Grundschule: SchülerInnen gleichberechtigt an der Notengebung beteiligen


Als Lehramtsanwärterin startete Bettina Ramor den Versuch, ihre ViertklässlerInnen an der Notengebung im Religionsunterricht zu beteiligen. Heute, zehn Jahre später, ist sie Grundschullehrerin und sagt: "Eine würde- und respektvolle Zusammenarbeit bei der Leistungsbeurteilung bereichert die SchülerInnen und mich."

 

 

 

 

Kompetenzen im Religionsunterricht:
Kultur des respektvollen Umgangs mit Leistung

  • Als Lehramtsanwärterin: Religionsnoten – (k)ein Problem?
    Drei Schritte zu einer alternativen Leistungsbewertung
  • Zehn Jahre später als Lehrerin: Religionsnoten – kein Problem!
  • Stufe I: Eigenschaftsbericht in Klasse 1 und 2
  • Stufe II: Begleitbögen in Klasse 3 und 4
  • Was Eltern und Kollegium dazu sagen
  • Mein Fazit: Zusammenarbeit bei der Benotung als Bereicherung
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Kompetenzen im Religionsunterricht:
Kultur des respektvollen Umgangs mit Leistung

Für uns Christen steht die bedingungslose Annahme des Menschen vor Gott vor aller Leistung. Gleichzeitig ist es unumgänglich auch im Fach Religion eine Rückmeldung zu Lernfortschritten und Lernleistungen an die Schüler zu weiterzugeben. Für mich stellt sich die Frage, wie dies kompetent zu bewältigen ist.

Ich hatte und habe den Anspruch, die Schülerinnen und Schüler in all ihren Facetten wahrzunehmen und ihnen möglichst transparent Rückmeldungen über das Leistungsverhalten zu geben. Die Rückmeldungen sollen zurückschauende und bewertende Elemente und Anregungen für das zukünftige Lernen enthalten. Es muss also eine Kultur des reflexiven, transparenten und respektvollen Umgangs mit Leistungsbewetung initiiert und eingeübt werden.


Als Lehramtsanwärterin: Religionsnoten – (k)ein Problem?
Drei Schritte zu einer alternativen Leistungsbewertung

Im Jahre 2000 beschäftigte ich mich als Lehramtsanwärterin zum ersten Mal ernsthaft mit dem Thema der Leistungsbewertung im Religionsunterricht. Damals unterrichtete ich eine 4. Klasse mit sehr unterschiedlicher religiöser Sozialisation.
Noten kannten diese Schulkinder natürlich. Sie nahmen den Akt der Beurteilung allerdings sehr unterschiedlich wahr. Sie sahen es als die alleinige Aufgabe des Lehrers an, Noten zu geben und zu ermitteln. So fiel es ihnen sehr schwer, sich selbst, ihr Wissen und ihre Fähig- und Fertigkeiten einzuschätzen.

Mein Ziel war, diese Kinder in den Prozess der Leistungsbewertung
mit ein zu beziehen. Ich wollte ihre Kompetenzen und Erfahrungen nutzen. Außerdem erschien es mir wichtig, die Note nicht nur
als Endprodukt eines Lernprozesses zu erhalten, sondern auch die
Lernentwicklung zu beurteilen.
Die Kinder beim Prozess der Beurteilung
zu beteiligen, sollte sie motivieren, ihre Lernentwicklung nicht nur
bewusst wahrzunehmen, sondern auch selbstständig zu steuern. Dafür entwickelte ich ein Konzept.

1. Schritt: Das eigene Lernverhalten einschätzen und sich gegenseitig beraten
Um die metakognitiven Kompetenzen bei den Schulkindern zu fördern, entwarf ich verschiedene Formulare zur Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die Schulkinder waren beim Ausfüllen dieser Bögen gezwungen, über ihr Lernverhalten nachzudenken und es einzuschätzen.

Zuerst fiel es den Kindern schwer, die Rolle des Eigenbeobachters zu übernehmen. Nachdem wir es mehrfach geübt hatten, gelang es ihnen zunehmend besser.
Anschließend durfte sich jedes Kind, das wollte, eine Gesprächspartnerin
oder einen Gesprächspartner wählen, mit dem den Bogen besprechen und die eigene Einschätzung erklären. Die
Gesprächspartner hatten die Aufgabe, eine ehrliche aber nicht
verletzende Rückmeldungen zu geben und eine Beratungskarte für mögliche
Verhaltensänderungen zu "schenken". Dies sollte die Aufmerksamkeit und
Kommunikationsfähigkeit fördern und Impulse für die Weiterarbeit
liefern.

2. Schritt: Leistungskriterien für den Religionsunterricht finden
In einem weiteren Schritt überlegten die Kinder, was im Religionsunterricht zu beobachten und zu bewerten sei.
Als Einstieg diente ein Schülerbegleitbogen. Hier konnten die Kinder Kriterien zur  Leistungsmessung kennen lernen, sie kritisch überprüfen und eigene Vorschläge einbringen.

