Das Erbe des 2. Vatikanisches Konzils: Wirkungen und Visionen

Rz-Vaticanum IILieven Boeve / Mathijs Lambergts / Terrence Merrigan (eds.):
The Contested Legacy of Vatican II. Lessons and Prospects.

Louvain Theological & Pastoral Monographs, vol. 43.
Leuven (B): Peeters 2015, XVII, 225 S.
— ISBN 978-90-429-3206-7 —

Das 2. Vatikanische Konzil geh√∂rt zu den gro√üen kirchenreformerischen Aufbr√ľchen in der Katholischen Kirche., Es hat bis heute auch erhebliche Wirkungen auf die anderen Konfessionen. Mit der Erkl√§rung ‚ÄěNostra Aetate‚Äú wurden der Umgang und die Begegnung mit anderen Religionen wegweisend. Die Kirche √∂ffnete sich, um den Dialog auf ein neues Fundament von Hochachtung und Respekt zu stellen und so den anderen religi√∂sen Traditionen auch Teilhabe an der g√∂ttlichen Wahrheit zuzugestehen.

50 Jahre danach lohnt darum ein R√ľckblick, besonders was den entscheidenden Ansto√ü betrifft, den Papst Johannes XXIII. mit dem Wunsch nach aggiornamento gab und der in der Pastoralkonstitution ‚ÄěGaudium et Spes‚Äú seinen aktuellen Ausdruck fand. Den Herausforderungen der Moderne wollte man nicht mit den alten dogmatischen Versatzst√ľcken begegnen. Es galt vielmehr die Zukunft des christlichen Glaubens und der (Katholischen) Kirche zu bedenken und f√ľr eine sich rasch √§ndernde Welt vorzubereiten. Das hatte geradezu vision√§re Kraft.

Was ist daraus geworden?¬† Bereits der Titel ist Signal: ‚ÄěDas umstrittene Erbe des 2. Vatikanums‚Äú. Hier sind die Analysen, Bewertungen und Zukunftsaussichten von acht prominenten Konzilsspezialisten zusammengestellt. Sie gehen bestimmten Schwerpunkten der konziliaren (Wirkungs)- Geschichte nach. Sie halten dabei bewusst am Aufbruch in (neue) theologische Freiheiten fest, gerade weil solche Ver√§nderungstendenzen in der kirchlichen Hierarchie nachkonziliar teilweise bewusst wieder blockiert wurden.

Eine Kirche, die bei allen Differenzen sich die der freudigen Kraft des Hl. Geistes vergewissert, ist trotz allem¬† auf einem Zukunft weisenden Weg. Den Herausgebern und Autoren ist zu danken, dass sie dieses wichtige Erbe der Kirche¬† in ein hoffnungsvolles Licht ger√ľckt haben. Das ist nicht nur f√ľr die Katholische Kirche ein wichtiges Signal in einer sich wandelnden Welt.

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Reinhard Kirste

 Rz-Vaticanum II, 17.11.15 Creative Commons-Lizenz

Buch des Monats Juni 2015: Konfuzianismus verstehen

Rz-Zotz-KonfuzianismusVolker Zotz: Der Konfuzianismus.
Wiesbaden: Marix 2015, 224 S. — ISBN 978-3-7374-0975-9 —

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Volker Zotz (geb. 1956) geh√∂rt zu den Spezialisten f√ľr Buddhismus und Konfuzianismus . Er lehrt seit 1999 an der Universit√§t Luxemburg.

In dieser Einf√ľhrung¬† unternimmt der Autor¬† in 9 Kapiteln¬† eine Reise zum Leben einer ungew√∂hnlichen Pers√∂nlichkeit und dessen Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart.

