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Kompetenzen aufbauen: Erfolgreich und nachhaltig!

Wie lernen Menschen am besten? Wie können Sie Ihren Schülerinnen und Schüler nachhaltig Wissen und Kompetenzen vermitteln? Martin Wellenreuther hat weltweit pädagogische Forschungsergebnisse gesichtet und leitet daraus ganz konkrete, empirisch belegbare Tipps für den Unterricht ab!
Im Interview mit rpi-virtuell stellt Martin Wellenreuther zentrale
Erkenntnisse vor.

 

Dr. Martin Wellenreuther ist Mitarbeiter im Institut für Bildungswissenschaften an der Universität Lüneburg. Er hat sich seit Jahrzehnten mit empirischer Forschung im Bereich Erziehungswissenschaften beschäftigt.

Sein 2009 erschienenes Buch "Forschungsbasierte Schulpädagogik. Anleitungen zur Nutzung empirischer Forschung für die Schulpraxis" fasst den aktuellen Erkenntnisstand zur Erforschung von Lern- und Lehrprozessen zusammen und arbeitet Prinzipien für den Schulunterricht heraus.
Dabei ist es sein Anliegen, dass die Lernprozesse möglichst nachhaltig sind und gerade auch schwächere Schülerinnen und Schüler gute Leistungen erzielen.

Kompetenzen aufbauen: Erfolgreich und nachhaltig!

  1. Nadelöhr Arbeitsgedächtnis als Dreh- und Angelpunkt für alles Lernen
  2. Schrittweise Strukturen bilden und Wissen festigen
  3. Die besten Methoden, damit Ihre SchülerInnen möglichst viel und gut lernen
  4. Hilfreiche interaktive Werkzeuge

Das vollständige Interview als PDF-Datei – mehr


1.  Nadelöhr Arbeitsgedächtnis als Dreh- und Angelpunkt für alles Lernen

Menschliche Aufnahmekapazität ist sehr begrenzt
Wesentlichen Raum in Ihrem Buch nimmt die Architektur des Gedächtnisses ein. Warum widmen Sie dem soviel Platz?

Die Architektur des Gedächtnisses ist Dreh- und Angelpunkt fürs Lernen. Als Pädagoge muss man wissen, wie neues Wissen und neue Kompetenzen erworben und im Gedächtnis verankert werden. Für den Erwerb neuen Wissen und neuer Kompetenzen ist das Arbeitsgedächtnis zuständig. Das ist in seiner Aufnahmekapazität sehr eingeschränkt.

Das Arbeitsgedächtnis kontrolliert den Eingang von Informationen und funktioniert wie ein enger Flaschenhals. Es kann nur etwa sieben neue Chunks oder Informationselemente aufnehmen. Wenn wir in einer fremden Stadt nach dem Weg fragen, wird uns das schmerzlich bewusst.
Wenn die Lernenden neue Informationen verarbeiten, sie auswerten und in Beziehung setzen sollen, können sie vermutlich nur zwei bis drei Informationselemente gleichzeitig berücksichtigen.
Diese natürliche Beschränkung unserer Aufnahmekapazität muss Lehrkräften bewusst sein.

Lösungsbeispiele erleichtern die Aneignung komplexen Wissens
Wie kann man denn in der Schule mit diesem Nadelöhr Arbeitsgedächtnis umgehen?

Die wichtigste Technik ist das Arbeiten mit Lösungsbeispielen. Das interessanteste Experiment dazu wurde schon 1987 veröffentlicht (Zhu & Simon 1987). Dabei wurden den Lernenden z. B. sechs gelöste Mathematikaufgaben gleichen Typs zum Analysieren vorgelegt. Danach sollten sie ebenso viele Aufgaben lösen. So hat man in chinesischen Mittelschulen mehrere Jahre gearbeitet. Das erstaunliche Ergebnis: Die Klassen brauchten auf diese Weise nur noch zwei Drittel der Zeit, um den Stoff zu bewältigen!

Der Grund ist einfach: Wenn sich die Lernenden bemühen, ein Lösungsbeispiel zu verstehen, können sie sich auf den Lösungsweg konzentrieren, ihn nachvollziehen und die entsprechenden kognitiven Strukturen entwickeln. Sie können sich auf die Punkte konzentrieren, die sie noch nicht verstanden haben. Weil ihr Arbeitsgedächtnis nicht überlastet ist, können sie ihre volle Aufmerksamkeit dem Erkenntnisvorgang widmen.

