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Probleme mit der Bibel? Warum man im Unterricht biblische Ganzschriften lesen sollte

Prof. Dr. Peter MüllerOhne Frage: Die Bibel ist das Herzstück des christlichen Glaubens. Sie ist ein  ermunterndes, tröstendes, provozierendes
Buch, das uns zum Verstehen der Welt und des eigenen Lebens anleitet. Im Religionsunterricht dient sie jedoch oft als Steinbruch für Zitate. Das Ergebnis bei den Schülern ist "Beziehungsstress", was das Buch der Bücher betrifft, stellt Bibeldidaktiker Peter Müller fest.

Prof. Dr. Peter Müller ist Leiter des Instituts für Philosophie und Theologie der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Im Rahmen seines Forschungsprojekt entwickelte er einen eigenen Entwurf der
Bibeldidaktik, der sowohl der biblischen Tradition als auch
der gegenwärtigen Bibelrezeption gerecht zu werden versucht.
Dabei setzt er sich kritisch auseinander mit der Rolle, die die Bibel im Religionsunterricht üblicherweise spielt.

Bibel im Religionsunterricht

  • Probleme mit der Bibel …
  • Gründe für das Desinteresse von Schülerinnen und Schülern
  • Die Bibel als grundlegend wichtiger Gegenstand des Religionsunterrichts


I. Probleme mit der Bibel …

Bibelwissen Fehlanzeige
Die Probleme, die sich bei der Formulierung einer zeitgemäßen
Bibeldidaktik stellen, sind im Prinzip bekannt. Holger Oertel hat in
seinem Buch "Gesucht wird Gott?" (1) darauf hingewiesen, dass selbst Abiturienten im Blick auf vorhandenes Bibelwissen höchst unsicher sind:

"Wer nach der Überlieferung des Neuen Testaments Judas und Paulus
waren, welche Namen mit den vier Evangelien verbunden sind …, welche
Bücher außerdem in der Bibel zu finden sind …, hierauf darf man von
jungen Erwachsenen mit gymnasialer Schulbildung … keine sichere Antwort
erwarten."
Dass dies am Ende der Sekundarstufe I anders wäre, kann man
mit Recht bezweifeln.

Bekannt ist nur die Weihnachtsgeschichte
Eine Allensbacher Untersuchung aus dem Jahr 2005
bestätigt diesen Befund. Geschichten aus der Bibel sind ihr zufolge
mehrheitlich unbekannt. Allenfalls die Weihnachtsgeschichte ist auf
Grund der jährlichen Wiederholung 85% der 16-29-Jährigen geläufig.
David und Goliath kennen 74% der Bundesbürger und 63% der Jüngeren.
Generell lesen dieser Umfrage zufolge 62% der Erwachsenen nie in der
Bibel, 9% hin und wieder und 4% häufig. Bei der jungen Generation
liegen die Zahlen darunter.(2) 

Die Einstellung von Schülerinnen und Schülern
Wenn Kinder und Jugendliche in der Schule mit der Bibel in Berührung
kommen, ergibt sich bekanntlich ein altersmäßig differenziertes Bild.

Offenbar verbinden Grundschulkinder vielfach gute Empfindungen und
Erfahrungen mit biblischen Geschichten.(3) Diese positive Einschätzung
biblischer Geschichten ist durch verschiedene Untersuchungen gut
belegt.(4)

Im Laufe des Heranwachsens wandelt sich aber die positive
Bewertung der Bibel. Eine zurückhaltende bis ablehnende Einstellung
beginnt teilweise schon in der Grundschule, steigert sich aber
signifikant in der Sekundarstufe I. Auch hierzu gibt es hinreichende
empirische Daten.(5)

Abneigung und Ablehnung in der Sekundarstufe
Während also in der Grundschule Zuneigung und
Zustimmung zu biblischen Erzählungen häufig zusammen gehören, gehen in
der Sekundarstufe I Abneigung und Ablehnung immer stärker konform.
"Sie
können uns mit allem kommen, bloß nicht mit der Bibel"(6) – so reagieren
Schüler/innen, die Agnes Wuckelt befragte. Sie konstatiert, dass 35,8%
aller Schülerinnen und Schüler Bibelarbeit als etwas Langweiliges
empfinden und 43% sie überhaupt ganz ablehnen. Erzählungen von Gott
oder Jesus, die Grundschüler als spannend und anregend empfanden,
werden nun überwiegend als langweilig oder unwahr eingeschätzt.