Zotz zeichnet das Leben des Konfuzius mit seinen H√∂hen und Tiefen: Der Weg vom Beamten zum Lehrer und Politiker. Seine Wert und Normvorstellungen und die damit zusammenh√§ngende Staatstruktur sind wegweisend und im besten Sinne frag-w√ľrdig besonders im asiatischen Raum geworden. Die philosophisch-ethischen Wirkungen insgesamt sind un√ľbersehbar bis in die Moderne hinein und zugleich eine Herausforderung und Anfrage an den Westen. Die Gr√ľnde liegen im Gedanken der Selbst√ľberwindung und der ‚ÄěBezogenheit aller aufeinander, des Menschlichseins im R√ľckkehren zu den Gepflogenheiten eines keinem Zweck unterworfenen Daseins in sozialer Geborgenheit ‚Ķ‚Äú (S. 219).
Mit dieser leicht geschriebenen und doch sorgsam recherchierten Einf√ľhrung in den Konfuzianismus gibt Volker Zotz wichtige Einblicke in √∂stliche Lebensweisen mit ihren lebensanschaulichen Wurzeln.

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Reinhard Kirste

Rz-Zotz-Konfuzianismus, 26.05.15

Buch des Monats Mai 2015: Ent-R√ľstung

Rz-K√§√ümann_Wecker-Entr√ľstetMargot K√§√ümann / Konstantin Wecker (Hg.):
Entr√ľstet euch ! Warum Pazifismus f√ľr uns das Gebot der Stunde bleibt.
Texte zum Frieden.
G√ľtersloh: G√ľtersloher Verlagshaus 2015, 208 S.
— ISBN: 978-3-579-07091-9 —

Dem Mitgef√ľhl Raum
und dem Pazifismus eine Stimme geben

In diesem Buch kommt intensives pers√∂nliches Engagement f√ľr Gewaltfreiheit und Frieden mit angenehmer Bescheidenheit zum Ausdruck. Die Autoren wissen n√§mlich, dass sie nicht den Schl√ľssel zum endg√ľltigen weltweiten Frieden haben. Sie machen aber klar, dass Kriege immer wieder neue und gr√∂√üere Konflikte verursacht haben. Die Gefahr angesichts der Brutalit√§ten weltweit ist, dass das Mitgef√ľhl stirbt (S. 21). Aber genau aus diesem Mitgef√ľhl heraus muss der Widerstand wachsen, Konflikte milit√§risch zu l√∂sen. Man darf nicht vergessen, dass immer wieder zur sog. Sicherung von (westlichen) Werten und Interessen sinnlos viele Menschenleben vernichtet werden.
Dieses aufr√ľttelnde Buch wird keineswegs die mehrheitliche Zustimmung der Gesellschaft finden. Auch die Massenmedien lassen sich vermutlich nicht zu einem generellen Umdenken bewegen. Aber der Ruf, wirklich Frieden zu machen und nicht mehr ‚Äěden Krieg zu lernen‚Äú (Jesaja 2,4), muss noch viel deutlicher zur Sprache kommen. Im Grunde m√ľssten die hier vorliegenden Texte zum Pazifismus Pflichtlekt√ľre in der Schule und in den Bildungseinrichtungen werden.

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

Reinhard Kirste

Rz-K√§√ümann-Wecker-Entr√ľstet, 01.05.2015 ¬† Creative Commons-Lizenz

 

 

Täuschungen РList und Lebenskunst: Strategien des Überlebens

Rz-Schweska-L√ľgeStrategien¬† der T√§uschung udn Verstellung gibt es in allen Kulturen, obwohl sich die religi√∂sen Traditionen offensichtlich gegen pers√∂nliches und politisches L√ľgen und Betr√ľgen mit aller Deutlichkeit wehren. Bei genauerer Hinsicht auf diese durchaus interkulturellen Ph√§nomene der sog. List f√§llt jedoch auf, dass Differenzierung not tut, denn augenscheinlich werden hier nicht nur Durchsetzungsstrategien, sondern √úberlebensm√∂glichkeiten angesichts von Bedrohung thematisiert.

Im chinesischen Kukturkreis spielen dabei die 36 Strategeme eine gro√üe Rolle. Hier hat der Schweizer Jurist und Sinologe Harro von Senger durch seine Forschungsarbeit wesentliche Erkenntnisse gerade f√ľr den “Westen” gebracht. Aber auch die arabische Welt kannte bereits im Mittelalter Strategien, die zur Lebenssicherung und der Abwehr von Bedrohungen dienten. So hat die “List” keineswegs nur negative oder moralisch zweifelhafte Aspekte. Selbst in Europa gibt es im Konfliktfeld notwendiger T√§uschung heitere Elemente gelingender kreativer Lebenskunst.