Ich empfehle, mit vier bis sechs Lösungsbeispielen zu arbeiten. Anfangs bekommen die SchülerInnen die Aufgaben komplett gelöst, danach lässt man schrittweise ein wenig weg. So können sich die Lernenden sukzessive das Neue aneignen. Dadurch kann man Lernen erleichtern, letztlich gewinnt man dadurch Zeit!

2. Schrittweise Strukturen bilden und Wissen festigen

Zwei Phasen des Lernens: Aneignung und Verankerung von Wissen
Wiederholen und Üben hat also ebenfalls eine große Bedeutung?

Ja, Sie wollen ja, dass Ihre Schülerinnen und Schüler das Wissen nicht nur wahrnehmen und verstehen, sondern auch behalten. Wer neu erworbenes Wissen behalten will, muss etwas dafür tun.
Wir trennen zwei Phasen des Lernens:

  • Die Phase der Aneignung neuen Wissens und
  • die Phase der Festigung und Konsolidierung des Wissens.

Für jede Phase sind – das kann man empirisch belegen – ganz bestimmte Vorgehensweisen sinnvoll. Bei der ersten Phase der Aneignung sind also Lösungsbeispiele besonders hilfreich.

Phase der Festigung und Konsolidierung von Wissen
Was hilft bei der zweiten Phase, der Festigung und Konsolidierung von Wissen?

Wir gehen zu leicht von der Annahme aus, dass gekonnt wird, was einmal verstanden wurde. Für den Kompetenzaufbau ist verteiltes Lernen wichtig. Man muss systematisch immer wieder Dinge wiederholen und Aufgaben oder kleine Tests dazu stellen.

Lernstoff muss horizontal und vertikal verankert werden. Mit horizontal meine ich, dass bei den Lernenden alle Sinne angesprochen werden sollten, dass der Lernstoff für sie persönlich, für das Leben eine Bedeutung haben soll. Das sollte die Lehrkraft zu vermitteln versuchen.

Mit vertikaler Verankerung sind Wissensstrukturen und Hierarchien gemeint. Das sind Ablagesysteme in unserem Kopf für Informationen. Wer darüber verfügt, kann Wissen dort einordnen und abrufen. Diese Ablagesysteme muss man sich aneignen, gerade Schwächere brauchen dabei Hilfe.
Und dann heißt es natürlich: Üben, üben, üben, …

Wissen vertikal verankern: Strukturen bilden
Sie sprechen von einer vertikalen Verankerung dieser zweiten Phase des Lernens. Können Sie das genauer erklären?

Bei der vertikalen Verankerung geht es um Wissensstrukturen und Hierarchien. Schülerinnen und Schüler müssen in die Lage versetzt werden, Dinge in ihrem Zusammenhang rekonstruieren zu können. Sie müssen zum Selbsterklären befähigt werden. Dazu müssen die Lernenden auch die übergeordnete Struktur überblicken.

Versuche haben ergeben, dass sowohl stärkere als auch schwächere Schülerinnen und Schüler deutlich mehr lernen, wenn Sie den Themenbereich hierarchisch mit ihnen strukturieren und sie ihr Wissen einordnen können. Am hilfreichsten ist ein gemeinsam erarbeitetes Gerüst, das die sachlogischen Zusammenhänge verdeutlicht und Verknüpfungen zu anderen Themenbereichen ermöglicht.

Eine solche "Karte" der Unterrichtsthemen können Sie schrittweise mit den SchülerInnen entwickeln und für Wiederholungen, Zusammenfassungen und Rückschauen nutzen. Ein gutes Beispiel ist ein kognitive Landkarte oder genannter Organizer (Reich 2010).

  • Beispiel: Mindmap zu diesem Interview – mehr

3. Die besten Methoden, damit SchülerInnen möglichst viel und gut lernen

Ihr Buch enthält ja viele Anregungen und Tipps, damit Schüler möglichst viel und gut lernen. Was davon halten Sie für besonders wichtig?
Ich möchte für drei Themenbereiche konkrete Tipps geben. Zunächst beginne ich damit, wie Sie Tests für das Lernen nutzen können.

