Gewaltpotenziale im Islam und im Christentum

Rz-Mohagheghi-Stosch-GewaltHamideh Mohagheghi / Klaus von Stosch (Hg.):
Gewalt in den Heiligen Schriften von Islam und Christentum.
BeitrÀge zur Komparativen Theologie, Band 10.
Paderborn: Schöningh 2014, 186 S., Personenregister — ISBN 9783506772817 —

Angesichts der gegenwĂ€rtigen Weltkonflikte und einer zunehmenden BrutalitĂ€t gegenĂŒber unschuldigen Menschen stellt sich automatisch die Frage, wie die Religionen hier mit Gewalt umgehen. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes haben zusammen mit den Autoren Aggressionspotenziale innerhalb von Bibel und Koran untersucht, um den Spuren von religiöser Gewaltrechtfertigung nachzugehen. Dabei entsteht jedoch keine gemeinsame Zielrichtung. Es geht auch weniger um eine an den Friedenstendenzen in den Religionen sich ausrichtende Hermeneutik. Die Beitragenden beschĂ€ftigen sich stattdessen stĂ€rker mit den verschiedenen Formen von GewaltverstĂ€ndnissen und GewaltĂ€ußerungen in Bibel und Koran.  Diese zeigen sich extrem problematisch, wenn zeitlose und fundamentalistische Interpretationen daraus abgeleitet werden, die das eigene gewaltsame Verhalten legitimieren sollen.

GegenwĂ€rtig-sachgemĂ€ĂŸe Auslegung bietet dagegen die Möglichkeit, die Versöhnungstendenzen in diesen Religionen  stĂ€rker zu betonen. Hier zeigen sich allerdings einige Autoren etwas zu vorsichtig in der WeiterfĂŒhrung exegetisch-historischer Erkenntnisse. Insgesamt ist hier jedoch ein Fundament gelegt, dass die dialogoffene Auslegung jĂŒdischer, christlicher und islamischer Texte im Sinne einer religiös motivierten Friedensethik und Gewaltminderung vorantreiben kann.

AusfĂŒhrliche Beschreibung: hier

Reinhard Kirste

Rz-Mohagheghi-Stosch-Gewalt, 05.10.14     Creative Commons-Lizenz

 

Buch des Monats April 2012: AnfĂ€nge der jĂŒdischen Mystik

Peter SchĂ€fer: Die UrsprĂŒnge der jĂŒdischen Mystik. Aus dem Amerikanischen von Claus JĂŒrgen Thornton. Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel-Verlag 2011, 671 S. Register — ISBN 978-3-458-71037-0
Originaltitel: The Origins of Jewish Mysticism. 
Princeton University Press 2011
    Peter SchĂ€fer arbeitete von 1974-1983 als Professor fĂŒr Judaistik am Martin Buber-Institut der UniversitĂ€t zu Köln, 1983 wechselte er an die Freie UniversitĂ€t Berlin. Seit 1998 hat er zugleich die Ronald-O.-Perelman-Professur fĂŒr JĂŒdische Studien an der Princeton University inne. Er gehört zu den international renommiertesten Judaistik-Forschern und erhielt 2007 den hoch dotierten Preis der “Andrew W. Mellon Foundation”.
Seine breit gefÀcherte Veröffentlichungsliste enthÀlt u.a.:

— Geschichte der Juden in der Antike.
     Die Juden PalĂ€stinas von Alexander dem Großen bis zur  arabischen Eroberung (
1983)
— Mirror of His Beauty: Feminine Images of God from the Bible to the Early Kabbalah(2004)
— Wege mystischer Gotteserfahrung : Judentum, Christentum und Islam (
2006)
Jesus im Talmud (2007)
—-
The Jewish Jesus. How Judaism and Christianity Shaped Each Other (2012)