Hier mehr zu den B√ľchern von
Harro von Senger,
dem arabischen “Buch der T√§uschungen” und
einer Zusammenstellung europäischer Texte aus vielen Jahrhunderten
zum Themenbereich von List, Täuschung, Geheimhaltung und Lebensstrategien.

Creative Commons-Lizenz

 

Islam und interreligiöses Lernen

Rz-Islam-bpbBundeszentrale f√ľr politische Bildung (Hg.): Islam. Politische Bildung und Interreligi√∂ses Lernen.
Arbeitshilfen f√ľr die politische Bildung.
Bonn 2002-2006, 8 Module (in 5 Material-Lieferungen), mit dem vollständigen Bild- und Textmaterial auf CDs.
Wissenschaftliches Autorenteam
‚Äď Projektleitung: Wolfgang B√∂ge, J√∂rg Bohne;
f√ľr die bpb: Franz Kiefer (verantwortlich)

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

Seit mehr als sechzig Jahren hat die Bundeszentrale f√ľr politische Bildung das Anliegen, den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen zu erm√∂glichen. Dabei dient die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen vor allem dazu, um Vorurteile abzubauen, damit Verst√§ndigung und ein interreligi√∂ser Dialog √ľberhaupt stattfinden kann. Das gestellte Material zum Islam von der bpb ist √ľbersichtlich und strukturiert aufgebaut. Durch einleitende Kommentare oder orientierende Briefe wird der Leser mit den Intentionen der Autoren vertraut gemacht, so dass ein Einstieg in die Thematik leichter gelingt. Die Inhalte √ľberzeugen durch Vollst√§ndigkeit und umfangreiche Zusatzinformationen, sowie detaillierte Definitionen von eher unbekannten Begriffen aus dem Islam. Neben diesen Definitionen werden auch Karikaturen und Bilder abgedruckt, so dass man zwischen verschiedenen Zug√§ngen zur Thematik w√§hlen kann. Besonders gut eignen sich die Materialhefte und die CDs als Nachschlagewerk f√ľr Lehrer- und Lehrerinnen sowie an Religion interessierte Menschen.

Die Materialien sind nach Jahrgangsstufen sortiert und erm√∂glichen so eine unkomplizierte Art der Unterrichtsvorbereitung. Zusammenfassend kann man festhalten, dass die reichhaltigen Materialhefte und CDs zum Islam eine wirklich gelungene Informationsquelle sowie ein Nachschlagewerk f√ľr (angehende) Lehrer/innen ist. Neben den f√§cher√ľbergreifenden Themen √ľberzeugen die Inhalte zudem mit ziemlicher Vollst√§ndigkeit und √ľbersichtlicher Klarheit.

Katja Niederbiermann
im Rahmen des Seminars Vielfalt des Islam
im Wintersemester 2013/2014 an der TU Dortmund

TU-DO/WiSe 2013/2014/Rz-Islam-bpb, 03.12.13    Creative Commons-Lizenz

 

 

 

 

 

 


[1]    Im Folgenden bpb genannt.

[2]¬†¬† Thomas Kr√ľger,CD 1, Vorwort S.3

[3]   CD 1, S. 12

[4]   CD 1, S. 14

[5]   CD 1, S. 52

[6]   CD 2, Vorwort an die Kollegen und Kolleginnen, S. 88

[7]   Materialien zu finden unter http://www.bpb.de/shop/

Perspektiven religiöser Bildung im zusammenwachsenden Europa

Rz-Schreiner-Religion-EuropaPeter Schreiner: Religion im Kontext einer Europäisierung von Bildung.
Eine Rekonstruktion europäischer Diskurse und Entwicklungen aus protestantischer Perspektive. Religious Diversity and Education in Europe.

Vol. 22. M√ľnster u.a.: Waxmann 2012, 402 S.¬†¬†¬†¬†¬†¬†
(zugleich Dissertation Universit√§ten Erlangen-N√ľrnberg¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†
und Vrije Universiteit Amsterdam 2012)
— ISBN 978-3-8309-2801-0 —
Rezension von Prof. Dr. Martin Schreiner (Universität Hildesheim),
zuerst erschienen in:
Theo-Web. Zeitschrift f√ľr Religionsp√§dagogik 12 (2013), H.1, 187-279

im Rahmen einer umfassenden Sammelrezension:
Von ‚ÄěGlobalisierte Religion‚Äú √ľber ‚ÄěEmpathische Bibeldidaktik‚Äú bis zum
‚ÄěKompendium der fr√ľhchristlichen Wundererz√§hlungen‚Äú‚Äď Beachtenswerte
Neuerscheinungen f√ľr die religionsp√§dagogische Handbibliothek.