Tests für das Lernen nutzen
Eine wichtige Erkenntnis aus vielen Forschungen (vgl. Wellenreuther 2009, 149-156; Leahy, Lyon, Thompson & Wiliam 2005) ist, dass Schülerinnen und Schüler durch Testen des Gedächtnisses mehr lernen und behalten als durch nochmaliges Durchlesen eines Textes. Solche aktive Prüfungen dessen, was wir behalten haben, zusammen mit sofortiger inhaltlicher Rückmeldung sind sehr lerneffektiv. Das heißt, dass Sie kleine Tests systematisch zur Lernförderung nutzen können. Dazu einige Anregungen.

  • Kurzwiederholung zu Stundenbeginn
    Beginnen Sie den Unterricht mit der Frage, was den SchülerInnen und Schüler zum aktuellen Unterrichtsthema bzw. der letzten Stunde einfällt. Die Jungen und Mädchen bekommen fünf Minuten Zeit, das für sich zu notieren.
    Dann sammeln Sie die gefundenen Antworten an der Tafel, diskutieren diese kurz mit den Schülern und legen als Zusammenfassung danach eine Folie auf, auf der das Wichtigste steht. Sie erfahren, wo noch Erinnerungslücken bestehen, und können das im nachfolgenden Unterricht berücksichtigen.
  • Freitagstest
    Eine gute Methode ist auch der "Freitagstest". Schreiben Sie jeden Freitag einen kleinen Test mit zehn Aufgaben. Sie können dazu ein Lösungsblatt vorbereiten, auf dem die ausgearbeiteten Lösungen stehen. Dieses wird dann Aufgabe für Aufgabe durchgegangen. Dabei fragen Sie zunächst immer, wer zu richtigen Lösung gekommen ist. Auf diese Weise erfahren Sie, wo noch Verständnislücken bestehen, und können sich im nachfolgenden Unterricht darauf beziehen.
    Man kann den allgemeinen Hinweis geben, dass die SchülerInnen acht der zehn Aufgaben richtig gelöst haben sollten, damit sie gut auf die nächste Klassenarbeit vorbereitet sind. Wer weniger Aufgaben richtig gelöst hat, bekommt zusätzliche Übungen, die Richtigkeit wird mit der Lehrkraft besprochen. Dafür sollten Sie ein zusätzliches Aufgaben- und Lösungsblatt vorbereitet haben.
    Durch solche Tests verlieren SchülerInnen die Angst vor Tests, denn die Tests werden ja nicht zur endgültigen Leistungsfeststellung, sondern als Voraussetzung für Lernhilfen gegeben. Die Schülerinnen und Schüler erfahren: Wenn ihr euch anstrengt, dann könnt ihr auch die Lernziele erreichen.
  • Farbkarten als Rückmeldesignal
    Wenn ein komplexes Thema eingeführt wurde, ist für die Lehrkraft oft nicht klar, welche Schülerinnen und Schüler alles gut verstanden haben und welche noch Hilfen benötigen. Für solche Situationen kann man Farbkarten nutzen: Rote Karte bedeutet "Wenig verstanden", gelbe Karte "Manches /Teils/ Teils", Grüne Karte heißt "Alles verstanden".
    Nun können Sie ganz gezielt reagieren: Wenn die roten Karten überwiegen, werden Sie erneut Lösungsbeispiele analysieren lassen und analoge Aufgaben stellen.
    Wenn nur einige Schüler Verständnisprobleme haben, können Sie diese an einem Tisch versammeln und mit ihnen die ersten Übungsaufgaben besprechen und gemeinsam lösen. Dabei sollten Sie möglichst wenige spezifische Hilfen geben.
  • Wait-Time-Technik im Unterrichtsgespräch
    Ganz einfach und sehr effektiv ist auch die "Wait-Time-Technik". Sie stellen eine anspruchsvolle Frage und fordern die Schülerinnen und Schüler auf, die Antwort zunächst mit dem Nachbarn oder der Nachbarin zu besprechen. Dafür geben Sie ein paar Minuten Zeit.
    Danach melden sich die Schüler nicht, sondern Sie rufen eine Person auf. Damit wird erreicht, dass jeder Schüler, jede Schülerin damit rechnen muss, aufgerufen zu werden. Sie lassen sich die Antwort erklären und halten wesentliche Punkte an der Tafel fest.
    Auf diese Weise werden alle SchülerInnen aktiviert und Sie befassen sich in Ihrem Unterricht nicht nur mit denen, die sich als erste melden, weil sie sowieso alles schnell begreifen. Ihr Unterricht passt sich dem Verständnis aller Schülerinnen und Schüler an.

