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Soziale Netzwerke – Chancen und Risiken fĂĽr Jugendliche

Heutige Jugendliche nutzen das Internet zum Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement. Bei allen Vor- und Nachteilen bleibt entscheidend, welchen Gebrauch Heranwachsende im Einzelnen von den Möglichkeiten
machen. Und dabei könnten sie Unterstützung von erfahrenen Älteren gebrauchen. So Prof. Nicola Döring bei der rpi-Fachtagung in Bad Berka.

Zu Chancen und Risiken für Jugendliche in Online-Netzwerken referierte
die medienpsychologische Expertin und Verfasserin des Standardwerks
"Sozialpsychologie im Internet", Prof. Dr. Nicola Döring vom Institut
für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität
Ilmenau bei der rpi-Fachtagung am 10.10.09 in Bad Berka.

Michael Beisel

Michael Beisel
Studienleiter für Medienpädagogik und
-didaktik am Religionspädagogischen Institut der evang. Landeskirche
in Baden (mehr) hat ein Kurzinterview mit Nicola Döring geführt und berichtet hier über den Vortrag.

Prof. Nicola Döring:
"Wer hat, dem wird gegeben…."
SchuelerVZ, My Space & Co auf der rpi-Fachtagung

  • Das Internet als "Strukturverstärker":
    Wer hat, dem wird gegeben
  • Soziale Netzwerke: Enorme Zuwachsraten
  • Grenzüberschreitungen und Risiken
  • Altersempfehlungen und Erziehungsaufgaben 

Das Internet als "Strukturverstärker":
Wer hat, dem wird gegeben

Untersuchungen wie die aktuelle ARD/ZDF Onlinestudie (s.u.) zeigen, dass heutige Jungen und Mädchen praktisch gleichen Zugang zu den Kommunikationsmedien haben. Bildung und sozialer Hintergrund spielen jedoch eine bedeutende Rolle.

Döring spricht vom Internet als einem "Strukturverstärker": Wer gute Bildung und hohe Sozialkompetenz mitbringt, kann deutlich von den Vorteilen des Internet profitieren. Er ist in der Lage, die Ressourcen für das berufliche Fortkommen und für persönliche Weiterentwicklung und Wohlbefinden zu nutzen.
Personen ohne diese Startbedingungen neigen eher zu unterhaltungsbezogenen Gebrauch. Damit verstärken sich soziale Ungleichheiten. Dieses Phänomen nennt die Forschung, so Döring, den "Matthäus-Effekt" ("Wer hat, dem wird gegeben" im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden Mt 25,29).

Döring bezeichnet es als Bildungsaufgabe und medienpädagogische Aufgabe, diesen "digitalen Ungleichheiten" entgegen zu arbeiten.

Soziale Netzwerke: Enorme Zuwachsraten

Jugendliche als Mitglieder sozialer Netzwerke
Soziale Treffpunkte wie SchuelerVZ, Facebook und My Space verzeichneten in den letzten Jahren enorme Zuwachsraten. 81 Prozent der 14-19-Jährigen sind Mitglied in einem solchen Netzwerk, viele sogar in mehreren. SchuelerVZ gehört zu den deutschen Seiten mit den meisten Seitenaufrufen. Das zeigt das geballte Interesse der jugendlichen Nutzerinnen und Nutzer.
Für die medienpsychologische Forschung lohnt sich damit ein genauerer Blick auf jugendliche Nutzungsmuster des Internet.

Das eigene Profil gestalten und Beziehungen pflegen
Gerade beim Beginn der Pubertät ist für Jugendliche die Gestaltung der eigenen Identität als persönliches Profil in sozialen Netzwerken interessant. Dazu gehört die Darstellung der eigenen Person und das Interesse, wie Freunde einen selbst sehen. Dabei lässt sich die Öffentlichkeit graduell wählen, und man gewinnt einen Eindruck von der Darstellung anderer Personen.

Von der ganzen Bandbreite sozialer Kontaktpflege und dem Anknüpfen
neuer Beziehungen bietet die Social Community Jugendlichen vor allem
die Möglichkeit, aktuelle lockere Beziehungen zu pflegen und neue
anzuknüpfen. Und zwar weniger in der großen weiten Welt des WWW,
sondern im nahen realen Lebensumfeld.
Das Schreiben
von Nachrichten, das Verschicken von Fotos und Videos und anderer virtueller
"Geschenke" wird zur Beziehungspflege. Das Internet hat dabei seinen
festen Platz im Medien-Ensemble von Jugendlichen, neben Handy und MP3-Player.

Renaissance des Schreibens
So fördern die sozialen Netzwerke auch dialogisches
Schreiben und eine aktiv-produktive Mediennutzung. Döring
will hier pädagogischen Vorurteilen entgegen wirken: Wer die Qualität der
digitalen Texte und Bilder von Jugendlichen bemängelt, übersieht, dass diese gar nicht mit dem Anspruch auf massenmediale
Öffentlichkeit produziert würden.

Die Klage über den
"Sprachverfall" wird auch durch Sprachwissenschaftler widerlegt. Sie stellen geradezu eine
Renaissance des Schreibens fest: Selten ist veralltäglichte
schriftliche Kommunikation so in weit in allen Bevölkerungsschichten
verbreitet gewesen wie derzeit durch die Internetnutzung.

