Lizenz: CC-BY-SA

Tag 50.23. Revue

Ein langer Onlinekurs neigt sich dem Ende zu. Zeit, einen Blick zurück und einen nach vorn zu tun. Hat es sich gelohnt? Was waren die Sternstunden? Was habe ich davon gehabt? Was war nicht so toll, was sollte man ändern? Was bleibt? Rechtfertigen MOOCs wie dieser den Aufwand, den man für sie treibt?

Ich will versuchen, die Fragen nacheinander zu behandeln und aus (meiner) subjektiven Sicht als Teilnehmgeber zu beantworten.

Hat openreli Spaß gemacht?

zufriedenEine wichtige Frage, die sich jede Lehrkraft für ihren Unterricht stellen sollte, wie ich im Verlauf von openreli gelernt habe. Denn wo etwas Spaß macht, lernt man gerne und leicht.

Also – hat’s Spaß gemacht? Mir? Ganz überwiegend: Ja. Oder besser: Freude – die Art, die man beim Forschen und Arbeiten erleben kann, wenn man neue Möglichkeiten erschließt, neue Einsichten gewinnt. Eine bereichernde Freude im Sinne von Jesaja 9,2: Eine ungetrübte Freude des Beutemachens.

Gab es enttäuschte Erwartungen?

Ja, auch.unzufrieden

  1. Ich bin unzufrieden damit, dass der Kreis der Aktiven im Lauf der sechs Wochen sehr zusammengedampft ist: stärker als ich erwartet hatte. Vor allem verdünnisierte sich meine Klientel, für die ich im Wiki extra eine Infrastruktur geschaffen hatte, vor der eigentlichen Arbeitsphase: Die an Weihnachten interessierten Grundschullehrkräfte. Das machte mich schon ein bischen traurig.
  2. Was mich am Ende ebenfalls irritierte – bzw in unterschiedlicher Weise den ganzen Kurs hindurch -, das war die “Vielfalt” – man könnte es auch “Verzettelung” nennen – an Plattformen.Wo ich mich nicht überall registrierte! Das weiß vermutlich nicht mal Gott, sondern alleine der Firefox-Passwortmanager. Die Grundidee der Kursmoderatoren war: Wir wollen alle erreichen und tanzten auf allen Hochzeiten (g+, facebook, rpi-virtuell, wiki, blog, noch ganz viele andere blogs, pipapo). Am Ende machte es Mühe, alle – oder wenigstens die wichtigsten – Stränge nachzuverfolgen. Dies frustrierte mich auch deshalb, weil ich mich in einem Anfall von ahnungsloser Begeisterung dazu bereit erklärt hatte, alle Teilgeberbeiträge zu kuratieren…. damit bin ich immer noch nicht fertig.
  3. Gegen Ende ließ mein Engagement bzw meine Begeisterung langsam nach, siehe Numeri 21,4. Die Gründe kann man oben bei Nr. 2 nachlesen. Nun bin ich also nicht nur mit diesem oder jenem unzufrieden, sondern auch mit mir selbst.

Hat openreli mir was gebracht und meine Kompetenzen erweitert?

Volles Ja. Das geht mir übrigens bei jedem MOOC so, dass ich am Ende so überladen bin von neuen Einsichten, Tools und Möglichkeiten, sobald ich die Lurker-Perspektive verlasse und in das Kursgeschehen gesteigerte Aufmerksamkeit, Zeit und Arbeit investiere. Da bewahrheitet sich Markus, 4,8.

Hier ein paar Beispiele:

