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Das Reich Gottes aufbauen – Kants Religionsschrift

Otfried Höffe (Hrsg.)
Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. (Klassiker Auslegen 41)
Berlin: Akademie 2010. [294 S., ISBN 978‐3‐05‐004682‐2]

1793 veröffentlichte Immanuel Kant, als fast SiebzigjĂ€hriger, seine Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Nachdem er spĂ€t erst mit seinen drei ‚Kritiken‘ [ref] Kritik der reinen Vernunft, 1781. Kritik der praktischen Vernunft, 1788. Kritik der Urteilskraft. 1790. [/ref] berĂŒhmt geworden war, folgte hier eine vierte Schrift. Mit dieser Schrift
‱ setzte Kant sein Lebenswerk konsequent fort;
‱ mischte er sich in eine Debatte ein, die die AufklĂ€rer unter den Theologen, Politologen, Psychologen (um heutige Wissenschaften zu nennen) fĂŒhrten, und gab dieser Debatte eine bedeutende Wendung;
‱ forderte er – sich seiner provokativen Argumente wohl bewusst – den preußischen König und die Zensur heraus.

Dieser Baustein gehört in sein Lebenswerk. Einem Brief an einen Kollegen zufolge, in dem er zusammenfasst und plant, was er schon geleistet und was er noch schreiben muss, galten die vier Schriften der „Auflösung der drei Aufgaben: (1) was kann ich wissen? (Metaphysik) (2) Was soll ich tun (Moral) (3) was dĂŒrfen wir hoffen? (Religion), welcher zuletzt die vierte folgen sollte: Was ist der Mensch? (Anthropologie) [
] Mit der beikommenden Schrift Religion innerhalb den Grenzen etc. habe ich die dritte Abteilung meines Plans zu vollfĂŒhren gesucht.“ [ref] Brief Kants an StĂ€udlin vom 4. Mai 1793 – kurz nach Erscheinen der Religion. Innerhalb den Grenzen ist Kants Formulierung. [/ref] Es folgten die Arbeiten 1794: Das Ende aller Dinge; 1795: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf; 1797: Die Metaphysik der Sitten; 1798: Streit der FakultĂ€ten; 1798: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. [ref] Die nackten, unkommentierten Texte sind im Internet vorbildlich aufbereitet nach der Akademie-Ausgabe AA, die fĂŒr jede BeschĂ€ftigung mit Kant die Zitier-Grundlage bildet (Zugang ĂŒber http://www.korpora.org/kant/suche.html). [/ref]

Die anhaltende Debatte, ob und inwieweit man fĂŒr die BegrĂŒndung moralischen Handelns – und die Sanktionierung schĂ€digenden Verhaltens – Gebote aus der meta-physischen Welt in Form der schriftlich niedergelegten Offenbarung braucht oder ob sie im Menschen angelegt sind – „der bestirnte Himmel ĂŒber mir und das moralische Gesetz in mir“ [ref] Kritik der praktischen Vernunft, AA, Band 5, 161. [/ref]: Dieses Problem, vom Kant-Protagonisten Karl Leonhard Reinhold schon 1785 programmatisch aufgeworfen, mĂŒndete schließlich im Atheismusstreit um Jacobi und Fichte 1798/99. Einen bösen Buben fĂŒr den Skandal hat man bislang im Religionsedikt des fĂŒr Kant zustĂ€ndigen preußischen Staatsrats Johann Christoph Woellner benannt. In ihrem Vorwort zu der Ausgabe der Religionsschrift hat Bettina Stangneth diesen hartnĂ€ckigen Mythos zurecht gerĂŒckt: [ref] Bettina Stangneth: „Kants schĂ€dliche Schriften“ Eine Einleitung. Zu: Immanuel Kant: Die Religion 
 (PhB 545) Hamburg: Meiner 2003. IX-LXXXV. [/ref] Woellners Edikt ist im Vegleich zu den zeitgenössischen Zensurerlassen sogar recht liberal und er lĂ€sst das Gutachten von Fachkollegen schreiben. Was Kants Schrift zum Ärgernis machte, ist zweierlei: Zum einen hat der König Friedrich Wilhelm II. ĂŒber die Zensurbehörde Woellners eine Oberzensur gesetzt, der nur drei Personen angehörten, darunter der pietistisch-rigide König selbst. Zum andern aber hat Kant selbst den Skandal losgetreten. Denn er hatte schon die Zustimmung (der UniversitĂ€t Jena) zum Druck des Buches. Er nahm aber ein Kapitel heraus und beantragte die Veröffentlichung in einer Zeitschrift. Dazu bedurfte es der Erlaubnis der preußischen Zensur. Und die verbot den Druck. – Das Vorwort von Stangneth ist sehr lesenswert und bestimmt den Ort des Buches in der Religionsgeschichte der SpĂ€taufklĂ€rung.