Bibel liest man "wenn man mal richtig verzweifelt ist"
Während die Hälfte aller Fünftklässler (7) noch eine große Bedeutung der
Bibel bejaht, nimmt dies im Laufe der Zeit bis auf 15% ab, die Mehrheit
der Schülerinnen und Schüler aber legt sich nicht fest.
Im persönlichen
Leben hat sie für die meisten keine Bedeutung, hilfreich erscheint sie
dagegen in schwierigen Lebenssituationen.

Die Frage, ob die Bibel
Menschen bei der Lösung von Problemen helfen kann, will die Hälfte der
Befragten nicht entscheiden, ein Drittel der Befragten bejaht sie.
Eindeutig aber wird die Bibel als ein Buch für alte, kranke und
unglückliche Menschen angesehen, weniger für junge, fröhliche Leute.
Besondere Situationen, in denen Menschen in der Bibel lesen, können
sich die meisten Schüler/innen nicht vorstellen, allenfalls "wenn man
mal richtig verzweifelt ist."(8)

II. Gründe für das Desinteresse von Schülerinnen und Schülern

Biographische Umbruchsituation
Gründe für dieses Desinteresse von Schülerinnen und Schülern der Sek I
an der Bibel gibt es einige. Sie liegen zu einem durchaus nicht
geringen Teil in der biographischen Umbruchsituation, die junge
Menschen in dieser Zeit durchmachen. Es ist ja keineswegs so, dass die
Schülerinnen und Schüler alle übrigen Unterrichtsgegenstände (also z.B.
mathematische Formeln oder Geschichtsdaten) mit Begeisterung aufnähmen
und nur bei der Bibel zögerlich seien.
In einer Lebensspanne, in der
die Hauptaufgabe darin besteht, sich selbst neu zu finden, treten
notwendigerweise viele andere Dinge in den Hintergrund.

Keine Konzepte, keine ganzheitliche Vermittlung – und Beziehungsstress
Aber das begründet das Unbehagen an der Bibel nur teilweise. Darüber
hinaus gibt es andere Gründe, die mit der Art und Weise zu haben, in
der die Bibel im Unterricht vorkommt. Frieder Spaeth nennt nach seiner
Durchsicht des baden-württembergischen Bildungsplan und verschiedener
Unterrichtswerke folgende Gründe(9):

