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OUL: Individuelle und kooperative Lernprozesse ermöglichen

Junge Lehrkräfte, die nach der ersten Ausbildungsphase zum ersten Mal vor der Klasse stehen, trifft oft der Praxisschock: Es gilt, den Rollenwechsel zu bewältigen und den Grundstock für eine kompetenten Lehrerpersönlichkeit zu legen. Hans Burkhardt, zuständig für die zweite Phase der Lehrerausbildung im Fach Religion, stellt sein Konzept vor, das sie dabei unterstützen soll.

 Hans Burkhardt

Hans Burkhardt ist Referent am Religionspädagogischen Zentrum der
Bayerischen Landeskirche in Heilsbronn. Er ist dort zuständig für die Ausbildung der Referendarinnen und Referendare in
Grund- und Hauptschulen in Unterfranken im Fach Evang. Religion.
Darüber hinaus ist er eingebunden in die Fortbildungsarbeit des
RPZ und Ansprechpartner für OUL.

OUL: Individuelle und kooperative Lernprozesse ermöglichen

  • Die zweite Ausbildungsphase
    – Zum ersten Mal vor der Klasse …
    – Rollenwechsel: Hilfe ich muss unterrichten
    – Herausforderung: Kompetente Lehrerpersönlichkeit entwickeln
  • Ausbildungsfach Religion: Ein neues Konzept
    – Vier zweitägige Seminartreffen in zwei Jahren
    – Die Idee: Zwischenzeiten überbrücken durch ein Online-Angebot
    – Das neue Online-Angebot
Die zweite Ausbildungsphase: Hilfe – ich muss unterrichten!
 
LehrerinZum ersten Mal vor der Klasse …
Der Rollenwechsel zu Beginn des Referendariats ist eine echte Herausforderung: 13 oder mehr Schuljahre hat man hinter sich, ein Studium, in dem meistens doch eher rezipiert statt probiert wurde – und steht jetzt auf einmal vor knapp 30 Drittklässlern! Nun zeigt sich, ob man so viel gelernt hat, dass man mit dieser neuen und ungewohnten Situation umgehen kann!

Die Lehramtsanwärterinnen und Anwärter, für die ich zuständig bin, sind im Bezirk Unterfranken eingesetzt. Das sind die Städte Aschaffenburg, Schweinfurt und Würzburg und neun Landkreise zu beiden Seiten des Mains. Die Situation an den Einsatzschulen ist recht unterschiedlich.

Die Lehrenden können an Grund- und Hauptschulen eingesetzt sein, von der ersten bis zur 10. Klasse. Es gibt typische Landschulen mit fast 100% evangelischen Kindern. Und Stadtschulen, wo in den Regelklassen nur 10-15% der SchülerInnen deutschstämmig sind und auch völlig kirchenfern aufgewachsene Kinder am RU teilnehmen. Manche Lehrkräfte begegnen der Diasporasituation und müssen sich in jahrgangsübergreifenden Klassen bewähren, weil es nur eine Handvoll Evangelische in jeder Jahrgangsstufe gibt.


LehrerinRollenwechsel: Hilfe, ich muss unterrichten!
Die zweite Ausbildungsphase begleitet die jungen Lehrkräfte in dieser für sie völlig neuen Situation. Wissen und Techniken werden vermittelt, der Rollenwechsel wird unterstützt. Nun geht es um die Entwicklung einer kompetenten Lehrerpersönlichkeit.

  • Wie stelle ich mich vor die Klasse? Wie schaffe ich einen Rahmen, in dem Unterrichten möglich ist? Wie gelingt es mir, die Schülerinnen und Schüler einzubeziehen und ihnen die Inhalte, die mir wichtig sind, gut zu vermitteln? Wie beziehe ich alle Jungen und Mädchen mit ein?
  • Wie verhalte ich mich in der ebenfalls neuen Rolle als Kollegin oder Kollege im Lehrerzimmer?
  • Wie unterrichte ich das Fach Religion? Die LehramtsanwärterInnen bringen selbst eine sehr unterschiedliche religiöse Sozialisation mit. Manche haben das Fach Religion gewählt, weil sie jahrelang bereits in der kirchlichen Jugendarbeit tätig waren. Andere sind selbst eher kirchenfern aufgewachsen und haben sich aus Interesse für Religion entschieden. Nun sollen sie die Fragen der Schülerinnen und Schüler beantworten. Und merken, dass sie hier ganz anders gefordert sind als in Deutsch oder Rechnen: Hier geht es darum, persönlich Rede und Antwort zu stehen und Stellung zu nehmen zu Themen, bei denen man sich selbst noch nicht wirklich Rechenschaft abgelegt hat.

