Tag 3.01. Jesus lehrte kompetenzorientiert

Auch das noch! Ausgerechnet Jesus muss nun für k.o.-Unterricht herhalten?! Wird der christliche Glaube nicht schon genug instrumentalisiert?

Dass Jesus kompetenzorientiert vorging, wäre auch mir bis vor kurzem nicht in den Sinn gekommen. Dies änderte jedoch dieser Artikel.
Dort macht der Jugendleiter Ralpf Wagner ein paar Dinge klar, auf die ganze Heerscharen von Religionspädagogen (mich eingeschlossen) eigentlich schon früher hätten gekommen sein können.

Jesus sendet seine Apostel aus

Als besondere biblische Quellen zieht er Mt 10 und Lk 10 heran, hat aber auch andere Szenen aus den Evangelien im Blick.

Welche Kompetenzen wollte Jesus anbahnen?

Dies ist nicht so schwer herauszufinden, denn die sind uns Christen noch heute als Taufbefehl ins Stammbuch geschrieben:

Wir sollen

  • das Evangelium verkünden können und
  • alle Umkehrwilligen, die darauf vertrauen, taufen und sie in die Gemeinschaft des kommenden Gottesreiches (“Kirche”) aufnehmen können.

Interessant finde ich, dass sich die memorierbaren Glaubensformeln (Einsetzungsworte, Zehn Gebote usw) bis hinein in den heutigen Konfi/Firm(?)-Unterricht erhalten haben, wogegen die Kompetenz, diese Wissensschnipsel praktisch einzusetzen, weitgehend verlorengegangen, da an eine kleine Clique von Professionals (“Kleriker”) delegiert worden ist. Daran hat auch die Reformation nicht viel geändert.

Wie hat Jesus Kompetenzen angebahnt?

  1. Praxiserfahrung von Anfang an.
    Jesus hat seine Schüler überallhin mitgenommen und ist mit ihnen durchs Land gezogen, abgesehen von einigen wenigen Auszeiten in der Einöde. Sie teilten seine Lebensbedingungen und sammelten (durch Hospitieren und Assistenz) unmittelbare Praxiserfahrungen.
  2. Wohldosierte Lehreinheiten
    Die meisten Lehren Jesu ergaben sich offenbar aus konkreten Situationen. Sie waren anschaulich (Gleichnisse, Parabeln) oder prägnant (Apophthegmen). Längere Lehrreden Jesu in den Evangelien sind offensichtlich redaktionell zusammengesetzt (zB die Bergpredigt). Jesus fasste sich programmatisch kurz. Auf philosophisch-theologische Welterklärungssysteme verzichtete er ganz.
    Offenbar hatte Jesus nicht die Absicht, seinen Schülern “Wissen” oder “Bildung” zu vermitteln, sondern die Kompetenz, das Evangelium zu verkünden und dabei auch Rede und Antwort zu stehen.
  3. Das Wort wird durch die zeichenhafte Tat bestätigt
    Jesu Lehren erhielten ihre Plausibilität nicht durch sich selbst oder ihre bezwingende Logik, sondern durch die zeichenhaften Ereignisse, die sie begleiteten. Auch die Schüler Jesu sollen auf diese Weise ihre Kompetenz als Evangeliums-Verkündiger erweisen.
  4. Selbstverantwortete Projekte
    Die Aussendung der Jünger, die Sturmstillung und der Seewandel des Petrus zeigen, dass Jesus seinen Schülern in hohem Maße Eigenverantwortung zutraut. Dies ist m.E. der Königsweg eines kompetenzorientierten Lernprozesses. Dort wo der Lehrer oder Pfarrer seinen Schülern (oder Mitarbeitern) keine Freiräume überlässt, Eigenverantwortung zu übernehmen und zu versagen, kann auch nicht viel Neues wachsen.
  5. Lernweg zur Kompetenz
    Die Aussendung der Apostel, wie sie in Mt 10 geschildert wird, zeigt in geradezu klassischer Weise den Weg des Kompetenzaufbaus:
  1. Aufbau auf vorhandener Kompetenz (v.1): Durch die Verleihung der Vollmacht zum Heilen (was immer dies bedeuten mag) war bei den Jüngern eine Grundlage geschaffen worden, von der aus der (Lern-)Weg fortgesetzt werden konnte.
  2. Eingehende Analyse der Anforderungssituation (die verblüffend stark derer der verfolgten syrischen Urkirche 50 Jahre danach ähnelt 😉 v.16-26)
  3. Die Formulierung der zu erwerbenden Kompetenz steht nicht explizit im Bibeltext, geht aber aus den Arbeitsaufträgen hervor. Es handelt sich um die in v.7.8 angesprochene Fähigkeit, das Evangelium vom Reich Gottes unter den galiläischen Juden zu verbreiten und (gewissermaßen OER-mäßig) Menschen zu heilen.
  4. Die selbstständige Arbeitsphase wird durch detaillierte Anweisungen (v.7-14) eingeleitet. Jesus versäumt es nicht, seine Schüler zu motivieren und zu ermutigen (v. 27-32.40).
    In der Aussendung der 72 Jünger ist zu erfahren, dass Jesus Teamarbeit begünstigt.
  5. Die Evaluation erfolgt sofort, nachdem die Schüler Jesu von ihrem Weg zurückgekehrt sind und ihre Arbeitsphase abgeschlossen haben. Dies wird nicht bei Matthäus, sondern in Lk 10 geschildert. Die Schüler berichten begeistert von ihren Erfahrungen. Jesus gibt Feedback mit einem indirekten, aber um so dramatischerem Lob. Gleichzeitig übt er konstruktive Kritik.