Die jeweiligen Schwerpunkte der hier ausgewählten Besprechung sind redaktionell durch Fettschreibung hervorgehoben!

Die Gesamtbesprechung kann eingesehen werden unter:
http://www.theo-web.de/zeitschrift/ausgabe-2013-01/15.pdf

Der Rezensent betont insgesamt die Wichtigkeit dieser vorgelegten Situationsanalyse und beginnt mit der klar konturierten Zielrichtung, die Peter Schreiner in seiner Einleitung formuliert und damit zugleich den europäischen Bildungshorizont unter religiöser Fokussierung anspricht:

‚Äě>In der Studie wird die Bedeutung von Religion im Kontext einer Europ√§isierung von Bildung untersucht. Ein Ausgangspunkt ist dabei, dass europ√§ische Prozesse in vielf√§ltiger Weise auf nationale Bildungs- und Ausbildungssysteme einwirken (Europ√§isierung von Bildung) und dass die europ√§ischen Institutionen, der Europarat und die Europ√§ische Union, zentrale Akteure in der Veranlassung und der Entwicklung dieser Prozesse sind. Ihre Positionen und ihre inhaltlichen Konzepte materialisieren sich dabei in zahlreichen politischen Dokumenten, die bislang im Rahmen der Forschung noch nicht hinreichend beachtet und untersucht wurden … Ergebnisse der Analyse werden, orientiert an den zentralen Kategorien ‚ÄöReligion‚Äė und ‚ÄöBildung‚Äė, zusammenfassend dargestellt und von einer protestantischen Perspektive aus diskutiert. Die Studie wird mit einem Res√ľmee und mit Anregungen zur Weiterentwicklung der Forschung sowie f√ľr Bildungspolitik und eine weitergehende Europ√§isierung evangelischer Bildungsverantwortung abgeschlossen< (11).

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

Martin Schreiner

Creative Commons-Lizenz

 

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

Buch des Monats Juli 2013: Reformer im Islam

Rz-Amirpur-Islam-neuKatajun Amirpur: Den Islam neu denken. 
Der Dschihad f√ľr Demokratie, Freiheit und Frauenrechte
Beck`sche Reihe: bsr 6075. M√ľnchen: C.H. Beck 2013. 256 S. Abb.
— ISBN 978-3-406-64445-0

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Die Autorin, inzwischen Professorin f√ľr Islamische Studien in der Akademie der Weltreligionen der Universit√§t Hamburg, hat sich schon l√§ngst einen Namen gemacht, nicht nur als Journalistin zum Thema Islam, sondern auch als kompetente Islamwissenschaftlerin. So nimmt man mit Spannung ihre neue Publikation zur Hand, weil schon der Titel ahnen l√§sst, dass es hier um ein dem Islam gem√§√ües und zugleich modernes Verst√§ndnis dieser oft diskreditierten Religion geht. Das Vorurteil eines nicht der Moderne f√§higen und unaufgekl√§rten Islams m√∂chte Katajun Amirpur nicht nur allgemein begegnen, sondern dies auch konkret an ReformerInnen des Islams nachweisen.

F√ľr ihre beeindruckende Vorstellung  islamischer Neudenker  hat die Autorin aus der gro√üen und allgemein wenig beachteten Vielzahl von Reformern die folgenden ausgew√§hlt: Nasr Hamid Abu Zaid, Fazlur Rahman, Amina Wadud, Asma Barlas, Abdolkarim Soroush und Mohammed Mojtahed Shabestari.

