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Virtuelle Mitarbeit im Forum bewerten – so gehts!

Ruth Ziemer ist Schulpfarrerin und unterrichtet an zwei Gymnasien. Jedes Halbjahr steht sie vor der Aufgabe, 200 Schülerinnen und Schüler angemessen zu bewerten. Um der Leistung und dem Engagement der Lernenden gerecht zu werden, hat sie eine Methode entwickelt, Forenbeiträge zu benoten. 

 

 

  • Wie honororiere ich Leistung und
    Engagement?
  • Meine Lösung: Das virtuelle Klassenzimmer mit dem interaktiven Forum
  • Die Bewertung von Forenbeiträgen – mit Bewertungsraster
  • Typische Hürden – und wie man damit umgeht
  • Forum: Ein Gewinn – bei richtiger Themenwahl

Wie honororiere ich Leistung und Engagement und finde zu einer angemessenen
Benotung? 

Die Suche nach Bewertungsmaßstäben bringt die wichtige Frage
nach dem Ertrag eines Lernprozesses mit sich. Dieser Herausforderung
muss sich auch die Arbeit in einem virtuellen Klassenzimmer stellen.

Noten als Realität
Ich spare mir an dieser Stelle die berechtigte Grundsatzfrage nach der Angemessenheit einer Bewertung im Religionsunterricht. Grundsatzdiskussionen helfen in der täglichen Unterrichtspraxis nicht weiter, in der Noten die Anerkennung einer Leistung bedeuten und Notendurchschnitte die Zukunft von Schülerinnen und Schülern bestimmen.

Mein Anliegen war es, die Leistung und das Engagement der Schülerinnen und Schüler auch angemessen zu honorieren.

Wie werde ich den Lernenden gerecht?
Als Schulpfarrerin an zwei Gymnasien stehe ich in jedem Halbjahr vor der Aufgabe 200 Schülerinnen und Schüler angemessen zu bewerten. Da Religion in Sachsen-Anhalt nur ein- oder zweistündig unterrichtet wird, kommt der Zeitdruck hinzu.

  • Mit den Klausurnoten kann ich immer ganz gut leben, weil sie auch Wahrnehmungs-, Deutungs- und Beurteilungskompetenzen heranziehen.
  • Mit korrekturfreundlichen Tests bin ich oft unzufrieden, weil hier diejenigen am besten abschneiden, die sich die meisten Lerninhalte ins Kurzzeitgedächtnis pressen können (oder die cleversten Spicker haben).
  • Auch mündliche Noten sind immer subjektiv, weil es schwer fällt, das Sozialverhalten auffälliger SchülerInnen unberücksichtigt zu lassen. Und die Ursachen, die manche Schülerinnen und Schüler eher zurückhaltend sein lassen, sind ebenso vielfältig …

Meine Lösung: Das virtuelle Klassenzimmer mit dem internen Forum

Seit mehreren Jahren sind meine virtuellen Klassenzimmer bei rpi-virtuell ein zweites Standbein in der Bewertung der Kursstufe geworden.
Viele Schülerinnen und Schüler agieren in diesem virtuellen Raum ganz anders als im Unterricht. Die interaktiven Werkzeuge ermöglichen vielfältige Aktivitäten. Dabei sind gerade die Kompetenzen gefragt, die auf das Abitur vorbereiten.

Forum ist einfach, vielseitig und lohnend
Das Forum ist ein vielseitiges und sehr lohnendes Werkzeug, das ich auch
anderen Lehrkräften für den online unterstützten Unterricht empfehlen
kann. Es ist technisch sehr einfach im Seminarraum einzurichten, leicht
zu bedienen und funktioniert in aller Regel problemlos.

