Zur aktuellen Debatte: Islam wohin?

Rz-Herder-Korr-IslamReligion unter Verdacht.
Wohin entwickelt sich der Islam?

Herder-Korrespondenz ‚Äď Spezial ‚Äď Nr. 02 (2015), 84 S., Abb.
— ISBN 978-3-451-02719-2 —

Der Herder-Verlag hat mit der neuesten Nummer seiner renommierten Herder-Korrespondenz ein brisantes Thema in den Fokus ger√ľckt. Anregung und Aufregung zugleich sind garantiert, weil unterschiedliche Gespr√§chspartner zu Worte kommen. Sie diskutieren aktuelle Entwicklungen generell und im Blick auf verschiedene ‚Äěislamische‚Äú L√§nder, hinterfragen Entwicklungen in Deutschland und geben auch theologischen √úberlegungen Raum. Dies alles geschieht in gedr√§ngter und dennoch √ľbersichtlicher K√ľrze.
Im Mittelpunkt d√ľrfte die Auseinandersetzung zwischen dem bekannten Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide (Universit√§t M√ľnster) und dem Wissenschaftsjournalisten Hamed Abdel-Samad stehen, der durch seine polenischen √Ąu√üerungen bekannt geworden ist. Aber die die anderen Beitr√§ge zu den vielf√§ltigen Str√∂mungen und Facetten des heutigen Islam zwischen Friedensethik und Terrorismus sollten ebenso intensiv beachtet werden.

Bilanz: Wer sich kompakt und pr√§zise zugleich mit vielf√§ltigen geschichtlichen und aktuellen Str√∂mungen ‚Äědes‚Äú Islam besch√§ftigen will, wird nach dieser Lekt√ľre nicht nur einen erheblichen Erkenntnisgewinn haben, sondern auch wesentliche Zusammenh√§nge in den derzeitigen oft polemisch gef√§rbten Debatten besser verstehen.

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Reinhard Kirste

Rz-Herder-Korr-Islam, 05.11.15  Creative Commons-Lizenz

Religionsp√§dagogische Grundlagen f√ľr einen Islamischen Religionsunterricht in der Grundschule

Rz-Solgun-Kaps-Islam-PRG√ľl Solgun-Kaps (Hg.): Islam. Didaktik f√ľr die Grundschule.
Berlin: Cornelsen 2014, 208 S.¬†¬† — ISBN 978-3-589-16395-3

Das hier vorgestellte Buch soll angehenden und bereits praktizierenden Lehrer/innen einen Einblick in die wichtigsten Themengebiete des Islamunterrichts in der Grundschule geben. Es wirbt damit, praxisorientiert und verständlich zu sein.

Insgesamt ist das Buch sehr empfehlenswert und bestimmt nicht nur an werdende und bereits schon praktizierende Lehrer und Lehrerinnen gerichtet. Auch f√ľr Eltern und an dem Thema Interessierte ist es bestens geeignet, um sich einen √úberblick √ľber die aktuelle Situation des Islamischen Religionsunterrichts in Deutschland zu verschaffen. Wichtig hierbei ist aber, dass das Buch erst einmal nur einen √úberblick und Anregungen geben m√∂chte und nicht zur intensiven Vertiefung von Thematiken dient. Es will wohl in erster Linie informieren und Tipps zur Unterrichtsgestaltung geben und auf praxisbezogene Probleme hinweisen, was die Darstellung zugleich authentisch und erfahrungsnah erscheinen l√§sst.

Aufgrund des umfassenden √úberblicks √ľber den Islam und die Lehrerrolle ist das Buch letztlich nicht nur f√ľr Grundschullehrer/innen sinnvoll, sondern auch Lehrern und Lehrerinnen anderer Schultypen zu empfehlen.