Die Geschichte der jĂŒdischen Mystik vor der Kabbala ist erstaunlicherweise bislang noch nicht geschrieben worden. Peter SchĂ€fer greift mit seinem Werk hier gezielt ein. Trotz seiner gut verstĂ€ndlichen Sprache werden diejenigen, die nicht mit der Materie vertraut sind, den Spannungsbogen und die facettenreichen exegetischen Details zwischen jĂŒdischer Apokalyptik, Auslegung der nachbiblischen Traditionen und Mystik nicht immer leicht durchschauen. Denn der weite Weg beginnt mit einer ungewohnten Sicht auf die apokalyptisch geprĂ€gte Thronwagenvision des Propheten Ezechiel (Kap. 1) hin zu den sog. apokryphen Henoch-Schriften. Weiterhin stellt SchĂ€fer Qumran, Philo von Alexandrien vor und endet bei der der vorkabbalistischen Merkava(Merkaba)-Mystik. Die vielen Zitate, die die Intentionen von Verfassern und Redaktoren verdeutlichen, belegen auch die Intentionen der einzelnen Schriften.      
Ausgesprochen hilfreich zur Orientierung sind die zusammenfassenden Ergebnisse
(S. 447-482). Die historisch-exegetischen und literarkritischen Details sind in einem ausfĂŒhrlichen Anmerkungsteil untergebracht (S. 483-598).
Die schwierige EinschĂ€tzung von den AnfĂ€ngen der Kabbala im Europa des 12. Jahrhunderts geschieht dabei unter Bezug auf frĂŒhere Entwicklungslinien. Das ernĂŒchternde Fazit: 
Es lĂ€sst sich kein prĂ€zises Ergebnis ausmachen: Die UrsprĂŒnge der jĂŒdischen Mystik bleiben letztlich im Dunkel. So ĂŒberlegt SchĂ€fer auch im Diskurs und teilweiser deutlicher Abgrenzung von anderen Forschern, seit wann man ĂŒberhaupt von jĂŒdischer Mystik sprechen kann. Die Geschichte von der jĂŒdischen Apokalyptik ĂŒber die Qumran-Rollen bis hin zur sog. mystischen Hekhalot-Literatur der SpĂ€tantike stellt sich durchaus als Konglomerat verschiedener Strömungen dar.
Über die historische Aufarbeitung hinaus zeigt die LektĂŒre der herangezogenen Texte etwas GrundsĂ€tzliches: Menschen treiben immer wieder fragend die Sehnsucht weiter, wie man Gott nahe kommen oder in sich aufnehmen kann. Das fĂŒhrt auch dazu, dass SchĂ€fer nicht „definiert“, sondern „jĂŒdische Mystik“ durch entsprechende AnnĂ€herungen umschreibt und sich gegen eine allgemeine Kategorie „Mystik“ wehrt. Das hĂ€ngt schließlich damit zusammen, dass mystische Formen sich aus unterschiedlichen „cultural, religious and historical settings“ entwickelt haben. „Wir sollten auch nicht vergessen, daß das, was wir Mystik nennen, kein Äquivalent in irgendeiner der Sprachen hat, in denen unsere Quellen erhalten sind“ (S. 481).
Dieser Erkenntnis folgend, ergibt sich fĂŒr die von SchĂ€fer vorgestellten und kommentierten Texte immerhin eine systematische Entwicklungslinie in acht Abschnitten mit einer Bilanz im 9. Abschnitt.
1.  Der alttestamentliche Prophet Ezechiel  (6. Jh. v. Chr.) erlebt eine intensive Berufungsvision (Ezechiel [Hesekiel] 1), gewissermaßen unter kosmischen Bedingungen. Das Aufscheinen der Herrlichkeit Gottes in diesem von himmlischen Wesen gezogenen Thronwagen ist zugleich eine AnnĂ€herung an Gott:   
„Der Gott, der Ezechiel erscheint, ist der Gott der ErzvĂ€ter, der Gott des Universums, der (noch) nicht auf den Tempel beschrĂ€nkt ist“ (S. 81).