Bilanz
Die hier zusammen gestellte Auswahl progressiver islamischer Denkerinnen und Denker best√§tigt, dass es ‚Äěden Islam‚Äú nicht gibt, sondern auch innerislamisch intensiv um ein angemessenes heutiges Verst√§ndnis des Korans und islamischer Lebensgestaltung gerungen wird. Gerade angesichts der vielen Vorurteile gegen√ľber der geistigen Unbeweglichkeit des Islam ist dieses Buch eine notwendige Klarstellung. Auch weil es gut recherchiert und √ľbersichtlich zu lesen ist, w√§re zu w√ľnschen, dass diese hier vorgestellten Muslime einer breiten √Ėffentlichkeit bewusst werden.

Dieses Buch gibt damit wertvolle Impulse, die Reformgedanken muslimischer Theologen gesellschaftlich und praktisch umzusetzen.

Reinhard Kirste

 Rz-Amirpur-Islam-neu, 30.06.12   

Buch des Monats Mai 2013: Macht und Ohnmacht der Religionen

Rz-Boberski-WeltmachtHeiner Boberski / Josef Bruckmoser: Weltmacht oder Auslaufmodell.
Religionen im 21.Jahrhundert
.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2013, 222 S.
— ISBN 978-7022-3239-9 — auch als E-Book erh√§ltlich

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

¬†Die beiden Journalisten und zugleich theologisch kompetenten Sachbuchautoren Heiner Boberski (Wiener Zeitung) und Josef Bruckmoser (Salzburger Nachrichten) nehmen sich in leicht lesbarer, aber keineswegs populistischer Form den Schwankungsfeldern von Religion an. Sie konstatieren f√ľr die Gegenwart Ablehnung von (organisierter) Religion einerseits und neue religi√∂se, oft seltsame Ph√§nomene andererseits. Ihre Einsch√§tzungen sichern sie immer wieder mit statistischen Belegen ab. Hinzu kommen medienwirksame Auftritte religi√∂ser Pers√∂nlichkeiten wie die des Dalai Lama und der P√§pste. Darum lohnt sich ein genaueres Nachschauen, denn: ‚ÄěDie religi√∂se Weltkarte ist ‚Ķ im Lauf der Geschichte nie √ľber l√§ngere Zeit stabil geblieben … ‚Äú (S. 20).

Letztlich wirken Religionen am intensivsten und √ľberzeugendsten mit ihrer dialogischen Friedensmacht, immer wieder gepr√§gt durch Vorbilder des engagiert gelebten Glaubens. So gesehen sind sie keineswegs ein Auslaufmodell. Wichtig aber bleibt, dass nicht immer wieder religi√∂s motivierte Brutalit√§t, diese Vers√∂hnungskr√§fte diskreditiert. Das vorliegende Buch stellt angenehmerweise nicht nur Fragen oder referiert Gesellschaftsanalysen, sondern zeigt, wie Religionen als Br√ľcken einer gerechten und solidarischen Zukunft der Menschheit dienen k√∂nnen ‚Äď eine sch√∂ne Verbindung und ein wichtiger Aufruf zu respektvoller Verbindlichkeit gegen√ľber allen Andersglaubenden. Es ist ein Buch, dem man viele Leser w√ľnschen m√∂chte.

Reinhard Kirste 

Rz-Boberski-Weltmacht, 27.04.13

 

 

Europa im Orient – Der Orient in Europa

Der letzte Band der von der Interreligi√∂sen Arbeitsstelle (INTR¬įA)  herausgegebenen Reihe Religionen im Gespr√§ch (RIG) hat angesichts der wensentlichen gesellschaftlichen, politischen und religi√∂sen Ver√§nderungen im mittel√∂stlichen Raum und in der arabischen Welt nichts von seiner Aktualit√§t verloren. Gef√§hrliche Konfliktsituationen und beeindruckende Aufbr√ľche durch die Begegnung der verschiedenen Religionen und Kulturen liegen hier dicht beieinander. Die vorliegenden Besprechungen nehmen darauf mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung Bezug.
Reinhard Kirste, Paul Schwarzenau,  Udo Tworuschka (Hg.):
Europa im Orient – der Orient in Europa.

