Damit Erziehung nicht zur Dressur verkommt

Einen Beruf ausüben lässt sich nicht reduzieren auf die Summe der dazu notwendigen Kompetenzen. Es braucht mehr. Der französische Pädagoge Philippe Meirieu regt zum kritischen Umgang mit Kompetenzen und Bewertungen an.

Philippe Meirieu, 1949 geboren, ist einer der populärsten Pädagogen
Frankreichs. Als Lehrer, Journalist, Wissenschaftler und
Institutsdirektor hatte er bereits eine Vielzahl von Funktionen inne.
Derzeit ist er Universitätsprofessor der Erziehungswissenschaften
(sciences de l’éducation) an der “Université Lumière Lyon 2” in Lyon
(Frankreich). Seit 2009 ist er als Kandidat des neugegründeten französischen
Parteienbündnisses “Europe Ecologie”, das in Frankreich erstmals zur
Europawahl antrat.

 

Kompetenzen bewerten?

  • Widersprüche in pädagogischer Theorie
  • Pädagogik ist nicht Didaktik
  • Menschliches Handeln ist geleitet von Intentionen
  • Kompetenzrahmen – (k)ein Allheilmittel
  • Kompetenzen bewerten

Widersprüche in pädagogischer Theorie

Die Pädagogik stößt auf zwei Widersprüche: “Jeder Mensch kann lernen und sich entwickeln” und “Man kann niemand zwingen zu lernen und sich zu entwickeln.”

Für Philippe Meirieu besteht die Pädagogik gerade darin, diese Widersprüchlichkeit aufzugreifen. Pädagogen stehen vor der Aufgabe, Situationen zu schaffen, in denen die Lernenden Lust am Lernen empfinden. Sie sollen sich freiwillig entscheiden, auch das zu lernen, was ursprünglich nicht ihrem eigenen und direkten Interesse entspricht.

Pädagogik ist nicht Didaktik

Auch wenn viele Intellektuelle und besonders die Medien bewusst oder unbewusst Didaktik mit Pädagogik gleichsetzen, sind Didaktik und Pädagogik deutlich voneinander zu unterscheiden.

Die Didaktik bleibt fasziniert von den Techniken des Lernens, von der Praxis der Unterrichtsmethoden. Dabei geraten leicht die Lernenden als Subjekte aus dem Blick.

Die Pädagogik hingegen, wie sie Philippe Meirieu versteht, weiß von der Bedeutung des Wunsches, der Sehnsucht (désir) der Lernenden. Sie kennt auch die Angst vor einer Erziehung, die zur Dressur verkommt.

Menschliches Handeln ist geleitet von Intentionen

Das neue Schlagwort im ganzen Bildungsbereich lautet “Kompetenzen”. Doch was sind eigentlich Kompetenzen? Allgemein werden damit die Fähigkeiten und Fertigkeiten gemeint, Probleme zu lösen, sowie die Bereitschaft, dies auch zu tun und umzusetzen.

Philippe Meirieu unterstreicht jedoch, dass die menschliche Aktivität sich niemals auf die Summe aller Kompetenzen reduzieren lässt. Das menschliche Handeln ist immer geleitet von der Absicht, der Intentionalität des Handelns.

Kompetenzrahmen – (k)ein Allheilmittel

Mit den Kompetenzen sind auch Referenzrahmen erschienen (des référentiels de compétences), Beschreibungen mit unterschiedlichen Niveaus, anhand deren die Kompetenzen gemessen und bewertet werden sollen. Diese Kompetenzrahmen dürfen nach Philippe Meirieu aber nicht zu Bildungsprogrammen oder gar Lehrplänen mutieren.

Sinnvoll genutzt sind sie wie Leitplanken: Sie lenken berauschende und ausufernde Konzepte vom “autonomen Lernen” und “der Entfaltung der Persönlichkeit des Kindes” wieder in geordnete Bahnen.

Kompetenzrahmen und Raster zwingen zum präziseren Hinschauen. Sie erlauben es, einen Entwicklungshorizont abzustecken, und beschreiben den Weg von einfachen Grundkenntnissen hin zu komplexen Fähigkeitsstufen.

Sie werden jedoch zu einer echten Gefahr, wenn sie zum alleinigen Bewertungskriterium werden. Bildung ausschließlich an Kompetenzrahmen auszurichten bedeutet, sich einem programmierten Bildungsprogramm zu unterwerfen. Dann geschieht Bildung durch den Referenzrahmen und nicht mehr mit Hilfe des Rahmenplans.

Sicher gibt es nicht zu leugnende Kompetenzen, einen Aufsatz zu schreiben, mathematische Probleme zu lösen, geografische Karten zu lesen oder eine Fremdsprache zu beherrschen. Doch gleichzeitig gibt es immer auch mehr, etwas, das sich auf einer anderen Ebene abspielt, etwas das den Lernenden selbst betrifft, seine Lust am Schreiben, seine Freude an kniffligen mathematischen Aufgaben, seine Begeisterung sich in der Geografie zu orientieren oder seine Liebe, sich in fremden Sprachen auszudrücken. Einen Beruf erlernen und ausüben lässt sich eben nicht reduzieren auf die Summe der für diesen Beruf notwendigen Kompetenzen.

Kompetenzen bewerten

Überall entstehen Bewertungskriterien, überall werden Bewertungskataloge veröffentlicht. Sie dienen den individuellen Strategien um den schulischen Erfolg zu sichern. Doch gerade diese Bewertungskataloge schaden der Wissensvermittlung, der schulischen Bildung und der gesellschaftlichen Erziehung. Der schulische Misserfolg wird nicht mehr als Misserfolg angesehen, sondern als Krankheit, so Philippe Meirieu.

Philippe Meirieu wird nicht müde zu wiederholen, dass Bewerten keine exakte Wissenschaft ist, Bewerten ist vielmehr ein abwägen wie auf einer Wage. Bewerten heißt deshalb immer auch die Bewertungskriterien offen legen, nach denen eine Bewertung abgewogen wird.

Somit sagt der Bewerter nie etwas Aufschlussreiches über das Bewertete noch über den Bewerteten aus – der Bewerter drückt durch seine Bewertung immer das aus, was für ihn selbst wertvoll ist.

Anmerkung: Dieser Artikel ist eine kurzgefasste Übertragung von Jean-Louis Gindt einer Konferenz von Phlippe Meirieu mit dem Titel “L’école mise au pas” vom 9-10 Februar 2008 in Paris.

Weiterlesen:

  • Philippe Meirieu: L’école mise au pas

    (PDF-Datei) – mehr

  • Internetseite von Philippe Meirieumehr
  • Wikipedia (Frankreich): Phlippe Meirieu  – mehr
Foto: Marie-Lan Nguyen, Wikimedia Commons

 

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