2./3.  Henoch und sein Kreis, der Aufstieg zum Himmel und Henochs geistige GefĂ€hrten in der Bibel und in der nachbiblischen Wirkungsgeschichte: Es geht um die PrĂ€gung der Henoch-Vision durch diejenige Ezechiels. Im sog. WĂ€chterbuch erfolgt eine strahlende Vision des „Großen“ (S. 93) mit seinen Engeln. Im Testament Levis, dem Jakobssohn, wird u.a. seiner Weihe zum Priester nachgegangen. Er verweist auf den eschatologischen Priester angesichts korrumpierter irdischer Priester. Schließlich beschĂ€ftigt sich SchĂ€fer noch mit den Bilderreden Henochs, um dann das slawische Henochbuchvorzustellen. Die Apokalypse Abrahamszeigt die  Verwandlung des Erzvaters in einen Engel im Gegensatz zum götzendienerischen Verhalten des Volkes Israel. So wurde der Tempel zerstört, aber eine schwache Hoffnung bleibt. In den Apokalypsen der Propheten Jesaja und Zephanja wird das kĂŒnftige Schicksal des Einzelnen betont. Auch Jesaja wird in seiner Schau engelgleich bei seinem Aufstieg bis zum 7. Himmel, aber es bleibt bei ihm ein Erdenbezug. Hier zieht SchĂ€fer im Sinne der geistigen GefĂ€hrten Henochs noch die neutestamentliche Johannesapokalypse heran, die fĂŒr die spĂ€tere Merkava-Mystik eine große Rolle spielt.
4.  Der vierte große Block wird durch die Qumran-Literatur geprĂ€gt. Hier hebt SchĂ€fer nach der geschichtlichen Einleitung hervor: Qumran als Gemeinschaft von wahren Priestern, als eine Gemeinschaft mit den Engeln. Diese werden die Gemeinde auch in der (zu erwartenden) eschatologischen Schlacht begleiten. Qumran ist jedoch zugleich auch eine liturgische Gemeinschaft mit Engeln. Angesichts der vielen Spekulationen um die Gemeinschaft von Qumran ist dies ein spannender, aber auch ernĂŒchternder Zugang im Blick auf die wirkungsgeschichtliche Bedeutung derjenigen Texte, die die Qumaran-Gemeinschaft prĂ€gten: Damaskusschrift, Gemeinderegel, Hymnenrolle, Kriegsrolle. 
Der Autor hebt zur Verdeutlichung besonders die Sabbatopferlieder, und den Selbstverherrlichungshymnus (vermutlich vom wieder erstandenen „Lehrer der Gerechtigkeit“) hervor. Auch hier das ernĂŒchternde Fazit: „Nichts in den Texten von Qumran erlaubt uns, die Vorstellung einer unio mystica, einer mystischen Vereinigung mit Gott, in sie hineinzulesen, eine Kategorie, die von Religionshistorikern (besonders solchen mit christlichen Hintergrund) hochgehalten wird“ (S. 215).
5.  Mit dem Zeitgenossen Jesu, dem Philosophen Philo von Alexandria, verlÀsst SchÀfer die apokalyptische Szenerie und geht auf die absolute Transzendenz von Philos Gott und seiner Vielgestaltigkeit ein, die sich im Logos manifestiert. Im Blick auf den Menschen unterscheidet der Philosoph zwischen Leib, Seele, Sinne und Geist. Mystisches klingt bei der Gotteserkenntnis sowie in der Bildsprache Philos an, und zwar durch die Verwandlung der Seele in ein göttliches Wesen.
6./7. AusfĂŒhrlich kommt SchĂ€fer in diesen beiden Kapiteln auf die Exegese der Rabbinen zu sprechen: Bearbeitung, Auslegung und ErgĂ€nzungen zum biblischen Kanon von der SpĂ€tantike bis ins frĂŒhe Mittelalter. Es geht um GottesannĂ€herung durch Exegese ohne Himmelsreise, und zwar durch Auslegung der Tora und mit Hilfe der Fixierung mĂŒndlicher Traditionen in der Mischna. Sie bilden die Grundlage fĂŒr den Babylonischen und Jerusalemer Talmud. Hinzu kommen die ErgĂ€nzungen in der Tosefta. Man darf sie sicher auch als Reaktion auf die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. sehen. NatĂŒrlich blickt SchĂ€fer wiederum