Bibel in gerechter Sprache: “Freue mich jeden Tag aufs Lesen”

Guy WeirichDie Bibel in gerechter Sprache ist für den Luxemburger Lehrer Guy Weirich so attraktiv, dass er sich darauf freut, Tag für Tag in dieser Übersetzung zu lesen – obwohl er die Einwände gegen diese Übersetzung kennt. Die Motive seiner Begeisterung verrät er uns hier.


Übersetzen – immer ein Stück Interpretation

Die Vorbehalte gegenüber der Bibel in gerechter Sprache sind mir bekannt. Ich weiß, dass man dieser Übersetzung sogar Verfälschung biblischer Aussagen vorwirft.

Ich weiß aber auch, dass Übersetzen eine höchst anspruchsvolle und sensible Angelegenheit ist, dass es einer guten Bibelübersetzung nicht nur um eine wortwörtliche Übersetzung, sondern um den Sinn der Botschaft gehen muss, dass Ideen aus einem früheren Kulturkreis in unser heutiges Denken und Empfinden zu übertragen sind und dass dabei immer ein Stück Interpretation im Spiel ist, die notwendigerweise subjektiv angehaucht ist.

Darum lese ich gern in dieser Bibel

Die Übersetzung trägt die biblische Botschaft in unsere Zeit
Die Bibel in gerechter Sprache ist darum bemüht, diesen Übertragungsprozess zu leisten und den Menschen von heute den Glauben des jüdischen Volkes und der ersten Christen in unserer Sprache zu verkünden. Das scheint mir weitgehend gelungen zu sein.

Sie überwindet sexistisches Denken
Mir gefällt, dass der Text sich darum bemüht, sexistisches Denken zu überwinden und sich damit ausdrücklicher an alle wendet, an Männer und Frauen. Selbst wenn der Stil gelegentlich etwas holperig wirkt, wo von “Jüngerinnen und Jüngern”, “Schülerinnen und Schülern”, “Pharisäern und Pharisäerinnen” oder von “Prophetinnen und Propheten” die Rede ist.

Sie stellt geprägte Gottesvorstellungen in Frage
Noch wichtiger finde ich, dass das in unseren Köpfen vorherrschende Bild eines männlichen Gottes immer wieder in Frage gestellt wird durch Ausdrücke wie “die Ewige” oder “die Lebendige”.
Wenn “Gott” ferner durch “Adonaj” oder weitere Begriffe ersetzt wird, werde ich daran erinnert, dass Gott letztlich ein Geheimnis bleibt, das ich nicht in den Griff bekommen kann.

Die Übersetzung provoziert eine erhöhte Aufmerksamkeit
Ein weiterer Ausdruck, der es mir angetan hat, ist der Begriff “Geistkraft”. Es sind solcherart Verfremdungen und ungewohnte Formulierungen, die mir die Bibel neu erschließen. Ich stutze öfter und gleite nicht mehr so schnell über den Text hinweg, weil es nicht mehr so viele “bekannte” Sätze gibt. Der neue Text erzwingt eine erhöhte Aufmerksamkeit beim Lesen.

Er ist für mich persönlich so attraktiv, dass ich gerne in dieser Bibel lese.
Das tue ich Tag für Tag und halte mich dabei an den ökumenischen Bibelleseplan.

Guy Weirich
Jahrgang 1949
studierte Theologie, Germanistik und Geschichte
in Luxemburg und Innsbruck
ist seit 1982 Lehrer am Athenäum in Luxemburg

 

 

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