Neue Online- bzw Softwaretools und -Werkzeuge, die ich inzwischen nutze

  • Mailchimp
    Mir gefielen die openreli-Newsletter, da versuchte ich rauszukriegen, wie das meine Kollegen machen. Jetzt habe ich für meinen regionalen Bereich “umgestellt”, denn Mailchimp besitzt neben schicken Designmöglichkeiten ein ausgefeiltes Adressatensystem und weist den Autor außerdem noch darauf hin, wenn man den Fehler macht, ungewollt Spam zu produzieren.
  • WordPress
    Ich benutze das Blogsystem schon seit längerer Zeit, aber auf openreli habe ich einige Tricks und Kniffe gelernt, die die Anwendungsmöglichkeiten komplett revolutionierten. Vor allem der Studiblog von Christian Stein mit seinen auf Kategorienangaben basierenden Nutzermenüs und überhaupt dem Ansatz, alle Teilnehmgebenden zu Redakteuren zu ernennen, haute mich um.
    Ich arbeite ja an einer Grundschule, aber ich glaube: Wenn ich je an einem Gymnasium tätig werden sollte, dann müssen die SchülerInnen keine Hefte mehr führen, sondern sie werden zu BlogredakteurInnen ernannt.
    Ich selbst habe inzwischen für meine zweite Klasse, eine sehr kleine Lerngruppe, eine Art Klassenblog eingerichtet.
  • rpi-virtuell
    Damit arbeite ich zwar seit Jahren, aber dank Jörg Lohrer und Joachim Happel erlebte ich wieder neue Kompetenzzuwächse, die sich auf meine Arbeit sofort auswirkten. Drei Beispiele:

    • Bookmarklet: Ein Werkzeug aus dem rpi-virtuell-Materialpool, das, ähnlich wie das WordPress-“Press This”-Tool oder der Evernote Webclipper mit einem einzigen Mausklick eine Website als online-Ressource in den Materialpool übernimmt.
    • Dynamische Themensammlungen via “Mein Materialpool”: Wenn ich meiner Lerngruppe einen “Apparat” an Informationen zur Verfügung stellen will, geht dies mit ganz wenig Aufwand und einer verblüffenden Technik. Auch für openreli sind zwei solche “Apparate” eingerichtet, zB hier.
    • Der Pixlr-Editor, ein Online-Zeichenwerkzeug, das im rpi-virtuell-Explorer implementiert wurde: Das ist zwar keine 1000 Euro-Fotobearbeitungssoftware, aber zum Bearbeiten von Unterrichtsmaterial in 99,9% von allen Fällen hinreichend. Und das geilste: Es gibt ihn auch als Smartphone-App: Da kann man im Unterricht Photos schießen, sie mit Pixlr bearbeiten, sie in der Cloud, zB im eigenen Flickr-Account speichern und sie “sharen” oder sich zuhause am PC ansehen (oder weiterbearbeiten)…
  • Google+
    Obwohl ich g+ schon eine Zeitlang intensiv nutze, hat openreli auch hier zu einer beträchtlichen Horizonterweiterung geführt (was auch daran liegt, dass g+ seinen Funktionsumfang dauernd erweitert). Zum Beispiel, wie man einen Hangout organisiert. Letztlich glaube ich, dass Hangouts inzwischen ein bedenkenswerter Ersatz für Live-Meetings geworden sind, weil man nun wirklich(!) parallel Dokumente gemeinsam erarbeiten, Sachen vorführen, chatten und sogar schöne, gemeinsame Andachten feiern kann.
  • Ludwig
    ist ein Komponierprogramm. Alexander Ebel hat diese Software zu Beginn des openreli-Kurses ein bischen protegiert und damit auch einen musikalischen Beitrag zu unserem Coversong-Motiv “Ich steh an deiner Krippen hier” geleistet.
    Nun soll es ja faule oder unbegabte Lehrkräfte geben, die zwar ein tolles Lied für den Reliunterricht als Melodie vorliegen haben, aber nicht in der Lage sind, das irgendwie vor der Klasse zu begleiten. Zu diesen Lehrkräften gehöre auch ich. Darum besorgte ich mir Ludwig, und nach ersten Mühen – bei diesem Programm lohnt es sich wirklich(!!), das beiliegende Booklet zu lesen – habe ich meine erste ernst zu nehmende Kompostition hingekriegt. Hey – jetzt kann ich nicht nur vorliegende Stücke vertonen, es könnte sogar sein, dass ich jetzt mal neue Lieder für den Reliunterricht – oder auch so – schreibe!
  • Soundcloud
    Mit Soundcloud macht man keine Musik – man veröffentlicht sie. Und hört welche, denn Soundcloud ist eine offene Plattform: Was YouTube für Videos, das ist Soundcloud für Audiodateien.