auf die Vision von Ezechiel 1 und den Fortgang dieser Auslegungsgeschichte, die sich nun zu einer Auslegungskette verfestigt. Damit hat sich der Autor die Basis fĂŒr die sog. Merkava-Literatur gelegt, in der es letztlich darum geht, die verdichtende „Anschauung“ auf Gottes Thron zu entschĂ€rfen, vielleicht darf man sogar sagen zu rationalisieren. Die beiden Talmude mit ihren aufschlussreichen redaktionellen Bearbeitungen und erweiterten Geschichten machen eine anti-apokalyptische und anti-ekstatische Tendenz deutlich.
8. Durch diese Kritik der vor-kabbalistischen Strömungen im Judentum lohnt es nun diese Merkava-Mystiker genauer zu untersuchen, deren letzte Formen bis ins 9. Jahrhundert reichen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den sog. Gedulla- und Quedusha-Hymnen, die diese Aufstiege (in einer Reihe von Aufstiegsberichten) zur Gottesschau beschreiben und den Mystiker an die Seite Gottes rĂŒcken. MĂ€rtyrer-ErzĂ€hlungen bekommen angesichts messianischer Heilserwartung verstĂ€rktes Gewicht. Auf dem Weg zum „Aufstieg in die Thronwelt“, mĂŒssen diverse Schwellen ĂŒberschritten und Gefahrensituationen ausgestanden werden. Und vieles erinnert an Ă€hnliche Vorstellungen aus der weit gefĂ€cherten Gnosis und dem Neuplatonismus. Nicht der Exeget steht mehr im Mittelpunkt des Verstehenwollens, sondern der Adept. Es kann hier nicht auf diese umfassende Darstellung der Merkava-Mystiker und der Hekhalot-Literatur bis hin zum 3. Henoch eingegangen werden. SchĂ€fer zieht das Fazit: Angesichts der Unterscheidung von Körper und Seele (was sowohl fĂŒr den Mystiker wie die Gottesvorstellung gilt) in der Hekhalot-Literatur bis hin zum magischen Gebrauch des Gottesnamens fĂŒhren diese (spekulativen) Auslegungstendenzen letztlich wieder zurĂŒck in die Apokalyptik.
9.  Ergebnisse:  
Insgesamt stellt sich eine differenzierte Vielfalt von VerstĂ€ndnisweisen der sog. Thronwagenmystik dar, ohne dass der Rezensent sagen kann, alle VerĂ€stelungen frĂŒher jĂŒdischer Mystik-Vorstellungen wirklich nachvollziehen zu können. Die Visionen des Aufstiegs zu Gott treiben menschliche SehnsĂŒchte dazu, Gott oder dem Göttlichen apokalyptisch, ekstatisch oder eher rationalistisch-exegetisch nahe zu kommen. Damit bleiben solche Suchbewegungen letztlich offen. Es werden nicht einmal ansatzweise endgĂŒltige Antworten gegeben. Peter SchĂ€fer ist diesen durchweg zu hinterfragenden Antworten der Gottes-AnnĂ€herungen im spĂ€tantiken-frĂŒhmittelalterlichen Judentum mit ausfĂŒhrlicher und prĂ€zis bohrender SchĂ€rfe nachgegangen. Er hat mit dieser umfassenden und detailgenauen Abhandlung eine bisher bestehende LĂŒcke im KlĂ€rungsprozess mystischer Literatur des spĂ€tantiken und mittelalterlichen Judentums geschlossen.
Wer sich durch das wahrhaftig nicht leicht zu lesende Werk von Peter SchĂ€fer durchgearbeitet hat, besonders wenn er oder sie kein Spezialist jĂŒdischer religiöser Literatur fĂŒr Apokalyptik, Rabbinen-Exegese und vor-kabbalistischer Mystik ist, wird als aufmerksame/r Bibelleser/in die symboltrĂ€chtige Apokalyptik des Alten und Neuen Testaments in einem neuen, oft ungewohnten Lichte sehen. Gott bleibt das große Geheimnis und alle erklĂ€rende Begrifflichkeit gerĂ€t vor diesem Geheimnis an eine nicht zu ĂŒberwindende Grenze.
Reinhard Kirste
Buch des Monats April 2012