Der Band der Reihe „Klassiker auslegen“, den Otfried Höffe mit Philosophen und Theologen dem Buch Kants gewidmet hat, geht – wie bewĂ€hrt – nach den Kapiteln des Buches vor. Das bedeutet aber, dass die Kontexte der Debatte öfter aus dem Blick kommen. EnttĂ€uschend, dass Eberhard JĂŒngel ‚zum Titel‘ diesen nicht zum Anlass nimmt, ĂŒber die fundamentale Änderung des Kollektivsingulars Religion aufzuklĂ€ren. [ref] Fundamental Ernst Feil: Religio. Bd. 4: Die Geschichte eines neuzeitlichen Grundbegriffs im 18. und 19. Jahrhundert. (FKD 91) Göttingen 2007: die gesamte Debatte S. 688–878, Kants Position S. 689–720. [/ref] Christoph Horn und Maximilian Forschner tragen zwei kontroverse Deutungen vor zur These Kants, dass der Mensch einen Hang zum Bösen habe: Horn versteht „Revolution der Denkungsart und Reform der Sinnesart“ als den erfolgreichen ersten Vorgriff auf die vollstĂ€ndige Revolution (61). Bei Kant, Religionschrift S. 121,17ff liest sich:

In dem Princip der reinen Vernunftreligion, als einer an alle Menschen bestĂ€ndig geschehenden göttlichen (obzwar nicht empirischen) Offenbarung, muß der Grund zu jenem Überschritt zu jener neuen Ordnung der Dinge liegen, welcher, einmal aus reifer Überlegung gefaßt, durch allmĂ€hlig fortgehende Reform zur AusfĂŒhrung gebracht wird, so fern sie ein menschliches Werk sein soll; denn was Revolutionen betrifft, die diesen Fortschritt abkĂŒrzen können, so bleiben sie der Vorsehung ĂŒberlassen und lassen sich nicht planmĂ€ĂŸig der Freiheit unbeschadet einleiten.