Die Liste geht noch viel weiter, aber ich merke, dass der Blog zu lang wird.
Außerdem habe ich bei openreli nicht nur nützliche Tools entdeckt, sondern auch Einsichten gewonnen.

Neue Erkenntnisse

      • Sehr hilfreich fand ich die Hangouts mit den Vorstellungen kompetenzorientierter Religionsbücher. In der letzten Zeit war (offen gesagt) das Medium “Religionsbuch” für mich ziemlich abgeschrieben gewesen. Doch diese Neuerscheinungen stellen Quantensprünge dar. Noch besser fände ich es natürlich, wenn man die ganze, dort investierte Kompetenzkompetenz in ein digitales Religionsbuch investieren würde!
      • Überhaupt waren für mich die Live-Hangouts die “Meilensteine” des Seminars. Neben den offiziellen Veranstaltungen brachten mir die Spielwiesen technische Erkenntnisse (vor allem über das “Wie” beim Hangouten). Richtig erbaulich und sehr belebend fand ich die Online-Abendandachten, für die Christian F. Freisleben Teutscher faszinierende Ideen einbrachte..

[youtube=www.youtube.com/watch?v=TpE1hLV2yrM&t=8m40s]
[Hier die Online-Andacht, Runde 3. Richtig los geht sie erst ab 8:40 m:sek.]

  • Vor dem Seminar glaubte ich in Sachen Kompetenzorientierung alles Wesentliche zu wissen. Das war eine Fehleinschätzung. Besonders die Beiträge, die Marion Holzhüter im Verlauf des Kurses schrieb, offenbarten mir, dass mir bisher eine Art Schmalspurkompetenzorientierung vorschwebte. Überhaupt lieferte Marion bei openreli – vor allem in der zweiten Kurshälfte – ganz entscheidende Impulse.

Was bleibt?

Mit dieser Frage verlasse ich die persönliche Perspektive. Was mir bleibt, ist oben dargestellt. Was den anderen Teilgebenden bleibt, müssen sie selbst reflektieren. Was jedoch ist mit dem Kurs selbst? War’s eine reine Lehr- und Lernveranstaltung?

Während der Praxisphase knobelte Joachim Happel ein Nachfolgeprojekt aus, das wie das logische Ergebnis dieses Kurses wirkt: digirelidemnaechstDas Digitale Religionsbuch.

Die Unterrichtseinheit “aus der Dose”, welche bei Fortbildungen früher so viele lernzielorientierte Unterrichtende glücklich gemacht hat, war immer mit den Makel behaftet, dass manche SchülerInnen eben nicht ins Dosenschema passten. Darum bedeutet Kompetenzorientierung, dass man den Unterricht individuell auf die Lerngruppe und ihre spezielle Lage zuschneidet. Dies gelingt natürlich besser mit einem modular aufgebauten Pool an Anforderungssituationen, Methoden, Inhalten, Medien, Das eigentliche Religionsbuch – so ist es geplant – entsteht erst beim Schüler selbst: Er ist am Ende der Autor seines Religionsbuches.

Um so etwas hin zu kriegen, ist viel Aufwand und Tüftelei erforderlich. Darum wird das digitale Religionsbuch mit Hilfe eines dazugehörigen Blogs vorbereitet. Die Arbeiten laufen.
Übrigens: Das Projekt ist offen. Jede/r kann mitmachen!

adam

Nochmal machen?

Im Newsletter für diese Woche heißt es: “Bitte teilt uns auch mit, was für euch hilfreich war und was wir beim nächsten Mal anders machen sollten.”

“Wenn es überhaupt eine Neuauflage geben sollte” – will ich mal mal anfügen. Denn es gibt da einige ernüchternde Beobachtungen in Bezug auf allzu offene MOOCs.

Der wichtigste Punkt ist oben schon angesprochen worden. Dem Kurs sind die meisten TeilnehmgeberInnen davongelaufen. Auf die Feedback-Umfrage haben bisher ganze 15 Leute reagiert – von über 200 eingeschriebenen Kursmitgliedern. Nach meinem subjektiven Eindruck bilden die Moderatoren inzwischen die Mehrheit der noch beteiligten Belegschaft.
Ich hatte gegen Ende immer mehr das dumpfe Gefühl, im eigenen Saft zu schmoren. Klar: Ein MOOC ist offen. Man kann ein- und aussteigen, wann man will und nur das mitnehmen, was man wirklich benötigt/haben will. Tatsache ist aber, dass viel weniger Leute nachträglich ein- als ausgestiegen sind. Und was soll das für ein Kurs sein, bei dem am Ende kaum noch einer da bleibt?