Innerislamische Kontroversen um Koexistenz und Gewalt

Zusammenfassende Rezension   
AusfĂŒhrliche Besprechung:
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Tilman Seidensticker (Hg.): Zeitgenössische islamische Positionen zu Koexistenz und Gewalt.
Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2011; VIII, 184 S., Index der modernen muslimischen Denker
ISBN 978-3-447-06534-4

Das Wort „Islam“ verbindet sich fĂŒr viele mit „Gewalt“. Sich auf den Islam berufende Terroristen rechtfertigen ihr Tun damit, dass sie behaupten, diese GewalttĂ€tigkeiten seien von der islamischen Tradition her gerechtfertigt. Allerdings richtet sich die Gewalt nicht nur gegen „UnglĂ€ubige“, sondern vielfach auch gegen Muslime selbst. Nun gibt es durchaus Gewalt befĂŒrwortende und Gewalt ablehnende Richtungen innerhalb der islamischen Welt. Der Jenaer Arabist und Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker hat nun mit einer Reihe von Fachleuten (ĂŒberwiegend der jĂŒngeren Wissenschaftler-Generation) diese „Islamischen Kontroversen ĂŒber Berechtigung von Gewalt“ genauer untersucht.

Zehn Jahre nach den AnschlĂ€gen vom 11. September in den USA und am Beginn des „arabischen FrĂŒhlings“ stellt sich die Frage nach der möglichen ZwangsmentalitĂ€t einer Religion besonders intensiv. Es lĂ€sst sich ja kaum vorhersagen, welche Entwicklungen in der islamischen Welt insgesamt dominieren werden. Die dogmatisch auftretenden Fundamentalisten fordern eine RĂŒckkehr zu den Regeln und Statuten der Urgemeinde, wohlgemerkt, wie sie diese verstehen. Die Konsequenz ist oft genug, dass sie ihr VerstĂ€ndnis auf konfliktreiche Art und gegen alles „Westliche“ in die Gegenwart zu ĂŒbertragen versuchen. Andersdenkende werden als HĂ€retiker oder UnglĂ€ubige diffamiert. Aber das ist nur die eine Seite, wenn man einmal genauer die innerislamischen Kontroversen betrachtet.
Es geht grundsĂ€tzlich um die Spannung zwischen Toleranz und Gewalt, zwischen Verteidigung von islamischen Errungenschaften und Kampfansage an die UnglĂ€ubigen, die in den unterschiedlichen Auslegungen von djihadzum Ausdruck kommen, nĂ€mlich (Mariella Ourghi, Freiburg). Das Absolutheitsdenken scheint in diesem Zusammenhang eine wesentliche PositionsverschĂ€rfung mitzubringen: Monopolanspruch auf das Paradies (so Johanna Pink, Berlin). Dagegen stehen flexiblere und Dialog offene Haltungen wie die von Said Nursi (1876 [?]–1960, kurdischer Herkunft, TĂŒrkei) und Mahmud Taha (1909 /1911–1985, Sudan), bis hin zur sog. Mardin-Intiative muslimischer Intellektueller von 2010. Die Djihad-Doktrin zwischen gewaltsamem Vorgehen gegen UnglĂ€ubige und Verteidigung des (wahren) Glaubens braucht also eine dringende Neubesinnung, um den Terrorismus gegen sog. falsche Muslime und „westliche UnglĂ€ubige“ auszubremsen. Hermeneutischen MonopolansprĂŒchen bei der aktualisierenden Auslegung der Prophetentradition, der Hadithe, muss darum ein Riegel vorgeschoben werden. Selbst innerhalb des islamistischen Spektrums gibt es inzwischen eine wachsende Ablehnungsfront gegen extreme, sich auf den Koran und die Prophetentradition berufende Gewaltbereitschaft (Rotraud Wielandt, Bamberg). Die Frage bleibt allerdings, ob es eine neue Hermeneutik gegen islamistische Gewalt aus der derzeitigen religiösen Gemengelage heraus geben wird. Die extreme Spannbreite der Djihad-VerstĂ€ndnisse zwischen rĂŒckwĂ€rts gewandter VerĂ€nderung und liberaler Reform hat bekannte Namen an den jeweiligen „Eckpunkten“. Sie reichen von al-Maududi ĂŒber Sayyid Qutb bis zu Fazlur Rahman und Mahmoud Taha.
Dieser Sammelband gibt differenzierende EinfĂŒhrungen in zeitgenössische Kontroversen zum Thema „Gewalt“. Er ist fĂŒr alle empfehlenswert, die als aufmerksame Zeitgenossen die innerislamisch-theologischen, islamistischen und gesellschaftspolitischen Bewegungen besser verstehen wollen. Da das Spektrum dieser Debatte noch wesentlich grĂ¶ĂŸer ist, als in dieser Zusammenstellung angezeigt werden konnte, wĂ€re sicher ein Fortsetzungsband sinnvoll.
Reinhard Kirste

