Bauchgedanken eines pensionierten Studiendirektors für Schulentwicklung und neue Medien zum Minetest Camp in Wittenberg

Gastbeitrag von Heinz Bayer. Er bloggt über agiles Lehren und Lernen unter  www.aufeigenefaust.com. Er war beim Minetest-Camp (vgl. Erstes Minetest-Camp: Schüler erschaffen ideenreiche Bildungswelten und Minetest in verschiedenen Schulfächern einsetzen ) verantwortlich dafür, die Gruppen der Schüler*innen mit Hilfe der Scrum-Methode (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Scrum ) bei der Projektplanung und -durchführung zu unterstützen. 

Ich war prinzipiell sehr skeptisch … war noch nie spielaffin. Und ich sehe im Bereich Schüler (-innen weniger) und Computerspiele viele Lebensfallen. Ich sollte bei diesem Camp die ablaufenden Prozesse visualisieren. Nach außen kehren, was in den vernetzten Spielen in den grauen Kisten so alles abläuft. Ich hatte mich für die Methode des Scrum entschieden. Die Planung und das Abarbeiten der Jobs auf kleinen Zettelchen auf einem Board verschieben zu lassen wie bei den agilen Profis der IT-Branche. 
Und ja, dieses Camp hat für mich als ehemaligen Gymnasiallehrer, der viele Jahrzehnte Schülerprojekte mitorganisiert und gestaltet hat, tatsächlich enorm viel Potenzial gezeigt. Und ja verrückt: Ich war ganz ehrlich häufig verblüfft. Schon beim Scrum. Ich hatte dieses Organisationsprinzip hier in Wittenberg zum ersten Mal mit Schüler/innen zwischen 6. und 10. Klasse eingebracht und sie haben es einfach umgesetzt. Als wäre es normal. Klar, mit Unterstützung der betreuenden Erwachsenen, die es aber nur schaffen mussten, die Jugendlichen davon zu überzeugen, dass sie zuerst einmal gemeinsam im Team ohne PCs planen, wie sie vorgehen wollten. Ab da liefen Gruppenprozesse ab, die mich tatsächlich häufig umgehauen haben.
Das Spiel war die Trägersubstanz. Das Interaktive selbst war Leben pur. Gemeinsame Strategien entwickeln, Probleme lösen, Konflikte klären, Ideen umsetzen, Verhandlungen führen, die Gruppen gemischt. Crossfunktionale Gruppen nennt man das bei den ITlern. Damit man Prozesse aus vielen Perspektiven betrachten kann. Auch das hat wunderbar geklappt …. Mädchen, die anders bauen als Jungs, aber gemeinsam eine Schullandschaft konzipierten, in der es sich aushalten lässt. Jüngere und Ältere in derselben Schulwelt.
Das Ergebnis: Viel Grün, viel Licht, viel Sport, viel Fläche, große Räume, viel Rückzug, Nischen, Spielraum, Sicherheit, Helligkeit, Gärten und viel frische Luft. Und ganz erstaunlich, ohne es speziell „in Auftrag“ gegeben zu haben: Mit offener Bibliothek, Einzelarbeitsplätzen, Rückzugsräumen und Coachingzonen kamen auch vollautomatisch Elemente des selbstorganisierten Lernens zum Zug.
Die Erzählungen bei den 5 Schlusspräsentationen haben dem Ganzen das Sahnehäubchen aufgesetzt. Die vielen Geschichten, die Entwickler/innen aus ihrer Welt erzählen konnten, als hätten sie in den letzten beiden Tagen wirklich drin gelebt. Erfrischend die Erzählungen der jungen Referenten.
Und die Ergebnisse zeigen, dass man als junger Mensch und Schüler sehr wohl weiß, welche bauliche Umgebung einer Schul- und Lernlandschaft gut für den Menschen an sich ist. Und natürlich würde jeder Lernpsychologe sagen: „Die Schüler/innen sind ja auch die Chefentwickler ihrer eigenen Gehirnsoftware namens Lernen.“
Dass die Lehrer/innen selbst auch nicht schlecht dabei wegkamen, zeigte sich bei einem der fünf Teams im baulichen Ausdruck eines riesigen Lehrerzimmers samt Entspannungs- und Ruheraum. Schüler wissen auch, was Lehrern gut tut.
Zurück zu den Gruppenprozessen. Das Camp hat Freundschaften schließen lassen …. und hat es durch Minetest natürlich besser als jedes Landschulheim stillen und schüchternen Jugendlichen ermöglicht, mit der gemeinsamen Trägersubstanz der Netzwerksoftware schnell Kontakte zum ganzen Team zu knüpfen.
Es hört sich sicher komisch an, aber bei der Schlusspräsentation der Schulweltentwickler/innen kam mir Minetest fast wie ein Kollege vor, der es genial aus der zweiten Reihe geschafft hat, aus 60 jungen Menschen in zwei Tagen ein Entwicklerteam zusammenzubauen.
Ich würde es umgehend auch zum Beispiel für neu zusammengesetzte Klassen empfehlen … Da wäre das Setting viel einfacher, der Effekt, über Minetest ein riesiges Klassenzimmer zu bauen, in dem alle gut leben können, wäre sicher sehr wirksam.
Noch einmal eine Bemerkung zum Schluss: Ich bin kein Spieler, sehe in Computerspielen an sich mehr Bildungsprobleme auftauchen als Bildungsvorteile. Deshalb plädiere ich schon immer für einen  kontrollierten Umgang mit den Spielwelten, soweit sich das ermöglichen lässt. Aber in diesem Setting eines Netzwerkcamps von einem Computerspiel zum Aufbau gemeinsamer Welten muss ich als Komplettneuling erstaunt feststellen: „Respekt Kollege Minetest. Werde Sie im Auge behalten.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.