Immer mit Lösungsbeispielen und Erläuterung
Die Kernidee hinter diesen Vorschlägen ist immer: Lehrkräfte und SchülerInnen erhalten durch Aufgaben und Tests ein zutreffendes Bild des Könnens. Auf dieser Basis können sie den nachfolgenden Unterricht oder die Schüler ihr Lernen planen.

Deshalb sind Lösungsbeispiele bzw. inhaltliche Erläuterungen wichtig, weil dadurch gezielt Lücken geschlossen werden können. Wichtig ist, dass Schüler aktiv werden, passives Konsumieren von Stoff ist wenig effektiv.

Noch ein Tipp: Sie dürfen Ihren Schülerinnen und Schüler ruhig sagen: "Ja, das hast du gut gemacht, aber da musst du dich noch mehr anstrengen!" Versuche haben gezeigt, dass diese Aufforderung sehr wirksam ist. Die Lernenden können sich so Fehler oder Misserfolge erklären und bekommen gleichzeitig einen Weg gezeigt, konstruktiv damit umzugehen.

So geht es weiter:
Tipps für effektive Gruppenarbeit, Klassenmanagement, Motivationk, konstruktiven Umgang mit Störungen samt Checkliste für den Unterricht: PDF-Datei  – mehr

4. Hilfreiche interaktive Werkzeuge

rpi-virtuell bietet verschiedene interaktive Werkzeuge, die als Unterstützung hilfreich sind.

  • Virtuelles Klassenzimmer – Seminarraum
    In einem "virtuellen Klassenzimmer", dem so genannten Seminarraum, lassen sich Übungen und Tests sowie die entsprechenden Lösungen bereitstellen. Darauf kann jederzeit zugegriffen werden, so dass sie bei Bedarf genutzt werden können.
    Dort können auch die Regeln und Vereinbarungen abgelegt werden, die mit der Klasse besprochen wurden. Sie sind damit immer präsent. Außerdem stehen Ihnen dort weitere Werkzeuge wie das interne Forum und das interne Wiki zur Verfügung.
    Lesetipp
    :
    Seminarworkshop:
    Legen Sie in wenigen Minuten ein digitales Klassenzimmer an – mehr

  • Internes Forum
    Das interne Forum im Seminarraum, das nur für die Klasse zugänglich ist, kann genutzt werden, um Vorwissen zu aktivieren und Wissen zu wiederholen. Meinungsäußerungen und Diskussionen tragen zur horizontalen Verankerung bei und verknüpfen Inhalte mit persönlicher Bedeutung.
    Lesetipp:
    – Virtuelle Mitarbeit im Forum bewerten – so gehts! – mehr
  • Wiki
    Das Wiki ist hervorragend geeignet, um gemeinsam Wissensstrukturen und Ablagesysteme zu entwickeln und abzubilden.
    Lesetipps:
    – Das Seminarwiki als kognitive Landkarte – mehr
    – "Locker ins Abi" – Abiturvorbereitung mit Online-Unterstützung – mehr
  • Themenmappen bzw. Portfolios
    Auch mit Hilfe einer Online-Mappe lässt sich Wissen strukturieren und abbilden. Übungen können dokumentiert und überarbeitet werden. Die SchülerInnen können eine solche Mappe allein führen, alternativ kann sie auch arbeitsteilig in einer Arbeitsgruppe gestaltet werden.
    Lesetipp:
    – Portfolioarbeit: So macht Lernen Spaß! – mehr
  • eXpedition
    Mit Hilfe der eXpedition-Mappe formuliert ein Schülerteam selbständig
    eine Frage zum Unterrichtsthema, geht ihr nach und dokumentiert das
    Ergebnis in eigenen Worten. Die eXpedition dient der Aneignung von
    Informationen und der horizontalen Verankerung,  da die Erkenntnisse
    anschließend aus persönlicher Sicht bewertet werden.
    Lesetipp:
    Information und Anleitung:
    Themenwochen Online-Lernen 1/2006 – mehr
  • Online-Quiz
    Kleine Tests sind eine hochwirksame Lernhilfe. Mit dem reliquiz (mehr) oder einem Angebot wie quizmaker (mehr) können Sie selbst solche Aufgaben zusammenstellen.

Martin Wellenreuther, Julia Born

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    Interview mit rpi-virtuell – 23.05.2008: mehr
  • Martin Wellenreuther: "Forschungsbasierte Schulpädagogik. Anleitungen zur Nutzung
    empirischer Forschung für die Schulpraxis"

    Infos bei Amazon: mehr
 

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