Wobei innerhalb des Moderatorenteams die Stimmung ungebrochen super ist. Vielleicht sind wir Veranstalter ja die größten Profiteure des Kurses: Learning by interacting, by teaching, by testing. Das allermeiste hat auch sehr gut geklappt. Kurzum: Ein klasse Team, mit denen man zusammen Pferde stehlen kann. Wenn die gleichen Orgi-Leute im kommenden Jahr wieder mitmachen würden, dann wäre dies alleine schon ein Grund, einen weiteren MOOC zu veranstalten und so zu tun, als würden wir nicht vor allem uns selbst die entscheidenden Lernschübe verpassen.

Die Runde der Experten - wie meistens: Super drauf.

Die Runde der Experten – wie meistens: Super drauf.

Auch unsere Gäste in den Live-Events waren übrigens toll. Das fanden auch (noch) unsere TeilnehmgeberInnen, denn diese Hangouts hatten (noch) ganz schön viele Besucher.

Summa summarum: Was mich betrifft – ich würde bei einem weiteren openreli-Kurs schon aus den genannten, eiggennützigen Gründen wieder mitmachen… allerdings

  • sollte die Kursdauer kürzer sein
  • sollte das Thema des Kurses stärker fokussiert/klar umrissen sein
  • sollten wir von dem Prinzip “Wir tanzen auf allen Hochzeiten” abrücken und alle wichtigen Kursvorgänge auf einer Plattform abwickeln
  • sollten – im Sinne von Kompetenzorientierung und Partizipation – alle KursteilgeberInnen am öffentlichen Kursblog als Redakteure Schreibberechtigung erhalten. Auf diese Weise ließen sich auch die Arbeitsergebnisse einfacher bündeln.
  • sollten wir uns im Vorfeld stärker mit der Einrichtung eines extrinsischen Belohnungssystems befassen (ob Badges reichen? So richtig gut schien das dann doch nicht zu klappen). Vielleicht würden gewisse Kultusministerien ja ein durchgängiges medienpädagogisches Engagement von Lehrkräften irgendwie anrechnen?
  • Ein richtiges Diskussionsforum als Besandteil der zukünftigen Kursplattform erscheint mir sehr sinnvoll. Diskussionen über Blog-Kommentare abzuwickeln ging zwar, aber es war eine verzettelte Angelegenheit. Oft wollte ich etwas nochmal lesen, vielleicht antworten, und fand die entsprechenden Kommentare nicht mehr. Dann liefen parallel noch Diskussionen auf g+ … dies war/ist alles ziemlich unübersichtlich und mühevoll.
  • Außerdem wäre es toll, wenn wir den Suchtcharakter für nachträgliche Einsteiger erhöhen könnten – also eine Art Kursmagneten hinbekämen. Ein Spiel? Lecker Plätzchen? Ein (gestohlenes) Pferd?

Was ich bei einem openreli – Runde 2 auf jeden Fall beibehalten würde:

  • Die Hangout-“Meilensteine” und die Vernetzung via Google+ – Man sollte vielleicht einen kleinen Vorbereitungskurs in Erwägung ziehen: “Live im Internet auf Google+” oder so(?)
  • Die enge Verbindung mit rpi-virtuell (und dann auch – hoffentlich – dem sich weiterentwickelt habenden Digitalen Religionsbuch).
  • Die Taktung des Kurses durch die Newsletter fand ich sehr hilfreich.
  • Die Zusatzveranstaltungs-Gimmicks: Sahnehäubchen auf der Torte.
  • Die gute Sitte, die Statements der KursteilgeberInnen, soweit halt der Überblick reicht, zu lesen und auch zu kommentieren. Ich glaube, diesem dialogischen Element verdanken wir, dass wir einige engagierte Leute gewonnen haben, und ich hoffe, die ein- oder andere in einem zukünftigen Orgi-Team wiederzusehen.

