Noten und mehr: SchülerInnen bewerten sich gegenseitig

Schülerarbeiten
werden in der Regel vom Lehrer gelesen, benotet und …
archiviert. Das war’s! Dabei sind es viele Schülerarbeiten wert, auch von anderen gelesen und überdacht zu werden. So gewinnen
Klassenarbeiten einen deutlichen Mehrwert. Also: Warum die Jungen und Mädchen nicht an Bewertung und Benotung beteiligen – und einen dynamischen, gemeinsamen Lernprozess anstoßen!

Noten und mehr: SchülerInnen bewerten sich gegenseitig

  • Für viele SchülerInnen zählt nur die Note
  • Meine Idee: SchülerInnen bewerten sich gegenseitig
  • So gehe ich dabei vor – vier Schritte
  • Zwei Beispiele von Schülerbewertungen
  • Didaktischer Mehrwert: Das leistet diese Form der Bewertung

I Für viele SchülerInnen zählt nur die Note

Für viele Lernende besteht der einzige Sinn
einer Klassenarbeit, einer Klausur oder Prüfung, darin eine Note zu bekommen. Denn die Summe der
Noten entscheidet über die schulische Laufbahn.

Anschließend werden die Arbeiten besprochen und archiviert, und man wendet sich einem neuen Thema zu. 

Ist es
da verwunderlich, dass Lernende wenig Sinn in ihren Klassenarbeiten sehen?
Dass es in der Schule um das eigene Bildungspotential geht, tritt in den Hintergrund und wird quasi zur Nebenerscheinung.

Dennoch geben
sich viele junge Menschen bei Klassenarbeiten richtig Mühe. Viele
Aufsätze und Texte, Arbeiten und Präsentationen sind es wert, dass
sie ein größeres Publikum finden als nur die Lehrperson.

II Meine Idee: SchülerInnen bewerten sich gegenseitig

Wie, so
fragte ich mich, kann es gelingen, dass sich die Lernenden mit den eigenen Arbeiten und den Arbeiten anderer intensiver auseinandersetzen? Dass die darin dokumentierten Anstrengungen und Leistungen gewürdigt werden? Dass sie einen Blick bekommen für unterschiedliche Herangehensweisen und Lösungswege, und so auch neue Perspektiven gewinnen auf das eigenen Schaffen?

Meine Idee war es, die Lernenden einzubeziehen bei der Bewertung der Arbeiten. Vieles spricht für ein solches Vorgehen:
Eine Bewertung setzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit
dem Inhalt voraus.
Wenn Schülerinnen
und Schüler wissen, dass ihre Arbeiten auch von den Mitschülern bewertet
werden, erweitert sich der Adressatenkreis: Man schreibt auch für die MitschülerInnen als wichtigem Teil der Lebenswelt.
Gleichzeitig wird dabei deutlich: Der gemeinsame Bewertungsprozess will mit Bedacht durchgeführt und organisiert sein, damit dadurch Lernen und Weiterentwicklung der Einzelnen und der Lerngruppe als Ganzes gefördert werden.

Inzwischen praktiziere ich dies Vorgehen, soweit es zur Klasse und zur Aufgabenstellung passt, seit dem Schuljahr 2006/2007 mit sehr guten Erfahrungen. 

III So gehe ich dabei vor …

1. Schritt: Ein Bewertungsraster entwerfen
In einem Raster stelle ich zunächst für mich die
Bewertungskriterien übersichtlich zusammen. Dieses Raster entspricht im Wesentlichen meinem eigenen Modell, nach dem ich eine Arbeit bewerte und benote. Ich gestalte es für die Lernenden nachvollziehbar und
anwendbar.
Das Raster bespreche ich mit der Lerngruppe, damit allen Schülerinnen und Schülern klar ist, worauf es ankommt. Ggf. werden nach der Besprechung noch Anpassungen vorgenommen.

2. Schritt: Wer bewertet wen?
Aus zeitlichen Gründen ist es nicht möglich, dass jeder Schüler alle Arbeiten eines Kurses begutachtet. Deshalb machen wir einen Plan, wer welche Arbeiten durchsieht.
Meiner Erfahrung nach ist es sinnvoll, dass jede/r Schüler/in mindestens drei verschiedene Arbeiten
bewertet. So bekommen sie einen Blick für die unterschiedlichen Qualitäten und Perspektiven.

3. Schritt: Das Bewertungsraster ausfüllen
Die Lernenden haben nun Zeit, ihre Bewertungen vorzunehmen und das
Bewertungsraster auszufüllen. Der zeitliche Rahmen richtet sich dabei nach dem Umfang der Arbeiten. Je nachdem
können es eine Stunde oder mehrere Tage sein. Das Raster kann online und offline ausgefüllt werden.

Absolut wichtig ist, dass die
Bewertungsergebnisse erst nach Abschluss aller Bewertungen zugänglich sind. Denn die Ergebnisse der einen
sollen ja nicht die Bewertungen der andern beeinflussen.

Erst nach Abschluss aller Bewertungen erhalten die Lernenden also Einblick in die Ergebnisse.

4. Schritt: Bewertungen bewerten und Noten geben
Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass die Lernenden sehr wohl die Fähigkeit haben, Arbeiten ihrer Mitlernenden in dieser Form zu bewerten. Andrerseits
bin ich als Lehrender für die Bewertungen und die Noten verantwortlich.

