Zur aktuellen Debatte: Islam wohin?

Rz-Herder-Korr-IslamReligion unter Verdacht.
Wohin entwickelt sich der Islam?

Herder-Korrespondenz ‚Äď Spezial ‚Äď Nr. 02 (2015), 84 S., Abb.
— ISBN 978-3-451-02719-2 —

Der Herder-Verlag hat mit der neuesten Nummer seiner renommierten Herder-Korrespondenz ein brisantes Thema in den Fokus ger√ľckt. Anregung und Aufregung zugleich sind garantiert, weil unterschiedliche Gespr√§chspartner zu Worte kommen. Sie diskutieren aktuelle Entwicklungen generell und im Blick auf verschiedene ‚Äěislamische‚Äú L√§nder, hinterfragen Entwicklungen in Deutschland und geben auch theologischen √úberlegungen Raum. Dies alles geschieht in gedr√§ngter und dennoch √ľbersichtlicher K√ľrze.
Im Mittelpunkt d√ľrfte die Auseinandersetzung zwischen dem bekannten Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide (Universit√§t M√ľnster) und dem Wissenschaftsjournalisten Hamed Abdel-Samad stehen, der durch seine polenischen √Ąu√üerungen bekannt geworden ist. Aber die die anderen Beitr√§ge zu den vielf√§ltigen Str√∂mungen und Facetten des heutigen Islam zwischen Friedensethik und Terrorismus sollten ebenso intensiv beachtet werden.

Bilanz: Wer sich kompakt und pr√§zise zugleich mit vielf√§ltigen geschichtlichen und aktuellen Str√∂mungen ‚Äědes‚Äú Islam besch√§ftigen will, wird nach dieser Lekt√ľre nicht nur einen erheblichen Erkenntnisgewinn haben, sondern auch wesentliche Zusammenh√§nge in den derzeitigen oft polemisch gef√§rbten Debatten besser verstehen.

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Reinhard Kirste

Rz-Herder-Korr-Islam, 05.11.15  Creative Commons-Lizenz

Interreligiöse Beziehungen verstehen und vertiefen

Rz-Cheetham-InterrelDavid Cheetham / Douglas Pratt / David Thomas (eds.):
Understanding Interreligious Relations.
Oxford (UK) / New York (USA): Oxford University Press 2013, 464 p., ausf√ľhrlicher Index

— ISBN 978-0-19-964585-5 —

Drei im interreligiösen Dialog engagierte Wissenschaftler haben diesen Band herausgegeben: David Cheetham und David Thomas von der Universität Birmingham und der neuseeländische Religionswissenschaftler Douglas Pratt, zur Zeit an der Universität Bern. Sie verstehen ihre Zusammenarbeit mit den anderen Forschern als Orientierungsarbeit angesichts der Begegnung von Religionen auf unterschiedlichen Ebenen. Sie betonen,  dass es um die Interaktion von religiösen Gemeinschaften in Geschichte und Gegenwart, um interreligiöses Engagement und um die wissenschaftliche-interdisziplinäre Aufarbeitung der damit zusammenhängenden Phänomene und Probleme geht.Die Leitfrage ist im Grunde, wie Religionen sich selbst und im Kontext der anderen in einer globalisierten und religiös-pluralen Welt wahrnehmen.

Das Buch teilt sich in zwei Teile, einen ersten grunds√§tzlichen (7 Beitr√§ge), in dem von einer bzw. der (√ľberwiegend christlichen) eigenen Religion der Blick insgesamt geweitet wird. Dem folgen im zweiten Teil 11 Themen und Diskussionspunkte im Kontext interreligi√∂ser Beziehungen.

So entsteht ein differenzierter Einblick in die Vielf√§ltigkeit interreligi√∂lser Begegnungen mit teilweise sich schnell √§ndernden Kontexten, gesellschaftlichen Bedingungen und Trends. Hier kommt (inter-)religi√∂se Verantwortung nicht ohne eine ‚Äěconstructive theology‚Äú aus (S. 400). Eine solche Theologie muss sich jeglicher Pr√§dominanz enthalten, um den Dialog nicht zu gef√§hrden, denn eine Religion braucht gerade in ein r globalisierten Welt immer die “andere”.