Äußere Revolutionen vermögen das nicht, sagt er wohl mit Blick auf die Französische Revolution im Jahr des terreur. Schade, dass Forschner nicht direkt darauf antwortet, sondern seine alte These wieder aufwĂ€rmt! – Es folgen zum ‚Zweiten StĂŒck‘ in Kants Schrift „Vom Kampf des guten Prinzips, mit dem bösen, um die Herrschaft ĂŒber den Menschen“ drei TexterklĂ€rungen (Johannes Bojanowski, Andrew Chignell, Allen Wood) mit dem Thema: Das radikal Böse, obwohl nicht als Objekt sichtbar, und der offenbar nicht allmĂ€chtige Gott als der moralische Gottesbegriff im dauernden Konflikt. – Im ‚dritten StĂŒck‘ verbindet Kant den Sieg des guten Prinzips mit dem Bau des Reiches Gottes. Dabei unterscheidet er den Kirchenglauben vom Religionsglauben. Freilich bilden sie nicht GegensĂ€tze, sondern auf dem vernĂŒnftigen Kirchenglauben kann der Religionsglaube aufbauen als AnnĂ€herung an das Reich Gottes. Und das ist das Ziel der ‚allmĂ€hligen Reform‘, die durch eine Revolution abgekĂŒrzt werden kann. Dem programmatisch positiven Teil folgt noch im ‚vierten StĂŒck‘ eine Auseinandersetzung mit den historisch bekannten Religionen unter den zwei Möglichkeiten von Gottesdienst und Afterdienst. Religionswahn verhindert das VerstĂ€ndnis des Christentums als einer natĂŒrlichen Religion. Negativbeispiel ist das Judentum. Dazu die AufsĂ€tze von Johannes Brachtendorf, Friedo Ricken, Katrin Flikschuh und Burkhard Nonnenmacher. Letztlich lĂ€sst sich die Religion nur in uns und nicht außer uns finden. Otfried Höffe gibt einen Ausblick auf Kants Schrift vom Streit der FakultĂ€ten, die den wissenschaftlichen Ort von Theologie und Philosophie bestimmt und damit die Religionsschrift weiterfĂŒhrt. Reza Mozayebi klĂ€rt, wie weit eine Vernunftreligion im Sinne Kants definiert werden kann, und Douglas McGaughey stellt die theologischen AufklĂ€rer (Neologen) vor. Auch hier wird wieder deutlich, dass das Feld der AufklĂ€rungstheologie wenig erforscht ist, zudem das wenige nicht wirklich aufgegriffen wird: Emanuel Hirschs Geschichte der neueren Theologie ist zwar ein Fundament, aber die neuen Erkenntnisse ĂŒber zentrale Figuren wie Spalding und Semler, oder welchen Beitrag der Pietismus in die AufklĂ€rung gebracht hat, sind in dem Buch nicht zu finden. [ref] Das Handbuch von Albrecht Beutel sehe ich nirgends erwĂ€hnt: AufklĂ€rung in Deutschland. (=Die Kirche in ihrer Geschichte 4, Lfg. O) Göttingen 2006; daraus hervorgegangen Kirchengeschichte im Zeitalter der AufklĂ€rung. Ein Kompendium. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. Oder die Arbeiten von Walter Sparn. [/ref]

Die Religionsgeschichte der SpĂ€taufklĂ€rung diskutiert nicht Probleme der Scholastik oder des katholischen Barock (Tridentinum). Wie Kant die Vorstellung vom ‚Reich Gottes‘ – anstelle des lutherischen Himmelreiches – von Calvinisten und Pietisten aufgreift und entwickelt, ist hier nicht erkennbar als eine Debatte. ‚Das Reich Gottes‘ bedarf einer fundamentalen Gesinnungsreform, entwickelt sich allmĂ€hlich sowohl in uns als auch als besondere Sozialform außer uns in einer objektiven republikanischen Vereinigung der zur Vollkommenheit willigen und erwĂ€hlten Menschen. [ref] ‚PrĂ€destination‘ kommt in Kants Text nicht vor; hat Brachtendorf 167-172 ihn zu Recht eingebracht? [/ref] Die langsame Entwicklung kann durch eine Revolution abgekĂŒrzt werden. Die Debatte mĂŒsste mindestens bis Johannes Weiß‘ Widerspruch gegen Kant dargestellt werden, dass das Reich Gottes sich nicht entwickle, sondern apokalyptisch in diese Welt einbricht: Dein Reich komme! Nicht: Dein Reich entwickle sich! sei die Predigt Jesu. [ref] Johannes Weiß: Jesu Predigt vom Reich Gottes. Göttingen 1892; ÂČ1900. [/ref] FĂŒr eine EuropĂ€ische Religionsgeschichte habe ich aus dem Vorwort zur Ausgabe von Bettina Stangneth am meisten gelernt; in Höffes Aufsatzsammlung war die Provokation von Christoph Horn am interessantesten, religionsgeschichtlich der Beitrag von Brachtendorf (allerdings ohne genauere Kenntnis der zeitgenössischen Debatten).

Das Thema des Reiches Gottes als innerweltliche Eschatologie, aus dem eine ver-nĂŒnftige demokratische Ordnung hervorgeht, ohne doch die Geheimnisse der Religion (Kant, Religionsschrift S. B 207–222) aufzugeben, ist ein Forschungsdesiderat.
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20.11.2011
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft
UniversitÀt Bremen