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Ann-Christin Bultmann

TU Dortmund, WiSe 2014/15, 24.11.2014   Creative Commons-Lizenz

 

Scharia – menschenfreundliche Lebensorientierung

Mouhanad Khorchide: Scharia ‚Äď der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik.
Freiburg u.a: Herder 2013, 232 S. — ISBN 978-3-451-30911-3 —

 ARz-Khorchide-Schariausf√ľhrliche  Beschreibung: hier

Nachdem das Buch des M√ľnsteraner Islamprofessors Mouhanad Khorchide, ‚ÄěIslam ist Barmherzigkeit‚Äú scharfen Widerspruch bis hin zur Forderung seiner Abberufung als Ausbilder von islamischen Religionslehrern hervorgerufen hat, kann man dieses zweite Buch als Fortsetzungsband verstehen. Auch hier meldet sich traditionalistischer Widerspruch.

Khorchides Koranauslegung im Blick auf die Scharia als menschenfreundliche ethische Leitlinie ist nicht von Beliebigkeit, sondern von hermeneutischer Offenheit gepr√§gt, bezogen auf Koran und Sunna. Khorchides Buch will vielmehr ‚Äěeine Perspektive zeigen, wie man Scharia jenseits einer dogmatischen und juristischen Auffassung verstehen kann, um der islamischen Botschaft m√∂glichst gerecht zu werden. Im Zentrum dieser Perspektive steht der Gedanke, dass es Gott um den Menschen selbst geht‚Äú (S. 229f).

Es geht Khorchide immer wieder um die aufrichtige pers√∂nliche Beziehung zu Gott. Die Scharia bildet dabei den Rahmen, in den das islamische Recht in seinen unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen und zeitlichen Bedingungen jeweils eingef√ľgt und nat√ľrlich auch ver√§ndert wird. Das sind wichtige Klarstellungen, die verhindern, dass g√∂ttliche Setzungen einfach (absolut) behauptet werden. Vielmehr werden angesichts sich √§ndernden gesellschaftlicher Verh√§ltnisse im Auslegungsdiskurs von Koran und Sunna immer wieder Pr√ľfungen und Revisionen notwendig, die das komplexe islamische Recht betreffen. Hier entsteht durchaus eine gewisse Konvergenz zu den Hermeneutiken in der christlichen Theologie, mehr noch: Mit diesem Buch ist ein weiterer wichtiger Baustein f√ľr den christlich-islamischen Dialog gelegt worden.

                                                                                                                                                                                                                                                                    Reinhard Kirste

Rz-Khorchide-Scharia, 26.12.13 Creative Commons-Lizenz

Handbuch der Religionen (HdR): Kontinuierlich wachsende Printausgabe und Online-Zugänge

Trotz starker Digitalisierung in der Kultur des Buches ziehen es immer noch viele vor, sich Material auf der ‚ÄúPapierbasis‚ÄĚ zu besorgen.
Dazu geh√∂rt seit 1997 das von dem Religionswissenschaftler  Udo Tworuschka und dem Historiker Michael Kl√∂cker im Olzog-Verlag M√ľnchen herausgegebene
HANDBUCH DER RELIGIONEN (HdR)
Zugang zur Printausgabe: hier

Viele Spezialisten und f√ľr die einzelnen Themenfelder zust√§ndige Fachgebietsleiter haben dieses Handbuch im Ringformat mit j√§hrlichen Erg√§nzungslieferungen zu einem vierb√§ndigen Werk anwachsen lassen. Inzwischen finden sich in den Ordnern mit inzwischen 37 Erg√§nzungsliefeungen √ľber 4500 Seiten Text (!).
Hier wurde also ein umfassendes Lexikon der Religionen entwickelt.  Es erm√∂glicht einen umfangreichen √úberblick √ľber die Geschichte und Gegenwart der verschiedenen religi√∂sen Traditionen und Str√∂mungen in Deutschland.  Das macht allerdings die √úbersicht und schnelle Auffindbarkeit bestimmter einzelner Themen nicht immer leicht.

Das Gesamtinhaltsverzeichnis bietet darum eine erste √úbersicht.
Download Inhaltsverzeichnis: hier

Weiterhin k√∂nnen √ľber eine Suchmaske nun alle Artikel als Volltextsuche
(einige kostenlos, die meisten gegen geringe Geb√ľhr) online abgerufen und heruntergeladen werden:
Online-Zugang zum HdR

Dieses umfassende Werk zu den Konfessionen und Religionen  im deutschsprachigen Raum hat mit seinen Grundsatzbeitr√§gen eine religionswissenschaftliche Basis gelegt. Mit den Aktualisierungen zu religi√∂sen Entwicklungen und Ver√§nderungen d√ľrfte es f√ľr die Recherche von Fachleuten und Interessierten aus allen gesellschaftlichen Bereichen ausgezeichnet recherchierte Zug√§nge f√ľr eine sachkompetente Orientierung bieten.