Die hier zusammengetragenen Erkenntnisse machen dieses voluminöse Buch zu einem wichtigen Merkposten im weltweiten interreligiösen Dialog.

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

                                                                                                                                                                                        Reinhard Kirste

Rz-Cheetham-Interrel, 20.01.14    Creative Commons-Lizenz

Scharia – menschenfreundliche Lebensorientierung

Mouhanad Khorchide: Scharia ‚Äď der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik.
Freiburg u.a: Herder 2013, 232 S. — ISBN 978-3-451-30911-3 —

 ARz-Khorchide-Schariausf√ľhrliche  Beschreibung: hier

Nachdem das Buch des M√ľnsteraner Islamprofessors Mouhanad Khorchide, ‚ÄěIslam ist Barmherzigkeit‚Äú scharfen Widerspruch bis hin zur Forderung seiner Abberufung als Ausbilder von islamischen Religionslehrern hervorgerufen hat, kann man dieses zweite Buch als Fortsetzungsband verstehen. Auch hier meldet sich traditionalistischer Widerspruch.

Khorchides Koranauslegung im Blick auf die Scharia als menschenfreundliche ethische Leitlinie ist nicht von Beliebigkeit, sondern von hermeneutischer Offenheit gepr√§gt, bezogen auf Koran und Sunna. Khorchides Buch will vielmehr ‚Äěeine Perspektive zeigen, wie man Scharia jenseits einer dogmatischen und juristischen Auffassung verstehen kann, um der islamischen Botschaft m√∂glichst gerecht zu werden. Im Zentrum dieser Perspektive steht der Gedanke, dass es Gott um den Menschen selbst geht‚Äú (S. 229f).

Es geht Khorchide immer wieder um die aufrichtige pers√∂nliche Beziehung zu Gott. Die Scharia bildet dabei den Rahmen, in den das islamische Recht in seinen unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen und zeitlichen Bedingungen jeweils eingef√ľgt und nat√ľrlich auch ver√§ndert wird. Das sind wichtige Klarstellungen, die verhindern, dass g√∂ttliche Setzungen einfach (absolut) behauptet werden. Vielmehr werden angesichts sich √§ndernden gesellschaftlicher Verh√§ltnisse im Auslegungsdiskurs von Koran und Sunna immer wieder Pr√ľfungen und Revisionen notwendig, die das komplexe islamische Recht betreffen. Hier entsteht durchaus eine gewisse Konvergenz zu den Hermeneutiken in der christlichen Theologie, mehr noch: Mit diesem Buch ist ein weiterer wichtiger Baustein f√ľr den christlich-islamischen Dialog gelegt worden.

                                                                                                                                                                                                                                                                    Reinhard Kirste

Rz-Khorchide-Scharia, 26.12.13 Creative Commons-Lizenz

Religionsmonitor 2013 – Studie: “Religiosit√§t im internationalen Vergleich”

Rz-Religionsmonitor-internationalDer Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung 2013 hat im Fr√ľhjahr erhebliche Beachtung und Diskussionen ausgel√∂st. 
Das gilt f√ľr den Bereich: “Religiosit√§t und Zusammenhalt in Deutschland“.
(vgl. Besprechung in den “Ein-Sichten” vom  25.06.2013).

Der k√ľrzlich vorgelegte Teil √ľber Religiosit√§t im internationalen Vergleich” d√ľrfte eine √§hnliche Wirkung zeigen.
Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel hat die Auswertung vorgenommen.

Hier der gesamte Text zum Download

Das MIGAZIN, Fachmagazin f√ľr Migration und Integration in Deutschland (25.06.2013) hat eine √ľbersichtliche Beschreibung und differenzierte Bewertung vorgelegt. Sie zeigt, dass bei den L√§nderuntersuchungen Religiosit√§t in Europa kontinuierlich abnimmt (mit einigen typischen L√§nderabweichungen), aber au√üerhalb Europas eine gesellschaftlich entscheidende Rolle spielt. Dabei ist in Europa insgesamt ein recht entspanntes Verh√§ltnis zu Religion(en) zu beobachten. Eine Ausnahme bildet der Islam. Er wird weiterhin √ľberwiegend  negativ eingesch√§tzt und gilt f√ľr viele nicht mit der Demokratie vereinbar. Nachdenklich machende und zum Teil beunruhigende Bilanzen, auf die Religionsgemeinschaften und politisch Verantwortliche unbedingt angemessen reagieren m√ľssten!