 

 

 

 

 

 

Tag 38.04. Der gefährliche Weg des barmherzigen Samariters im Religionsunterricht

Dass die Straße von Jerusalem nach Jericho durch das Wadi Qelt ein heißes Pflaster ist, weiß die Menschheit spätestens seit der Veröffentlichung des Lukasevangeliums. Dass die Geschichte vom barmherzigen Samariter ein heißes Pflaster im Schulunterricht ist, habe ich wiederholt (bei Besuchen) erlebt. An dieser Geschichte lässt sich exemplarisch erkennen, wie wichtig eine gründliche theologische Rezeption für den Erfolg des Schulunterrichts sein kann.

Anlass für diesen Beitrag sind

  • mündliche Diskussionen mit Kollegen in der analogen Welt zur Frage: Lässt sich aus der Geschichte folgern, dass ein Christ allen Menschen in Not helfen muss?
  • schriftliche Diskussionen im Bereich des openreli-Kurses über den Einsatz der Erzählung im Unterricht, grob gesagt, unter der Maxime: “das Hilfegebot als Ausdruck von Menschlichkeit und Christsein”

Ich werde nun

  1. in ein paar Sätzen beschreiben, woran die Unterrichtsstunden scheiterten, die ich zu diesem Thema erlebt habe,
  2. Anfragen an die Geschichte vom Barmherzigen Samariter formulieren
  3. den Text genauer unter die Lupe nehmen,
  4. Schlussfolgerungen für mögliche Anforderungs- und Anwendungssituationen im k.o. Unterricht ziehen

Erstens: Wo liegt das Problem?

In den Stunden, die ich miterlebte, wurde mit einer Anforderungssituation eingestiegen: Das Bild eines weinenden Kindes oder eines offensichtlich verletzten Menschen. Die Klasse diskutierte, was zu tun sei und kam sofort auf diverse Hilfe-Vorschläge. Dann wies die Lehrkraft auf Jesus hin und erzählte das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, gefolgt von der (zunächst in die Form eines Impulses gegossenen) Frage: Was will uns Jesus damit sagen?
Die Schüler: Nee, echt – doch nicht etwa, dass wir als Christen und Mitmenschen immer helfen müssen?! Das soll die Pointe sein?
Kurz gesagt: Im Unterricht fand eine petitio principii statt: Die Lehrkraft wollte beweisen, was sie bereits vorausgesetzt und durchgekaut hatte und was die SchülerInnen schon zT vor Jahren kapiert hatten: “Peace & Love & Understanding: Christen müssen helfen”. Die (Grund-)Schüler durchschauten zwar nicht den inhärenten Zirkel, doch sie merkten deutlich, dass mit der Pointe etwas nicht stimmte. Die Enttäuschung und Unzufriedenheit war bei Vielen am Ende der Stunde deutlich zu spüren.

Manche merkten auch, dass dieser moralische Helfer-Imperativ nur wenig mit der von ihnen erfahrenen Wirklichkeit bzw Menschlichkeit zu tun hatte.

Damit kommen wir zu Punkt Zwei: Muss ein Christ wirklich immer helfen? Gibt es ein christliches Hilfegebot?

Um diese Frage geht es in der Perikope Lk 10,25-37. Eigentlich jedoch geht es um die Frage, was man tun kann, um das ewige Leben zu erben, also um das Thema Werkgerechtigkeit. Hinsichtlich dieser Frage endet die Perikope – irgendwie auch konsequent – wie das Hornberger Schießen: Am Ende ist man nicht viel schlauer als zuvor. Denn Jesus und sein Gesprächspartner kommen vom Thema ab und verbeißen sich in der Frage, wer eigentlich “mein Nächster” sei, den man wie sich selber lieben müsse, um das Ewige Leben zu erben. Diese Frage wird von Jesus recht polemisch mit der Parabel vom barmherzigen Samariter beantwortet. Die Ausgangsfrage (nach dem ewigen Leben) wird nicht vertieft. Auch auf die Frage, ob man als Christ jedem Notleidenden helfen soll, wird nicht explizit beantwortet (s.u.).

Was also (Punkt drei) gibt die Geschichte vom barmherzigen Samariter her?