Lehrerinnen und Lehrern stellt sich deshalb die Aufgabe, auch neue
schriftliche
Kommunikationsformen, zum Beispiel Textgattungen wie den Forenbeitrag, in den
Blickpunkt pädagogischer Arbeit zu nehmen. Schülerinnen und Schüler
sollten lernen, Informationen kritisch zu prüfen und
Persönlichkeitsrechte zu achten.

Grenzüberschreitungen und Risiken

Daneben gibt es weitere Risiken in der neuen Welt der grenzenlosen Kommunikation – die eben doch Grenzen hat. Der sozialen Netzwerk-Plattform bringen Jugendliche einen zu großen
Vertrauensvorschuss entgegen. Die emotionale Überbewertung von
Kontakten, indem sie vermeintlich "Seelenverwandte" im Netz entdecken,
teilen sie dabei mit vielen Erwachsenen. 

Es kann geschehen, dass Jugendliche die Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte anderer verletzen ("aus Versehen an alle geschickt"). Sie können unter einem negativen Online-Image leiden ("E-Reputation").
Das Internet vergisst nichts, heißt es, und vermeintlich lustige Partyfotos können später leicht zum Problem werden. Diese Einschätzung dürfte sich, so Döring, allerdings in Zukunft relativieren, einfach dadurch, dass massenhaft persönliche Profile erstellt werden. Viele Arbeitgeber würden es eher schätzen, wenn Bewerber im Netz "sozial präsent" sind.

Wettbewerb um Beliebtheit
Gefährdet sind Jugendliche auch durch ihresgleichen: Mobbing,
Cyberbullying und Stalking via Netz. Im Wettbewerb um Beliebtheit
setzen sie sich selbst unter Druck, denn die Freundesanzahl wird hier
ja erstmals öffentlich dokumentiert. Emotionen wie Eifersucht oder
Kontrollwünsche verstärken sich. Auch Beziehungskonflikte werden
hemmungsloser ausgetragen. Beziehungsabbrüche drohen sehr viel
ungebremster und soziale Ausgrenzung kann sich effektiver auswirken.

Die
große Herausforderung an soziale Kompetenz besteht in der Sichtbarkeit
der digitalen Interaktion für alle: Wie kann man als Jugendliche(r) es
verkraften, wenn ein "Freundschafts"-link für alle anderen sichtbar
gelöscht wird ?

Gesprächspartner und Unterstützung finden
Großen Bedenken zum Beispiel gegenüber Suizid-Foren hält Döring
aktuelle Forschungen entgegen: Demnach wirken diese erschreckend
wirkenden sozialen Treffpunkte für Betroffene doch eher als
niederschwellige Hilfe, um über ihre Bedrückungen sprechen zu können.

Die großen Chancen sieht Döring in der Erleichterung der Beziehungspflege, im
Abbau von Kontakthemmnissen, in der Möglichkeit virtueller Präsenz und
der Vernetzungsmöglichkeit ethnischer Minderheiten (Beispiele z.B.
Plattformen von Jugendlichen türkischer Herkunft).

Altersempfehlungen und Erziehungsaufgaben 

Frau Döring, ab welchem Alter sind Jugendliche entwicklungspsychologisch überhaupt in der Lage, zu unterscheiden, was
in einem sozialen Netzwerk wie SchuelerVZ öffentlich zugänglich sein darf und was privat bleiben sollte?
"Ich empfehle ein Einstiegsalter nicht unter zehn Jahren! Allerdings sind Kinder in diesem Alter auch noch gar nicht so aktiv an sozialen Plattformen interessiert. Sie nutzen eher Internetportale ihrer Lieblings-Fernsehsender. Mit der Pubertät entsteht auch erst das Interesse an Interaktions- und Darstellungsformen wie in SchuelerVZ."

Jugendliche haben den Erwachsenen viel an Internetkompetenz und medialen Fähigkeiten voraus. Was empfehlen Sie Lehrerinnen und Lehrern in dieser Lage, welche Rolle sehen Sie für Erziehende überhaupt noch ?
"Vor allem eine als Begleiter. Sie sollten sich zunächst dafür interessieren: Was machen Jugendliche denn da im Netz? Und Sie solten sich von ihnen ihre Internetaktivitäten zeigen zu lassen.

Erwachsene haben einen Vorsprung: ihre generelle soziale Kompetenz. Sie können Jugendliche fragen: Wie möchtest du eigentlich deine Beziehungen gestalten und pflegen? Wie geht man mit Klatsch und üblem Tratsch am besten um?
Erwachsene wissen mehr über menschliche Themen wie Liebe, Konkurrenz und Anerkennungsbedürfnis.

Sie müssen allerdings beachten, dass sich Ablöse- und Abgrenzungsprozesse ab der Pubertät gerade auch in der Internetaktivität von Jugendlichen ausdrücken. Und das heißt klugerweise, ihnen ihren Raum auch zu lassen. Seien Sie wieder zur Auskunft bereit, wenn Sie emotional gebraucht werden. Oder wenn es darum geht, Anerkennung  zu zeigen. Das wirkt sich förderlicher aus als Misstrauen und das Bedürfnis zu kontrollieren."

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    Digitale Kluft und Matthäus-Effekt als Ausdruck von Bildungsungleichheit – mehr
  • Präsentation von Nicola Döring bei der rpi-Fachtagung – PDF-Datei: mehr
    www.nicola-doering.de – Nicola Döring im Internet
    www.medienbewusst.de – Informationsportal für Medienpädagogik von Studierenden der Universität Ilmenau


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