Online in der Schule: Mit dem Wiki ethische Fragen ergründen – im Autorenkollektiv

Mit Hilfe des Wiki konfrontierte Jean-Louis Gindt
seine Schülerinnen und Schülern der neunten Gymnasialklasse mit einem
Klassiker unter den ethischen Fragestellungen: Dem
Recht auf Leben und dem Umgang mit dem 5.
Gebot. Seine Schülerinnen und Schüler durften dabei jederzeit frei wählen, an welchen Themen sie weiterarbeiten wollten – eben nach dem Wikikonzept. Hier berichtet er über den Versuch.

 

  • Autorenkollektiv im Schulunterricht?
  • Unterrichten
    mit rpi-Seminarwikis
  • Was sagen die Lernenden dazu?

Unterricht mit Wikis: Autorenkollektiv
im
Schulunterricht

Wikikonzept auf Schulunterricht
übertragen?

In der Online-Enzyklopädie Wikipedia werden alle Artikel von Autorenkollektiven
geschrieben. Lässt sich dies Konzept auf den Schulunterricht
übertragen?

In jedem Seminarraum von rpi-virtuell
lässt sich mit einem Klick ein Seminarwiki erstellen, das
ausschließlich den Seminarmitgliedern reserviert ist. Hier können die Schülerinnen und Schüler einer Klasse oder Lerngruppe "kollaborativ" arbeiten und gemeinsam Inhalte verfassen.

Jeder darf alles ändern – kann das im Unterricht funktionieren?
Nach dem Wiki-Konzept dürfen die Lernenden frei auswählen, welche Themen sie interessieren und wo sie sich beteiligen möchten. Sie können sich an verschiedenen Texten des Klassenverbandes beteiligen, wie sie es jeweils wünschen.
In der
Versionsgeschichte der Texte bleiben die einzelnen Arbeitsschritte der
verschiedenen Autoren unwiderruflich gespeichert. Sie sind für Lehrende
wie für Lernende jederzeit einsehbar, nachprüfbar und dementsprechend
auch
bewertbar.

Mit diesem Konzept startete ich in diesem Schuljahr bereits zum zweiten Mal in einer 9. Gymnasialklasse. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Das Konzept funktionierte wie auch schon beim ersten Versuch. Und das Ergebnis war außerordentlich beeindruckend.

Unterrichten mit
rpi-Seminarwikis

Fünf Hauptthemen zum 5. Gebot
Als Thema stand in der 9. Jahrgangsstufe das 5. Gebot. Behandelt werden sollten schwierige Fragen wie:

1. Der selbst gewählte Tod – Suizid
2. Der Lebensanfang in Frage gestellt – Abtreibung
3. Umgang mit dem Lebensende – Euthanasie und Palliativpflege
4. Töten im Namen des Volkes – Todesstrafe
5. Tödliche Liebe – Aids

Der Kurs bestand aus 12 Schülerinnen und 7 Schülern. Als Zeitraum veranschlagte ich eine Doppelstunde die Woche, von Ende Januar bis Anfang März.

Einheitliches Bearbeitungsgerüst für
alle Themen

Ich gab die fünf oben genannten Themen vor. Zu jedem Thema stellte
ich einige ausgewählte Quellen, Dokumente und Unterlagen zusammen.
Zusätzlich gab ich ein Bearbeitungsgerüst als Inhaltsverzeichnis vor:

  1. Die Aktualität des Themas
    1.1 Aktuelle Bilder zum Thema
    1.2 Aussagekräftige Statistiken
    1.3 Wo steht dieses Thema im Mittelpunkt?
    1.4 Warum wird über dieses Thema diskutiert?
  2. Terminologie
  3. Die ethischen Herausforderungen
  4. Pro
  5. Contra
  6. Stellungnahmen
  7. Impulse zu Weiterdenken
  8. Dokumentation und Quellen

Ziel: Intensiv über ethische Fragen
nachdenken

Es ging hier nicht darum enzyklopädische
Artikel zu erstellen, die es längst gibt. Mein Ziel war,
dass die jungen Menschen sich gemeinsam als KursteilnehmerInnen mit
unterschiedlichen Facetten und der schwierigen Thematik dieser ethischen
Fragen auseinander setzten.
Im gegenseitigen Respekt sollten sie zu
einer individuellen argumentierten Stellungnahme gelangen. An diesem
gemeinsamen Arbeiten beteiligte
ich mich selbstverständlich auch.

So arbeiteten wir insgesamt etwa sechs Wochen an diesen Themen. Jeder
Schüler, jede Schülerin durfte nach Interesse Schwerpunkte setzen, dort schreiben, wo sie wollten, und an dem
arbeiten, was sie interessant fanden. Erwünscht war, an mehreren Themen mizutarbeiten und im Idealfall zu allen Themen eine persönliche Stellungnahme zu formulieren.

Nach Abschluss der Einheit: Was sagen
die Lernenden dazu?