Religionen im Gespräch Bd 9 (RIG 9).
Balve: Zimmermann 2006, 528 S. — ISBN 3-89053-106-7
Inhaltsverzeichnis: hier  ——————————————————————————————

Thematische √úbersicht und Orientierungsbeispiel:
Globalista-Tour Рzu europäischen muslimischen Identitäten
Pia Stumpf und Jan-Wilhelm Bauckloh genannt Lohmann
im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund, SoSe 2012
Der Herausgeber, Reinhard Kirste (geb. 1942) ist nicht nur evangelischer Theologe und Lehrbeauftragter der Technischen Universit√§t Dortmund, sondern auch Koordinator der Interreligi√∂sen Arbeitsstelle (INTR¬įA) e.V. in Westfalen. Zusammen stellte er mit. Udo Tworuschka (geb. 1949), bis 2011 Professor f√ľr Religionswissenschaften an der Theologischen Fakult√§t der Friedrich-Schiller-Universit√§t Jena, und Paul Schwarzenau (1923 ‚Äď 2006), Professor der Technischen Universit√§t Dortmund f√ľr Evangelische Theologie und ihre Didaktik, den Schriftenband ‚ÄěEuropa im Orient ‚Äď Der Orient in Europa‚Äú zusammen.


Dieser Schriftenband, aus der Reihe ‚ÄěReligionen im Gespr√§ch‚Äú, ist in vier Teilbereiche unterteilt. Der erste Hauptblock umfasst 21 Beitr√§ge zum thematischen Scherpunkt ‚ÄěOrient und Orientalismus vom Mittelmeer bis nach Fernost‚Äú, die im jeweiligen Anschluss von einer Kurzzusammenfassung auf Deutsch, Englisch, Franz√∂sisch und Spanisch begleitet werden. Aus diesem Block wird unten ein Essay von Fatma Sagir genauer beleuchtet. Der zweite Hauptblock umfasst 12 spezielle Dokumente oder Berichte. Im dritten Teil werden sechs grunds√§tzliche Beitr√§ge zum interreligi√∂sen Dialog angef√ľhrt.  Im vierten Teil werden 27 Rezensionen vorgestellt.
Im Anschluss finden sich weitere Informationen zu aktuellen Ereignissen aus den Jahren 2004 bis 2006, Informationen zum INTR¬įA-Projektpreis f√ľr Komplementarit√§t der Religionen und Informationen √ľber die Autorinnen und Autoren der einzelnen Beitr√§ge.
Orientierungsbeispiel:
Zu dem thematischen Schwerpunkt verfasste Fatma Sagir, Nachfahre muslimischer Migranten in Europa und seit 2005 Lektorin der t√ľrkischen Sprache an der Albert-Ludwigs-Universit√§t in Freiburg, ein Essay mit dem Titel ‚ÄěGlobalista Tour ‚Ķ zu europ√§ischen-muslimischen Identit√§ten‚Äú.
In diesem Essay verbindet sie eine Reise als Erwachsene von Deutschland in die T√ľrkei mit den Erlebnissen aus ihrer Kindheit auf exakt eben dieser Reise. In diese Reise, mit ihren vielseitigen Eindr√ľcken, sind Informationen und Gedanken zum Thema Migration, europ√§isch-muslimischer Identit√§t und allgemeine √úberlegungen zum Thema Reisen verflochten. Dabei liegt der Hauptfokus auf der Identit√§tssuche und Identit√§tsfindung. Zuletzt wird Istanbul als ‚ÄěSchmelztiegel der Kulturen‚Äú beschrieben und einen Blick auf die muslimische Jugend geworfen.
Stilistisch setzt Fatma Sagir in ihrer Reise dem ‚ÄěAufbrechen‚Äú ein ‚ÄěAnkommen‚Äú gegen√ľber. Das Element des ‚ÄěAufbrechens‚Äú bezieht sich hierbei auf die Thematik von Migration und Reisen, w√§hrend das ‚ÄěAnkommen‚Äú die Diversit√§t der Gesellschaft als Chance darstellt. Unter den Teil√ľberschriften ‚ÄěCrossing the bridge ‚Ķ‚Äú und ‚ÄěGlobalista Beats‚Äú beschreibt sie die Landeseigenschaften und Landesph√§nomene mit der neuen jungen Generation der muslimischen Jugend.

Islamisch-theologische Ausbildung an Universitäten Europas

Ali √Ėzg√ľr √Ėzdil:
Islamische Theologie und Religionspädagogik in Europa.