Die intensive Auseinandersetzung mit Beurteilungskriterien, das Sammeln, Formulieren, Diskutieren, das Aufnehmen oder Verwerfen von Beurteilungskriterien war ein wichtiger Schritt. Wir sprachen in der Klasse über die Bedeutung und schufen transparente Kriterien. Gleichzeitig wuchs durch diese Besprechung bereits die Aufmerksamkeit für die diskutierten Lernaktivitäten.

3. Schritt: Die eigene Leistung einschätzen und sich gegenseitig beraten
Nachdem der Bewertungsbogen endgültig erstellt worden war, kam er zum Einsatz. Jedes Kind füllte ihn in besprochener und festgelegter Weise aus. Nachdem wir es mehrmals am Ende einer Unterrichtseinheit geübt hatten, war das Ausfüllen und gemeinsame Besprechen der Bewertungsbögen bald kein Problem mehr für die Schulkinder. Erstaunlich war die große Übereinstimmung ihrer Selbstwahrnehmung mit meiner Fremdwahrnehmung.

Ich konnte beobachten, dass die Schulkinder zunehmend ihr eigenes Lernverhalten änderten, indem sie ihr Arbeitsvorgehen mehr kontrollierten und steuerten. Sie nahmen ihren persönlichen Lernweg ernst und wurden von anderen ernst genommen.


Zehn Jahre später als Lehrerin: Religionsnoten – kein Problem!

Inzwischen bin ich zehn Jahre im Schuldienst. Die Arbeitsbelastung nimmt stetig zu. Mein oben beschriebenes Konzept der Leistungsbeurteilung ging erst einmal im stressigen Schulalltag unter. Ich wandte mich den üblichen konventionellen Methoden der Leistungsüberprüfung – Notizen zu Mitarbeit, Heftführung, Lernen – zu, weil ich das Gefühl hatte, dass der Arbeitsaufwand geringer war.

Doch schon nach kurzer Zeit stellte sich Unwohlsein ein: Wo waren meine Ziele geblieben, SchülerInnen in ihrem Lernweg zu begleiten und zu unterstützen? Wo hatten die Jungen und Mädchen Möglichkeiten zur Selbsteinschätzung und zur verantwortungsbewussten Auseinandersetzung mit ihren Leistungen? Wo war mein Vertrauen in ihre und meine Kompetenzen geblieben? Wie wurde ich den unterschiedlichen Arbeitswegen in offenen Unterrichtssituationen gerecht?

Mein Konzept wird neu belebt
Diese Fragen veranlassten mich, das Konzept aus meiner Zeit als Lehramtsanwärterin für meine jetzige Situation zu überarbeiten.
Heute habe ich es mit vier verschiedenen Schuljahren mit unterschiedlichen Anforderungen und Arten der Leistungsbewertung zu tun:

  • Im ersten Schuljahr wird das Fach Religion an unserer Schule ökumenisch erteilt. Eine eigene Leistungsbeurteilung für das Fach Religion gibt es im Zeugnis nur bei besondere Auffälligkeiten.
  • Im zweiten Schuljahr gibt es erstmals Noten, verbunden mit erläuternden Berichtsgutachten. Die Kinder sollen behutsam an Notengebung und Beurteilung herangeführt werden.
  • Im dritten und vierten Schuljahr werden dann Noten erteilt.

Es bot sich also ein zweistufiges Konzept an: Grundlegendes im 1./2. Schuljahr, wobei die eingeschränkte Lesefähigkeit zu berücksichtigen ist, Aufbau und Vertiefung im 3./4. Schuljahr.

Stufe I: Eigenschaftsbericht in Klasse 1 und 2

In der zweiten Hälfte des ersten Schuljahrs führe ich daher den Eigenschaftsbericht mit den selbst erklärenden Symbolen ein. Wir besprechen, was die Symbole bedeuteten. Zusätzlich können die Kinder eigene Symbolbilder malen, um ihre Selbsteinschätzung zu verdeutlichen.

Im
zweiten Schuljahr, in dem die Kinder über gewachsene Lese- und Schreibfähigkeiten
verfügen, nehme ich die Schätzskala in abgespeckter Version
hinzu.

 

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Stufe II: Begleitbögen in Klasse 3 und 4

Im 3. und 4. Schuljahr sind die Kinder nun auf den Prozess der Leistungsbeurteilung eingestimmt. Nun kommen die Schülerbegleitbögen zum Einsatz. Die verschiedenen Lerngruppen entwerfen meist auch etwas unterschiedliche Bögen.

Ich setze die gemeinsam entwickelten Bögen immer zum Ende einer Unterrichtseinheit ein. Das Ausfüllen geht relativ zügig. Die Besprechung dauert, je nach Beratung und Absprache, etwas länger.