 

 

Kompetenzentwicklung f√ľr interkulturelles und interreligi√∂ses Lernen

Rz-BernlochnerMax Bernlocher: Interkulturell-interreligiöse Kompetenz. Positionen und Perspektiven interreligiösen Lernens im Blick auf den Islam.
Beiträge zur Komparativen Theologie Band 13.
Paderborn: Schöningh 2013, 390 S., Personenregister
— ISBN¬† 978-3-506-77665-5 — (zugl. Diss. M√ľnchen 2012)

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

Der Autor Max Bernlochner ist Politikwissenschaftler und seit 2011 Leiter des Referats f√ľr interkulturelle Angelegenheiten im Ministerium f√ľr Integration des Landes Baden-W√ľrttemberg. Er ist in der katholischen Theologie beheimatet. Dar√ľber hinaus hat er sich seit vielen Jahren engagiert um den christlich-islamischen Dialog gek√ľmmert.

Dass der Autor angesichts der Problematik interkulturllen und interreligi√∂sen Lernens unter den gegenw√§rtigen gesellschaftlichen Bedingungen Deutschlands in einem recht un√ľbersichtlichen Feld unterwegs ist, h√§ngt bereits mit den schwierigen Grundbegriffen von Kultur und Religion zusammen, zumal interkulturelle und interreligi√∂se Begegnung immer ineinanderwirken. Gemeinsame ethische Orientierung als Basism√∂glichkeit in Christentum und Islam, √úbereinstimmungen von christlicher und islamischer Theologie im Sch√∂pfungsverst√§ndnis, Wirkebenen des barmherzigen Gottes, Verantwortlichkeit in der Gegenwart als Heilsvoraussetzung sind ihm darum wichtig.¬† So tauchen Grundrisse einer interreligi√∂sen Ethik auf, die gegenseitige St√§rken und Fehleinsch√§tzungen moralischer Art offenlegen und zu gemeinsamen Engagement herausfordern, besonders im Blick auf Hilfsbed√ľrftige und den Schutz der Umwelt.

Insgesamt gelingt es Bernlochner mit diesem umfassenden Ansatz religionsdidaktischer sowie schul- und ausbildungsorganisatorischer Konkretionen, ein (Schul-)Modell interkulturell-interreligi√∂ser Kompetenz zu entwickeln und dies religionsp√§dagogisch als zwingend einzufordern und mit Hilfe einer kooperativen F√§chergruppe f√ľr ein gemeinsames Lernen zu pr√§zisieren. Studierende, Lehrende und Sch√ľler beh√§lt er dabei gleicherma√üen religionsdialogisch im Blick und belegt dies immer wieder durch praktische Beispiele. Mit seinen Analysen und pr√§ziserenden Zielvorgaben er√∂ffnet er Wege, eine interreligi√∂se Religionsp√§dagogik weiter zu entwickeln.

Reinhard Kirste

Rz-Bernlocher, 21.04.2013   Creative Commons-Lizenz

 

Religiöse Erziehung als Kooperationsaufgabe von Christen und Muslimen

Rz-Graf-Ucar-BildungPeter Graf / B√ľlent Ucar (Hg.):
Religiöse Bildung im Dialog zwischen Christen und Muslimen.

Interreligiöser Dialog in gesellschaftlicher Verantwortung Band 1.
Stuttgart: Kohlhammer 2011, 259 S. — ISBN 978-3-17-022033-1 —

In diesem Band, von zwei renommierten, interkulturell orientierten Religionsp√§dagogen der Universit√§t Osnabr√ľck herausgegeben, Peter Graf (christlich) und B√ľlent Ucar (islamisch),¬† kommen Vertreter der drei monotheistischen Religionen zu Worte. Sie sind seit vielen Jahren im interreligi√∂sen Dialog¬† wissenschaftlich und praktisch engagiert.