Man darf auf die weiteren Auswertungen gespannt sein! 

Buch des Monats Mai 2013: Macht und Ohnmacht der Religionen

Rz-Boberski-WeltmachtHeiner Boberski / Josef Bruckmoser: Weltmacht oder Auslaufmodell.
Religionen im 21.Jahrhundert
.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2013, 222 S.
— ISBN 978-7022-3239-9 — auch als E-Book erh√§ltlich

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

¬†Die beiden Journalisten und zugleich theologisch kompetenten Sachbuchautoren Heiner Boberski (Wiener Zeitung) und Josef Bruckmoser (Salzburger Nachrichten) nehmen sich in leicht lesbarer, aber keineswegs populistischer Form den Schwankungsfeldern von Religion an. Sie konstatieren f√ľr die Gegenwart Ablehnung von (organisierter) Religion einerseits und neue religi√∂se, oft seltsame Ph√§nomene andererseits. Ihre Einsch√§tzungen sichern sie immer wieder mit statistischen Belegen ab. Hinzu kommen medienwirksame Auftritte religi√∂ser Pers√∂nlichkeiten wie die des Dalai Lama und der P√§pste. Darum lohnt sich ein genaueres Nachschauen, denn: ‚ÄěDie religi√∂se Weltkarte ist ‚Ķ im Lauf der Geschichte nie √ľber l√§ngere Zeit stabil geblieben … ‚Äú (S. 20).

Letztlich wirken Religionen am intensivsten und √ľberzeugendsten mit ihrer dialogischen Friedensmacht, immer wieder gepr√§gt durch Vorbilder des engagiert gelebten Glaubens. So gesehen sind sie keineswegs ein Auslaufmodell. Wichtig aber bleibt, dass nicht immer wieder religi√∂s motivierte Brutalit√§t, diese Vers√∂hnungskr√§fte diskreditiert. Das vorliegende Buch stellt angenehmerweise nicht nur Fragen oder referiert Gesellschaftsanalysen, sondern zeigt, wie Religionen als Br√ľcken einer gerechten und solidarischen Zukunft der Menschheit dienen k√∂nnen ‚Äď eine sch√∂ne Verbindung und ein wichtiger Aufruf zu respektvoller Verbindlichkeit gegen√ľber allen Andersglaubenden. Es ist ein Buch, dem man viele Leser w√ľnschen m√∂chte.

Reinhard Kirste 

Rz-Boberski-Weltmacht, 27.04.13

 

 

Buch des Monats Januar 2013: Paul F. Knitter РDialogische Theologie und interreligiöses Christsein

KnitterWithout Buddha I Could not be a Christian.
Oxford (UK): OneWorld 2009, XVII, 214 S., Index
— ISBN 978-1-85168-673-5 —
Deutsch: Ohne Buddha wäre ich kein Christ.
Aus dem Englischen von Gerlinde Baumann. Freiburg u.a.: Herder 2012, 360 S. — ISBN 978-3-451-30278-7 —

Der katholische Theologe Paul F. Knitter (geb. 1939) aus den USA geh√∂rt seit vielen Jahren zu den Promotoren interreligi√∂ser Begegnung. Seine innere Verbindung mit der religionspluralistischen Theologie hat ihn nicht nur zu einem Wegbereiter des Dialogs im Sinne der Gleichwertigkeit (nicht Gleichartigkeit) der Religionen gemacht, sondern er hat in der Debatte um die Religionsphilosophie und religionspluralistische Theologie von John Hick zudem den Gedanken der ‚ÄěGerechtigkeit‚Äú konsequent einbezogen. Dazu hat ihn besonders sein Engagement im Zusammenhang der gesellschaftlichen Umbr√ľche in Lateinamerika gef√ľhrt. Er hat so das eigene Christsein in doppelter Weise erweitert  ‚Äď in theologischer Theorie wie in spiritueller und politischer Praxis.