Zwischen Glaubensgewissheit und Gewalt im Islam und Christentum

JĂŒrgen Werbick / Sven kalisch / Klaus von Stosch (Hg.): Glaubensgewissheit und Gewalt Eschatologische Erkundungen in Islam und Christentum.  
BeitrĂ€ge zur Komparativen Theologie Band 3. Paderborn u.a.: Schöningh 2011, 183 S., Namensregister — ISBN 978-3-506-77058-5

Der katholische Systematiker an der UniversitĂ€t Paderborn, Klaus von Stosch, hat sich zum Ziel gesetzt, mit FachkollegInnen auch aus anderen Religionen einen eigenstĂ€ndigen Weg in der interreligiösen GegenĂŒberstellung aktualisierend und dialogoffen zu verfolgen. Seine Besonderheit liegt in einem hermeneutischen Ansatz, den er als „Komparative Theologie in die Debatte einbringt. Dieser soll sich auch von den religionspluralistischen AnsĂ€tzen abheben. Den offensichtlichen Schwerpunkt bilden dabei VerhĂ€ltnisbestimmungen von Christentum und Islam. In der dazu gehörenden Buchreihe sind bisher 5 BĂ€nde erschienen und zwei weitere kurz vor dem Erscheinen (1). Sie nehmen ĂŒberwiegend IdentitĂ€ts-problematiken in der Spannung von Glauben, Gewalt und Freiheit auf.
Der hier vorzustellende 3. Band entstand im Rahmen einer Tagung zum Exzellenzprogramm „Religion und Politik in vormodernen und modernen Gesellschaften“ an der UniversitĂ€t MĂŒnster. Er nimmt sich der sog. „letzten Dinge“ an. Angesichts apokalyptischer Vorstellungen, die bis in die PopulĂ€rkultur reichen, sind die Religionen mit ihren Eschatologien entsprechend herausgefordert. Zugleich fordern solche Vorstellungen mit ihren GlaubensansprĂŒchen bisherige Glaubens- und Lebensmuster heraus, umso mehr auch in ihnen ein „Gewaltförmigwerden“ (S. 9) auffĂ€llig ist. Die Frage der Erlösung angesichts der gegenwĂ€rtigen Unerlöstheitserfahrungen muss darum in Islam und Christentum intensiv und ggf. revidierend bedacht werden.
Nachdem Martin Ebner, Neutestamentler an der UniversitĂ€t MĂŒnster, den Verunsicherungsfaktor eines Endgerichts angesprochen hat, weist er auf die darin liegende Chance, nĂ€mlich, dass das „Ende“ nicht in unserer Hand liegt. Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, vom Religiösen Centrum der UniversitĂ€t MĂŒnster, steigt darum sogleich mit einer verĂ€nderten Interpretation des Jenseits im Sinne von Transformation/Verwandlung ein, bei der Gott in seiner Barmherzigkeit erscheint. Damit verwandelt er den apokalyptischen Gedanken des Strafgerichts zugunsten einer Vervollkommnung des Menschen. In Ă€hnliche Richtung von christlicher Seite argumentiert der Baseler Systematiker Reinhold Bernhardt. Er trennt strikt das Handeln des Menschen vom Handeln Gottes. Nur so kann die “pervertierte SelbstermĂ€chtigung des Menschen“ (S. 63) zurĂŒckgenommen und die Spirale apokalyptisch eingefĂ€rbter Gewalt gestoppt werden. Der Mitherausgeber und MĂŒnsteraner Fundamentaltheologe JĂŒrgen Werbick wendet sich gegen religiöse End-Gewissheiten (S. 67) im Stile von SiegermentalitĂ€t und apokalyptischem Terrorismus. Erlösung geschieht nicht durch Vernichtung, sondern im Sinne einer apokalyptischen Hoffnung, die die Unmenschlichkeit des Vorletzten offenlegt (S. 81), getragen von der „Widerstands-Vergewisserung“ gegen die Unmenschlichkeit fĂŒr ein Leben ohne Tod. Die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi von der UniversitĂ€t Paderborn hebt in ihrer Erwiderung auf diesen Ansatz hervor, dass die Motivation fĂŒr das „Tun des Guten“ durch den Beistandswillen Gottes verstĂ€rkt wird.