Zielsetzungen im interreligi√∂sen Dialog, zum islamischen Religionsunterricht, zur Imam-Ausbildung und im Blick auf die islamische Theologie in Deutschland werden genauer von verschiedenen Autoren untersucht. Grunds√§tzliche √úberlegungen und Strukturelles werden anvisiert und m√∂gliche L√∂sungsans√§tze zum Studium der islamischen Theologie in Deutschland f√ľr k√ľnftige Imame und Religionslehrer/innen werden vorgeschlagen.

Ausf√ľhrliche Besprechung hier¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† ¬† Reinhard Kirste

Creative Commons-LizenzRz-Graf-Ucar-Bildung, 07.04.13    

 

Buch des Monats Februar 2013: Islam ist Barmherzigkeit

Rz-Khorchide-islamMouhanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit.
Grundz√ľge einer modernen Religion.

Freiburg u.a.: Herder 2012, 220 S. — ISBN 978-3451305726 —

Ausf√ľhrliche Rezension: hier

 

Der Autor, Professor f√ľr Islamische Religionsp√§dagogik und Leiter des Zentrums f√ľr Islamische Theologie an der Universit√§t M√ľnster, versucht mit diesem Buch, einen positiven Akzent in die oft von Vorurteilen und Verd√§chtigungen gepr√§gte Islam-Debatte zu bringen.
So  unterscheidet der Theologe sehr genau, was viele Muslime als Glaubenspraxis verinnerlicht haben und was der Koran wirklich intendiert.

Zum einen ist der Koran unter bestimmten zeitlichen Bedingungen entstanden, die man nicht einfach negieren kann. Zum Andern muss heute Auslegung den jeweiligen Kontext ber√ľcksichtigen. Zum Dritten muss nach dem hermeneutischen Leitmotiv f√ľr die Koran-Interpretation gefragt werden. Sorgsame Exegese belegt, dass dies offensichtlich die Barmherzigkeit ist. Positiv formuliert hei√üt das, dass der Islam eine Religion ist, die den Menschen nicht in ein enges Regel-Joch spannt, sondern ihn befreit, als vor und f√ľr Gott Verantwortlicher in dieser Welt zu leben.

Angesichts der immer noch g√§ngigen dogmatisch engen Auslegung des Korans wagt Khorchide den Durchbruch zu einer menschenfreundlichen Koran-Hermeneutik. Dies ist ein ermutigendes Hoffnungszeichen im oft polemisch belasteten christlich-islamischen Dialog. Dieses Buch empfiehlt sich darum nicht nur f√ľr alle am Dialog Interessierten, sondern auch gerade den Islamkritikern als nicht zu negierende Diskussionsbasis.

Vgl. das vom Autor herauagegebene islamische Religionsbuch f√ľr die Grundschule: Miteinander 1/2

Reinhard Kirste
Rz-Khorchide-Islam, 31.01.13

Creative Commons-Lizenz

 

Islamischer Religionsunterricht – Miteinander 1/2 f√ľr die Grundschule

Rz-Miteinander 1-2Mouhanad Khorchide (Hg.): Miteinander auf dem Weg.
Islamischer Religionsunterricht 1/2.

Stuttgart: Klett 2012, 97 S., Abb. — ISBN 978-3-12-006030-7 —

In gewisser Parallelit√§t zur Ev. und Kath. Religionslehre in NRW ist der Islamische Religionsunterricht an das religi√∂se Bekenntnis gebunden. Das wirkt sich nat√ľrlich auf didaktische Vorgaben, die Intentionen und die Darstellung aus. Hier ist hervorzuheben, dass die Verfasser wirklich Sch√ľlerInnen der beiden ersten Grundschuljahre vor Augen gehabt haben und dies auch in den 11 Kapiteln des Buches bis hin in methodische Feinheiten zum Ausdruck bringen.

