Tag 14.12. Kompetenzorientierte Bewegungsmittel

Aus den gelesenen Kursblogs und den vergangenen Hangouts bleibt mir eine Definition guten (und kompetenzorientierten) Unterrichts wie eine Klette im Hirn hängen:

Guter Unterricht bewegt, regt an und befähigt zur Bewegung – er macht den Bewegten zum Beweger.

Dafür braucht es natürlich Bewegungsmittel. Dies gilt besonders für den kompetenzorientierten Unterricht, in dem die Lehrkraft, anders als im herkömmlichen Religionsunterricht, sich nicht selber zum Bewegungsmittel machen, sondern eine Moderatorenfunktion einnehmen und sich auf die angelaufenen Lernprozesse der SchülerInnen konzentrieren sollte.

An dieser Stelle wird der k.o.(= kompetenzorientierte) Unterricht wirklich schwer. Denn der Anspruch in Bezug auf die einzusetzenden Schülerbewegungs- bzw Lernprozess-Anschubmittel ist denkbar hoch, wie aus diesem Präsentations-Ausschnitt von Andreas Ziemer hervorgeht:

httpv://www.youtube.com/watch?v=akJupGSymIw

Das Problem

… besteht darin, dass die SchülerInnen jeder Lerngruppe ganz individuell verschiedene Lernvoraussetzungen (“Grundkompetenzen”) mitbringen. Im Extremfall muss jeder Schüler in ganz eigener Weise angeschubst werden, um zur Zielkompetenz zu gelangen. Was früher üblich war: Impuls, Info, Arbeitsblatt, Auswertung, Lernziel erreicht läuft nicht mehr im k.o.Unterricht. Ist wohl auch nie besonders gut gelaufen.

Man kann drei Aspekte der Schüler-Anschubserei unterscheiden:

  1. der personale Aspekt
  2. der Aspekt der zu stellenden Aufgaben
  3. der Aspekt der Arbeitsmaterialien

Ich möchte in diesem Artikel den Aspekt Nr.1 ganz ausklammern, denn der ereignet sich im Unterricht, hängt stark von den Persönlichkeiten der Lerkraft und der SchülerInnen ab und entzieht sich weitgehend den hier diskutierten Vorüberlegungen.

Mir geht es dagegen um das, was wir hier bei openreli versuchen: Aufgaben und Unterrichtsmaterialien zu entwickeln, die mehrfach einsetzbar sind und weitergegeben werden können.

Kompetenzorientierte Aufgabenstellungen

Gute Aufgabenstellungen passen sich einem verwickelten Lernprozess an …

Aufgabenstellungen sollen die (Lern-)Aktivitäten der SchülerInnen in bestimmte Bahnen lenken, möglichst solche, dass am Ende für alle Beteiligten ein Kompetenzzuwachs und eine Art Erfolgserlebnis herauskommt.

Dies war noch nie einfach.Im Zeitalter der k.o. Lerndifferenzierung wird es jedoch besonders knifflig.

Streng genommen muss jede Lerngruppe und jede Unterrichtsstunde ihr eigenes, hochdifferenziertes Aufgabenportfolio erhalten. Es wird, bildlich gesprochen, nicht mehr nur eine Bobbahn bereitgestellt, sondern viele. Eeine Lehrkraft ist jedoch überfordert, wenn sie Tag für Tag jede Schulstunde bis in jede Arbeitsanweisung hinein aufdröseln und individuell vorbereiten muss – aufgeschlüsselt für “Überflieger-Schüler”, “normale Schüler” und “schwache Schüler” und all die anderen, individuellen SpezialschülerInnen aus der Lerngruppe.

Wo liegt der Königsweg zwischen fehlender Differenzierung und realistischem Vorbereitungsaufwand?

Ich kann keine hinreichende Antwort auf diese Frage geben, die (meinem Eindruck nach) trotz all der inzwischen vorhandenen Materialien nicht in voller Klarheit reflektiert wurde. Hier einige Ansätze:

  • Aufgaben sollten offen gestaltet werden, so dass jeder Schüler auf seinem Lernweg möglichst weit voranschreiten kann
  • Teamaufgaben sind zu fördern. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass nicht die Schwachen im Team in Urlaub gehen, nach dem Motto “Einer für alle…”, sondern dass für eine Rollenverteilung und einen gemeinschaftlichen Lernerfolg gesorgt ist. Dies gelingt häufig, wenn bei der Präsentation der Ergebnisse alle Team-Beteiligten mitwirken.
  • Bei der Differenzierung von Einzelaufgaben sollte man sich an der anzubahnenden Kompetenz orientieren und bedenken: Welche Aufgabe sollte gelöst sein,
    – wenn die Kompetenz zumindest ansatzweise angebahnt wurde?
    – wenn die Kompetenz im Rahmen der gestellten Erwartungen angebahnt wurde?
    – wenn die Kompetenz über die gestellten Erwartungen hinaus erworben wurde?
Ein Beispiel: In der Grundschule, 3. Klasse wird der Auszug der Israeliten aus Ägypten besprochen und erfahren, dass Gott sein Volk aus der Sklaverei befreite. Die Schüler haben gelernt, wie die Sklaverei der Israeliten beschaffen war (Lehmziegel herstellen usw). Die anzubahnende Kompetenz besteht darin, darstellen zu können, was Sklaverei überhaupt ist und in welcher Weise es sie heute noch gibt.
Der Lerngruppe werden in einer Stationenarbeit Bilder, Texte und Videos zur Verfügung gestellt mit Beispielen heutiger Sklavenarbeit.
Zur Lösung der Stationenarbeit gibt es drei Aufgabentypen:
Typ 1 ist gelöst, wenn der Schüler ein konkretes Beispiel für moderne Sklavenarbeit schildern kann.
Typ 2 ist gelöst, wenn der Schüler mehrere Beispiele, darunter ein besonders auffälliges nennen und darüber hinaus erklären kann, worin “Sklaverei” eigentlich besteht.
Typ 3 ist gelöst, wenn der Schüler mehrere Beispiele nennen und “Sklaverei” selbständig erklären kann, wenn er selbstständig weiterforscht und beispielsweise herausfindet, welche Waren, die wir verbrauchen, möglicherweise unter Sklaverei-Bedingungen hergestellt wurden.
  • Wenn erkennbar ist, dass wichtige Kompetenzen angebahnt wurden, sollte am Abschluss eine Aufgabe stehen, die den üblichen, unterrichtlich-propädeutischen Rahmen sprengt und von den SchülerInnen besondere Initiative, Kreativität und Selbstverantwortung erfordert: Ein (Praxis)Projekt, eine irgendwie geartete Aktion oder Performance, die nur mit den angebahnten/erworbenen Kompetenzen erfolgreich durchgeführt werden kann.
  • Neben cleveren Aufgaben ist ein cleveres Belohnungssystem sinnvoll, das starken Schülern einen Anreiz gibt, schwierige Aufgaben zu lösen … wie wäre es zB mit zertifizierten Badges (wie es sie hier imopenreli-Kurs gibt)?
    Neben einem solchen – starren – Belohnungssystem sollte man ein “geklippertes” in Betracht ziehen, bei dem nicht nur die reine Aufgabenerfüllung, sondern die Leistungssteigerung honoriert wird: wenn zB ein sonst schwacher Schüler es schafft, Aufgaben vom Typ 2 zu lösen.

Kompetenzorientierte Materialien

Kann man Unterrichtsmaterialien so auffrisieren und anschieben, dass sie sowohl motivieren als auch differenziert einsetzbar sind?

Wenn man das Bild der SchülerInnen als bewegter Beweger aufgreift und die Aufgabenstellungen mit Bob-Bahnen vergleicht, dann stehen die Materialien für die Vehikel, mit denen die Schüler in Fahrt kommen (können). Doch ach! Es gibt den “Einheitsbob” aus der Lernzielorientierung nicht mehr.

Wenn ich selber Unterrichtsmaterialien erstelle, was in meinem Hauptberuf regelmäßig vorkommt, habe ich einen bestimmten “Typ 2-Lernweg” vor Augen. Mir graut davor, nicht eine Version dieses Materials, sondern viele (für all die unterschiedlichen SchülerInnen) anfertigen zu müssen.
Vielleicht ist das auch gar nicht notwendig, wenn ich es klug anfange.

Weit von einer Lösung dieser Frage entfernt stelle ich hier einige Erfahrungen und Ideen in Bezug auf kompetenzorientierte Materialien in den Raum:

  • Eine kompetenzorientierte, offene Augabenkultur passt gut zu einem reichhaltigen Set an universal einsetzbaren, einfachen Materialien, wie sie zB in der Montessori-Pädagogik eingesetzt werden. Im Grundschulbereich sind dies etwa Lege-, Bastel- und Schreibmaterialien, Instrumente, Requisiten für Rollenspiele. Im weiterführenden Bereich sollten auch computer- und internetgestützte Tools und social-Web-Techniken eingesetzt werden.
    Alle diese Werkzeuge erfordern es, dass der Umgang mit ihnen zunächst gründlich eingeübt wird und sorgfältig erfolgt. Gerade die Nutzung multimedialer Möglichkeiten birgt ein enormes Schadenspotenzial und erfordert eine hohe Schülerverantwortung und Sozialkompetenz. Manche Schulen stellen sie darum nur “vertrauenswürdigen Schülern” zur Verfügung.
  • Differenziert einsetzbares, inhaltsspezifisches Lernmaterial (zB Arbeitsblätter zu einem Thema) sollte einen Bezug zur Anforderungssituation enthalten und so beschaffen sein, dass
    – wesentliche Inhalte von “Typ 1”-Schülern erfasst werden können,
    – sie von “Typ 2” Schülern gut verstanden werden können,
    – sie interessante Hinweise enthalten, wie man am Thema selbsttätig weiterarbeiten kann (für Typ 3-Schüler)
    Eine ergiebige Quelle für solche (sekundarstufenbezogenen) Internetmaterialien ist der Blog web.competent vom Team um Andreas Ziemer.
  • In den Kinderschuhen steckt mE der Einsatz von inhaltsspezifischen, offenen Material-Impulsen, die Lernende zum eigenständigen Denken, Theologisieren, Diskutieren und Gestalten herausfordern. Dies betrifft nicht nur die üblichen Druckerzeugnisse, sondern zB auch Filmimpulse.

    kinderbibel-zsg

    Die Darstellungen aus der Kinder-Bibel zum Selbergestalten von Michael Landgraf, fordern Kindergarten- und Grundschulkinder zur Vervollständigung fragmentarischer Darstellungen heraus.

Materialorganisationcuratingpyramid

Zum Abschluss dieser Reflexion über kompetenzorientierte Bewegungsmittel will ich das Augenmerk auf das Problem der Materialkuratierung lenken, denn bei der Kompetenzorientierung ist es wichtig, Unmengen davon schnell bei der Hand zu haben, um mit all den vielen, unterschiedlichen Lernszenarios umzugehen.

Der rpi-virtuell-Materialpool bietet für religionspädagogische Materialien im deutschsprachigen Bereich wohl die am besten kuratierte Sammlung an – nicht zuletzt wegen der buchstäblich handverlesenen Themenseiten. Außerdem verbirgt sich hinter dem unscheinbaren Suchfenster und den hübschen bunten Kästchen eine sehr leistungsfähige und differenzierbare Suchfunktion.

Screenshot aus dem rpi-virtuell Materialpool

Screenshot aus dem rpi-virtuell Materialpool

Um sie in vollem Umfang zu nutzen und am Ende unerwartet viele passende Ergebnisse einzufahren, braucht es einige Übung (wie bei jeder ausgefeilten Suchmaschine). Vielleicht sollten wir bei openreli eine Spielwiese zu diesem Thema veranstalten. (Siehe unten die Abstimmung)

Noch wichtiger scheint es mir, dass man diese Suchmaschine zum Standard-Materialpool für religionspädagogische Onlineressourcen macht. Nur so geht einem später nichts durch die Lappen. Das bedeutet auch, dass man eigenes (oder entdecktes) Material im rpi-virtuell Materialpool empfiehlt. Ich kann nur jedem zum gegenseitigen Nutzen raten: Wenn du etwas herumliegen hast, dass sich nach deiner Einschätzung auch für andere lohnt, scanne es ein, speichere es im Netz (zB bei rpi-virtuell) und empfehle es beim rpi-virtuell-Materialpool!

Zum Abschluss die Abstimmung. Ich habe sie befristet bis 2.11. Wenn bis dahin mehr als vier Ja-Stimmen eingehen, werde ich auf Google+ einen Hangout organisieren, eine Spielwiese, in der der Materialpool von rpi-virtuell vorgeführt wird und in dem man Fragen stellen und selbst experimentieren kann. Wichtig: Wenn du mitmachen willst, solltest du dich vorher bei Google+ registrieren. Anders kommst du in den Hangout nicht hinein.

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Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Die Idee mit dem Hangout zum Materialpool finde ich ganz prima, und ich werde nach zeitlicher Möglichkeit auch mit machen.

    Gruß

    Manfred Spieß

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  2. Lieber Christian!

    Das bewegt mich auch tagtäglich, wie ich meine Unterrichtsvorbereitung im Spagat zwischen hehrem Anspruch und pragmatischem Realismus hinbekomme. V. a. was die Arbeitsmaterialien betrifft. Da tun deine Gedanken gut, entlasten und helfen zu strukturieren.
    Super Idee, mit der Spielwiese zum rpi-virtuell-Materialpool.

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