In dem vorliegenden Buch, das nun auch in Deutsch verf√ľgbar ist, schiebt sich ein weiterer wesentlicher Gesichtspunkt in den Vordergrund, der der christlichen Identit√§t. Nachdem er schon l√§nger der christlichen Superiorit√§t als Heilsweg eine Absage erteilt hat, l√§sst er sich intensiviert auf ein Verstehen des eigenen Glaubens aus der Perspektive anderer Religionen ein. Dies f√ľhrt bis zu der in diesem Buch bilanzierten Konsequenz: ‚ÄěWithout Buddha I Could not be Christian‚Äú Die deutsche √úbersetzung des Titels wird manchem etwas synkretistisch erscheinen: ‚ÄěOhne Buddha w√§re ich kein Christ‚Äú. Aber darum geht es Knitter nicht, vielmehr darum, dass sich christliche Identit√§t heute nicht mehr ohne die anderen Religionen sagen l√§sst. F√ľr ihn hat dabei die Begegnung mit dem Buddhismus den Ausschlag gegeben. Knitter hat auch die pers√∂nliche Konsequenz gezogen und ‚ÄěZuflucht zum Buddha‚Äú genommen. Damit bringt er noch einmal zum Ausdruck wie eng sich sein Christsein inzwischen mit dem Buddhismus verbindet.

Sowohl f√ľr die interreligi√∂se Begegnung wie f√ľr die religionstheologischen Debatten und die Notwendigkeit des interreligi√∂sen Lernens ist dies darum ein unverzichtbares Buch. Hier werden zwei Besprechungen vorgestellt: Die eine geht mehr den religionstheologischen Zusammenh√§ngen nach, die andere den M√∂glichkeiten, aus einer solchen Konzeption das interreligi√∂se Lernen zu bereichern.

Achim Riggert / Reinhard Kirste:
Theologische Grenz√ľberschreitungen und interreligi√∂se Lernbewegungen 

√Ąltere Buchbesprechungen von B√ľchern Paul Knitters in RIG 5 (1998) mit Erg√§nzungen bis 2005

 In der Reihe “Religionen im Gespr√§ch” (RIG) erschienene Beitr√§ge von Paul Knitter

 

                                                                                                                                                                    Rz-Knitter-Buddha-Christus-Einl, 31.12.12

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Die Bibel interreligi√∂s lesen ‚Äď Ungew√∂hnlicher Umgang mit ‚Äúheiligen‚ÄĚ Texten

Es gibt unterschiedliche Versuche, die Texte der Bibel zu aktualisieren, ohne die exegetische Sorgfalt zu vernachl√§ssigen. Ein Beispiel f√ľr den interreligi√∂sen Zugang zu Texten des Alten und Neuen Testaments bietet das B√§ndchen von
 Reinhard Kirste: Die Bibel interreligiös gelesen ,
das unter religionspluralistischen Überlegungen grundsätzliche und praktische Elemente bietet (vgl. Inhaltsverzeichnis und Hinweise im Vorwort).  
Als Bd. 7 der Interkulturellen Bibliothek (Bautz-Verlag) wird durch die Verbindung mit den andern Titeln der Zusammenhang von Interkulturalität und Interreligiosität deutlich. 
Inzwischen ist auch eine niederl√§ndische √úbersetzung unter dem Titel “De tolerante Bijbel” (Kampen, NL: Kok 2009 ) auf dem Markt.
Sie ist erg√§nzt durch einen Beitrag √ľber wunderbare Geburten: Krishna ‚Äď Buddha ‚Äď Jesus sowie einem Vorwort von Drs. Ari van Buuren ‚Äď mit Vorstellung des Buches (in Englisch).
 
In der Rezension von Gerhard Kracht werden besonders die erweiterten Verstehensmöglichkeiten betont, die solche interreligiöse Zugänge eröffnen.

Thomas W√ľrtz dagegen betont in seiner Besprechung st√§rker die Herausforderung auch f√ľr eine koranische Re-Lekt√ľre, die durch eine interrelig√∂se Hermeneutik der Bibel angesto√üen wird.

Das stärker unterrichtspraktisch ausgerichtete Heft der Iserlohner Con-Texte (ICT 18):
Gespiegelte Wahrheit. Biblische Geschichten und Kontexte anderer Religionen 

(Download PDF 1,6 MB)

lädt ein, diesen interreligiösen Ansatz weiter zu verfolgen und unterrichtspraktische Umsetzungen zu versuchen.