Das Forum lässt sich zum Beispiel nutzen

  • für den Einstieg: "Was weiß ich schon über das Thema?" "Was
    interessiert mich?" "Welche Fragen habe ich dazu?"
  • für die Erarbeitung: Brainstorming zu einem Thema, hilfreiche
    Beiträge auf anderen Internetseiten finden und kurz zusammenfassen,
    Lösungsideen für Problemstellungen finden und bewerten, Pro- und
    Contra-Diskussion, …

Im Grunde können wohl die meisten Diskussionsmethoden für
Präsenzveranstaltungen auch an ein Internetforum angepasst werden (vgl.
Sammlung von Diskussionsmethoden im rpi-Wiki, s.u.). 

Vorteile für die Bewertung

  • Das geschriebene Wort ermöglicht eine Vergleichbarkeit der Bewertung über einen längeren Zeitraum als die Momentaufnahmen des Unterrichts.
  • Im virtuellen Klassenzimmer kann ich die Beiträge eines Schülers zu Hause oder in der Freistunde sichten und meine volle Konzentration darauf richten. Im Unterricht habe ich diese Konzentration nicht, da gilt es, das Sachthema voranzubringen und die Schülerinnen und Schüler bei der Stange zu halten.

Die Bewertung von Forenbeiträgen – mit Bewertungsraster

Für mich ist die Bewertung des Forums besonders interessant, weil hier nicht nur inhaltliche
und formale Kriterien eine Rolle spielen, sondern auch kommunikative bzw. soziale
Kompetenzen in die Bewertung einfließen. Folgende Kriterien überprüfe ich für die Bewertung:

Formale Kriterien (20%)

  • Anzahl der Beträge unter Berücksichtigung des Kriteriums: Qualität vor Quantität
  • Übersichtliche Struktur der Beiträge, lieber mehrere kurze Texte als ein monolithischer Block
  • Kontinuierliches Arbeiten
  • Zitation und Querverweise

Inhaltliche Kriterien (50%)

  • Sprachliche Plausibilität
  • Bezug zum Thema: sachbezogene Beiträge vs. Plauderei
  • Begründete Argumentation

Soziale und ethische Kriterien (30%)

  • Bezugnahme auf die Statements anderer Kursteilnehmer
  • Einbringen eigener Diskussionsimpulse
  • Würdigende und konstruktive Kritik

Bewertungsraster

  • Aus diesen Kriterien habe ich ein Bewertungsraster entwickelt. Es kann als Grundlage für die Benotung genutzt werden. PDF-Datei: mehr

Der Mehrwert von Internet-Foren für die Bewertung
Die Bewertungskriterien werden vorab mit der Klasse besprochen. Die Jugendlichen wissen also, worum es geht. So ist der Austausch vorab schon geprägt.

  • "Schwafeln" und "Plaudern" ohne Struktur und Substanz wird schon in der Forumsdiskussion selbst von den Mitschülern enttarnt. Was in der Unterrichtsstunde noch großzügig ausgehalten wird, möchte sich niemand in seiner Freizeit durchlesen. Zum Unterhalten und Plaudern kann man einen eigenen Themenstrang "Cafeteria" einrichten.
  • Das virtuelle Klassenzimmer bietet ein hohes Maß an Transparenz und Vergleichbarkeit für die Schülerinnen und Schüler, da die Bewertungskriterien und die Beiträge im Seminar jederzeit einsehbar sind.
  • Kontinuierliches Arbeiten zahlt sich aus, denn eine Forumsdiskussion kommt nur zustande wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer regelmäßig das Seminar besuchen. Wer in letzter Minute noch zu jedem Thema einen Beitrag schreibt kann sich nicht mehr in die Diskussion einbringen und erhält damit auch keine Punkte in der Kategorie "soziales und ethisches Lernen".

Typische Hürden – und wie man damit umgeht

Was man so als Lehrerin hört, die mit dem Internet im Unterricht arbeitet:

  • "Mein Computer ist schon seit einer Woche kaputt!"
  • "Meine Internetverbindung ist zu instabil / zu langsam!"
  • "Ich habe keinen Internetzugang / komme an keinen Computer!"
  • "Ich habe eine dreiviertel Stunde an einem Beitrag geschrieben und dann hat rpi ihn nicht gespeichert."
  • "Ich hatte das Seminarpasswort vergessen."
  • "Warum haben Sie mich aus dem Seminar geworfen? Wussten Sie nicht, dass ich ‘death666’ heiße?"

