristliche Linie zu Mohammed als Propheten des Messias auf. Mit dem offensichtlich bei einigen (christlichen) Forschern recht beliebten Bezug auf syrisch-aram√§ische Sprachverwandtschaften versuchen Christoph Luxenberg und Karl-Heinz Ohlig durch eine Art ‚ÄěVerchristlichung‚Äú die eigenst√§ndigen Religionsgr√ľndung Mohammeds faktisch abzuwerten. Tilmann Nagel bezieht sich mit seiner Kritik auf einen k√§mpferischen sich abgrenzenden Mohammed, dessen Historizit√§t nicht zu bezweifeln ist.
Das Kapitel 2 ist aufgrund dieser Vorarbeiten einem ausf√ľhrlichen Vergleich gewidmet, in dem die biografischen, politischen und literarischen Besonderheiten vorgestellt werden. Es sei darum hier aus dem Inhaltsverzeichnis eine Gegen√ľberstellung Jesus mit 11 Schwerpunkten und bei Mohammed mit 10 Gesichtspunkten vorgenommen:

        Jesus                                                                    Mohammed

1.    Die Wurzeln in Nazareth (S. 180ff)                  3.  Die Berufung Mohammeds (S. 256ff)
2.    Johannes der Täufer und Jesus (S. 186ff)
3.¬†¬†¬† Die Armen und die J√ľngerschaft (S. 194ff)
4.¬†¬†¬† Die Reich-Gottes-Verk√ľndigung (S. 203ff)¬†¬†¬† ¬†¬† 4.¬† Ank√ľndigung des nahen Endes (S. 259ff)
                                                                           5.  Die Gerichtspredigt (S. 262ff)
5.¬†¬†¬† Wunder¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† —
6.¬†¬†¬† Ethik (S. 214ff)¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† 8.¬† Der Blick auf Muhammad, bes. S. 282‚Äď288
7.    Der Konflikt (S. 219ff)                                   6.  Konflikt mit den ungläubigen Polytheisten
8.¬†¬†¬† Der Abschied (S. 225ff)¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬†¬†¬† 9.¬† Bei ‚ÄěDer Krieger‚Äú (S. 288ff)
                                                                               nur kurzer Hinweis auf seinen Tod (S. 293)
9.¬†¬†¬† Das Ende am Kreuz (S. 230ff)¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† —
10.¬†¬†¬† Ostern (S. 235ff)¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† —
11.    Wer war Jesus? (S. 241ff)                          10.  Die Vita Muhammads (S. 292ff)

Schon diese grobe Nebeneinanderstellung markiert, dass ein Vergleich der beiden ‚ÄěReligionsstifter‚Äú erhebliche L√ľcken aufweisen muss. Auch haben beide eine unterschiedliche Zielrichtung gehabt. Mohammed ist der einzige Gr√ľnder einer universalen Religion, der zugleich Staatsmann war und auch Kriege f√ľhrte. Dennoch fasziniert das Nebeneinanderstellen zweier unterschiedlicher ‚ÄěPers√∂nlichkeitstypen‚Äú. Gnilka versucht bei der Abgrenzung der beiden nicht, den Gottessohn Jesus ins Spiel zu bringen. Das Besondere des Nazareners ist seine Identifizierung als Person mit seiner Botschaft. Jesus ‚Äěist letztlich die Mitte seiner Botschaft‚Äú (S. 297f).
So merkt man dem Autor bei der zusammenfassenden Parallelisierung am Schluss an, dass er gerade durch diese Unterschiedenheit der Jesus- und Mohammed-Bilder eine Bereicherung im christlich-islamischen Dialog sieht. Nach der Lekt√ľre dieses Buches d√ľrften aufmerksame Leser/innen die Sackgassen und Chancen gegenseitigen Verstehens klarer vor Augen haben.¬†
In durchaus ähnlicher Weise hatte Joachim Gnilka schon Jahre zuvor einen ersten wesentlichen Schritt bei der Parallelisierung von Bibel und Koran getan:

Joachim Gnilka: Bibel und Koran. Was sie verbindet, was sie trennt.
Freiburg u.a.: Herder 2004, 216 S. Register — ISBN 3-451-28316-6
Neuauflage (= 7. Aufl.) als Herder spektrum 6218, 2010, 224 S. — ISBN 978-3-451-06218-6

