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Die Sprache der Septuaginta

Eberhard Bons; Jan Joosten (Hrsg.):  Die Sprache der Septuaginta. (Handbuch zur Septuaginta Band 3) [LXX-H 3][1] Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus [2016]. 978-3-579-08104-5 Gb. 168 €

 

Mehrsprachigkeit in der Migration: Das Beispiel der griechischen Übersetzung (Septuaginta) der Hebräischen Bibel

 

Kurz: Ein umfassendes internationales Handbuch zur Sprache der griechischen Übersetzung der Hebräischen Bibel in Vokabular, Grammatik, Stil, neuen Wörtern.

Ausführlich: Als Adolf Deissmann 1908 sein Buch Licht vom Osten veröffentlichte, erregte das großes Aufsehen.[2] Deissmann wies nach, dass viele Begriffe und Worte der Evangelisten und Paulus‘ nicht ‚eine neue Sprache für eine neue Religion‘ waren, sondern dass die Spra­che des Evangeliums nahezu durch­wegs die übliche (koinè κοινή) zeitgenössische Sprache verwendete, wie sie im hellenistischen Mittel­meerraum gesprochen wurde. Das zentrale Wort Evangeli­um (εὐαγγέλιον) etwa fand sich auf Inschriften, die den Antritt eines jeden neuen römischen Kaisers bejubelten, weil sie einen Steuererlass für dieses Jahr verhießen. Der nächste Schritt wäre gewesen, das Material nun systematisch aufzuarbeiten in einem Lexikon des hellenisti­schen Griechisch, das vor allem die Payprus-Funde einbeziehen müss­te: die Alltags- und Literatursprache der Zeitgenossen der ersten Christen. Deissmann leiste­te das nicht,[3] aber Walter Bauer tat das. Sein Ergebnis war freilich teils etwas verschieden von Deissmann: Jede Seite dieses Lexikons zeige, dass der Einfluss der Septuaginta auf das Neue Testament alle anderen Einflüsse übertrifft.[4]