 Folgerungen

Aus dem Geschilderten ergibt sich natürlich nicht, dass wir unsere armen SchülerInnen jetzt paarweise auf Evangelisierung schicken. Allerdings könnte man Evangelisationskampagnen mal darauf abklopfen, ob dort “das Wort” in ähnlicher Weise von heilender Tat glaubhaft gemacht wird. Doch was resultiert für den Religionsunterricht? Hier ein paar Denkanstöße:

  • Der Religionsunterricht ist weder eine missionarische Veranstaltung, noch eigentlich eine genuin kirchliche. Zwar finden inzwischen viele Religionspädagogen, dass SchülerInnen dort religiös sozialisiert werden sollten (weil aus dem Elternhaus keinerlei religiöse Impulse mehr kommen), aber diese Sozialisation, wenn man sie beabsichtigt, muss so erfolgen, dass SchülerInnen diese reflektiert ablehnen können, ohne deswegen eine schlechte Zensur zu erhalten.
    Welche speziellen Kernkompetenzen besitzt der Religionsunterrichit also? Wahrnehmungs-, Deute-, Urteils- und Diskursfähigkeit werden auch in Deutsch und Sozialkunde angebahnt. Das Spezielle in Reli, was übrigbleibt, ist vielleicht der Bezug auf besonders komische (“religiöse”) Quellen. Naja.
  • Bleibt also noch die Handlungskompetenz. Würde dies nicht bedeuten, dass das Fach Religion komplett umgestrickt werden müßte auf eine handlungsorientierte Schiene? Dass man jede Unterrichtseinheit in einem irgendwie praxisbezogenen Projekt enden lassen müßte? Aber welchem?
  • Überhaupt: Welche praxisbezogenen Kompetenzen lassen sich für den Religionsunterricht erdenken? Worin besteht denn unsere Kompetenz “als Christen”?
    Okay, irgendwo steht, dass wir die Gemeinschaft der Heiligen sind. Und Heilige, so habe ich gelernt, das sind Leute, bei denen die Güte Gottes durch ihr Leben sichtbar wird. In diesem Sinne war wohl auch die BDKJ-Aktion 72 Stunden ohne Kompromiss gemeint. Aber lässt sich so etwas auf die spezielle Situation des Religionsunterrichts übersetzen?
    Oder ist – horribile dictu – unser Religionsunterricht (quasi aus der Sicht Jesu) einfach überflüssig?

 

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Wem es gelingt, seinen Nächsten so zu lieben wie sich selbst, der ist zweifellos in christlicher Lebenspraxis ungeheuer kompetent. Aber Nächstenliebe als praxisbezogene Schülerkompetenz? Ist nach meiner Erfahrung kaum zu schaffen. Nächstenliebe ist eine Lebensaufgabe.

    Aber stimmt schon: Schüler, die begriffen haben, was mit Nächstenliebe eigentlich gemeint ist, sind schon kompetenter als die übrigen, “Ahnungslosen”.

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  2. Pingback: Rückblick auf die erste Woche | openreli

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