Manfred Spieß

Religionspädagogische Notizen und Kommentare

Streitfall Religion: Konfessioneller Unterricht, Ethik oder »Lebensgestaltung“ Ethik“ Religionskunde«?

von tsimon1001 am 16. April 2009, keine Kommentare

 Dieser aktuelle Artikel aus Publik Forum wurde uns freundlicher Weise von der Redaktion für RPI-Virtuell zur Verfügung gestellt! Herzlichen Dank an die Redaktion und an den Autor Hartmut Meesmann.

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Streitfall Religion

Konfessioneller Unterricht, Ethik oder »Lebensgestaltung –
Ethik – Religionskunde«?

Was jeweils dafür und dagegen spricht


Am 26. April entscheidet die Bevölkerung in Berlin darüber,
ob der für alle Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse verbindliche
Ethikunterricht bleiben oder eine Wahlfreiheit zwischen dem Ethikunterricht und
einem konfessionellen Religionsunterricht eingeführt werden soll. Damit steht
die Schulpolitik des rot-roten Senats zur Debatte.

Bislang ist in Berlin der Religionsunterricht in der
öffentlichen Schule ab der 7. Klasse lediglich ein freiwilliges Angebot. Die
parteiübergreifende Initiative »Pro Reli« fordert die Wahlfreiheit und benötigt
dafür die Unterstützung von 610 000 Berlinern. Sie hatte – mit Unterstützung
nicht nur der beiden Kirchen, sondern auch der Jüdischen Gemeinde und
muslimischer Gruppen – weit mehr als die für einen Volksentscheid erforderlichen
170 000 Stimmen gesammelt. Eine Gegeninitiative »Pro Ethik« setzt sich
demgegenüber für die derzeitige Regelung ein.

Während in allen anderen Bundesländern – gestützt auf
Artikel 7, Absatz 3 des Grundgesetzes – der konfessionelle Religionsunterricht
die Regel ist, gilt in Berlin, Bremen und möglicherweise in Brandenburg (das
ist umstritten) Paragraf 141, auch »Bremer Klausel« genannt. Er bestimmt, dass
Artikel 7 dort keine Anwendung findet, wo am 1. Januar 1949 eine andere
landesrechtliche Regelung bestand. Das war in Berlin der Fall wie auch in
Bremen, wo in den öffentlichen Schulen ein konfessionsübergreifender
»Unterricht in biblischer Geschichte« stattfindet.

 Wir stellen
nachfolgend gegenüber, was für und was gegen die zurzeit diskutierten Unterrichtsmodelle
spricht. Und erinnern zugleich an das alternative Modell »Lebenskunde – Ethik –
Religion« (LER), das nach der Wiedervereinigung von ostdeutschen Christen
entwickelt wurde, in den Kirchen aber keine rechte Zustimmung fand. Wäre LER
nicht vielleicht doch eine sinnvolle Verbindung von Ethik- und
Religionsunterricht – wenn denn Parteien, Kirchen, Religionsgemeinschaften und
Lehrkräfte in Berlin wirklich an einem Strang zögen?      Hartmut Meesmann

Konfessioneller Religionsunterricht


Pro: Religion gehört wesentlich zum Menschen. Für viele
Eltern ist sie ein zentraler Faktor ihrer Identität; andere halten es zumindest
für gut, wenn ihre Kinder in der Schule etwas über ihr Katholisch- oder
Evangelischsein erfahren. Dazu braucht es ein bekenntnisbezogenes Fach.
Außerdem bietet »Reli« auch die Möglichkeit, andere Konfessionen und Religionen
im Vergleich kennenzulernen und grundlegende Lebensfragen aus
ethisch-religiöser Sicht zu erörtern. Er verbindet also Wissen und
»Lebenshilfe«. Auch können im Religionsunterricht aktuelle Fragen aufgegriffen
werden, die in anderen Fächern unbeantwortet geblieben sind. Eine aktuelle
Studie der Berliner Humboldt-Universität unter 15-jährigen Schülerinnen und
Schülern hat ergeben, dass der Religionsunterricht in den Augen der Schüler die
interreligiöse Kompetenz fördert. So gaben 84 Prozent der Schüler an, sie
hätten dort gelernt, Menschen mit anderen Glaubensüberzeugungen besser zu
verstehen. 71 Prozent erklärten, der Unterricht habe ihnen geholfen, Mitgefühl
für andere zu entwickeln. Die Stärke des konfessionellen Religionsunterrichts
liegt auch darin, dass die Lehrkräfte selbst katholisch oder evangelisch sind
und die Schüler insofern eine authentische Vermittlung ihres jeweiligen
Glaubens erleben können.

Contra: Der konfessionelle Religionsunterricht trennt die
Kinder früh nach ihren religiösen Bekenntnissen. Er wirkt dadurch nicht
integrativ. Denn er behindert das Zusammenwachsen einer Klasse zur »Reflexions-
und Diskussionsgemeinschaft«, gerade wenn die Schüler verschiedenen Religionen
und Kulturen angehören. Aus mehreren Klassen zusammengewürfelte Lerngruppen im
Religionsunterricht erschweren tiefer gehende Diskussionen oder machen sie
unmöglich, da sich die Schüler fremd sind und sie sich daher nicht öffnen.
Indem er bekenntnisorientiertes Wissen vermittelt, ist »Reli« ein Fremdkörper
im Fächerkanon der öffentlichen Schule. Die Glaubensunterweisung gehört in die
Kirchengemeinde. Und nicht überall kommt die erforderliche Mindestzahl von
Schülern für einen Religionsunterricht zusammen. Gerade in den neuen
Bundesländern gibt es soziale Problemgebiete, in denen kaum konfessionell
gebundene Schülerinnen und Schüler leben. Hier ist der konfessionelle Religionsunterricht
weder möglich noch sinnvoll.