Dem Verhältnis der Sprache des Neuen Testaments zu der der Septuaginta ist der 7.Ab­schnitt des Buches gewidmet: Vokabular, Grammatik, Stil. Vom Vokabular her bilde die griechische Bibel aus Septuaginta und Neuem Testament kein homogenes Corpus. Die Sprache der Septuaginta verleugnet nicht, dass sie eine Übersetzung aus einer semitischen Sprache ist. (Madeleine Wieger, Le vocabulaire de la Septante dans le NT 440-450). Für diese Frage ist ein Prüfbeispiel das vierte Makkabäerbuch, das nicht übersetzt, sondern gleich Griechisch geschrieben wurde (Christoph Kugelmeier, 421-428; außerdem Prestel 66-68). Gemeinsamer Ort für diese Sprache des 3. Jh. v.Chr. sei die Synagoge, also vorwiegend sakra­le Sprache gegenüber der Alltagsspra­che Aramäisch; im 1. Jh. nach dagegen ist für viele schon das Griechische auch die Alltags­sprache, insbesondere für Lukas und sein Evangelium und die Apostelgeschichte (Ralph Brucker, Stil 460-472, der aber die Liturgie nicht für den Ort für die Hymnen des NT hält). Aber die Sprache der Septuaginta ist nicht nur im Bezug zum NT zu analysieren, auch nicht nur im Bezug auf die hebräische Sprache. Vielmehr ist das Griechische der LXX eine interessante Sprachstufe des Griechischen, ein Beispiel für Mehr­sprachigkeit, Leben in der Diaspora.[5] Dabei geht es um Soziolekte (eine Sprache, die nur für eine bestimmte Gruppe in der Gesellschaft verständlich ist, wie Juden in Ägypten, dazu Jan Joosten, 246-256), Übersetzungssprache, Codeswitching, Verwendung von Begriffen aus einer anderen Sprache, die man erst in der Diaspora kennengelernt hat, in Sätzen der famili­ären Unterhaltungssprache. Peter Prestel erklärt die Diversität des Griechischen in der LXX (39-68) am Beispiel des Sirach-Prologs, des Weisheitsbuches Jesus Sirach, Anfang des 2. Jh.s v.Chr. verfasst und zwar vom Großvater auf Hebräisch in Jerusalem, vom Enkel in Alexan­dria in Griechische übersetzt. Dort findet man eine bewusste Überlegung über die Sprache, Bildung, Ausdrucksmöglichkeiten in zwei Kulturen – und die Anwendung in der elaborier­ten Sprachkompetenz des Prologs und dem Versuch, der hebräischen Ausgangs­sprache des zu übersetzenden Textes nahe zu bleiben (Ähnlich Hieronymus bei der lateinischen Bibel, s.S. 46). Die Koinè ordnet Geoffrey Horrocks (71-88) in den Kontext der griechischen Sprache vom Mykenischen bis zum Neugriechischen ein. Dabei weist er auch auf die unterschied­lichen Funktionen von geschriebener Sprache hin, aus der man „die“ Koinè erschließt: Vom Fluchtäfelchen, Liebesbriefen, Rechnungen, Schreibübungen, offiziellen Bauinschriften, bis zu Diplomatennoten. In den folgenden Kapiteln wird die sonst überlieferte Koinè verglichen mit den Sprache der LXX in der Phonologie (Gerard Mussies, 89-97), Vokabular (John Lee 98-107), Syntax (Anssi Voitila, 109-118) und literarischen Anspielungen (Knut Usener, 119-126). Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Übersetzungssprache: Wo sind die Grenzen, das Hebrä­ische Griechisch wiedergeben zu können, besonders bei Namen (Takamitsu Muraoka, 129-138; Katrin Hauspie 172-181). Zum wörtlichen Übersetzen bzw. dem Sinne nach gibt Cameron Boyd-Taylor eine Klassifikation 139-160; Peter Gentry entdeckt sie in den beiden Redaktionen Theodotion und Aquila 202-220. Raija Sollamo erschließt die Übersetzungstech­niken 161-171. Hebraismen im griechischen Text bespricht Andrés Piquer Otero 182-192, dazu etymologische Übersetzungen Hans Ausloos/Bénédicte Lemmlijn 193-201. Georg Walser fragt, ob und wie man statistische Vergleiche zwischen den Corpora des LXX-Griechisch und dem der Nicht-Übersetzungssprache durchführen kann (221-228). Der wichtige Teil 5 zum Vokabular widmet sich nach dem grundlegenden Beitrag von Gilles Dorival, La lexikographie 271-305, der auch die Lexika und Hilfsmittel nennt, den neuen Wörtern (Robert Hiebert 306-315). Emanuel Tov fragt, welchen Einfluss die ersten Überset­zer, nämlich die den Pentateuch als Beispiel eines Gesetzbuches übersetzt hatten (so der Aristeasbrief) für die nachfolgenden Übersetzer hatten, indem sie hebräischen Wörtern bestimmte griechische Äquivalente zuordneten. Einmal mehr hat Martin Vahrenhorst das kultische Vokabular dargestellt (329-339), Gilles Dorival das politische (340-349), Cécile Dogniez die Begriffe für juristische Termini 350-354. Den vorletzten Teil (vor dem o.g. zum NT) behandelt den Stil der LXX, nach den allgemeineren Beiträgen (zum Vorwurf barbari­scher Sprache Alexis Léonas 357-374, Jennifer Dines führt Beispiele vor für Alliteration und Endreim, Variation und Wiederholung, Chiasmus etc. 375-385), Stilistische Besonderheiten im Buch der Weisheit (Luca Mazzinghi 386-392), das Buch Judith (Eberhard Bons, 393-406) und das zweite bis vierte Makkabäerbuch (Frank Shaw; Wolfgang Orth; Christoph Kugel­maier (407-428).