Kein Wunder, wenn diese neuen Herausforderungen erst einmal als Überforderungen wahrgenommen werden. Was nun von den jungen Lehrerinnen und Lehrern gefordert würde, sei so ganz anders, hört man immer wieder, als das, was ihnen in Schule und Studium beigebracht wurde.


LehrerinHerausforderung: Kompetente Lehrerpersönlichkeit entwickeln
Die jungen Lehrkräfte stehen in dieser Phase ihres Berufslebens vor großen Herausforderungen.

  • Für sie gilt es nun, das, was sie theoretisch gelernt haben, auf ihre ganz besondere Schulsituation zu übertragen.
  • Es gilt, für ihre individuellen Problemstellungen Lösungen zu finden. Dabei kann es sich um Disziplinfragen handeln oder um theologische Fragen.
  • Problemlösendes Denken ist gefragt: Analysieren, sich Informationen dazu holen, Bezüge herstellen und kreativ nach Lösungsmöglichkeiten suchen. Strukturen und Routinen wollen entwickelt, angepasst und optimiert werden.
  • Dabei gilt es, sich immer wieder neu zu motivieren, am Ball zu bleiben und mit Zeitdruck umzugehen.

Bewältigen lassen sich diese Herausforderungen nur individuell. Sehr hilfreich dabei ist ein konstruktiver, offener kollegialer Austausch, in dem sich die Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger anerkannt, unterstützt und gestärkt fühlen können. Gleichzeitig agieren viele Lehrkräfte an den Schulen als Einzelkämpfer. Nicht jedes Kollegium begegnet den Fragen von Referendaren gleich hilfreich.

Ein Glück nur, dass es allen ähnlich ergeht und die Referendarinnen und Referendare sich zumindest zweimal in der Woche im Seminar sehen, um gemeinsam diese großen Hürden zu meistern.


Ausbildungsfach Religion: Ein neues Konzept
 
LehrerinVier zweitägige Seminartreffen in zwei Jahren
Die Ausbildung im Fach Evangelische Religion hat gegenüber dem Regelseminar Vor- und Nachteile. Die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter mit dem Fach Evangelische Religion treffen sich nicht mehrmals in der Woche. Sie werden viermal in den zwei Jahren für knapp zwei Tage zum Sonderseminar einberufen.

Der Vorteil: Neben inhaltlichen Schwerpunkten ist auch genügend Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich gegenseitig zu stützen. Die Erkenntnis "Den anderen geht es ähnlich wie mir" hat auch immer ein tröstliches Element.

 
Nachteil dieser Seminararbeit: Die Abstände zwischen den Seminartagen sind groß, ebenso die räumliche Entfernungen der Schulen, an denen die Teilnehmenden eingesetzt sind. Die Schulen liegen zu weit auseinander, als dass sich die jungen Lehrkräfte regelmäßig zu Arbeitsgruppen treffen könnten.

LehrerinDie Idee: Zwischenzeiten überbrücken durch ein Online-Angebot
Aus diesen Erlebnissen und Erfahrungen heraus entwickelte sich die Idee eines online gestützten Lernangebotes, das die Zeiten zwischen den vier Seminartreffen überbrücken sollte. Es sollte den Religionslehrkräften die Möglichkeit zu regelmäßigem Austausch bieten und individuelle und kooperative Lernprozesse ermöglichen.