Ethikunterricht

 

Pro: Für den Ethikunterricht spricht, dass an ihm
Schülerinnen und Schüler der unterschiedlichsten Weltanschauungen teilnehmen.
In modellhafter Weise kann darum in diesem Fach der Dialog mit »dem anderen«
oder »den anderen« eingeübt werden. Christliche Verfechter des
Ethikunterrichtes verweisen darauf, dass die Fixierung auf eine Religion –
sprich die christliche – in der Geschichte Unfrieden und Intoleranz gefördert
hat. Beim Ethikunterricht soll es darum gehen, sich gegenseitig kennenzulernen,
die Fremdheit gegenüber anderen Traditionen abzubauen, sich auch dann noch
anzuerkennen, zu achten und miteinander zu sprechen, wenn die anderen Ansichten
haben, die man selbst nicht teilen will und kann. Damit geschieht in einem
solchen Unterricht eine konkrete Einübung in die plurale Demokratie. Das Fach
findet bei der Deutschen Buddhisten Union ebenso Zustimmung wie beim Humanistischen
Verband, der sich zu einer atheistischen Weltanschauung bekennt.

 

Contra: Der Ethikunterricht klammert Religion als
wesentliche Lebensäußerung des Menschen möglicherweise aus – wenn der
Unterrichtende zum Beispiel ein Religionsgegner ist – oder behandelt sie
lediglich »von außen«. Dies scheint vor allem bei Lehrerinnen und Lehrern aus
der ehemaligen DDR der Fall zu sein, die das sogenannte wissenschaftliche
Weltbild des bekennenden Atheismus verinnerlicht haben. Werteorientierte
Debatten werden nicht allein im Ethikunterricht geführt; dies ist auch im
Religionsunterricht und in anderen Fächern der Fall. Der Ethikunterricht wird
mithin in seiner Bedeutung überhöht. Der Ethikunterricht ist genauso wenig
neutral, denn immer fließt die Weltanschauung des Lehrers bzw. der Lehrerin in
die Unterrichtsinhalte mit ein. Von welchem Standpunkt aus wird welche Ethik
gelehrt? Von welchen Maßstäben wird ausgegangen? Ethik ist nicht einfachhin
eine Alternative zur Religion, sondern ein eigenständiges Fach, in das religiöse
Begründungen einfließen können. Religion aber ist eine eigenständige Ergänzung
zur Ethik.

Lebensgestaltung –Ethik – Religionskunde

Pro: Das Fach »Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde«
(LER) wurde von kirchlichen Jugendmitarbeitern nach der Wende 1998 entwickelt.
Es will der zunehmenden Säkularisierung Rechnung tragen und dem Umstand, dass
es in vielen Gebieten Ostdeutschlands – zum Beispiel an Schulen in Dessau,
Bitterfeld oder Berlin-Marzahn – kaum katholische oder evangelische
Schülerinnen und Schüler gibt. In diesem Fach soll es – weltanschaulich neutral
– um Sinnfragen sowie ethische und religiöse Themen gehen – unter
gleichberechtigter Beteiligung der anerkannten Religionsgemeinschaften in
Deutschland. Vorgesehen sind verbindliche Kooperationsstrukturen zwischen
Schule und Religionsgemeinschaften. LER hat außerdem die zunehmend
multikulturelle Gesellschaft im Blick, in der Erziehung zur Toleranz immer
wichtiger wird. Der Ort, wo diese Toleranz und gegenseitige Akzeptanz eingeübt
werden kann, ist die öffentliche Schule. Ein Fach, dessen Lehrplan verschiedene
Religionsvertreter gleichberechtigt erarbeitet haben und in dem Juden, Muslime,
Buddhisten, Christen und Humanisten ihre Werte und ihren Glauben authentisch im
Unterricht vermitteln, könnte das leisten. Katholische und evangelische Schüler
werden nicht mehr konfessionell getrennt. Das LER-Modell bezieht auch den
islamischen Religionsunterricht mit ein. Es wäre der Ort, Vorbehalte und Ängste
gegenüber dem Islam abzubauen.

 

Contra: Das Fach LER wird in Brandenburg ohne verbindliche
Kooperationsstrukturen mit den Religionsgemeinschaften erteilt. Damit verfehlt
es seine eigentliche Absicht (die Kirchen waren 1993 aus den Verhandlungen über
dieses Unterrichtsmodell ausgestiegen). Ob im Unterricht tatsächlich eine
fachkundige und authentische Vermittlung unterschiedlicher religiöser und
anderer Weltanschauungen geschieht, ist fraglich. Alles hängt von der
persönlichen und fachlichen Qualifikation der Lehrkräfte ab. Ein humanistischer
Lehrer ist zunächst genauso wenig neutral wie eine evangelische Lehrerin oder
ein katholischer Pfarrer. LER müsste zumindest gewährleisten, dass die Kirchen
und Religionsgemeinschaften phasenweise mit eigenen Vertretern im Unterricht
erscheinen.

Aus: Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, Oberursel,
Ausgabe 7/09