  • "Ich
    fand es eine sehr gute Idee, mal ein Wiki zu erstellen, wo man alle
    zusammen an einem Strang zieht. Dort werden viele wichtige
    Informationen
    preisgegeben; es ist so etwas wie ein "Schülerwiki". Es ist ergreifend
    zu sehen was alle Schüler auf die Beine stellen können. Es entsteht
    nachher ein enormes Netz, wo alles irgendwie miteinander verbunden ist.
    Das Ergebnis ist daher sehr Erstaunlich und ich rate solch ein
    "Projekt"
    zu wiederholen." – Kim 
  • "Ich habe noch nie so
    viel auf dem Computer gelernt. Es hat mir auf jeden Fall Spaß gemacht
    hier zu schreiben. Im Alltag wird man schon mit diesen Themen, z.B.
    Abtreibung, Todesstrafe,… konfrontiert, jedoch kennt man nicht den
    genauen Hintergrund. Ich glaubte fast alles zu wissen, und wusste
    trotzdem nichts. Diese Arbeit hat mir viel Wissen zugefügt. Ich hatte
    vorhin ganz andere Meinungen über die einzelnen Themen. Durch die
    Recherchen und durch das Lesen der Artikel, hat meine Meinung bei
    vielen
    dieser gewechselt, z.B. war ich immer für Abtreibung, jetzt habe ich
    geteilte Meinungen, durch Details, die ich vorhin nicht wusste. Im
    Grunde genommen habe ich eine sehr positive Meinung über das
    Internet-Lernen. Ich freue mich auf noch weiteres Arbeiten auf diese
    Art
    und Weise. Es ist schade, dass man in anderen Bereichen der Schule
    nicht auf die gleiche Art arbeitet." – Mick
  • "Ich fand
    diese Wiki-Arbeit sehr interessant, man konnte mal
    sehen wie die anderen darüber denken. Generell mag ich es auch in der
    Gruppe zu arbeiten und trotzdem gleichzeitig allein. Man konnte sich
    Gedanken über all die Themen machen und ich konnte mit Freude daran
    arbeiten und Erfahrungen sammeln, die ich auch noch nicht wusste." –
    Enia
  • "Ich fand diese Arbeit sehr interessant, da es
    eine ganz neue Arbeitsweise war. Dadurch , dass alle ihr Wissen
    beigetragen haben war es eine unglaubliche Bereicherung für mich
    selbst.
    Auch die vielen verschiedenen Meinungen haben mir einen Anstoß zum
    Nachdenken gegeben. Wir können stolz darauf sein, was wir in der kurzen
    Zeit alles auf die Beine gestellt haben." – Annick
  • "Diese
    Arbeit auf Wiki hat mir gut gefallen, da man selbstständig arbeitet und
    doch gemeinsam mit der Klasse an einem Projekt schreibt. Dabei wird
    immer wieder an diesem Text verbessert und wird immer vollständiger
    durch neue Informationen, die man dem vorherigen Text hinzufügt. Es ist
    ebenfalls für mich etwas Neues so zu arbeiten und durch diese Methode
    habe ich vieles gelernt. – Derek

Mein Fazit
Im klassischen
Unterricht dozieren die Lehrenden. Im
schülerorientierten Unterricht arbeiten die Lernenden individuell, in
Teams oder Gruppen, sie erstellen Präsentationen oder bereiten
Referate vor. Die Autoren werden für ihre Arbeiten, der schulischen
Notengebung entsprechend, bewertet.

Die Arbeit mit Wikis ist kollaborativer Unterricht, in dem alle Lernenden eines Kurses gemeinsam mit der Lehrperson zusammen ausführliche und ausgefeilte Überlegungen erarbeiten. Es ist schon gewöhnungsbedürftig für
junge Lernende, dass plötzlich unter ihren Schularbeiten nicht mehr ihr
Name stehen soll. Ihre Schreibarbeiten sollen einfließen in ein Gesamtprojekt, aus dem alle lernen, einer von dem andern.

Wenn in klassischer Gruppenarbeit die Lernenden sich einem Thema widmen, so haben sich in diesem kollabortiven Arbeiten nahezu alle Lernenden mit allen Themen befasst. 

Zur Schule gehört auch immer Bewertung. Der Überblick über die Benutzerbeiträge dokumentiert, wer was wann wo geschrieben hat. Somit kann die Lehrperson seiner Aufgabe als Bewerter nachkommen. 

Ich muss sagen: Ich bin beeindruckt von dem, was meine Schülerinnen und Schüler geleistet haben! 

Hier ein Screenshot des Artikels zur Todesstrafe – zum Vergrößern bitte anklicken!

Beispielseite aus dem Seminarwiki von Jean-Louis Gindt

 

Jean-Louis
Gindt

Weiterlesen:

  • Mit dem Wiki Lerninhalte wiederholen, strukturieren, vernetzen
    Hiltrud Stärk-Lemaire, Sekundarstufe II – mehr
  • Arbeit mit Wikis – eine Hinführung
    Jean-Louis Gindt – mehr
  • Seminarwiki anlegen und nutzen: mehr
  • Februar 2008: Wiki und Lernen 2.0: mehr

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