Sven Kalisch, ebenfalls Mitherausgeber, ist nach seiner Abkehr vom Islam nun Professor fĂŒr „Geistesgeschichte im Vorderen Orient in nachantiker Zeit“ an der UniversitĂ€t MĂŒnster. Er stellt Jenseitsvorstellungen in der islamischen Theologie vor mit Schwerpunkten auf die islamische Mystik des Mittelalters und die aufklĂ€rerische Mu‘tazila. Hier ist die „Lehre von der ExklusivitĂ€t des Heils im Islam“ zum Teil verinnerlicht worden. Damit tritt neben Auferstehung und Gericht, Paradies und Hölle, der Gedanke der SinnerfĂŒllung des Lebens stĂ€rker hervor. Von diesen teilweise recht unorthodoxen Überlegungen her hinterfragt auch der Mitherausgeber Klaus von Stosch in seiner Erwiderung die „letzten Gewissheiten“ generell auf das in ihnen liegende Gewaltpotential. Die Entwicklung des Monotheismus in Israel ermöglichte faktisch durch die Abschaffung der Götterhierarchie auch die ZurĂŒckweisung menschlicher Hierarchien. Dies scheint jedoch nicht nur ein Vorzug des Monotheismus zu sein, weil der Glaube an den einen einzigen Gott auch zur Abgrenzung und sogar zum Völkermord diente. Es gilt im Sinne christlicher Vollendungshoffnung (offensichtlich anders als im Islam) die „Gewaltpotenziale in dem jeweiligen Denken zu identifizieren und zu pazifizieren“ (S. 115).
Der Leiter des islamischen (schiitischen) Zentrums in Hamburg, Ayatollah Ghaemmaghami stellt mit der Hilfe von M. Djavad Mohagheghi, dem Ehemann von Hamideh Mohagheghi (ĂŒbrigens im Autorenverzeichnis nicht erwĂ€hnt), die Friedensintentionen des Koran in den Vordergrund und sieht auch Möglichkeiten, religiöse MonopolansprĂŒche um einer versöhnten Gesellschaft willen beiseite zu lassen. Das allerdings entbindet nicht vom (möglichen bewaffneten) Verteidigungskampf bei Bedrohung der (religiösen) Freiheiten (nicht nur des Islams). Die endgĂŒltige GlĂŒck-Seligkeit jedoch ist mit der Erkenntnis der „rechtmĂ€ĂŸigen Wahrheit“ verbunden und steht unter eschatologischem Vorbehalt. Wahrheit als „BegrĂŒndetheit“ ist jedoch menschlich möglich (S. 126f). Bei aller Dialogoffenheit des Korans gegenĂŒber anderen Religionen schimmert jedoch sehr deutlich ein inklusives VereinnahmungsverstĂ€ndnis des Glaubens durch. In ihrer Antwort auf die Überlegungen des Ayatollah fragt Anja Middelbeck-Varwick von der Freien UniversitĂ€t Berlin darum mit Recht, ob bei aller ZustimmungsfĂ€higkeit zu den islamischen Friedensintentionen wirklich der Abschied von der Absolutheit schon geleistet sei. Sie stellt diese RĂŒckfrage aber auch an das Christentum, lĂ€sst allerdings offen, wie Joh 14,6 unter multireligiösen Bedingungen zu verstehen sei. DafĂŒr legt sie Wert auf die Betonung der eschatologischen Unterschiede in beiden Religionen: Im Christentum hat die Erwartung des Reiches Gottes erhebliche gegenwĂ€rtige Konsequenzen fĂŒr die GlĂ€ubigen.
Die „eschatologischen Erkundungen“ der BeitrĂ€gerInnen haben bei aller Unterschiedlichkeit deutlich gemacht, dass die Hoffnung auf „das Letzte“ die vorletzten Dinge nicht ausblenden darf. Aber gerade diese Spannung von Letztem und Vorletztem birgt erhebliche Konflikt- und Gewaltpotentiale in sich. Diese schlagen oft gefĂ€hrlich gegen Andersdenkende und „UnglĂ€ubige“ durch, besonders wenn gegenwĂ€rtige Ereignisse und Entwicklungen Glaubensverunsicherung erzeugen, aber verĂ€nderndes Handeln jetztgefragt ist.
Reinhard Kirste, Rz-Werbick-Glaubensgewissheit, 08.02.12
Anmerkung1:
Themen der bisher erschienenen bzw. in Erscheinung begriffenen BĂ€nde –
alle aus dem Schöningh-Verlag Paderborn
  1.   JĂŒrgen Werbick / Klaus von Stosch / Muhammad Sven Kalisch (Hg.): Verwundete Gewissheit.
    Strategien zum Umgang mit Verunsicherung in Islam und Christentum.
    BeitrÀge zur Komparativen Theologie 1 (2010)
    http://blogs.rpi-virtuell.de/ein-sichten/2010/08/03/verwundete-glaubensgewissheit-und-gewaltreaktionen-in-der-begegnung-von-christentum-und-islam/ (Ein-Sichten, 03.08.10)
  2.  Hamideh Mohagheghi / Klaus von Stosch (Hg.):
    Moderne ZugĂ€nge zum Islam. PlĂ€doyer fĂŒr eine dialogische Theologie
    BeitrÀge zur Komparativen Theologie 2 (2010):