Hier kommen nun auch verstärkt die Kriterien der Fremdwahrnehmung durch mich als Lehrerin hinzu. Zum Ende fast jeder Unterrichtseinheit führe ich kleine Lernzielkontrollen durch, die ich durch ein Punktesystem bewerte. Dazu kommen mündliche Überprüfungen des Wissensstandes, z. B. Abfrage des "Vaterunsers", der "Zehn Gebote" etc., die in eine Note münden. Noten in Heftführung und Mitarbeit ergänzen die Beurteilung.

Die Selbsteinschätzung der Schulkinder  wird durch diese "harten Kriterien" natürlich auch beeinflusst, manchmal auch relativiert. Unser Bogen sieht eine Spalte für den gemeinsamen Konsens vor und mündet im 3. und 4. Schuljahr in einer Note. Dabei werden Schülerwahrnehmung und Lehrerwahrnehmung gleich gewichtet. Hierfür muss ich eine Unterrichtsstunde, manchmal auch zwei einkalkulieren. Die Auswirkungen auf das Lernverhalten der Schulkinder bei der nachfolgenden Unterrichtseinheit sind dafür umso ergiebiger und eröffnen neue Lernchancen.

Auswirkungen auf Eltern und Kollegen

Häufig bieten die Einschätzskalen und die ausgefüllten Schülerbegleitbögen der Kinder Anlass, mit den jeweiligen Klassenleitungen der Kinder über ihre Äußerungen nachzudenken bzw. weitere Informationen über sie einzuholen.

Einige Kolleginnen und Kollegen fanden die Art und Weise der Schülerbefragung so interessant, dass sie mich baten, ihnen die Einschätzskalen und Schülerbegleitbögen zu überlassen, um sie zu überarbeiten und in ihrem eigenen Unterricht einzusetzen. Andere waren zunächst sehr skeptisch und vermuteten einen großen Arbeitsaufwand, der in keinem Verhältnis zu den Ergebnissen stehen würde. Außerdem befürchteten sie, dass die Selbsteinschätzungen "zu positiv" ausfallen könnten.
Sie waren genauso erstaunt, wie ich es anfangs gewesen bin, mit welcher Ernsthaftigkeit und Seriosität die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Leistungen bewerten.

In Elterngesprächen erweisen sich die Unterlagen als wichtige Hilfe der Dokumentation und helfen, das Zustandekommen von Beurteilungen zu erklären. Bei Elternsprechtagen bieten sie häufig Gesprächsanlässe. Manchmal schätzen sich Schulkinder selbst sehr viel negativer ein als ich es als Lehrerin tue. Die Eltern sind froh, dass ihre Kinder sich selbst ehrlich äußern dürfen und in ihrer Wahrnehmung ernst genommen werden. Auch Entwicklungsschritte beim Lernen kann ich mit Hilfe der Bögen darlegen.

Mein Fazit: Zusammenarbeit bei der Benotung als Bereicherung

Gerade für das Fach Religion erscheint es mir wichtig und wertvoll, Kinder in all ihren Facetten wahrzunehmen und zu unterstützen. Wichtige Ziele des Religionsunterrichts werden auch durch ein solches Vorgehen unterstützt.

"Die Schülerinnen und Schüler nehmen ihre Persönlichkeit bewusst wahr
und charakterisieren sich, sie begegnen Menschen ihres Lebensumfeldes
mit Wertschätzung", heißt es in den  Kompetenzerwartungen der Curricularen Vorgaben für das Fach evangelische Religionslehre NRW am Ende der Schuleingangsphase. Diese Wahrnehmung und Wertschätzung kann durch das beschriebene Vorgehen eingeübt werden. Gleichzeitig bereichert eine würde- und respektvolle Zusammenarbeit bei der Leistungsbeurteilung die SchülerInnen und mich als Lehrkraft.

Bettina Ramor, Januar 2010

 

Bettina Ramor
gibt Religionsunterricht an einer Grundschule in Marl und ist Ausbildungskoordinatorin für Lehramtsanwärter. Als Moderatorin für die Kollegiale Fallberatung begleitet sie KollegInnen in ihrem Arbeitsprozess.

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  • Bettina Ramor: "Religionsnoten – (k)ein Problem"
    Hausarbeit, 30.08.2000 – PDF-Datei – mehr
  • Im Lehrerband " Reli konkret 2", Unterrichtswerk für den katholischen
    Religionsunterricht an Hauptschulen und Realschulen in den
    Jahrgangsstufen 7/8 in Baden-Württemberg, Kösel-Verlag,
    werden die Ideen von Bettina Ramor aufgegriffen und kommentiert.
    – Unterrichtswerk Reli konkret 2 – mehr
    – Lehrerband Reli konkret 2 – mehr
  • Jean-Louis Gindt: SchülerInnen bewerten sich gegenseitig
    Vorgehen, Erfahrungen und Praxistipps
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