Der Weg durch das Buch beginnt mit Identit√§tsorientierung: Ich, du und wir alle. Dann geht es um Verantwortung f√ľr die Sch√∂pfung, Hinf√ľhrung zu Gott (Allah), das Gebet und ausf√ľhrlich im Kapitel 7 √ľber den Koran als Lebenshilfe. Der Prophet Mohammed wird nat√ľrlich besonders herausgehoben, aber auch der aus der Bibel bekannte Josef (islamisch-arabisch: Yusuf) mit seinen Br√ľdern und seinem Vater Jakob (Yakub) wird den Kindern nahegebracht. Im Blick auf islamische Lebensstile kommen auch √Ąu√üerlichkeiten und Rituale zur Sprache (‚ÄěAllah liebt die Sauberkeit‚Äú, Verhaltensregeln beim Essen usw.). Zum Koran wird nat√ľrlich Wichtiges in kindgerechter Sprache gesagt. Auch die anderen monotheistischen Religionen werden werden quasi als Glauebsnverwandte behandelt.Man merkt dem Buch also die Offenheit gegen√ľber anderen Religionen an.

Allerdings verwundert, dass nur der arabische Gottesname Allah im Buch gebraucht wird. Denn Grundschulkinder sind durchaus in der Lage zu erkennen, dass es derselbe Gott ist, wenn ihre Eltern und Gro√üeltern (noch) Allah sagen und selbstverst√§ndlich beim Gebet die Anrufungen arabisch sind. So liegt angesichts eines modern sich gebenden Schulbuchs doch die Vermutung nahe, dass die Autoren bei aller Pragmatik, die im Buch durchscheint, auf die vorhandene konservative Klientel zu sehr R√ľcksicht genommen haben. Schlie√ülich m√∂chte man es ja allen Muslimen recht machen. Eigentlich schade!

Dennoch ‚Äď bei aller Kritik ist der bekenntnisgebundene Islamische Religionsunterricht ein St√ľck vorangekommen. Und vielleicht haben die Herausgeber und Autoren den Mut, den Sch√ľlern mehr offenes Glaubensverst√§ndnis zuzutrauen und Folgeb√§nde hier didaktisch konsequenter zu gestalten.

Weiter Hinweise zum Islamischen RU und zu den Schulb√ľchern:
http://buchvorstellungen.blogspot.de/2012/04/islamische-schulbucher-und.html

Reinhard Kirste

                                                                                                                      Rz-Miteinander 1-2, 28.01.13

Islamische Schulb√ľcher und Unterrichtshilfen – auch f√ľr die Koran-Lekt√ľre

Zwar gibt es noch immer H√ľrden f√ľr die fl√§chendeckende Einf√ľhrung eines Islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen, aber die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien aus islamischer Sicht kommt gut voran.
Neben einer Reihe von Unterrichtshilfen, die oft christliche und islamische Religionspädagogen und Pädagoginnen gemeinsam entwickeln, gibt es inzwischen auch zwei Zeitschriften:

ISLAMISCH-RELIGIONSP√ĄDAGOGISCHE ZEITSCHRIFTEN

Diese geben zwei islamische Studienzentren geben im Sinne einer ergänzenden und begleitenden Information und zur Dokumentation von religionspädagogischen Forschungsegebnissen als Online-Zeitschriften heraus:

  • Das Interdisziplin√§re Zentrum f√ľr Islamische Religionslehre der Universit√§t Erlangen- N√ľrnberg unter Leitung von Prof. Dr. Harry Harun Behr gibt als konkrete Hilfestellung die Zeitschrift f√ľr die Religionslehre des Islam (ZRLI).
  • Zentrum f√ľr Interkulturelle Islamstudien (ZIS) ‚Äď Studiengang f√ľr Islamische Religionsp√§dagogik an der Universit√§t Osnabr√ľck unter der Leitung von Prof. Dr.phil. B√ľlent Ucar und Prof. Dr. Rauf Ceylan: http://www.irp.uos.de/ ¬†¬†¬† mit der international ausgerichteten Zeitschrift HIKMA ‚Äď Zeitschrift f√ľr islamische Religionsp√§dagogik