In Vers 25

wirft ein Schriftgelehrter eine hochproblematische Frage auf: Die nach der Werkgerechtigkeit (ob man durch eigenes Tun die Erlösung bzw das Ewige Leben erwerben kann) und der Selbsterlösung. Schon Gautama Buddha ist ihr nachgegangen. Das Christentum kommt jedoch im Gegensatz zum Buddhismus zur Einschätzung: Selbsterlösung – das geht gar nicht.

Vers 26

Doch Jesus antwortet nicht (wie Luther es vielleicht getan haben würde): “Du kannst gar nichts tun (und mußt auch gar nichts tun)”, sondern stellt eine Gegenfrage und fordert sein Gegenüber ganz kompetenzorientiert auf, die Antwort selbst zu geben. Dies ist ein auffälliges Kennzeichen der ganzen Perikope: Jesus gibt keine einzige “Lehr-Antwort” selbst, sondern er bringt seinen Gesprächspartner in sokratischer Weise mit Impulsen und einer Geschichte dazu, die Lösung, wenn es denn eine gibt, selbst zu finden.

Vers 27

Der Schriftgelehrte verweist entsprechend der pharisäischen Tradition seiner Zeit auf Lev 19,18. Dort steht zwar nicht, dass die Beachtung dieses Gebots zum ewigen Leben führt. Aber da in der Tradition des pharisäischen Rabbi Hillel alle Gebote in der Goldenen Regel und dem Doppelgebot der Liebe zusammengefasst sind und ihre Erfüllung das Leben in der kommenden Welt erwirbt, äußert er eine Lehrmeinung, die Jesus nicht nur kennt, sondern die er auch ganz sympathisch findet.

Vers 28

Darum gibt er dem Schriftgelehrten recht: “Tue das, so wirst du leben.”
Alles klar, oder?

Vers 29

Der Schriftgelehrte riecht den Braten, oder, wenn man so will, die Falle, die er sich selbst mit seinem Schriftzitat gestellt hat. Sie liegt in der Bedeutung des Wortes “Nächster” – griechisch plēsion, hebräisch rea – ein Zentralbegriff der Thora mit einem schillernden Bedeutungsumfang, der den Volksgenossen meinen kann, den Freund, aber auch den Bettgenossen. Je weiter der Kreis der Nächsten gefasst wird (nur die Familie? Alle Volksgenossen? Alle Menschen?), desto anstrengender bzw unrealistischer ist es, Nächstenliebe zu verwirklichen.
Das andere zentrale Wort der Diskussion – “lieben” (griechisch agapaō, hebräisch ahav) scheint nicht strittig zu sein, ist aber für Schüler nicht leicht zu verstehen: Denn im Gegensatz zum Deutschen gibt es im Griechischen drei Worte für Liebe: Eros für die sexuelle Liebe, philadelphia für das Verhältnis zu Freunden und Verwandten, agapē für die “Liebe” zu Leuten, die einem nicht besonders nahestehen. Statt “Liebe” sollte man im Deutschen wohl eher von Respekt, Toleranz und anteilnehmender Hilfsbereitschaft sprechen.
Jesus erzählt in der folgenden Geschichte ein konkretes Beispiel für agapē.

Vers 30

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter ist kein Gleichnis, sondern eine Parabel. In ihr wird eine wichtige, aber sehr gefährliche Verkehrsverbindung erwähnt, die beispielsweise alle Galiläer nutzen mussten, wenn sie nach Jerusalem zum Tempel pilgerten, weil sie auf dem kürzeren und bequemeren Weg durch Samaria kein Quartier gewährt bekamen. Der Weg von Jericho nach Jerusalem durch das Wadi Qelt schlängelte sich über 29 km durch eine steile Schlucht und überwand eine Höhendifferenz von 1050m: Jerusalem liegt 800m über, Jericho 250m unter dem Meeresspiegel.

Foto von Sangjun Yi auf Flickr, CC by-nc-sa

Foto von Sangjun Yi auf Flickr, CC by-nc-sa

In einer Karawane oder einem großen Pilgerzug war man relativ sicher, aber Alleinreisende wurden häufig überfallen. So war es auch einem Mann auf dem Weg hinab nach Jericho ergangen. Ihm wurde alles genommen, wobei man ihn brutal zusammenschlug, ihm etliche Wunden zufügte und ihn bewusstlos liegen ließ.

