Gemeinde: Schule f√ľrs Leben

openreli. Kompetenzorientierung hin oder her, letztlich geht es um die Frage: Wodurch wird Lernen wirksam und nachhaltig?

Nun k√∂nnte man auch fragen: Kann Unterricht unter den Bedingungen von Schule √ľberhaupt gut werden? Kann der vermeintliche Schutzraum Schule, in dem der Lerngegenstand seiner nat√ľrlichen Umgebung und Bedeutsamkeit entrissen, das “echte”, gef√§hrliche des Lebens allenfalls nachgestellt, aber in der Regel gebannt wird, wie das Smartphone im Pausenhof, ein Ort sein, an dem Lebenswichtiges und Bedeutsames (f√ľr mein Leben wichtig und f√ľr mich im Moment bedeutsam) gelernt wird?

Eva H. erweitert in ihrem Beitrag zu openreli die Frage nach guten Unterricht √ľber Schule hinaus in die gemeindep√§dagogische Arbeit: Was macht gute Arbeit in der Pfarrgemeinde aus?

Im Unterschied zum schulischen Unterricht hat gemeindebezogene Arbeit, vielleicht besser “miteinander lerndende Gemeinde”, den gro√üen Vorteil, dass Lernen nicht in gestellten, ‚Äúklinischen‚ÄĚ Situationen stattfinden muss, sondern wir uns miteinder realen und unsere ganze Person betreffende Herausforderungen stellen und daran mit und von einander lernen k√∂nnen. Ich bin davon √ľberzeugt, dass diese Art von Lernen nicht nur anders anders als in der Schule funtioniert, sondern auch deshalb nachhaltig ist, weil die¬† (√úber-)Lebensfrage davon abh√§ngt. Allerdings denke ich bei gemeindep√§dagogischer Arbeit nicht an schul√§hnliche Lehrarragements (wie Bibelstunde, Konfirmandenunterricht oder Jugendstunden).

Gemeindearbeit bietet die Chance, reale Herausforderungen konkret anzunehmen und sich diesen miteinander zu stellen. Dazu geh√∂ren f√ľr mich ebenso praktische Herausforderungen wie die Organisation einer Tafel oder eines Kirchenstandes auf dem Weihnachsmarkt wie das sich gegenseitige Bef√§higen auf politische oder religi√∂se Ereignisse (z.B.: den Bau einer Moschee in unserem Ort oder die Schlie√üung eines Betriebes, das Mobbing gegen eine Familie, der √úberfall auf den Pfarrer der Partnergemeinde in Kenia ‚Ķ)¬† angemessen reagieren zu k√∂nnen und hilfreiche Handlungsoptionen zu entwickeln.

Welche Bedeutung die “Kernelemente des Gemeindelebens” wie Glaube, Feier, Gebet, Gottesdienst‚Ķ haben, wird sich da zeigen, wo wir uns diese f√ľr die Bew√§ltigung der Herausforderungen miteinander erschlie√üen und als hilfreich und unterst√ľtzend empfinden k√∂nnen, wo wir Lasten der anderen zu unseren eigenen machen, Sorgen (mit-)teilen, Strategien entdecken und entwickeln, um mit dem fertig zu werden, was uns fertig macht. In der Schule (Gemeinde) des Lebens wird nicht vermittelt, sonden miteinander gelernt.

Zu den intensivsten p√§dagogischen und seelsorgerlichen T√§tigkeiten w√§hrend meiner Zeit als Sch√ľlerpfarrer geh√∂rte der Aufbau einer christlichen Kulturkneipe. Viel gab es zu lernen: praktische, organisatorische, rechtliche und technische Dinge (zum Beispiel. wie ein Tresen gebaut sein muss, damit dieser sowohl f√ľr Rollstuhlfahrer als auch von Menschen ohne k√∂rperliche Behinderung als gemeinsame Theke empfunden wird). Vor allem waren es die intensiven Gespr√§che unter den weit √ľber 100 freiwilligen Helfern, die sich Woche f√ľr Woche, Monat f√ľr Monat nicht nur miteinander organisierten, sondern stets auch den Sinn dieser ehrenamltlichen Arbeit neu definieren mussten. Nachhaltig war es f√ľr mich, weil viele, die sich dort kennengelernt haben, inzwischen Familen sind. Zwei gr√∂√üere Lebens- und Wohngemeinschaften sind entstanden. Einige haben mitgearbeitet, weil sie im normalen beruflichen Leben keinen Platz mehr gefunden haben. Manche von diesen Menschen, die diesen Ort f√ľr uns so besonders gemacht haben, sind inzwischen gestorben(MS, HIV, Krebs). Das alles war und ist Teil dieser Herausforderung, in der viele Kompetenzen ausgebaut werden mussten, um den Anforderungen begegnen zu k√∂nnen.

Wie Lernen sein kann, könnte Schule von Kirche lernen.


cc-by joachim happel // Foto von Louis-F. Stahl (cc-by-sa): Infostand “Sch√ľler helfen leben