RELIGIONSB√úCHER
Nachdem das f√ľr das 5./6. Schuljahr ausgewiesene Buch ‚ÄúSaphir 5/6‚Ä≥ (K√∂sel-Verlag) schon sehr wohlwollende Aufnahme fand und auch schon staatlich mehrfach genehmigt wurde , hat es auch den Ehrenpreis f√ľr das beste europ√§ische Schulbuch 2009 gewonnen.¬† ‚ÄĒ Rezension hier ‚ÄĒ
Der Folgeband Saphir 7/8 erschien im Herbst 2011
und ist eine konsequente Weiterentwicklung von Saphir 5/6. ‚ÄĒ Rezension hier ‚ÄĒ

Die genannten Grundschulb√ľcher sind bereits f√ľr Nordrhein-Westfalen, Bayern, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen zugelassen.
In Berlin ist dagegen das von der Senatsverwaltung in Auftrag gegebene Handbuch ‚ÄúIslam und Schule‚ÄĚ trotz langer, aber eben auch kontrovers gef√ľhrter Vorbereitung f√ľr die Praxis offensichtlich nicht sonderlich empfehlenswert, wie der Tagesspiegel berichtet.¬†

MATERIALIEN FÜR DEN UNTERRICHT  


  ANLEITUNGEN ZUR KORAN-LEKTÜRE FÜR
  SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER

 

Islam im Unterricht – Mein Islambuch 3

B√ľlent Ucar (Hg.) ‚Äď
erarbeitet von Sultan Baysal-Polat, Serap Erkan, Evelin Lubig-Fohsel, G√ľl Solgun-Kaps, Seher Uguz
‚Äď mit Beratung von Thorsten Knauth und Stephan Leimgruber:
 
  • Mein Islambuch. Grundschule 3.Berlin: Oldenbourg-bsv 2011, 72 S., Abb. — ISBN 978-3-637-00554-9
  • ¬†Mein Islambuch, Grundschule 3, Lehrermaterialien, 2011, 132 S.¬† ISBN 978-3-637-00658-4

Der Oldenbourg-Verlag (aus der Cornelsen-Verlagsgruppe) will mit dem Gesamtprojekt von ‚ÄěMein Islambuch‚Äú einen didaktisch ad√§quaten Zugang zum Islam in deutscher Sprache vermitteln und muslimische Sch√ľler/innen sachkundig und altersgem√§√ü einf√ľhren.
Der von dem Islamwissenschaftler der Osnabr√ľcker Universit√§t, B√ľlent Ucar ‚Äď zusammen mit islamischen Religionslehrer/innen, also Unterrichtspraktikern, herausgegebene erste Band (2009) f√ľr das
1./2. Schuljahr erf√ľllte bereits diese Erwartungen. Hier zeigt sich eine islamische Religionsp√§dagogik im Blick auf die Grundschule, die den Vergleich mit √§hnlichen B√ľchern des christlichen Religionsunterrichts nicht zu scheuen braucht.

Der nun erschienene Band f√ľr das 3. Schuljahr f√ľhrt die genannten Intentionen konsequent fort. Dar√ľberhinaus hat man sich eines katholischen und eines evangelischen Religionsp√§dagogen versichert. Stephan Leimgruber (katholisch, Universit√§t M√ľnchen) und Thorsten Knauth (evangelisch, Universit√§t Duisburg-Essen). Die beiden sind nicht nur als kompetente Fachleute, sondern auch f√ľr ihre Dialogoffenheit bekannt.