Verse 31 und 32

Nun lässt Jesus die zu erwartenden Nächsten vorübergehen. Ein heiliger Mann, Tempelpriester, passiert die “Unfallstelle”, ohne anzuhalten. Warum? Will er sich am Blut des Geschlagenen nicht unrein machen? Wir wissen es nicht. Auch der Levit arbeitet im Tempelbereich. Unter anderem sorgt er für die wundervolle Musik, die die Pilger dort zu hören bekommen. Über die Motive der beiden, keine Hilfe zu leisten, erfahren wir nichts. Sie sind für Jesus irrelevant.
Wenn ich das Gleichnis in die Gegenwart übertragen würde, dann wären es vielleicht der Gemeindepfarrer, der Steuerberater und der Arzt, die hier, ohne einen Stopp einzulegen, die Kurve kratzen.

Vers 33

Schließlich kommt ein Samariter vorbei. Ein an sich wenig freundlich gesinnter Ausländer. Die Samariter glaubten zwar auch an den Gott Jahwe und beachteten das Gesetz Gottes, die Thora. Aber sie verabscheuten den Tempel in Jerusalem. Das wahre Heiligtum Gottes lag für sie auf dem Berg Garizim bei Sichem. Sie betrachteten sich als die echten Bewahrer des Jahweglaubens.
Unangenehme Leute also für damalige Juden; rechthaberisch, tendenziell unfreundlich, dazu noch das Zerrbild der eigenen Religion. Ausgerechnet so einer kommt an dem Überfallenen vorbei. Als er ihn sieht, da – so die Lutherübersetzung – jammerte ihm.
Dieser altertümliche Begriff besitzt eine zentrale Bedeutung in den synoptischen Evangelien: In der Parabel vom verlorenen Sohn sieht der Vater den Rückkehrer ankommen; da jammert es ihm, noch bevor der Sohn ein Wort gesprochen hat, und er nimmt ihn wieder bei sich auf. Als Jesus in Nain einen Beerdigungszug sieht und erkennt, dass da eine Witwe ihren einzigen Sohn verloren hat und ohne diesem letzten Angehörigen vor dem Nichts steht, da jammert ihm, und er erweckt den Sohn von den Toten.
Mit “Jammern” wird ein heftiges Gefühl von Anteilnahme und Mitleid beschrieben, verbunden mit dem Bedürfnis, etwas zu unternehmen, um das Unglück zu lindern. Der Samariter hört auf diese innere Stimme. Sie ist ihm wichtiger als seine übrigen Pläne, als seine Ängste, sich zu beschmutzen, sich abzumühen, sich (auch finanziell) zu verausgaben.

Verse 34 und 35

Der Samariter interessierte sich nicht für die Lehre von Rabbi Hillel, er befolgte damit kein Gesetz, sondern verhielt sich einfach menschlich im positiven Sinn. Er versorgte den Verletzten, transportierte ihn zur nächsten Herberge und sorgte (finanziell) dafür, dass der Überfallene dort gut gepflegt wurde. Damit war sein Liebesdienst beendet. Nächstenliebe scheint, wie man daraus schließen kann, durchaus kein Fass ohne Boden zu sein.

Vers 36

Es folgt die Schlussfrage Jesu: Welcher der drei wird dem unter die Räuber Gefallenen der Nächste gewesen sein?
Achtung, Perspektivwechsel!
Der wird im Religionsunterricht meistens übergangen. Stattdessen wird die Frage gestellt: Wer ist dem Samariter der Nächste? Wem also müssen wir helfen? (Vermutlich allen – auch den Ausländern: Schließlich besaß der Samariter eine andere Staatszugehörigkeit als der überfallene Jude) – Doch diese Frage stellt Jesus eben nicht!
Jesus nimmt stattdessen die Perspektive des Überfallenen ein. Für den ist es leicht, den Nächsten zu erkennen: “Na derjenige, der mir die Haut gerettet hat! Dieser Mensch ist mir nahe gekommen. Er bedeutet mir viel mehr als die heiligen Leute, die an mir vorübergingen.”