Deshalb
bewerte ich die Art und Weise, wie die Bewertungsraster ausgefüllt sind: Wurde das Bewertungsraster befolgt? Wie
überzeugend sind Kommentare begründet? Welche Qualität haben Verbesserungsvorschläge?
Sind Bewertung und Benotung bündig? Im Zweifelsfall erkläre ich als Lehrer eine Bewertung als
ungültig und somit als irrelevant. Das ist aber noch nie vorgekommen.

Als
Note, auf die ich in der Schule meist nicht verzichten kann, orientiere
ich mich am arithmetischen Durchschnitt der Noten aus den verschiedenen
Bewertungen. Meine Erfahrung: Diese Note weicht in den seltensten Fällen von meiner eigenen Note ab.

IV Beispiele von Schülerbewertungen

Wie kann ein solches Bewertungsraster aussehen? Wie gehen die Lernenden mit der Aufgabenstellung um?
Ich stelle hier zwei Beispiele aus einer 9. Klasse vor. Was mich besonders beeindruckt: Der Kompetenzsprung, der in Bezug auf die Bewertungskompetenz der SchülerInnen sichtbar wird.

1. Beispiel: Persönlichkeit und Zukunftsvision
In einer 9. Gymnasialklasse war die Aufgabe, ein Portfolio zu erstellen zu einer Persönlichkeit und ihrer Zukunftsvision. Die Schülerinnen und Schüler erprobten zum ersten Mal, sich gegenseitig zu bewerten.

  • Formular zum Eintragen mit Hinweisen: mehr
  • Ergebnisseite mit anonymisierten Schülerbewertungen: mehr

2. Beispiel: Lebensrecht
Später im gleichen Schuljahr bearbeitete diese Klasse in Dreiergruppen das Thema Lebensrecht bzw. 5. Gebot. Die Gruppen erstellten jeweils ein gemeinsames Portfolio zu Themen wie
Abtreibung, Suizid, Todesstrafe, Aids, Sterbehilfe.

  • Formular zum Eintragen mit Hinweisen: mehr
  • Ergebnisseite mit anonymisierten Schülerbewertungen: mehr

Beim Vergleich der Rückmeldungen fällt auf: Die Qualität der Bewertung hat sich deutlich verbessert. Die Lernenden ganz klar an Bewertungskompetenz gewonnen.

Technische Anmerkung
Die SchülerInnen sollen während des Bewertungsprozesses nicht von den Bewertungen der andern MitschülerInnen beeinflusst werden. Deshalb achte ich darauf, das das Eintragsformular keinen Link zur Ergebnisseite enthält.
Erst nach Fertigstellung der Bewertungen mache ich die Einträge zugänglich.

V Didaktischer Mehrwert: Das leistet diese Form der Bewertung

Diese Methode hat für mich viele Pluspunkte und eine gehörige Portion didaktischen Mehrwert.

1. Breites Feedback
Wenn z. B. alle Lernenden vier
Arbeiten bewerten, dann wird in einem Kurs von 24 Lernenden jede Arbeit von
acht Mitschüler/innen evaluiert. Somit bekommt jeder ein wesentlich breiteres Feedback als im Normalfall, wenn ausschließlich die Lehrkraft verbessert.

2. Kompetenzlernen durch die Auseinandersetzung mit den Lernprodukten anderer 
Indem die jungen Menschen neben ihrer eigenen Arbeit sich auch mit
der Arbeit von Mitlernenden auseinandersetzen, lernen sie viel für sich
selbst.
Sie erfahren, wie andere an die Aufgabe heran gegangen sind, wie andere
die Aufgabe, eventuell besser, gelöst haben, vor welchen
Schwierigkeiten (auch) andere standen und wie sie diese meistern konnten oder eben auch nicht.

Gleichzeitig trägt es natürlich auch zur inhaltlichen Festigung des Lernstoffs bei, wenn er auf diese Weise mehrfach wiederholt und reflektiert wird.

3. Wertschätzung von Rückmeldung und Bewertung
Durch den Umstand, dass Lernende in die Rolle der Bewerter schlüpfen,
gewinnt die Bewertung selbst an Bedeutung. Die Jungen und Mädchen lernen wohl begründete Bewertungen zu schätzen, sie setzen sich mit Verbesserungsvorschlägen intensiver auseinander.
Sie erkennen, dass das Bewerten
längst nicht immer leicht ist und dass viele Faktoren dabei zu berücksichtigen sind.

4. Lernende als aktive Gestalter des Lernprozesses
Wenn Schülerinnen und Schüler ihre Arbeiten selbst bewerten, werden sie als Lernende ernst genommen. Sie übernehmen aktiv Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess und den Lernprozess der gesamten Gruppe.

V Mein Fazit: Ja zu einem dynamischen, gemeinsamen Lernprozess

Wenn ich diese Methode einsetze, sowohl im Religionsunterricht als auch in meinen Webpublishing-Kurs, stelle ich fest, dass die jungen Menschen diese Methode des gegenseitigen Bewertens allgemein schätzen.

Durch die
gegenseitige Bewertung wird das zielstrebige Lernen für gute Noten
relativiert. Das Lernen und der Lernstoff selbst rückt (wieder) in den
Mittelpunkt. Der Vertrauensvorschuss, der den Lernenden gegenüber
erwiesen wird, motiviert sie zu verantwortungsvollem schulischen
Arbeiten. So entsteht ein dynamischer Lernprozess, bei dem Bewertung
nicht mehr
Anhängsel an geleistete Arbeit ist, sondern selbst zum Bestandteil
schulischen Lernens wird.

Jean-Louis Gindt

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