Lernende bewerten sich gegenseitig – Das sagen die SchülerInnen selbst dazu

Lernen Lernende durch Bewerten? Jean-Louis Gindt ist als Lehrkraft fest
davon überzeugt. Doch wie denken die jungen Menschen darüber? Hier kommen seine Schülerinnen und Schüler zu Wort!

Es geht mir darum, dass die Schülerinnen und Schüler sich aktiv
an ihrem Lernprozess beteiligen. Dazu gehört auch eine Evaluation zur
Art und Weise wie dieser Lernprozess gestaltet wird. So bat ich die
jungen Menschen einer  9. Gymnasialklasse meine These zu kommentieren,
nachdem sie sich gegenseitig bewertet hatten.

Schüler bewerten Schülerarbeiten:
Das sagen die SchülerInnen selbst dazu

  • Meine These: SchülerInnen lernen viel, wenn sie gegenseitig ihre Arbeiten bewerten
  • Was Schülerinnen und Schüler dazu sagen
  • Was haben die SchülerInnen durch das Bewerten anderer Arbeiten gelernt?
  • Was haben die SchülerInnen aus den Rückmeldungen ihrer MitschülerInnen gelernt?

Meine These: SchülerInnen lernen viel, wenn sie gegenseitig ihre Arbeiten bewerten

  • Eine Bewertung setzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Inhalt voraus.
  • Das
    Kommentieren fördert das aufmerksame Lesen. Inhaltlich gesehen lernen
    die Schülerinnen und Schüler andere Themen kennen, formal gesehen
    andere Herangehensweisen.
  • Kritik und
    Verbesserungsvorschläge ermöglichen es, auch neue Einsichten für sich
    selbst zu gewinnen. Denn einem außenstehenden Beobachter fällt es immer
    leichter zu sagen, was, wo und wie man etwas hätte verbessern können.
  • So
    entsteht ein dynamischer Lernprozess, bei dem Bewertung nicht mehr
    Anhängsel an geleistete Arbeit ist, sondern selbst zum Bestandteil
    schulischen Lernens wird.


Was Schülerinnen und Schüler dazu sagen

  • "Das stimmt. Wir kümmern uns und setzen uns mit einem Thema
    auseinander. Beim Verbessern, setzen wir uns mit anderen Themen aus.
    Wir lernen ja daraus Neues, anstatt wie besessen sich auf ein Thema zu
    fixieren und das auswendig lernen bis zum tot umfallen: Nein, wir sind
    flexibel und “vergrößern unseren Horizont“ (Allgemeinwissen). Es dauert
    nicht übertrieben lange und sorgt für Abwechslung. Es ist und bleibt
    aber Lernen das ernst zu nehmen ist. Fazit: So weitermachen!" (Tobias)
  • "Diese These ist richtig, insofern die Bewertung vom
    Schüler auch als Bestandteil des Lernens aufgenommen wird und nicht zur
    Nebensächlichkeit erniedrigt wird. Die Bewertungen sollen
    dementsprechend als Hauptaufgabe angesehen und ausgeführt werden." (Lis)
  • "Natürlich lernt man durch das Bewerten anderer die
    Arbeitsweise derjenigen kennen und kann nächstes Mal effektiver eine
    solche Aufgabe bearbeiten. Auch ist es auch im späteren Leben wichtig,
    andere zu kritisieren und dies auch zu kommentieren." (Jérome)
  • "Ich denke, dass wir dadurch dass wir bewertet und somit
    auch die Arbeiten der anderen Mitschüler gelesen haben, gelernt haben,
    ihre Arbeiten besser einzuschätzen.
    Ich habe vieles von dem was ich
    gelesen habe auch behalten, sodass ich nur sagen kann, dass es sowohl
    interessant als auch lustig war, aber ebenso lehrreich. Ich denke, dass
    es uns allen Spaß gemacht hat, und dass alle die sich diese Art der
    gegenseitigen Bewertung zu Herzen genommen haben, auch das Eine oder
    Andere davon behalten haben, was sie, wenn sie für eine Prüfung hätten
    lernen müssen, vielleicht schon vergessen hätten." (Alix)

Allgemein finde ich eine große Zustimmung unter den Lernenden, aber es gibt auch kritische Stimmen, wie diese:

  • "Nein, ich finde, dass diese These nicht stimmt, denn ich
    glaube kaum, dass jemand die Bewertungen von den anderen Schülern
    liest, sich dann die Fehler merkt und sie dann vielleicht noch
    verbessert.
    Man ist dann froh, dass man die Arbeit gemacht hat,
    und mit den Punkten, die man bekommen hat zufrieden oder auch nicht,
    aber man hat keine Lust mehr die Bewertungen zu lesen und die Fehler
    dann vielleicht verbessern." (Laurent)

Was haben die SchülerInnen durch das Bewerten anderer Arbeiten gelernt?

