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Bloggen in der Schule: Sozialpraktikum – Klasse 11

Olav Richter
"Ich war erstaunt, dass es so
viele Menschen gibt, die solche Probleme haben und denen es so schlecht
geht",
berichtet ein Schüler. Vom 11. bis 19. Februar 2008 arbeiteten die
Schülerinnen und
Schüler der Klassenstufe 11 des Einstein-Gymnasiums Kehl in
verschiedenen sozialen Einrichtungen. Ihre Erfahrungen dokumentierten
sie online in einem Blog. Religionslehrer Olav Richter berichtet im
Interview.

Sieben
Tage im Jahr gehen die 11.-Klässler/innen im Einstein-Gymnasium Kehl
nicht wie gewohnt in die Schule, sondern arbeiten in Kindergärten,
Altenheime, Krankenhäuser und Werkstätten für Behinderte in und um
Kehl.
Religionslehrer und Pfarrer Olav Richter hat dabei seine 11. Klasse betreut. Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen.

"Anfangs war es ziemlich hart für mich"

Herr Richter, ein Sozialpraktikum bietet ja wichtige Lernmöglichkeiten.
Ja, deshalb führen wir es an unserer Schule regelmäßig durch. Die
11.-Klässer suchen sich zu Beginn des
Schuljahres eine Praktikumsstelle im sozialen Bereich, an der sie im
Frühjahr sieben Tage lang tätig sein werden. Ich habe im Rahmen dieses
Sozialpraktikums meine 11. Klasse in evangelische Religion betreut.

Die Heranwachsenden machen dabei ganz
unterschiedliche Erfahrungen.
Eine Schülerin berichtet von ihren ersten
Eindrücken im Krankenhaus: "Anfangs war es ziemlich hart für mich bei den
Untersuchungen und den Visiten zuzusehen und auch gleich dabei helfen zu
müssen."
Später schreibt sie dann aber: "Die meisten Aufgaben die ich in diesem Sozialpraktikum zu erledigen habe,
machen mir Spaß, wie zum Beispiel das Essen an die Patienten austeilen (
Frühstück, Mittag, Abend), die Betten machen, das Füttern der
Patienten…"

Eine anderer Schüler
erzählt im Blog über seine Zeit im Kindergarten:  "Ich hätte nie gedacht, dass als Erzieher in
einem Kindergarten zu arbeiten, so anstrengend sein kann. Ansonsten gefällt es
mir dort super."

Das Blog: Treffpunkt, Informationsbörse und Dokumentation 

Und wie lief das mit dem Bloggen? 
Vor
dem Praktikum haben sich die Jugendlichen beim Blog angemeldet und wir
haben die technische Seite erkundet. Dafür haben wir gemeinsam eine Stunde im
Computerraum unserer Schule verbracht. Da die meisten mit dem Internet
bereits vertraut sind und das Blog-Programm einfach zu bedienen ist,
ging das recht schnell.

Ich habe mich aus zwei Gründen für das Bloggen entschieden: 

  • Das Format bietet einen virtuellen Treffpunkt, eine
    Austauschmöglichkeit für die Tage, in denen die Jungen und Mädchen an
    verschiedenen Orten außerhalb der Schule tätig sind.
  • Ein Blog ist chronologisch organisiert. Der aktuelle Beitrag ist immer zuerst zu
    sehen. Wenn man also das Blog aufruft, ist man immer über das Neueste informiert.

Das Blog war sozusagen eine kleine "Zeitung", die uns während des Praktikums begleitet und uns miteinander verbunden hat.

Als erste Fragen waren zu beantworten:

  • Was werde ich im
    Sozialpraktikum zu tun haben? Womit werde ich mich konfrontiert sehen?
  • Welche
    Gefühle habe ich in Erwartung dieser Tätigkeit?
  • Wie müsste das Sozialpraktikum
    verlaufen, was müsste während dieser Zeit geschehen, dass ich sage, es hat
    sich gelohnt?

Anschließend sollte jeder zwei Blogs und zwei Kommentare verfassen. Doch viele haben deutlich
mehr geschrieben.

Berichte mit viel Tiefgang 

Wie haben die Schülerinnen und Schüler die Aufgabe angenommen?
Erst
waren sie etwas zurückhaltend. Wichtig war ihnen, dass sie ihre Identität nicht
preisgeben müssen und der Datenschutz gewahrt bleibt. Zuerst haben sie nur
einzelne Sätze gebloggt, um die Sache mal zu testen.

Aber
dann hat das ganze eine eigene Dynamik bekommen. Für viele wurde es während des
Praktikums selbstverständlich, am Abend von den Erfahrungen zu berichten und
von den Erlebnissen der anderen zu hören.
Sie haben einander in schwierigen
Situationen Mut zugesprochen oder haben nachgefragt, wenn sie etwas genauer
wissen wollten. Dazu eignete sich besonders die Kommentarfunktion des Blogs.

Es
sind Berichte mit viel Tiefgang entstanden. Die Jungen und Mädchen
berichten in sehr ergreifenden Worten von ihren Schwierigkeiten und wie
sie
damit umgehen. Sie machen im Praktikum völlig neue Erfahrungen und man
kann verfolgen, wie sie durch Herausforderungen wachsen.

Gleichzeitig haben andere Klassen und Lehrkräfte
unserer Schule die Internetseite verfolgt, denn das Blog war mit der
Homepage unserer Schule verlinkt. Die Praktikantinnen
und Praktikanten schrieben also für eine größere Öffentlichkeit. Das
war ein zusätzlicher
Anreiz.

Experiment geglückt 

Das Experiment Bloggen ist also aus Ihrer Sicht geglückt?
Auf
jeden Fall. Ich war selbst überrascht, wie die Klasse sich eingelassen
hat. Ein solches Blog ist etwas ganz anderes als normaler Unterricht
oder ein Praktikumsbericht.

Die offene Form ermöglicht es den Jugendlichen, ihre Erlebnisse hautnah
zu schildern. Große Gefühle und kleine, wichtige Begebenheiten finden
hier ihren Platz. Die
Schülerinnen und Schüler konnten an sich selbst neue Seiten erfahren,
ihr schriftstellerisches
Talent anderen mitteilen.

Das Medium hat übrigens besonders auch Jungen angesprochen. Die habe ich nach dem
Praktikum in einem ganz neuen Licht gesehen.
Für mich ist klar, dass ich das Format auch für weitere Projekte nutzen werde. 

rpi-virtuell, April 2008
Das Interview führte Julia Born

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  • Direkt zum Blog "Sozialpraktikum": mehr
  • Olav Richter bei rpi-virtuell: mehr
  • "Sollten wir weiterhin machen!"
    Das sagten die Schülerinnen und Schüler im Nachhinein: mehr

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