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Der christlich-islamische Dialog ist eine wichtige Voraussetzung, um Vorurteile abzubauen und Verst√§ndigung nicht nur zu erm√∂glichen, sondern auch zu verst√§rken. Inzwischen befindet sich eine F√ľlle von Einf√ľhrungsliteratur zum Islam auf dem Buchmarkt. Das ist zwar insgesamt zu begr√ľ√üen, aber viele dieser “Einstiegsb√ľcher” k√∂nnen wichtige Themen wie die der Koran-Interpretation nur anrei√üen. Deshalb ist das Buch des emeritierten Professors, Joachim Gnilka (geb. 1928) f√ľr Neues Testament an der Universit√§t M√ľnchen umso mehr zu begr√ľ√üen, weil hier ein renommierter Bibelwissenschaftler die Grenzen seiner eigenen Disziplin √ľberschreitet und mit seinem methodischen Handwerkszeug einen sachlichen Umgang mit den Glaubensurkunden von Islam und Christentum aufbaut.
Ganz im Sinne seiner exegetischen Voraussetzungen beleuchtet der Autor zuerst den historischen Hintergrund von Juden und Christen in Arabien vor dem Auftreten Mohammeds, stellt dann Mohammed und Jesus gegen√ľber und zeigt sehr sch√∂n, durch welche “Brillen” die jeweiligen Anh√§nger des einen Glaubens die “Andersgl√§ubigen” sehen. Das gilt √ľbrigens bis heute, wo nicht nur Christen manches im Koran als fremd ansehen und Muslime mit bestimmten Aussagen des Neuen Testaments schwer etwas anfangen k√∂nnen (z.B. die Kreuzigung Jesu). Von daher ist es wichtig, dass der Autor jeweils auf die Grundverst√§ndnisse der jeweiligen Texte in ihrem (historischen) Zusammenhang eingeht, dabei die unterschiedliche Entstehung und Wertsch√§tzung von Bibel und Koran heraushebt, um dann einige (keineswegs alle) gemeinsame theologischen Themen so zu betrachten, dass Unterschiede und Gemeinsamkeiten gerade den Reiz ausmachen, wenn die Texte der jeweiligen Glaubensb√ľcher interpretiert werden. Schade nur, dass er auf die wichtigen Arbeiten von Karl-Josef Kuschel gerade unter trialogischen Gesichtspunkten keinerlei Bezug nimmt.
Schwerpunkte bilden in diesen religionsvergleichenden Kontexten: Schöpfer und Schöpfung, Offenbarungsverständnisse, Jesulogie und Christologie im Neuen Testament sowie im Koran, die unterschiedliche Berufung von Juden, Christen und Muslimen auf Abraham, das Menschenbild auch im Kontext der ethischen Weisungen, die Eschatologie und schließlich die heiklen Relationen von Geboten und sog. Heiligem Krieg. Bei allem jedoch bleibt Gnilka Exeget, so dass man ihm durchaus zustimmen kann, wenn er den Gewaltaspekt, der in einer Reihe von koranischen Aussagen durchzuschimmert, hermeneutisch unter die Sure 5,32 stellt, um damit klar zu machen, dass auch die islamischen Koran-Exegeten noch einen weiten Weg vor sich haben, damit Krieg im Sinne von Engagement und Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterentwicklung eindeutig in nicht-militärischer Richtung verstanden werden kann.
In der Verlagswerbung der Erstauflage von 2004 hatte es gehei√üen: ‚ÄěVorurteile, Unkenntnis und Angst pr√§gen die aktuelle politische Debatte um den Islam. Ein sachlicher Umgang der Kulturen miteinander ist dr√§ngender denn je. Joachim Gnilka leistet dazu einen unverzichtbaren Beitrag. Er analysiert Verbindendes und Trennendes in Koran und Bibel: im Menschen- und Gottesbild, bei Mohammed und Jesus, und bezieht dabei auch den historischen Hintergrund gegenseitiger Wahrnehmung mit ein.‚Äú Diese Kurzcharakteristik bleibt auch 11 Jahre nach dem Erscheinen der 1. Auflage noch aktuell.

Die Rezension zu “Bibel und Koran” erschien zuerst in. Reinhard Kirste / Paul Schwarzenau / Udo Tworuschka (Hg.):
Wegmarken zur Transzendenz. Interreligiöse Aspekte des Pilgerns.
Religionen im Gespr√§ch, Bd. 8 (RIG 8). Balve: Zimmermann 2004, S. 495‚Äď496 (bearbeitet)

                                                                                                                     Reinhard Kirste

Mohammed Arkoun – f√ľr ein erneuertes Verst√§ndnis des Islam


Der im September 2010 verstorbene Islamwissenschaftler Mohamed Arkoun geh√∂rt zu den gro√üen modernern Kritikern f√ľr eine erneuerte Islamwissenschaft auf der Basis der Vernunft.¬†
Die Islamwissenschaftlerin Ursula G√ľnther hat mit ihrer Dissertation auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung der deutschen orienatlistik mit Arkouns Thesen aufmerksam gemacht:
Mohamed Arkoun – Ein moderner Kritiker der islamischen Vernunft.
Im Internet-Portal Babelmed (02.01.2012) beschreibt Yassin Temlali die “doppelte Kritik” von M. Arkoun im Dienste einer erneuerten Islamologie, besonders die Tatsache, dass Arkoun eine Rehabilitation der Heterodoxien im Islam vorgenommen hat:
In Deutsch erschien:
Der Islam. Annäherung an eine Religion.
Heidelberg: Palmyra 1999
Franz√∂sisches Original: Ouvertures sur l’Islam. Paris: Grancher 1989