Durch
das Bewerten, das Kommentieren und meine Verbesserungsvorschläge der
Arbeiten meiner Mitschüler habe ich folgendes gelernt:

  • "Ich denke, dass ich
    jetzt besser die Arbeit meiner Mitschüler einschätzen kann, ohne dabei
    wirklich subjektiv zu werden. Ich denke dass es normal ist ein paar
    kleine Vorlieben zu haben, aber ich habe festgestellt, dass es hier
    nicht darum geht seinen Freunden eine gute Note aufzuschreiben, unter
    dem Vorwand, dass es sich um seine Freunde handelt. Man sollte ehrlich
    sein, selbst wenn das nicht immer ganz einfach ist." (Alix)
  • "Ich habe gelernt, wie sich die Lehrer beim Bewerten einer
    Prüfung fühlen (sehr euphorisch über sehr zornig bis sehr traurig)."
    (Jérôme)
  • "Ich habe gelernt meine eigenen Fehler besser zu erkennen und in Zukunft zu vermeiden." (Lou)   
  • "Es ist ein gutes Gefühl, wenn man seinen Mitschülern helfen
    kann, ihre Fehler zu beheben. Auch habe ich durch das Kommentieren und
    Betrachten der Arbeiten die Persönlichkeiten der anderen besser
    kennengelernt, als wenn der Lehrer es verbessert hätte. Das
    Kommentieren ist nicht so einfach, wie ich gedacht habe. Ich saß circa
    15 Minuten pro Bewertung am Computer." (Pit)   
  • "Da ich zum ersten Mal die Arbeit meiner Mitschüler bewertet
    habe, habe ich eine neue Erfahrung gemacht. Ich habe zum ersten Mal die
    Arbeit meiner Mitschüler gelesen und sie bewertet ohne darauf zu achten
    ob es jetzt meine Freunde sind oder nicht, denn jeder muss ja gleich
    bewertet werden. Da ich auch mehrere Arbeiten durchlesen musste habe
    ich auch viel über die verschiedenen Personen gelernt und behalten, da
    man die Arbeiten ja gründlich oder sogar mehrmals lesen musste. Auch
    durch die Kritik, die ich bei anderen geschrieben habe ist mir bewusst
    geworden, dass ich auch manchmal die gleichen Fehler mache und werde
    jetzt auf diese achten." (Muriel)   
  • "Ich habe gelernt, dass nicht jeder meiner Meinung ist und
    dass meine Einschätzung von einer Arbeit auf heftigen Widerstand
    gestoßen ist. Ich habe die Arbeit zweier meiner Mitschüler als nicht
    ausreichend empfunden und entsprechend bewertet. Doch dies ist eine
    gute Erfahrung für das spätere Leben." (Max)

Was haben die SchülerInnen aus den Rückmeldungen ihrer MitschülerInnen gelernt? 

Aus
den Bewertungen, Kommentaren und Verbesserungsvorschlägen meiner
Mitschüler habe ich für diese Arbeit und meine zukünftigen folgendes
gelernt:

  • "Manchmal war ich
    ein bisschen ungenau in meinen Arbeiten und habe nicht so viel
    geschrieben wie andere Mitschüler, nächstes Mal werde ich mehr
    schreiben!" (Laura)
  • "Ich habe durch die Kritik gelernt, wie ich meinen
    zukünftigen Aufgaben besser machen kann. Ich weiß jetzt dass ich nicht
    mehr so kompliziert schreiben darf. Auch meine anderen Fehler kann ich
    in Zukunft vermeiden." (Tibor)
  • "Ich habe gelernt, dass man vielleicht einige Ausdrücke
    besser erklären muss. Die anderen Mitschüler kennen solche Fachbegriffe
    nicht immer, wenn sie sich nicht mit dem gleichen Thema beschäftigt
    haben." (Camille)
  • "Die Bewertungen waren schon sehr interessant, und es war
    schon sehr informationsreich, viele Meinungen, manchmal auch sehr
    unterschiedliche zu lesen." (Charles)
  • "Ich bin mit den Bewertungen eigentlich zufrieden außer
    einer Ausnahme, und werde die Verbesserungsvorschläge bei den nächsten
    Arbeiten beachten." (Anna)

Fazit

Diese Aussagen
motivieren mich als Lehrkraft und bestätigen, dass es sich lohnt,
Lernende in die Verantwortung zu nehmen und sich gegenseitig bewerten
zu lassen.

Jean-Louis Gindt

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  • Jean-Louis Gindt:
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    rpi-virtuell, 2007 – mehr
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