Die Forschung zur Septuaginta ist ein internationales Unternehmen. Die beiden Herausgeber lehren an der Universität Straßburg (EB) und Oxford (JJ). Die beiden geben auch das im Ent­stehen begriffene Histori­cal and Theological Lexicon of the Septuagint heraus. Die Beiträge sind auf Franzö­sisch, Englisch und Deutsch geschrieben, die Verfasser kommen aus 18 Ländern. Die Erforschung der Sprache der Septuaginta wird hier facettenreich erschlossen (und in drei Indices, Stellen, Namen, Systematisches, zum Nachschlagen geeignet) und da­mit die Grund­lage für weitere Forschung zur Verfügung gestellt. Ein wertvolles und umfassendes Hand­buch, das freilich die weiterführende Frage nach der Mehrsprachigkeit in der Antike nur anreißt.[6]

Christoph Auffarth

Religionswissenschaft
Universität Bremen

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[1] Zu den großen internationalen Unternehmen zur Septuaginta (abgekürzt mit der lateinischen LXX) von Über­setzungen (auf Deutsch LXX-D), Kommentar, Tagungen und Handbuch (LXX-H) meine Rezension zur LXX-H 1: Die griechische Bibel der Juden in der Diaspora: die Septuaginta: Einleitung in die Septuaginta. Herausgeber Siegfried Kreuzer (LXX.H 1) 2016: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2016/06/01/kreuzer-einleitung-in-die-septuaginta/ (1.6.2016)

[2] Adolf Deissmann: Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt. Tübingen: Mohr 1908. Vierte, völlig neu bearbeitete Auflage 1923. Die gehässige Rezension von Eduard Schwartz zu dem etwas später, 1911, veröffentlichten Paulus-Buch beantwortete Deissmann Jahre später in der zweiten Auf­lage 1925, 230-249. Grundsätzlich zustimmend (gegen die Kritik an den Deissmannism) Moisés Silva 436 A. 25.

[3] Zum Scheitern des Wörterbuchprojektes, Christoph Auffarth: Ein Gesamtbild der antiken Kultur. Adolf Erman und das Berliner Modell einer Kulturwissen­schaft der Antike um die Jahrhundertwende 1900. In: Bernd U. Schipper (Hrsg.): Ägypto­logie als Wissenschaft. Adolf Erman (1854-1927) in seiner Zeit. Berlin; New York 2006, 396-433.

[4] Walter Bauer: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchrist­lichen Literatur. ²1924-1928; zuletzt 51958. Die 6., von Kurt und Barbara Aland bearbeitete Auflage, Berlin: De Gruyter 1988 hat Georg Strecker sehr kritisch rezensiert und dabei die Kompetenzen des Göttinger Bibellexikographen Bauer noch einmal hervorgehoben: Theologische Literaturzeitung 116(1991), 82-92. Auf Englisch ist Bauers Ergebnis zitiert von Moisés Silva S. 431. – Wo sind die Abkürzungen, wie BDAG aufgelöst?

[5] Septuaginta deutsch. Hrsg. von Wolfgang Kraus; Martin Karrer 2008. – Aristeas: Der König und die Bibel. hrsg. von Kai  Brodersen. 2008  Rezension für http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2009/06/30/septuaginta-deutsch-herausgegeben-von-wolfgang-kraus-und-martin-karrer/ 30.6.2009. Der Kommentar [LXX-K] 2 Bände, Stuttgart 2011.

[6] Das Thema Mehrsprachigkeit ist etwa in dem Artikel zu Jesus Sirach gut im Blick, könnte aber syste­matischer und exemplarischer eingeordnet werden. Forschungen zur Mehrsprachigkeit im Römischen Reich haben das interessante Ergebnis, dass die meisten Einwohner mehrsprachig waren und je nach Anlass von einer Sprache in die andere wechseln konnten (code-switching). Wobei das Griechische auch in Rom die überwiegend gesprochene Sprache war. Die Koinè ist zwar gegenüber dem klassisch-Attischen grammatikalisch etwas vereinfacht, aber ein ausgesprochenes pidgin-Griechisch ist – nach unserer Überlieferung – nicht gesprochen worden. Dazu Wolfgang Stegemann; Ekkehard W. Stege­mann: ‚Implizite Hybridität‘ der Jesusbewegungen und mediterraner ‚Bikultura­lis­mus‘ des Paulus, in: Richard Faber; Achim Lichtenberger (Hrsg.): Ein pluriverses Universum. Zivilisationen und Religionen im antiken Mittelmeerraum. München: Fink 2015, 413-427.

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