Vers 37

So antwortet auch der Schriftgelehrte. Und, in scheinbarer Zustimmung, versetzt Jesus dem Gespräch den nächsten Dreh: “So geh und tue desgleichen.”
Äh – tue … was jetzt? ist man geneigt zu fragen.

Meine Antwort auf diese Aufforderung lautet: Mache dich anderen Menschen zum Nächsten, indem du sie respektierst und ihnen tatkräftig hilfst. Denn ein “Nächster” bist du nicht automatisch, und nicht jeder ist dein Nächster.
Man muss nicht jedem helfen, aber man sollte jedem helfen, dessen Nächster man sein möchte.

Punkt vier: Schlussfolgerungen

Alle Gleichnisse und Parabeln Jesu sind vielschichtig. Es gibt vieles zu entdecken. Hier meine Schlussfolgerungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder letzte Gewissheit.

  • In der ganzen Perikope lässt Jesus den Schriftgelehrten Einsichten gewinnen, die auch heute noch für SchülerInnen nachvollziehbar und selbstverständlich sind.
  • Der Nächste ist nach Jesus keine vordefinierte Größe (wie zB der “Volksgenosse”), sondern derjenige, der mir nahesteht – sei es der Arzt oder ein völlig Fremder, dem ich viel verdanke, o.ä. Da gibt es für SchülerInnen viel zu entdecken. Es ist gut, viele solche Nächste zu haben (anstelle zB von möglichst vielen Facebook-“Freunden”).
  • “Nächste” hat man nicht – man muss sie gewinnen. Wie das geht, zeigt die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Wer von den SchülerInnen hat sich schon einmal zum Nächsten für andere Menschen gemacht – zB Freunde gewonnen oder Nachbarn geholfen und erfreut?
  • Der barmherzige Samariter spielt in einer ganz anderen Liga als jemand, der für einen guten Zweck spendet. Denn er investiert viel mehr als einer, der nur Almosen gibt. – Im Jüngerkreis von Jesus gab es beides: Sorgen füreinander und Almosengeben. Wie halten es die SchülerInnen?
  • Für Jesus gibt es letztlich keine gesetzesmäßige Verpflichtung zur Liebe bzw Hilfeleistung. Wenn man aber von der Not eines Menschen so angerührt ist, dass es einen jammert, dann sollte man auf seine innere Stimme hören und etwas unternehmen.
    An dieser Stelle ergibt sich die mE recht spannende Anforderungssituation vorweihnachtlicher Spendenaufrufe. Dort werden oft als Aufmacher “Fälle” geschildert, die darauf angelegt sind, dass es einen jammert, wenn man davon erfährt. Wie soll man damit umgehen? Verhärtet sich das Herz eines Menschen, wenn er überall nur noch Mitleid-Missbrauch wittert?
  • Jesus bezeichnet die Befolgung des Gebotes zur Nächstenliebe zum Zweck der Gewinnung des Ewigen Lebens zwar nicht als aussichtslos, aber er will weg von den vorschriftsgemäßen Liebestaten. Wer Nächstenliebe frei und aus eigenem Antrieb übt, über den freut sich Gott, und er ist ihm ganz nahe.
    Hier kann man sich mit Schülern vielleicht über die Freude des Helfens austauschen, über moralische Verpflichtungen und ggf. auch über ein bizarres, christliches Selbstaufopferungsethos.
    Im Gegenzug ist es interessant, die Lage des Priesters und des Leviten zu beleuchten: Wohin führt es, wenn man scheuklappenmäßig lebt und an den Opfern am Wegrand möglichst schnell vorbeirauscht?

Zum Abschluss formuliere ich noch eine zu erwerbende Kompetenz:
Die SchülerInnen erkennen, dass Jesus seinen Nachfolgern keine Verpflichtung zum Helfen auferlegt, sondern sie ermutigt, hinzuschauen und menschlich, dh barmherzig zu agieren. Sie gelangen zu einer Haltung des Respekts und der Hilfsbereitschaft, die offen ist für die Nöte anderer, ohne sich dabei ständig “in der Pflicht” zu sehen.