Stuttgart: Kohlhammer 2011, 340 S.
(zugleich Diss. Universit√§t Hamburg 2009) —
ISBN 978-3-17-021936-6
‚Äď Im Anhang √úbersichten, Adressen mit weiteren Informationen zu den untersuchten Bildungseinrichtungen ‚Äď

Der Autor Ali-√Ėzg√ľr √Ėzdil geh√∂rt zur j√ľngeren Generation islamischer Theologen in Deutschland, die ihr Hauptaugenmerk auf Bildung, Integration und Dialog der Religionen richten. Als Direktor des islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts (IWB) in Hamburg hat er Theorieans√§tze und Praxiserfahrungen konkret miteinander verbunden. Zugleich ist es ihm aber wichtig, der islamischen Theologie in Deutschland eine eigenst√§ndige Stimme zu geben. Mit seiner hier nun auch einem gr√∂√üeren Leserkreis zug√§nglichen Dissertation zieht er eine Zwischenbilanz, die sich besonders auf islamische Studienm√∂glichkeiten f√ľr Religionslehrer/innen, Theolog/innen und Imame in Europa bezieht, jedoch wichtige Theologische Fakult√§ten in √Ągypten, Iran und der T√ľrkei mit einbezieht. Konkretisiert und exemplifiziert wird dieser umfassende Durchgang durch Bildungsinstitutionen mit Interviews von Dozenten und Studierenden in folgenden L√§ndern: √Ągypten, Iran, T√ľrkei, Gro√übritannien, Spanien, Niederlande, √Ėsterreich, Frankreich, Norwegen, Belgien, Schweiz und nat√ľrlich Deutschland.