  • Die Schüler selbst fragen nicht, warum wann welche Bibeltexte gelesen
    werden. "Denn die Bibel gehört nun mal irgendwie zum Fach Religion."
    Ihnen ein nachvollziehbares Konzept nahezubringen scheitere aber nicht
    erst an ihrem Desinteresse, sondern schon längst davor daran, dass es
    kein Konzept gebe.
    Angesichts der großen Zahl von Bibeltexten, die
    faktisch in den Lehr- und Bildungsplänen vorkommen, ist dies eine
    erstaunliche Aussage, die ich gleichwohl für zutreffend halte. Zwar
    wird generell vorausgesetzt, dass die Bibel wichtig ist und etwas zu
    sagen hat. Aber ein nachvollziehbares Konzept, welche Texte wann warum
    herangezogen werden, ist nicht wirklich erkennbar.
  • Während in der Grundschule mit Erzählkomplexen nicht nur größere
    Zusammenhänge erkennbar werden, sondern mit den Erzählungen auch
    Sprachformen gewählt werden, die dem Denken und Verstehen von
    Grundschulkindern entgegen kommen, spielen Erzählungen und größere
    Komplexe in Sek I und II kaum noch eine Rolle.
  • Die Bibeltexte werden häufig anderen Aspekte untergeordnet, unter
    denen sie behandelt werden. Um ihrer selbst willen kommen sie eher
    selten vor.
  • Bibeltexte werden häufig nach dem "Steinbruch-Prinzip" verwendet. "Ab
    der 5. Klasse werden … die Bibelsequenzen immer kürzer. Die Einbettung
    in den Kontext wird – wenn überhaupt – auf eine situative Fragestellung
    reduziert. Kontext im eigentlichen Sinn spielt keine Rolle. Nur ganz
    wenige ‘komplette’ Texte tauchen im Unterricht auf. … Den Schülerinnen
    und Schülern muss die Bibel zunehmend als Wundertüte erscheinen, aus
    der zu jeder Frage und Situation der passende Text gezogen werden
    kann."
  • Wiederholungsschleifen werden selten reflektiert. Trotz der Vielfalt
    an Texten gibt es einen Kernbestand immer wieder vorkommender Texte,
    wobei jedoch der Sinn der Wiederholungen nur selten deutlich gemacht
    wird.
  • Schließlich steht der Umgang mit der Bibel nach Spaeth unter einem "Beziehungsstress": "Die vielen kurzen Texte, die häufigen Hinweise,
    die immer wiederkehrende Forderung, Stellung zu beziehen, die knappe
    Anweisung ‘Lies dort und dort …’, das multimediale Traktieren von
    Texten, die hypertrophe Sinnmaschinerie: All das setzt den Umgang mit
    der Bibel einem erheblichen Beziehungsstress aus."

Bibelzitate verwertet für Sachzusammenhänge
Hartmut Rupp führt darüber hinaus noch folgende Gründe an oder variiert(10):
– Bibelwissen wird nicht aufbauend, sondern punktuell vermittelt.
– Biblisches Wissen wird nicht wiederholt und nicht gegliedert.
– Weder einzelne Schuljahre noch die Schularten nehmen aufeinander Bezug.
– Der Akzent religionspädagogischer Bemühungen liegt auf der
Lebensbegleitung und ist an der Verfügbarkeit biblischen Wissens nicht
unmittelbar interessiert.

Es liegt auf der Hand, dass der letzte der hier genannten Gründe
elementaren Charakter hat.
Wenn tatsächlich die Verfügbarkeit
biblischen Wissens nicht unmittelbar interessierte, sondern eben nur
mittelbar, also im Blick auf die Verwertbarkeit in bestimmten
Sachzusammenhängen, zu deren Klärung dann das ein oder andere Bibelwort
herangezogen werden kann, dann käme es in der Tat nicht wirklich darauf
an, konsistente und aufbauende Kenntnisse biblischer Schriften zu
erwerben.

Die Schülerfrage "Wozu soll ich in der Bibel lesen? Was
bringt mir das?" könnte man dann mit dem Hinweis auf ein paar
Bibelzitate beantworten, die im Sinne von Weisheitsworten neben anderen
Worten (Sprichworte, Klassikerzitate etc.) das eine oder andere
Widerfahrnis im Leben erhellen könnten.

III. Die Bibel als grundlegend wichtiger Gegenstand des Religionsunterrichts

Ich bin umgekehrt aber der Auffassung, dass die Bibel im christlichen
Religionsunterricht nicht nur ein da und dort punktuell wichtiger,
sondern ein grundlegend wichtiger Gegenstand ist.

Die Bibel als "Vielstimmenbuch"
Sie ist nicht
lediglich das Grunddokument der christlichen Tradition, ohne das diese
Tradition gar nicht verständlich wäre.
Sie ist mit den in sie
eingegangenen Erfahrungen mit dem Leben und dem Glauben in einem viel
umfassenderen und konkreten Sinn lebensdienlich. Sie ist ein
außergewöhnliches Buch, ein ermunterndes, tröstendes, provozierendes
Buch, das uns zum Verstehen der Welt und des eigenen Lebens anleitet.
Gerade wer den religionspädagogischen Akzent auf Lebensbegleitung legt,
kommt an der Bibel, dem Vielstimmenbuch (Kurt Marti) voller
Erfahrungen, nicht vorbei.