    http://blogs.rpi-virtuell.de/ein-sichten/2011/01/16/moderne-zugange-zum-islam/
    (Ein-Sichten 16.01.11)
  3.  JĂŒrgen Werbick / Klaus von Stosch / Muhammad Sven Kalisch (Hg.):
    Glaubensgewissheit und Gewalt. Eschatologische Erkundungen in Islam und Christentum.
    BeitrÀge zur Komparativen Theologie 3 (2011)
  4. Michael Hofmann / Klaus von Stosch (Hg.): Islam und Literatur.
    Islam in der deutschen und tĂŒrkischen Literatur.
    BeitrÀge zur Komparativen Theologie 4 (2011)
  5.  Klaus von Stosch / Muna Tatari (Hg.): Gott und Befreiung.
    Befreiungstheologische Konzepte in Islam und Christentum.
    BeitrÀge zur Komparativen Theologie 5 (2011)
  6.  Klaus von Stosch: Komparative Theologie als Wegweiser in der Welt der Religionen.
    BeitrÀge zur Komparativen Theologie 6 (2012)
  7. Mouhanad Khorchide / Klaus von Stosch (Hg.): TrinitĂ€t –
    Anstoß fĂŒr das islamisch-christliche GesprĂ€ch.
    BeitrÀge zur Komparativen Theologie 7 (2012)