Folgende Eck- und Rahmenpunkte waren mir in der Entwicklung wichtig:

  • Das Online-Angebot muss auf freiwilliger Basis sein. Es soll Neugier wecken und Lust machen auf die neue Lernform OUL. Dies ist schwer vorstellbar, wenn dieses Angebot zur Pflicht erklärt wird.
    Die Online-Phasen sind also als Support-System und Übungsfeld zu verstehen. Sie sollen zum einen keine zusätzliche Mehrbelastung bilden in den ohnehin schon hoffnungslos überladenen zwei Referendariatsjahren. Zum anderen darf niemand im zweiten Examen im Nachteil sein, der die Online-Phasen nicht mitgemacht hat.
    Das prüfungsrelevante Wissen und Handwerkszeug behält seinen Platz in den Präsenzseminaren.
  • Online- und Präsenzphasen müssen gut aufeinander bezogen sein. Das Seminarangebot schließt jeweils an die Präsenzseminare an und dient der Vertiefung und Anwendung des theoretischen Inputs.
  • Das Seminar soll es der einzelnen Teilnehmerin, dem einzelnen Teilnehmer ermöglichen – abgestimmt auf die persönliche Schulsituation – individuelle Schwerpunkte zu setzen.
  • Gleichzeitig möchte ich Austausch und Zusammenarbeit initiieren und intensivieren. Das soll persönlich entlasten, wenn z.B. Unterrichtsentwürfe ausgetauscht oder Sequenzen gemeinsam geplant werden. Gleichzeitig möchte ich damit ermöglichen von einander und miteinander zu lernen.
  • Die kontinuierlich bestehenden Kontaktmöglichkeiten unter den Seminarmitgliedern soll die Möglichkeit bieten, dass man auch einmal informell etwas loswerden kann, Fragen weitergeben oder sich gegenseitig Unterstützung zukommen lassen kann.
LehrerinDas neue Online-Angebot
Insgesamt habe ich vier Online-Phasen geplant, die jeweils auf die Präsenzeinheit mit dem theoretischen Input folgen. In den Online-Phasen steht die Anwendung und die Übertragung auf die eigenen Religionsgruppen im Vordergrund. Themen sind das Erzählen, die Vorbereitung einer Unterrichtseinheit und die arbeitsteilige Entwicklung eines Lernzirkels.

Begleitend können sich die Teilnehmenden mit Forum und Instant Messaging austauschen. In der Lernpartnerschaft erweitern sie ihre Perspektive und gewinnen Einblick in andere Schulsituationen und wie Kolleginnen und Kollegen damit umgehen. Sie lernen die Unterstützungsmöglichkeiten kennen, die unsere Einrichtung und rpi-virtuell für die Vorbereitung und Fortbildung bieten.

Auf ganz individuellen Lernwegen und durch Kooperation und Austausch erweitern sie so in hohem Maße ihre fachlichen und persönlichen Kompetenzen. Sie vernetzen sich und gewinnen Zeit und Knowhow durch arbeitsteilige Kooperationsformen.

Die letzte Einheit "Fit für die mündliche Prüfung" trägt dazu bei, dass sie Sicherheit gewinnen und mit einer möglichst guten Note ihre Referendarzeit beenden.

 
Blick nach vorne

Das Ausbildungsseminar, das ich hier beschrieben habe, startet im Herbst 2009. Spannend ist für mich, inwieweit diese neu konzipierte Ausbildungsform den tatsächlichen Bedürfnissen der Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter besser entspricht als die bisher alleinigen Präsenz-Seminartage. Insgesamt ist der Zeitraum von zwei Jahren sehr lang und braucht im Blick auf die eigene Lernverantwortung einen langen Atem – sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Leitung.

Mir ist deshalb persönlich die ausführliche Evaluation zum Abschluss sehr wichtig: Was hat den Teilnehmenden gefallen, was hat ihnen nicht gefallen? Was haben sie gelernt, welche neuen Kompetenzen erworben? Wie hätten sie noch besser unterstützt werden können? Die Erkenntnisse werde ich dann für die nächste Referendargruppe nutzen.

Ich freue mich darauf, das Konzept mit einer Kollegin, die mich in der Seminarleitung unterstützt, zu erproben, und bin schon sehr gespannt, welche Erfahrungen wir machen!

 
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