Ganzschriften im Unterricht behandeln
Wer die Bibel nur in Zitaten vermittelt, der wird nicht Zusammenhänge sichtbar machen, den großen Bogen verdeutlichen oder die Bibel als Buch erschließen. Dazu sind größere Texteinheiten notwendig, bis hin zu Ganzschriften. Sie zu erschließen macht Mühe. Es bietet aber die Chance, Verknüpfungen zu erkennen, einen Spannungsbogen nachzuempfinden und sich mit einem biblischen Buch auf Entdeckungsreise zu machen. Ich denke, dass man damit der Bibel als Buch gerechter wird als durch portioniertes Lesen.

Ich plädiere deshalb dafür,

  • "Schlüsseltexte"
    auszuwählen, die in der Lage sind, die für die meisten Schülerinnen und Schüler
    unbekannte Bibel zunächst einmal "aufzuschließen"
  • Querverbindungen
    und Zusammenhänge in der Bibel zu suchen und verständlich zu
    machen
  • und – wo es geht – auch umfangreichere Abschnitte bis hin zu Ganzschriften  zu
    lesen.

Peter Müller

Weiterlesen

  • Peter Müller: Vom Lob der Zitate zum Plädoyer für die Ganzschrift.
    Didaktische Überlegungen zur Bibellektüre im RU – mehr
  • rpi-Wiki: Bibel im Unterricht
    Didaktik und Methodik – mehr
  • Ab September 2009
    Peter Müller. Schlüssel zur Bibel: Eine Einführung in die Bibeldidaktik
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  • Juni 2009: Wenn die Bibel online geht.
    Alte Botschaft – neue Medien


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Anmerkungen
 
(1) Jugend, Identität und Religion in der Spätmoderne, Gütersloh 2004, 339.
(2) Institut für Demoskopie Allensbach, Geschichten aus der Bibel (Allensbacher Berichte 20/2005, www.ifd-allensbach.de/pdf/prd_0520.pdf [10.8.2008]). Eine gewisse Skepsis ist gegenüber solchen Umfragen allerdings geboten. Zum einen wären bei fast allen anderen Gegenstandsbereichen (z.B. bei mathematischen Formeln) ähnliche Ergebnisse zu erwarten; zum Anderen ist zu berücksichtigen, dass Wissen in bestimmten Zusammenhängen erworben und behalten wird und außerhalb dieser Zusammenhänge oft nicht in gleicher Weise zur Verfügung steht.
(3)  Bucher, Kinder, S.139, vgl. auch die Tabelle auf S.139.
(4) Vgl. z.B. Kliemann, Peter / Rupp, Hartmut, 1000 Stunden Religion. Wie junge
Erwachsene den Religionsunterricht erleben, Stuttgart 2000, S. 90.
(5) Vgl. ebd.
(6) Wuckelt, Agnes, "Lot und die Salzstange". Lebenswelten Jugendlicher und die
Biebl, in: Frankemölle, Hubert (Hrsg.), Die Bibel. Das bekannte Buch – das
fremde Buch, Paderborn u.a., S. 173-183, hier S. 173.
(7) Nach einer Untersuchung von Berg, Horst Klaus, Grundriss der Bibeldidaktik.
Konzepte – Modelle – Methoden (Handbuch des biblischen Unterrichts 2),
München/Stuttgart 1993.
(8) Berg, Grundriss, S.15.
(9) Spaeth, Frieder, Leitlinien bei der Auswahl biblischer Texte. Versuch einer
Rekonstruktion am Beispiel der Grundschule und Sekundarstufe I Gymnasium in
Baden-Württemberg, in: Büttner, Gerhard / Elsenbast, Volker / Roose, Hanna
(Hrsg.), Zwischen Kanon und Lehrplan (Schriften aus dem Comenius-Institut 20),
Münster 2009, S. 101-116, hier S. 114f.
(10) Rupp, Hartmut, Kontinuität und Vielfalt. Wie kann man sich die Fülle biblischer
Texte merken? In: Büttner / Elsenbast / Roose, Zwischen  Kanon und Lehrplan, S.
143-151, hier S. 143.