Das Buch ist in sechs Themenkapitel gegliedert. Kap. 1 ist die konsequente Fortsetzung des Vorg√§ngerbandes, n√§mlich ‚ÄěIch, Familie, Gemeinschaft‚Äú, nun aber unter Einbeziehung und Aktualisierungen islamischer Gemeinschaftserfahrungen und der Fragen von Vers√∂hnung und Vertrauen. Dies wird durch Beispiele aus dem Leben des Mohammeds sowie des Propheten Yunus (= Jona) verdeutlicht. Noch intensiver wird der existentielle Bezug zum Verstehenshorizont der Kinder bei der Darstellung der Sch√∂pfung (Kap. 2), verst√§rkt durch eine islamische Davidsgeschichte.
In Kap. 3 wird das schwierige Leben des Propheten Mohammed bis zu seiner Auswanderung (Hidschra) nach Medina aufgearbeitet und ein Blick auf den Propheten Musa (= Mose) vorgenommen. Der Koran als Orientierungshilfe f√ľr das Leben des Muslims (Kap. 4) wird erg√§nzt durch die Betonung des Vorbildcharakters des Propheten (ebenfalls in Kap. 4), in gewisser Weise durchaus eine Fortsetzung islamischen Prophetenverst√§ndnisses und der Hinf√ľhrung zum Koran, wie dies bereits der 1. Grundschulband ansatzweise vorgenommen hatte. Die Kinder sollen auch Korantexte so gut wie m√∂glich (in √úbersetzung) kennenlernen. Dies wird wieder narrativ durch eine Erg√§nzung aus der islamischen Noah-Geschichte. Schade!
Der islamische ‚ÄěKlassiker‚Äú, die f√ľnf S√§ulen des Islam, brauchen nat√ľrlich auch eine ausf√ľhrliche aktualisierende Darlegung (Kap. 5).Auf eine Besonderheit sei jedoch verwiesen, die sich durch den gesamten 3. Grundschulband zieht, n√§mlich die Ann√§herung an die vergleichbaren j√ľdisch-christliche Traditionen. Hier wird darum bewusst eine Parallele von Hadsch und christlichen Jerusalempilgern gezogen, so dass didaktisch sehr geschickt wiederum islamisch-christliche N√§he hergestellt wird. Damit ist gewisserma√üen das Tor zur interreligi√∂sen Offenheit ganz ge√∂ffnet, n√§mlich im Entdecken unterschiedlicher Feste und Riten in Judentum, Christentum und Islam (Laubh√ľttenfest ‚Äď Befreiung, Opferfest ‚Äď Weg zur Reinheit/Weihezustand, Abrahamstypik der drei Religionen und schlie√ülich noch ein Blick auf den Sinn der christlichen Taufe. Dass das Sohnesopfer des Abraham in allen drei Religionen eine problematische Seite f√ľr das dahinter stehende Gottesverst√§ndnis hat, wird allerdings nicht thematisiert, auch wenn die islamische Erz√§hlung schon ein st√§rkere ‚ÄěEntsch√§rfung‚Äú des Menschenopfergedankens bedeutet. Auch das Lehrermaterial geht √ľber diese Problematik hinweg.
Die Lehrermaterialien nehmen das im Buch manchmal nur kurz dargestellte Thema ausf√ľhrlich und methodisch konkretisierend auf und vertiefen damit die Arbeit durch die zus√§tzlich bereitgestellten Materialien und die gut handhabbaren Kopiervorlagen.
Bei aller Wertsch√§tzung des didaktischen Ansatzes und der methodischen Ausf√ľhrungen w√ľrde man in einem deutschsprachigen Religionsbuch allerdings erwarten, dass von ‚ÄěGott‚Äú geredet wird. Aber √ľberall steht f√ľr ‚ÄěGott‚Äú ‚ÄěAllah‚Äú. Zwar schreiben die Bearbeiter im Vorwort f√ľr Lehrer und Eltern, dass die Begriffe ‚ÄěGott und Allah synonym verwendet‚Äú werden. Denn ‚ÄěAllah‚Äú ist der arabische Ausdruck f√ľr Gott, der in den monotheistischen Religionen eben derselbe ist. Unbewusst scheint sich ein Verst√§ndnis von Allah in das Buch einzuschleichen, das nun doch Unterschiede setzt? ¬†‚Äď zum Wohlgefallen aller Abgrenzer auf christlicher und islamischer Seite.
Insgesamt aber liegt ein islamisches Grundschulbuch vor uns, das nicht nur das Verstehen des Islam f√ľr Grundschulkinder erweitert, sondern auch in seiner Dialogoffenheit zu den monotheistischen Nachbarreligionen einen wichtigen Dienst f√ľr die interreligi√∂se Begegnung ‚Äěauf Augenh√∂he‚Äú leistet. Die vielen Gemeinsamkeiten ermutigen dazu. Das Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen bekommt dadurch noch eine besondere Wertsch√§tzung. Im Blick auf eine multikulturelle demokratische Gesellschaft ist dies geradezu ein Integrationsfaktor.
Reinhard Kirste
03.02.2012