Für alles gibt es eine Lösung …

Hier gilt es, gelassen zu bleiben und von Anfang an die Weichen zu stellen:

  • Der Einstieg in die Arbeit mit rpi-virtuell findet in der Schule statt, so dass die Anmeldungshürde genommen ist und alle Schülerinnen und Schüler im virtuellen Klassenzimmer angekommen sind.
  • Das passwortgeschützte Seminar erlaubt Forumsdiskussionen auf der Basis
    des Vertrauens. Alle Seminarteilnehmerinnen und –teilnehmer müssen wissen, mit wem sie
    gerade diskutieren.
    Daher werden klare Regeln für die Wahl des Benutzernamens vereinbart: Tabu sind z.B. die Namen von Mitschülern und extremistische Kennzeichen. 
  • Es kommt häufig vor, dass Forenbeiträge nicht abgespeichert werden, wenn man zu lange daran herumgefeilt hat. Am besten schreibt man sie extern und fügt den fertigen Artikel durch Kopieren und Einfügen in das Formular "Antworten" ein.
    Alternativ: Wenn man merkt, dass Formulieren länger gedauert hat als gedacht, kann man den Text vor dem Abschicken markieren und mit der rechten Maustaste kopieren. Dann kann er problemlos erneut eingefügt werden.
  • Die Schülerinnen und Schüler sollten in der Schule die Möglichkeit erhalten, online arbeiten zu können. Alternativ können Patenschaften für die Arbeit zu Hause gebildet werden.
    Nach meinen Erfahrungen gibt es in jedem Kurs Schülerinnen und Schüler, die gern ihre Hilfe anbieten, wenn es um Computerprobleme geht. Enormes zusätzliches Engagement für Mitschülerinnen und Mitschüler kann natürlich zusätzlich positiv bewertet werden!
  • Grundsätzlich kann ich empfehlen, die Bewertungsmaßstäbe sowie den Hinweis, die Beiträge extern zu sichern, auf die Startseite des Seminars zu setzen unter "Nachrichten" oder als eigenen Menüpunkt (vgl. Anleitung im Hilfewiki: mehr).

Forum: Ein Gewinn – bei richtiger Themenwahl

Ich habe gleichzeitig im Unterricht die Erfahrung gemacht, dass polarisierende Themen nicht für Internet-Foren (und somit auch nicht für die Bewertung) geeignet sind:
Die Aufnahme politisch brisanter Themen in eine Forumsdiskussion kann das eigentliche Anliegen eines Forums zunichte machen. Der virtuelle Raum wird zu einer Plattform missbraucht, um die Überzeugungskraft seiner eigenen Positionen zu testen.

Die Meinung der anderen wird dann nicht mehr als Impuls zum Weiterdenken aufgenommen, sondern als Angriff verstanden, gegen den man sich verteidigen muss. Am Ende stehen festgefahrene Positionen einander gegenüber, die den Menschen hinter einer Meinung vergessen lassen und Aggressionen verursachen, die nicht mehr zu moderieren sind.
Ein Beispiel dafür sind die Kommentare zu folgendem YouTube-Video: mehr

Insgesamt gesehen kann ich auf jeden Fall sagen, dass der Austausch im virtuellen Forum meinen Unterricht bereichert hat und es mir ermöglicht, kompetenzorientierte Lernformen zu realisieren – im Arbeitsprozess und bei der Bewertung.

Ruth Ziemer

 

Ruth Ziemer ist Schulpfarrerin und unterrichtet Evangelische Religion an zwei Gymnasien in Sachsen-Anhalt. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. 

 

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  • Ruth Ziemer: Bewertungsraster für die Mitarbeit im Forum
    PDF-Datei: mehr
  • rpi-Wiki: Diskussionsmethoden mehr
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