Bei einer solchen Untersuchung mit 13 einbezogenen L√§ndern ist allerdings auch zu ber√ľcksichtigen, dass die teilweise verst√§rkte positive Entwicklung ‚Äď auch im universit√§ren Bereich ‚Äď ‚Äěnur‚Äú einen Zwischenstand wiedergeben kann. Dieser ist allerdings f√ľr weitere Ver√§nderungen wichtig, besonders ‚Äď wenn er wie hier ‚Äď gut dokumentiert ist. Damit lassen sich weitere Untersuchungen auf diese Forschungsarbeit aufbauen.
Entscheidend ist die von √Ėzdil genannte Hauptintention der Arbeit, die darin liegt ‚Äědie Islamischen Studien auf dem Gebiet des Islam in Europa und insbesondere hinsichtlich der wissenschaftlichen Verankerung des Islam auf Hochschulebene voranzutreiben‚Äú (S. 15). Nach Jahrzehnten der Einwanderung von Muslimen aus den verschiedenen L√§ndern der T√ľrkei, des Nahen und Mittleren Ostens, S√ľdasiens und Nordafrikas wird es immer dringender, dass angesichts des multikulturellen Spektrums und der unterschiedlichen Ausrichtungen des Islam die dadurch aufbrechenden Probleme und Herausforderungen gerade im Erziehungs- und Bildungsbereich endlich ernsthaft und konsequent angepackt werden. Die Frage, ob ‚Äěder Islam zu Deutschland geh√∂rt‚Äú mutet dabei wie eine politische Scheindebatte an, die die wahren Probleme und Ver√§nderungsnotwendigkeiten nur verschleiert.
√Ėzdil geht nun so vor, dass er bei seiner Analyse drei Ebenen miteinander vergleicht, die f√ľr das Gesamtverst√§ndnis notwendig sind und zugleich die Quellenlage offenlegen: Analyse der Selbstdarstellungen der Institutionen mit ihrem Studienmaterial, Pr√§sentationen im Printbereich und im Internet, die Auswertung der Gespr√§che mit Studierenden und Dozenten. Damit gelingt eine sorgf√§ltige Analyse der jeweiligen Unterrichtspraxis und ihrer Methoden (S. 25). An dieser Stelle sei das wichtige Ergebnis vorweggenommen, dass sich islamische Theologie in den genannten ‚Äěislamischen‚Äú L√§ndern ausgesprochen vielf√§ltig zeigt.
Es ist nicht möglich angesichts der Vielzahl der angesprochenen Einrichtungen, diese im Detail vorzustellen, aber die Zusammenhänge zwischen den transdisziplinären Verankerungen und Verbindungen zu den in Europa beheimateten Wissenschaftsinstitutionen lassen sich zumindest verdeutlichen.
¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† So stellt √Ėzdil in einem ersten Teil die Vorgeschichte mit dem derzeitigen Forschungsstand vor und verweist auf die dazu geh√∂renden Traditionen, wie die Kalam-Schulen (seit dem 8. Jh.), aber auch die ‚Äěfl√§chendeckende‚Äú Bedeutung der islamischen Rechtsschulen seit ihrer Entstehung.
¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Im zweiten Teil untersucht er die Zusammenh√§nge und Verankerungen christlicher, j√ľdischer und islamischer Theologie im deutschen Universit√§tssystem. In den islamisch gepr√§gten L√§ndern, die er vorstellt, geht es dann um die ausgew√§hlten und vom Autor besuchten islamisch-theologischen Fakult√§ten, n√§mlich Al-Azhar in Kairo und die theologischen Fakult√§ten in Teheran, Qum, Istanbul, Ankara (mit der hermeneutisch offenen Ankara-Schule). Der Fokus geht besonders auf die in Ankara und Istanbul auch f√ľr Ausl√§nder geeignete theologische Ausbildung zum Imam.
¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Der dritte Teil befasst sich mit dem Auftauchen islamischer Theologie in Gro√übritannien, Spanien, √Ėsterreich, den Niederlanden, Frankreich mit einer bereits jetzt existierenden erstaunlichen auch theologischen Vielfalt. ¬†Nur knapp angesprochen wird dann die Situation in Norwegen, Belgien, der Schweiz und in D√§nemark.
¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Ausf√ľhrlich kommen dann im vierten Teil die konzeptionellen Ans√§tze einer islamischen Theologie an deutschen Hochschulen sowie ihre Einbindung in die jeweilige Universit√§t zur Sprache. √Ėzdil listet sowohl die Rahmenbedingungen, die theologischen Hintergr√ľnde, die Verfassungsproblematik, die Rechtssituation sowie die laufenden Projekte in M√ľnster, Frankfurt/M., Osnabr√ľck, Erlangen-N√ľrnberg, Bamberg, Ludwigsburg und Hamburg auf. Hier bleibt f√ľr die Theologen und Religionslehrerausbildung noch viel zu tun.
Vgl. dazu den Bericht (INTR¬įA-Tagebuch, Stand Mai 2012):
http://intra-tagebuch.blogspot.de/search?q=Islamische+Theologie
In der Auswertung ‚Äď f√ľnfter Teil‚Äď versucht √Ėzdil angesichts des Auf und Ab bei der Einrichtung entsprechender Studienzentren an europ√§ischen Universit√§ten festzuhalten: ‚ÄěSollte man eine Schlussbetrachtung wagen, kann bereits davon ausgegangen werden, dass eine ‚ÄöEntdeckung‚Äė neuer Ausbildungslehrg√§nge wie etwa in islamischer Theologie unter den Gegebenheiten westlich-s√§kularer Gesellschaften stattgefunden hat. Dadurch, dass Muslime begonnen haben, ihre eigenen und spezifischen Fragen in die eigene Hand zu nehmen, begann auch ein Prozess einer neuen Selbstdefinition‚Äú ‚Ķ Muslime ‚Äěsind inzwischen Teil der Gesellschaften geworden, in denen sie leben und sie fangen an, diese Gesellschaften mitzupr√§gen‚Äú (S. 243). Diese Mitpr√§gung erfordert nicht nur eine Praktische Islamische Theologie als Lebensorientierung, sondern auch die politische Akzeptanz der Muslime als gleichberechtigte B√ľrger in den westliche Gesellschaften (S. 244f). Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen.

Von Ali √Ėzg√ľr √Ėzdil erschien bereits 2002:

Wenn sich die Moscheen öffnen. Moscheepädagogik in Deutschland
– Eine praktische Einf√ľhrung in den Islam.

Relgionsp√§dagogik in einer multikulturellen Gesellschaft, Bd. 3. M√ľnster u.a.: Waxmann 2002, 286 S.¬†

Reinhard Kirste
Rz-√Ėzdil-Relp√§d, 04.06.12